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Der Flachs (6 min)

Lesezeit: 5 Minuten

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Der Flachs

Lesezeit: 6 Minuten

Der Flachs blühte. Er hat schöne, blaue Blumen, die so zart wie die Flügel einer Motte, und noch viel feiner sind! – Die Sonne beschien den Flachs, und die Regenwolken begossen ihn und das tut ihm ebenso wohl, wie es kleinen Kindern tut, wenn sie gewaschen werden, und dann einen Kuss von der Mutter bekommen, sie werden ja viel schöner davon und das wurde der Flachs auch.

»Die Leute sagen, dass ich ausgezeichnet gut stehe,« sagte der Flachs, »und dass ich schön lang werde, es wird ein prächtiges Stück Leinwand aus mir werden! Wieglücklich bin ich doch! Ich bin gewiss der Glücklichste von allen! Ich habe es gut, und es wird etwas aus mir werden! Wie der Sonnenschein belebt und wie der Regen schmeckt und erfrischt! Ich bin ganz überglücklich, ich bin der Allerglücklichste!«

»Ja, ja, ja!« sagten die Zaunpfähle, »Ihr kennt die Welt nicht, aber wir, wir haben Knorren in uns;« und dann knarrten sie ganz jämmerlich:

»Schnipp-Schnapp-Schnurre,
Baselurre,
Aus ist das Lied!«

»Nein, das ist es nicht!« sagte der Flachs. »Die Sonne scheint am Morgen, der Regen tut wohl, ich kann hören, wie ich wachse, ich kann fühlen, dass ich blühe! Ich bin der Allerglücklichste.«

Aber eines Tages kamen Leute, die den Flachs beim Schopfe fassten und mit der Wurzel herausrissen, das tat weh; er wurde in Wasser gelegt, als ob er ersäuft werden sollte, und dann kam er über Feuer, als ob er gebraten werden sollte, das war greulich!

»Es kann einem nicht immer gut ergehen!« sagte der Flachs. »Man muss etwas durchmachen, dann weiß man etwas!«Aber es wurde allerdings sehr schlimm. Der Flachs wurde gerissen und gebrochen, gedörrt und gehechelt, ja, das wusste er, wie das alles hieß; er kam auf den Rocken: schnurre nur! Da war es nicht möglich, die Gedanken beisammen zu behalten.

»Ich bin außerordentlich glücklich gewesen!« dachte er bei aller seiner Pein. »Man muss froh sein über das Gute, was man genossen hat. Froh, froh, oh!« – und das sagte er noch, als er auf den Webstuhl kam, und so wurde er zu einem herrlichen, großen Stück Leinwand. Aller Flachs, jeder einzelne Stängel kam in das eine Stück.

»Aber das ist ja ganz außerordentlich! Das hätte ich nie geglaubt! Nein, wie das Glück mir doch wohl will! Ja, die Zaunpfähle wussten wahrlich gut Bescheid mit ihrem:

›Schnipp-Schnapp-Schnurre,
Baselurre!‹

Das Lied ist keineswegs aus! Nun fängt es erst recht an! Es ist herrlich! Ja, ich habe gelitten, aber jetzt ist dafür auch etwas aus mir geworden; ich bin der Glücklichste von allen! – Ich bin so stark und so weich, so weiß und so lang! Das ist ganz etwas anderes, als nur Pflanze zu sein, selbst wenn man Blumen trägt! Man wird nicht gepflegt, und bekommt nur Wasser, wenn es regnet! Jetzt habe ich Aufwartung! Das Mädchen wendet mich jeden Morgen und mit der Gießkanne erhalte ich jeden Abend ein Regenbad. Ja, die Frau Pastorin hat selbst eine Rede über mich gehalten und gesagt, dass ich das beste Stück im ganzen Kirchspiel sei. Glücklicher kann ich gar nicht werden!«

Nun kam die Leinwand ins Haus, dann kam sie unter die Schere. Wie man schnitt, wie man mit der Nähnadel hineinstach! Das war wahrlich kein Vergnügen. Aber aus der Leinwand wurden zwölf Stück Wäsche von der Art, die man nicht gern nennt, die aber alle Menschen haben müssen; es waren zwölf Stück davon.

»Ei sieh, jetzt ist erst etwas aus mir geworden! Das war also meine Bestimmung! Das ist ja herrlich; nun schaffe ich Nutzen in der Welt, und das ist es, was man soll, das ist das wahre Vergnügen. Wir sind zwölfe geworden, aber wir sind doch alle eins und dasselbe, wir sind ein Dutzend! Was ist das für ein erstaunliches Glück!«Jahre verstrichen, – dann konnten sie nicht länger halten.
»Einmal muss es ja doch vorbei sein!« sagte jedes Stück. »Ich hätte gern noch länger halten mögen, aber man darf nichts Unmögliches verlangen!« Dann wurden sie in Stücke und Fetzen zerrissen, sodass sie glaubten, nun sei es ganz vorbei, denn sie wurden zerhackt und zerquetscht und zerkocht, ja sie wussten selbst nicht, wie ihnen geschah – und dann wurden sie schönes, feines, weißes Papier!

 

»Nein, das ist eine Überraschung! Und eine herrliche Überraschung!« sagte das Papier. »Nun bin ich feiner als zuvor, und nun werde ich beschrieben werden! Was kann nicht alles geschrieben werden! Das ist doch ein außerordentliches Glück!« Es wurden die allerschönsten Geschichten darauf geschrieben, und die Leute hörten, was darauf stand, und es war richtig und gut, es machte die Menschen weit klüger und besser, als sie bisher waren, es war ein wahrer Segen, der dem Papier in den Worten gegeben war.

»Das ist mehr als ich mir träumen ließ, als ich noch eine kleine, blaue Blume auf dem Felde war! Wie konnte es mir einfallen, dass ich dazu gelangen werde, Freude und Kenntnisse unter die Menschen zu bringen! Ich kann es selbst noch nicht begreifen! Aber es ist nun einmal wirklich so! Der liebe Gott weiß, dass ich selbst durchaus nichts dazu getan habe, als ich nach schwachem Vermögen für mein Dasein tun musste! Und doch gewährt er mir eine Freude nach der andern; jedes Mal wenn ich denke: ›Aus ist das Lied!‹ dann geht es gerade zu etwas Höherem und Besserem über. Nun werde ich gewiss auf Reisen in der ganzen Welt herum gesandt werden, damit alle Menschen mich lesen können! Das ist das Wahrscheinlichste! Früher trug ich blaue Blumen, jetzt habe ich für jede Blume die schönsten Gedanken! Ich bin der Allerglücklichste!«

Aber das Papier kam nicht auf Reisen, es kam zum Buchdrucker und da wurde alles, was darauf geschrieben stand, zum Druck zu einem Buche gesetzt, ja zu vielen hundert Büchern, denn so konnten unendlich viel Leute mehr Nutzen und Freude davon haben, als wenn das einzige Papier, auf dem das Geschriebene stand, die ganze Welt durchlaufen hätte und auf dem halben Wege schon abgenutzt worden wäre.

»Ja, das ist freilich das allervernünftigste!« dachte das beschriebene Papier. »Das fiel mir gar nicht ein! Ich bleibe zu Hause und werde in Ehren gehalten, wie ein alter Großvater! Ich bin es, der beschrieben worden ist, die Worte flossen aus der Feder gerade in mich hinein. Ich bleibe, und die Bücher laufen herum! Nun kann ordentlich was ausgerichtet werden! Nein, wie bin ich froh, wie bin ich glücklich!«

Dann wurde das Papier in ein Päckchen gesammelt und in ein Fach gelegt. »Nach vollbrachter Tat ist gut ruhen!« sagte das Papier. »Es ist ganz in Ordnung, dass man sich sammelt und über das nachdenkt, was in einem wohnt. 

Jetzt weiß ich erst recht, was in mir enthalten ist! Und sich selbst kennen, das ist erst der wahre Fortschritt. Was nun wohl kommen wird? Irgendein Fortschritt geschieht, es geht immer vorwärts!« –Eines Tages wurde alles Papier auf den Feuerherd gelegt, denn es sollte verbrannt und nicht an Höker verkauft werden, die Butter und Zucker darin einwickeln. Alle Kinder im Hause standen rings herum, sie wollten es auflodern sehen, sie wollten die vielen roten Feuerfunken in der Asche sehen, die gleichsam davon laufen und erlöschen, einer immer nach dem andern, ganz geschwind – das sind die Kinder, die aus der Schule kommen, und der allerletzte Funke ist der Schulmeister; oft glaubt man, dass er schon fort ist, aber dann kommt er auf einmal noch hinterher.

Und alles Papier lag in einem Bündel auf dem Feuer. Uh, wie flammte es empor! »Uh!« sagte es, und gleichzeitig war da alles eine Flamme; die ging höher empor, als der Flachs je seine kleine, blaue Blume hatte erheben können, und glänzte, wie die weiße Leinwand nie hatte glänzen können. Alle die geschriebenen Buchstaben wurden augenblicklich ganz rot und alle Worte und Gedanken gingen in Flammen auf.

»Nun gehe ich gerade zur Sonne hinauf!« sprach es in der Flamme, und es war, als ob tausend Stimmen das mit einem Munde sagten, und die Flamme schlug durch den Schornstein oben hinaus. – Feiner als die Flammen, dem menschlichen Auge ganz unsichtbar, schwebten ganz kleine Wesen, an Zahl den Blumen, die der Flachs getragen hatte, gleich. Sie waren noch leichter, als die Flamme, welche sie führte, und als diese erlosch und von dem Papier nur noch die schwarze Asche übrig war, tanzten sie noch einmal darüber hin, und wo sie dieselbe berührten, erblickte man ihre Fußtapfen, das waren die roten Funken. »Die Kinder kamen aus der Schule und der Schulmeister war der Allerletzte!« Das war eine Freude mit anzusehen, die Kinder des Hauses standen und sangen bei der toten Asche:

»Schnipp-Schnapp-Schnurre!
Baselurre,
Aus ist das Lied!«

Aber die kleinen, unsichtbaren Wesen sagten alle: »Das Lied ist nie aus, das ist das Schönste von allem! Ich weiß es, und deswegen bin ich der Allerglücklichste!«

Aber das konnten die Kinder weder hören, noch verstehen und das sollten sie auch nicht, denn Kinder brauchen nicht alles zu wissen.

 

Quelle: Hans Christian Andersen,  Sämmtliche Märchen

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Sonstiges

Der große Schmuckdiebstahl (20 min)

Der große Schmuckdiebstahl (20 min)

Der große Schmuckdiebstahl

Lesezeit: 20 min
Das verunglückte Diner 

Ein vollständig verunglücktes Diner. Und es hätte so hübsch werden können und sollen. Andreas Grumbach, der verdienstvolle Präsident des Klubs der Industriellen, hatte für nachmittags drei Uhr den Vorstand und den Ausschuss des Klubs zu einer Sitzung in seiner Wohnung geladen. Es gab Wichtiges zu besprechen, da die Generalversammlung vor der Türe stand. Die Klubräumlichkeiten selbst wurden gerade einer einschneidenden baulichen Veränderung unterzogen, und so wurde die Sitzung ausnahmsweise in der Wohnung des Präsidenten abgehalten.

Das Hans Grumbach hatte seinen bewährten Ruf als Pflegestätte seiner Geselligkeit und liberaler Gastfreundschaft, und der Hausherr hatte sich die Ehre gegeben, auch diesmal die gebotene Gelegenheit zu benützen. Da er die Herren einmal so schön beisammen hatte, wollte er sie auch bei sich behalten. Das war schon auf der Einladung zur Sitzung vermerkt, damit sich die Herren darauf einrichten konnten. Das machte sich ganz ungezwungen und natürlich. Die Sitzung dauerte voraussichtlich zwei, drei Stunden, und dann war es Essenszeit geworden im Hause Grumbach. Zur Essenszeit schickt man aber im Hause Grumbach die Leute nicht weg, sondern behält sie da.

Der gesamte Vorstand und Ausschuss war auch vollzählig erschienen, zehn Mann hoch. Dazu dann noch der Präsident und last, sicherlich nicht least, die bezaubernd liebenswürdige Herrin des Hauses, Frau Violet; das gab die richtige Tafelrunde von zwölf Gedecken.

Herr Dagobert Trostler

Ein Mitglied der Verwaltung, Herr Dagobert Trostler, hatte an der Sitzung allerdings nicht teilgenommen. Er war für sie zu spät, fürs Diner aber noch rechtzeitig gekommen. Er als alter Hausfreund durfte sich das erlauben. Auch ohne ausdrückliche Entschuldigung von seiner Seite konnte man sich seine Abhaltungen vorstellen. Man kannte seine Schwäche, die zugleich seine Stärke war. Er war ein passionabler Amateur-Detektiv und fortwährend in allerlei seltsame Geschichten verwickelt, die ihn eigentlich gar nichts angingen. Seine Freunde machten allerlei gute und böse Witze über seine große Passion, aber sie hatten im ganzen doch Respekt vor seinen Leistungen. Denn sie wussten von einigen seiner Erfolge, die in der Tat aller Achtung wert waren.

So war er auch diesmal um die Wege gewesen. Man wusste, dass es ein falscher Silbergulden sei, der ihn beschäftige. Man hatte ihm irgendwo beim Herausgeben einen falschen Silbergulden angehängt. Nicht etwa, dass man ihn damit betrogen hätte. Dagobert Trostler betrügt man nicht. Er hatte das Falsifikat sofort erkannt und wortlos angenommen. Nun hatte er wieder seine Aufgabe, eine Spur, die er zurückverfolgen wollte.

Gegen seine Gewohnheit hatte er von dieser seiner Absicht einigen Freunden Mitteilung gemacht, während er sonst, wenn er eine Fährte verfolgte, sich grundsätzlich in ein unverbrüchliches Schweigen hüllte. Nun bekam er die Folgen seiner ausnahmsweisen Mitteilsamkeit zu verspüren. Man empfing ihn mit den ungereimtesten Fragen, mit losen Witzen und Neckereien, die er in evangelischer Milde hinnahm als von Leuten, die es eben nicht besser verstanden. Die evangelische Milde ließ auch dem Manne mit dem Petrusschöpfchen ganz wohl, obschon sie eigentlich mehr als starkes Selbstbewußtsein anzusprechen war, denn als Milde.

Die Sitzung war also geraume Zeit schon zu Ende, als Dagobert eintraf, und während man sich unterhielt, wartete man eigentlich nur noch auf das Signal, das zu Tische rufen sollte. Das sollte von der Hausfrau gegeben werden, die sich aber noch nicht hatte blicken lassen. Endlich trat auch sie bei den Herren ein; strahlend, liebenswürdig, heiter, kurz entzückend wie immer. Nach der Begründung brachte sie sofort ihre Entschuldigungen vor. Das sprudelte nur so hervor: »Ich habe mich vielleicht etwas verspätet, meine Herren, und Sie werden mich für eine schlechte Hausfrau halten. Damit würden Sie aber eine schwere Ungerechtigkeit begehen. Denn gerade weil ich eine gute Hausfrau sein wollte, habe ich mich ein wenig verspätet. Ich war selber noch rasch ausgefahren, um unser Giardinetto zu vervollständigen. Die Auswahl des Obstes vertraue ich niemandem an. Das muss ich immer selber besorgen. und nun bitte ich nur noch um knappe fünf Minuten zum Ablegen und dann werde ich die Herren bitten.«

Aus den fünf Minuten wurden reichlich fünfzehn. Man hörte Türen hastig öffnen und schließen; es gab ein geheimnisvolles Herumschießen im Hause, und einmal steckte Frau Violet sogar den Kopf bei der Türe herein und ließ ein verstörtes Antlitz erblicken. Es war, als wolle sie den Gemahl herausrufen, und dann verschwand sie doch wieder plötzlich, als habe sie es sich anders überlegt.

Frau Violets Schmuck 

Nach einer längeren Pause erschien sie dann doch, um die Gesellschaft zu Tische zu bitten. Wie gewöhnlich war Dagobert zu ihrem Kavalier und Tischnachbarn ausersehen. Er reichte ihr den Arm und führte sie in das Speisezimmer.

»Gnädigste haben eine Unannehmlichkeit gehabt,« fragte er leise, während sie sich am Tische niederließen. »Sollte am Ende gar – es wäre entsetzlich – die Suppe versalzen oder der Braten angebrannt sein?«

Frau Violet schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Sie würgte nur, um die Tränen zurückzuhalten. Das ging eine Weile, aber nicht lange. Plötzlich brach sie doch in Tränen aus und begann herzbrechend zu schluchzen.

Dagobert machte ein sehr erschrockenes Gesicht und suchte sie zu beruhigen. Der Hausherr steckte eine strenge Miene auf, blickte zu seiner Gattin hinüber und sagte kategorisch: »Aber Violet! Was soll das? Was gibt’s denn?«

Die ganze Tafelrunde war in sichtlicher Verlegenheit und Bestürzung. Frau Violet bat tausendmal um Verzeihung, beteuerte, dass es nichts, wirklich nichts sei – nur die Nerven! Und schließlich kam es nach langem Nötigen und Parlamentieren doch heraus: während ihrer kurzen Abwesenheit war ihr ihre Schmuckkassette mit dem ganzen kostbaren Inhalt abhanden gekommen. Sie hatte sie nicht erst wieder versperrt, da sie ja doch höchstens eine halbe Stunde wegbleiben wollte. So habe sie sie denn in ihrem Boudoir auf dem Toilettetischchen liegen lassen. Daran erinnere sie sich mit vollster Bestimmtheit, und nun sei die Kassette verschwunden, gestohlen. Die Dienerschaft sei von erprobter Verlässlichkeit –

»Sind alle noch vollzählig im Hause?« unterbrach Dagobert.

»Es fehlt niemand,« erwiderte Frau Violet noch immer schluchzend, »und alle erklären auf das Bestimmteste, dass in der Zwischenzeit kein Fremder die Wohnung betreten habe.«

Dagobert erhob sich.

»Wir dürfen keinen Augenblick verlieren.«

»Ich bitte um Ruhe!« rief da der Hansherr mit großer Bestimmtheit. »Wir sind jetzt bei Tische und bleiben bei Tische. Ein kleines häusliches Missgeschick darf sich nicht auf Kosten unserer lieben Gäste vollziehen. Es wird meine Sache sein, meiner Gattin den Schaden zu ersetzen, und damit ist die Sache für uns und vorläufig erledigt.«

Dagobert blickte scharf nach seinem Freunde hin und setzte sich dann wieder ruhig nieder.

Eigentlich war es ein großer Moment. Der Schmuck der Frau Violet Grumbach, der Gattin des Präsidenten des Klubs der Industriellen, das war doch keine Kleinigkeit. Das wusste die ganze Stadt. Der stellte einen Wert vor von vielen, vielen Tausenden. Der wird gestohlen, und da der Hausherr das erfährt, erklärt er kaltblütig, dass ihm und seinen Gästen das Mittagessen nicht gestört werden dürfe. Ein feierlicher Moment. So ungefähr wie in der französischen Kammer, als in ihr eine Bombe explodierte und der Präsident darauf gelassen verkündigte: Die Sitzung dauert fort!

Das Mahl nahm also seinen Fortgang, und Frau Violet gab sich alle Mühe, ihren Kummer zu unterdrücken. Es gelang ihr aber schlecht. Immer wenn man schon geglaubt hatte, sie habe sich gefasst, stürzten die Tränen doch wieder hervor. An dem Schmuck hatte ihr Herz gehangen. Nicht nur der Kostbarkeit wegen. An jedes einzelne Stück knüpfte sich eine liebe Erinnerung, und jedes einzelne Juwel war ein Stück Lebensinhalt geworden. Der Verlobungsring, das Brautgeschmeide – die Rivière aus Saphiren und Brillanten hatte sie nach der Geburt ihres Töchterchens erhalten, des einzigen Kindes, das bald darauf starb – das Diamanten-Diadem, als sie zum erstenmal als Frau Präsidentin zu repräsentieren hatte, das Perlenhalsband nach glücklich überstandener schwerer Krankheit – es war nicht nur der materielle Wert, an allem hing ein Stück Herz, und das und die Erinnerungen, die waren auch im Falle des Ersatzes beim Hofjuwelier nicht zu kaufen.

Frau Violet blieb also während der ganzen Mahlzeit tief bekümmert und weinte viel, so sehr sie sich auch bemühte, schon um der Gäste willen ihre Haltung zu bewahren. Diese nahmen die Sache natürlich etwas leichter, obschon sie mit dem Ausdruck ihrer Teilnahme nicht kargten. Sie trösteten nach Kräften und sprachen die feste Zuversicht aus, dass es doch gelingen werde, den Schmuck wieder zur Stelle zu bringen. So nach und nach gewannen ihre Tröstungen sogar einen Stich ins Humoristische. Man habe ja das Glück einen so ausgezeichneten Amateur-Detektiv, wie Dagobert, zur Gesellschaft zu zählen. Der habe da doch eine wunderschöne Gelegenheit, seine Kunst zu zeigen, und es sei kein Zweifel, dass er auch dieses Mal die hohe Meinung, die allgemein über seine Fähigkeiten gehegt werde, bestätigen und rechtfertigen werde. Frau Violet nahm auch hier die Sache vollkommen ernst. Sie hatte wirklich Vertrauen zu Dagobert. Sie wusste von seinen Taten und ihr selbst hatte er durch seine Kunst schon einen unschätzbaren Dienst geleistet, als ihr Leben durch eine Flut von schmählichen anonymen Briefen förmlich vergiftet worden war. Sie ergriff mit wahrer Empfindung seine Hände und bat ihn, ihr auch jetzt beizustehen. Baron Eichstedt, das Vorstandsmitglied, stieß heimlich den Hausherrn an, dieser blickte bedeutsam zu dem Ausschussmitglied Baron Friese hinüber; es ging ein leichtes Schmunzeln durch die Gesellschaft: Dagobert hat wieder seine Aufgabe!

»Ich glaube, Violet,« ließ sich der Hausherr vernehmen, »dass du dir wirklich keine übertriebenen Sorgen machen sollst. Vielleicht hast du die Schatulle doch nur verlegt, und sollte sie wirklich entwendet worden sein, so wird uns ja Dagobert sicher seinen bewährten Beistand leihen.«

»Ich bin in der Tat sehr begierig,« warf Baron Friese dazwischen, »ob Herr Dagobert auch da das Korpusdelikti entdecken wird.«

Frau Violet war durchaus nicht geneigt, auf den leichten Ton der Unterhaltung einzugehen. Sie sagte nichts mehr und hob, als es Zeit war, mit einem schweren Seufzer die Tafel auf. So vortrefflich auch das Menü war – eine Selbstverständlichkeit im Hause Grumbach – so war das Mahl doch ein durchaus verunglücktes. Als ihr Dagobert Mahlzeit bot – der Wiener sagt »Speis z’am« – »Ich wünsche wohl gespeist zu haben,« – und ihr die Hand küsste, traten ihr wieder die Tränen in die Augen, und aufs neue richtete sie in tiefer Bekümmernis die Bitte an ihn, ihr in ihrem Unglück doch ja helfen zu wollen.

»Ich werde tun, was ich kann, Gnädigste,« lautete seine Antwort.

»Wie wollen Sie das aber anfangen?«

»Anfangen – selbstverständlich mit der Aufnahme des Lokalaugenscheines.«

Die Ermittlungen beginnen 

Frau Violet führte ihn in ihr Boudoir, ein Wunderwerk in blassblauer und altrosa Seide, von zarten Spitzen und schwellenden Teppichen. Dagobert ließ einen prüfenden Blick durch den duftigen Raum gleiten und bemerkte dann: »Seit mehr als zehn Jahren bin ich der Freund und regelmäßige Gast des Hauses und doch habe ich diesen Raum noch niemals zuvor betreten.«

»Das ist doch nicht besonders wunderbar, Dagobert. Ich fürchte nur, dass Sie da schwerlich etwas entdecken werden, was Sie auf eine Spur bringen könnte.«

»Das Wichtigste habe ich schon entdeckt, Frau Violet. Das Zimmer hat nur einen Eingang – den, den wir benutzt haben. Ich werde hier nun meine Studien machen. Dazu muss ich allein und ganz ungestört sein. Bitte also, meine Gnädigste, sich in Ihren weiteren Hausfrauenpflichten nicht stören zu lassen.«

Die Herren hatten sich inzwischen ins Rauchzimmer zurückgezogen. Auch Frau Violet begab sich nun dahin und machte weiter die Honneurs, während der schwarze Kaffee und die Liköre serviert und die Zigarren und Zigaretten herumgereicht wurden.

Dagobert nahm, als er sich allein sah, ein Abendblatt aus der Seitentasche seines Frackes und legte sich der Länge nach hin auf die einladende, mit altrosa Seite überzogene Chaiselongue und begann zu lesen. Er las nur wenige Minuten; dann entsank das Blatt seinen Händen, und er verfiel in ein wohltuendes, gesundheitförderndes Mittagsschläfchen.

Etwa ein halbes Stündchen mochte er geschlafen haben, als er geweckt wurde. Freiherr v. Friese als der jüngste in der Gesellschaft war delegiert worden, ihn einzuholen. Ob er denn noch immer nicht fertig sei mit seiner Lokalaugenscheinaufnahme!

»O ja, ich bin schon fertig,« entgegnete Dagobert, sich rasch ermunternd und ließ sich ohne weiteres zur Gesellschaft hinüber geleiten. Bevor er noch das Rauchzimmer betreten hatte, konnte er zu seiner Befriedigung wahrnehmen, dass die allgemeine Stimmung sich wesentlich gebessert habe. Denn es klang aus dem Rauchzimmer ein volltöniges Lachen heraus. Man ward aber sofort wieder ernster, als er eintrat. Der Hausherr fragte ihn mit besorgter Miene, ob er irgendwelche Anhaltspunkte gefunden habe, und auch die anderen bestürmten ihn mit Fragen ähnlichen Inhalts.

Dagobert beschäftigte sich mit dem ihm nachservierten Schwarzen und bat sich dazu ein Gläschen grüner Chartreuse aus. Dann wühlte er sich mit kundigem Blick unter den zahlreichen Havannakistchen seine gewohnte Sorte heraus, schnitt umständlich die Spitze der Zigarre ab und nahm sich endlich Feuer. Und erst als er sich überzeugt hatte, daß die Zigarre guten Zug habe, ließ er sich herbei zu bemerken, dass er wohl glaube, der Sache auf den Grund kommen zu können. Frau Violet klatschte in die Hände.

»Wenn Dagobert das sagt – ich kenne ihn – dann kriege ich meinen Schmuck wieder!«

»Meine Gnädigste,« erwiderte Dagobert, »eben sowenig wie im Sport gibt es bei meinem Handwerk tote Gewissheiten. Die Aussichten auf den Erfolg drücken sich in den Odds aus. Sie wissen doch, was ›Odds‹ sind, Gnädigste?«

»Ja, Dagobert. Dazu war ich oft genug auf dem Turf, um auch das zu erfahren. Odds drücken das Verhältnis der Wetten oder, wenn Sie wollen, ihre Kurse aus.«

»Nun denn, ich glaube, unsere Chancen stehen so, dass Sie nur noch ›Auf‹-Wetten legen könnten, und dabei ist nicht viel zu verdienen.«

»Ich will keine Wetten, Dagobert, ich will meinen Schmuck!«

»Wir werden sehen, was sich für Sie tun lässt, meine Gnädigste.«

»Kann ich irgendwie mithelfen, Dagobert?«

»O gewiss, meine Gnädigste, ich rechne sehr stark auf Sie!«

»Dann befehlen Sie!«

Der Plan

»Wir werden so, wie wir sind, morgen wieder bei Ihnen dinieren. Sie brauchen nicht so ein erschrockenes Gesicht zu machen, meine Gnädigste –«

»Dagobert, Sie sind ein abscheulicher Mensch! Ich habe gar kein erschrockenes Gesicht gemacht – im Gegenteil! Ich freue mich darauf, und die Herren sind hiermit höflichst eingeladen.«

»Nicht doch. Gnädigste. Ein kleines Missverständnis. Vor allen Dingen leiste ich also amende honorable und nehme das ›erschrockene Gesicht‹ feierlich zurück. Im übrigen habe ich es aber gar nicht so gemeint, wie Sie es nun gedreht haben, meine Gnädigste.«

»Dagobert, ich habe gar nichts ›gedreht‹; meine Gäste sind mir immer herzlich willkommen.«

»Daran ist kein Zweifel gestattet. Wir werden also morgen bei Ihnen dinieren. Das erfordert der Gang der Untersuchung. Er erfordert aber nicht, dass wir Ihnen Scherereien bereiten.«

»Mischen Sie sich nicht in meine Hausfrauensorgen, Dagobert!«

»Ich beschäftige mich lediglich mit meinen Untersuchungssorgen. Sie werden also die Güte haben, keinen Finger zu rühren. Ebenso ist es von Wichtigkeit, dass Ihre Dienerschaft nicht herumgehetzt und ihr keine außergewöhnliche Arbeit aufgebürdet wird. Das Diner wird Ihnen fertig ins Haus gebracht.«

»Das kann gut werden!«

»Verlassen Sie sich auf mich, Frau Violet. Ich verstehe, zu essen. Und ein wenig können Sie sich auch auf die Firma Sacher verlassen, die die teuerste Küche in Wien führt, aber, wie man sagt und ich glaube mit Recht, die beste. Ich werde auch nicht knausern. Ich weiß, was ich Ihrem Hause schuldig bin.«

»Ich als Hausherr,« warf Herr Grumbach dazwischen, »bitte dich sogar ernst und ausdrücklich, nicht zu knausern.«

»Dich, lieber Freund, geht die Geschichte vorläufig gar nichts an, und auch ich bitte dich ernst und ausdrücklich, dich in den Gang der Untersuchung nicht einzumengen. Ich habe jetzt mit deiner verehrten Frau Gemahlin Wirtschaftssachen zu besprechen, und da möchten wir ungestört bleiben. Also, meine Gnädigste, die Sache wird so sein: das Diner wird fertig beigestellt, und nicht nur das, sondern auch die Bedienungsmannschaft, das ganze Tafelzeug, Silber, Tischwäsche, Tafelaufsätze, Blumen, Porzellan und Glasservice. Sie werden sich nur zu Tische zu setzen haben. Das soll Ihre ganze Mühe sein. Eine Stunde nach dem Mahle muss der ganze Spuk wieder spurlos aus dem Hause verschwunden sein. Das alles wird glatt erledigt werden. Die Feststellung des Menüs überlassen Sie ruhig mir. Sie wissen, in der Gourmandise bin ich ein wenig Fachmann.«

»Ich weiß, Dagobert, Sie sind Kenner. Worin wären Sie es nicht?«

»Ich werde auch dafür Sorge tragen, dass zu jedem Gang die richtige Weinsorte serviert wird. Meine einschlägigen, sehr gewissenhaften Studien werden mich auch in diesem Punkte vor jedem Missgriff bewahren. Die Komposition des Menüs habe ich im Kopfe schon fertig. Wünschen Sie, es kennen zu lernen?« Die Gäste protestierten. Sie wollten sich überraschen lassen.

»Gut,« erwiderte Dagobert, »und nun, Frau Violet, habe ich nur noch eine Bitte an Sie. Sie müssen mir gestatten, einen Gast mitzubringen.«

»Darf man seinen Namen erfahren?«

»Es ist mein Freund, Oberkommissär Doktor Weinlich, wie Sie wissen, einer unserer tüchtigsten Kriminalisten. Sie müssen sich erinnern, Gnädigste, dass wir nicht sowohl ein Festessen, als ein Zweckessen veranstalten wollen. Wir wollen dem Schmuckdiebstahl auf den Grund kommen. Vielleicht kann uns da der erfahrene Kriminalkommisär von Nutzen sein.«

»Es fällt mir auf,« nahm nun der Freiherr v. Friese das Wort, »dass Freund Dagobert hier polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen glaubt. Das ist sonst nicht seine Art und würde auch in diesem Falle seinen Detektivruhm nicht erhöhen.«

»Was meinen Ruf, wenn Sie wollen, meinen Ruhm anbelangt – ich widersetze mich nicht – so können Sie die Sorge dafür ruhig mir überlassen, lieber Baron. Hier handelt es sich nicht um meinen Ruhm, sondern darum, dass der gestohlene Schmuck wieder zur Stelle gebracht wird. Ich glaube, wir werden den Dieb ermitteln, Herr Baron, und wenn dann eine Verhaftung vom Fleck weg sich als nötig erweisen sollte, dann würden meine privaten Machtmittel am Ende nicht ausreichen. Sie sehen also, dass unter Umständen der Gast uns ganz nützlich werden könnte.«

Der nächste Tag

Am nächsten Tage erschienen die Gäste vollzählig zur festgesetzten Zeit. Frau Violet empfing sie mit vollendeter Liebenswürdigkeit. Sie hatte ihre Haltung wieder gewonnen, und nichts deutete auf den schweren Kummer, der sie am Tage vorher noch bei Tische so niedergedrückt und um alle Fassung gebracht hatte.

Dagobert hatte auch seine kulinarische Mission glänzend erfüllt. Es war ein tadelloses und erstklassiges Mahl, das den Herrschaften vorgesetzt wurde. Während man bei Tische war, wurde der eigentliche Gegenstand der Tagesordnung nicht berührt. Dagobert hatte es abgelehnt, auch nur mit einer Bemerkung auf die Sache einzugehen, solange die aufwartende Mannschaft ihres Dienstes waltete. Erst als die Gesellschaft nach aufgehobener Tafel sich ins Rauchzimmer zurückgezogen, sich’s dort bequem eingerichtet hatte, mit Kaffee, den feinen Schnäpsen und Zigarren versorgt und eine weitere Störung durch Bedienungsmannschaft nicht zu gewärtigen war, erklärte sich Dagobert bereit, auf den vorliegenden Fall einzugehen. Er saß auf seinem gewohnten Platze Frau Violet gegenüber, die in ihrer traditionellen Kaminecke mit Spannung der Dinge harrte, die nun kommen sollten.

Freiherr v. Friese war der erste, der den Stein ins Rollen brachte. Er deklamierte mit komischem, falschem Pathos wie folgt: »Achtung, meine verehrten Herrschaften – nur hereinspaziert! Soeben beginnt die große Vorstellung: der weltberühmte Matador Herr Dagobert wird die Ehre haben, auf dem gespannten Drahtseil seiner hohen Detektivkunst einem hohen Adel und dem sonstigen verehrungswürdigen Publiko eine Probe seiner unübertrefflichen Geschicklichkeit zu bieten. Anerkennungsschreiben liegen vor. Kinder und das Militär vom Feldwebel abwärts zahlen die Hälfte. Nur immer hereinspaziert, meine Herrschaften!«

»Sagen Sie mal, lieber Baron,« fragte hierauf Dagobert ruhig von unten herauf, »genießen Sie das unschätzbare Glück, noch eine Großmama zu haben?«

»Bedaure lebhaft, nicht mehr aufwarten zu können.«

»Schade!«

»Warum?«

»Ich hätte Ihnen sonst den freundschaftlichen Rat erteilt, es doch vielleicht erst mit ihr zu versuchen und lieber Ihre geschätzte Großmutter zum besten halten zu wollen, als einen Dagobert Trostler, wenn er auf dem Kriegspfade wandelt. Vielleicht hätten Sie da mehr Glück, übrigens danke ich Ihnen auch für diesen Scherz, der für meine Untersuchung nicht ganz wertlos gewesen ist.«

»Kommen wir zur Sache!« mahnte der Hausherr beschwichtigend.

»Jawohl,« fügte die Hausfrau hinzu, ängstlich geworden, dass da ein Streit entstehen könnte, »wir haben Wichtigeres vor, als einem Wortgeplänkel der Herren zu lauschen.«

»Das Wichtigste, Frau Violet,« lenkte Dagobert sofort ein, »ist, dass wir den gestohlenen Schmuck zur Stelle schaffen. Ich denke, das wird sehr bald erledigt sein. – Lieber Freund Grumbach, würdest du wohl so freundlich sein, mir deine Kassaschlüssel auf eine Minute anzuvertrauen?«

Verdutzte Gesichter. Der Hausherr griff unter sichtlicher Verlegenheit in die Tasche und folgte die Schlüssel aus. Die Kasse stand in einer Ecke des Rauchzimmers. Sie war von zierlichen Dimensionen. Es war ja nur die Hauskasse. Die großen und gewichtigen standen in den Geschäftsbureaus.

»Ich bitte, mir nur genau auf die Finger zu sehen, meine Herrschaften,« sagte Dagobert, während er öffnete. »Denn wenn hinterher eine kleine Million fehlen sollte, dann möchte ich’s nicht gewesen sein!«

Er zog die schwere Türe vollends auf, nahm die Schmuckkassette heraus und überreichte sie der Hausfrau. – »Bitte, überzeugen Sie sich. Gnädigste,« bemerkte er dazu, »ob auch nichts fehlt. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass für jeden etwaigen Abgang der Herr Gemahl haftpflichtig ist.«

»Es fehlt nichts, Dagobert!« erwiderte Frau Violet lachend und blickte bewundernd zu Dagobert auf.

»Ich mache Sie weiter darauf aufmerksam, Gnädigste,« fuhr Dagobert fort, »dass der Herr Gemahl Ihnen eine Entschädigung schuldig ist für den ausgestandenen Schrecken, und daß diese Entschädigung am zweckmäßigsten erfolgen wird durch eine fachgemäße Vervollständigung des Inhalts dieser Kassette.«

»Bewilligt!« sagte Herr Grumbach sofort, aber er sagte es nicht eben in sehr freundlichem Tone. Er war ärgerlich. Nicht dass er da zu einer größeren Ausgabe gepresst ward – seiner Frau eine Freude zu bereiten, war ihm immer ein Vergnügen – aber wieder die alte Geschichte, dass keine Vereinbarung etwas nützt, geplaudert wird doch immer! Er kannte das von den vertraulichen Sitzungen her. Immer war etwas davon doch in die Öffentlichkeit gedrungen. Die Leute können einmal ein Geheimnis nicht bewahren. Das war seine Meinung, und mit dieser hielt er auch jetzt nicht hinter dem Berge. Eine so einmütige Opposition hatte aber der Herr Präsident in seinem ganzen Leben noch nicht gefunden, wie in diesem Falle. Jeder einzelne überschüttete ihn mit Beteuerungen, dass er geschwiegen habe wie das Grab, und auch Dagobert gab die bündige Versicherung ab, dass kein Verrat geübt worden sei. Es sei in diesem so einfachen Falle doch wahrhaftig auch nicht nötig gewesen.

»Wie konntest du sonst darauf kommen?« fragte Grumbach.

»Durch eine einfache Kombination, ohne die bei meinem Sport überhaupt nichts zu erreichen ist.«

»Dagobert,« bat die Hausfrau, »Sie müssen uns genau erzählen, wie Sie das herausgebracht haben.«

»Aber mit Vergnügen, meine Gnädigste! Freilich wäre es vorsichtiger, wenn ich mich nun mit dem Resultat begnügte, das doch einen positiven Erfolg vorstellt, während ich mich noch immer blamieren kann, wenn ich die Methode und den Weg aufzeige, die mich zu dem Schlussergebnis geführt haben. Auch mir ist aber – nach berühmten Mustern – das Suchen und Forschen nach Wahrheit interessanter und wichtiger als die Wahrheit selbst. Darum will ich also gern verraten, wie ich zu dem Schlüsse gekommen bin.«

»Nicht so viele Reflexionen!« erklang es aus der Korona heraus. »Wir wollen Tatsachen. Dagobert soll erzählen, nicht philosophieren!«

»Nur nicht ungeduldig, meine Herren, Sie werden’s noch früh genug erfahren. Bevor ich beginne, muss ich doch noch eine schmerzliche Betrachtung anstellen. Meine Herren! All unser Wissen ist Stückwerk. Ich war lediglich auf meine Kombination angewiesen, die ich Ihnen nun entwickeln will, und Sie werden meine Richter sein. Ihr Amt ist kein schwieriges, denn Sie sind ja genau eingeweiht, ich aber kann mich leicht blamieren, und dann werden Sie mich auslachen.«

»Die Hauptsache hast du ja doch herausgebracht!« tröstete der Hausherr.

»Deshalb könnten mir aber in der Kombination doch Irrtümer unterlaufen sein. Sollten es wesentliche Irrtümer sein, dann muss ich die Buße auf mich nehmen. Dann werde ich das heutige Festmahl bezahlen.«

»Sonst?« fragte Freiherr von Friese.

Des Rätsels Lösung

»Sonst, lieber Baron, wird ein anderer bluten müssen. Ich beginne also. Die Situation, die ich vorfand, war folgende: Wenige Minuten nachdem ich eingetreten war, begrüßte uns die verehrte Hausfrau heiter und rosig, wie immer. Eine Viertelstunde später bittet sie uns zu Tische und ist bleich und verstört, und wieder einige Minuten später bricht sie in Tränen aus. Wir erfahren auch den Grund. Sie hat in der kurzen Zwischenzeit des Toilettenwechsels für das Diner die Entdeckung gemacht, dass ihre Schmuckkassette abhanden gekommen sei. Ich erhebe mich, ich steige wie das alte Schlachtross beim Klang der Kriegsdrommete. Das war ja ein Fall für mich. Es wird Ihnen aufgefallen sein, und um so leichter werden Sie sich daran erinnern, dass ich mich so rasch beruhigte und wieder niedersetzte. Ich bedauere, es sagen zu müssen, denn es wird Ihrer Eigenliebe nicht sehr schmeicheln, meine Herren: ich hatte da Ihr Spiel schon durchschaut.«

»Das kann man jetzt leicht sagen!« warf Baron Friese dazwischen.

»Sie können mich ja dann dementieren, Herr Baron, wenn meine Folgerungen sich als falsch erweisen sollten. Was mich zunächst stutzig machte, war das: der Kummer unserer lieben Hausfrau war echt; der Ihrige, meine Herren, war falsch, war schlecht gespielt. Schämen Sie sich! Auch der Hausherr spielte seine Rolle nicht gut. Mein lieber Grumbach, allen Respekt vor deiner etwaigen Seelengröße im Unglück, aber wenn man ein noch so großer Held ist, man benimmt sich doch etwas anders, wenn man, den Suppenlöffel in der Hand, mit der angenehmen Botschaft niedergerannt wird, dass der Gattin für hunderttausend Gulden Schmuck gestohlen worden ist.«

»Deshalb wäre die Welt noch nicht untergegangen!«

»Ich vermute; aber man benimmt sich doch anders! Ich versuchte, mir die Lage klar zu machen. Da war etwas abgekartet, die Hausfrau aber nicht ins Vertrauen gezogen worden. Man hatte sich nicht gescheut, im Interesse der eigenen Unterhaltung der Hausfrau einen ernsten Schrecken und einen wirklichen Kummer zu bereiten. Das verdient Strafe, und es wird, verlassen Sie sich darauf, nicht ungestraft bleiben. Ich bin übrigens nicht der Mann, der sich etwaigen Milderungsgründen verschließt. Vielleicht hielt man es zum Gelingen des Komplotts für nötig, die Hausfrau nicht einzuweihen. Das würde ich als keine genügende Entschuldigung für die begangene Grausamkeit betrachten. Wohl aber wäre es noch möglich, dass man keine Zeit gefunden hatte, sie einzuweihen. Also ein Komplott! Gegen wen? Kein Zweifel, es war auf mich abgesehen.«

»Wie mag es zustande gekommen sein? Ich konstruierte, rekonstruierte mir den Sachverhalt wie folgt: die Sitzung, an der ich nicht teilnehmen konnte, war vorbei, und es folgte die zwanglose Unterhaltung vor Tisch. Dabei kam die Rede auch auf Dagobert und sein berühmtes Steckenpferd. Man sollte ihn zur allgemeinen Erheiterung einmal ordentlich hineinlegen, meinte der eine. Das wird nicht so leicht gehen. Der fällt uns nicht herein, hatte ein anderer die Güte, mir die Ehre anzutun. Ich vermute, dass dieser wahrhaft edle ›andre‹ mein Freund Grumbach gewesen ist.«

»Bravo, Dagobert,« rief der Hausherr, »so war es!«

»Ich kenne meine Pappenheimer. Es käme auf einen Versuch an, meinte wieder der eine. Und nun wurde die großartige Idee ausgeheckt. Die Gelegenheit war günstig. Die Hausfrau nicht zu Hause. Sie wird zwar sehr erschrecken, aber dann ihre Rolle nur um so glaubwürdiger spielen. Hier steckt der Frevel, der bestraft werden muss und bestraft werden wird. Vielleicht hätte sie Freund Grumbach übrigens doch noch verständigt, aber es fand sich dazu die unauffällige Gelegenheit nicht mehr.

»Der Diebstahl wurde also vollführt. Eine solche Beute kann man nicht unter dem Tisch verstecken. Um sie aus dem Hause zu schaffen, fehlte die Zeit und auch jede nötigende Veranlassung. Da gab es nur einen sicheren Versteck – die feuer- und einbruchsichere Kasse des Hausherrn, darauf wird Dagobert doch in seinem Leben nicht verfallen! Wie Sie gesehen haben, hatte ich die Ehre, sie dort vorzufinden. Also ein schwieriger Fall war das wahrhaftig nicht, und ich bin es meiner Reputation schuldig, Sie zu bitten, meine Herrschaften, wenn Sie wieder einmal die Neigung verspüren sollten, mir eine Falle aufzurichten, doch mit etwas mehr Schläue vorzugehen und nur nicht eine Aufgabe zu stellen, die so kinderleicht ist. Ich kann Ihnen meine fachmännische Kritik nicht vorenthalten, dass Sie Ihre Sache nicht gut gemacht haben. Nicht ich, wohl aber Sie selbst tappen gutmütig und willig in die erste beste Falle hinein, die man Ihnen stellt, und mag sie noch so plump sein. Ich habe mich gestern nach Tisch zurückgezogen – um den Lokalaugenschein aufzunehmen, wie Sie meinten. Ist mir gar nicht eingefallen. Ich habe drüben ruhig geschlafen. Ich wollte Ihnen nur Zeit gönnen, unsere verehrte Hausfrau einzuweihen und sie zu beruhigen. Letzteres ist Ihnen gelungen, das ist aber auch Ihr ganzer Erfolg, der allerdings nicht viel Findigkeit zur Voraussetzung hatte. Mir aber die kolossale Dummheit zuzutrauen, dass ich den Umschwung in der Stimmung bei der Gnädigen auch bei gutgespielter Mitwirkung nicht bemerken würde, dazu gehörte eine Naivität, die Ihnen selbst nach der mildesten Auffassung nicht verziehen werden kann. Damit, meine Herren, bin ich zu Ende.«

»Noch eine Aufklärung geben Sie den Herren,« bat darauf Frau Violet, und aus ihren Augen leuchtete dabei ein Strahl des Triumphes. Sie hatte niemals an seiner Kunst gezweifelt, und nun war sie stolz darauf, dass er ihr Vertrauen wieder so glänzend gerechtfertigt hatte. »Ihr Freund und nun auch unser Freund, der Herr Oberkommissar Weinlich, ist uns heute ein lieber und werter Gast und wird es in aller Zukunft sein, aber er hatte bei dieser Affäre nichts zu tun, und doch sagten Sie, daß Ihnen seine Mitwirkung unentbehrlich sei.«

»Die hätte nötig werden können, meine Gnädigste. Ich konnte nicht wissen, wie die Wetten auf und gegen mich abgeschlossen worden sind. Die Propositionen waren mir unbekannt. Nun hätte es geschehen können, dass ich zu dem Endresultat überhaupt nicht gelangen konnte. Ihr Herr Gemahl brauchte nur nach irgendeiner Proposition der Wette oder weil dieser oder jener mir den Erfolg nicht gönnte, mir die Ausfolgung der Kassaschlüssel zu verweigern. Man muss alles bedenken. Für diesen Fall hätten wir ihn dazu gezwungen. Ein großer Diebstahl war begangen worden. Hier musste entweder die Wahrheit bekannt oder es durften der Untersuchung, die ich auf eine Spur geleitet halte, keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Mein Freund Herr Doktor Weinlich hat einen ordnungsgemäß ausgestellten amtlichen Hausdurchsuchungsbefehl in der Tasche, und nichts hätte uns gehindert, davon Gebrauch zu machen.«

»Donnerwetter!« rief der Hausherr lachend, »das heiße ich eine Sache scharf durchführen!«

»Mein Künstlerruhm stand auf dem Spiele,« entschuldigte sich Dagobert, »und dann hat ja die Sache nicht nur ihre strafrechtliche, sondern auch ihre zivilrechtliche Seite. Vergessen Sie nicht, meine Herren – das heutige Diner – es freut mich, dass es Ihnen so wohl geschmeckt hat – habe ich bestellt. War meine Kombination falsch, so sollte es meine Strafe sein, dass ich es bezahlte. Sie war aber richtig, und nun muss ein anderer heran – der, der die ganze Geschichte angezettelt, der unsere liebe Hausfrau in Schrecken gejagt, der – die schlimmste Todsünde! – an meiner Kunst gezweifelt, gegen sie gewettet hat – der muss nun heran und der muss berappen. Herr Baron v. Friese – ich habe die Rechnung bereits in der Tasche, und ich habe sie der Einfachheit halber gleich auf Ihren Namen ausstellen lassen. Darf ich sie Ihnen hochachtungsvollst und ergebenst überreichen?«

»Herr Dagobert,« erwiderte der Baron ein wenig elegisch, »mein Kompliment! Ich bitte um die Rechnung.«


Quelle: nach Balduin Groller, Detektiv Dagoberts Taten und Abenteuer 

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Liebes Tagebuch… (4 min)

Liebes Tagebuch... (4 min)

Liebes Tagebuch

Lesezeit: 4 min
Mittwoch, 24. Juni 1942

Liebe Kitty,

Gestern Morgen ist mir etwas Schönes passiert; ich ging am Fahrradständer vorbei, als jemand nach mir rief. Ich wandte mich um und sah einen netten Jungen hinter mir stehen, den ich am Abend zuvor bei Wilma kennengelernt hatte. Er kam ein wenig verlegen näher und stellte sich als Hello Silberberg vor. Ich war ein bisschen erstaunt und wusste nicht genau, was er wollte, aber das stellte sich bald heraus. Hello wollte meine Gesellschaft genießen und mich zur Schule bringen. »Wenn du sowieso in dieselbe Richtung musst, gehe ich gerne mit«, antwortete ich, und so gingen wir zusammen. Hello ist schon sechzehn und kann über allerlei Dinge nett erzählen; heute Morgen hat er wieder auf mich gewartet, und in Zukunft wird das nun wohl so bleiben.
Anne

Mittwoch, 1. Juli 1942

Liebe Kitty,
bis heute habe ich wirklich keine Zeit finden können, wieder zu schreiben. Am Donnerstag war ich den ganzen Nachmittag bei Bekannten, am Freitag hatten wir Besuch, und so ging es immer weiter bis heute. Hello und ich haben einander in dieser Woche gut kennengelernt, er hat mir viel über sein Leben erzählt; er kommt aus Gelsenkirchen und ist ohne seine Eltern bei seinen Großeltern hier in den Niederlanden. Seine Eltern sind in Belgien; für ihn gibt es keine Möglichkeit, auch dort hinzukommen. Hello hatte ein Mädchen namens Ursula, ich kenne sie sogar; ein Muster an Sanftheit und Langeweile; seit er mich getroffen hat, ist Hello zu der Erkenntnis gekommen, dass er an Ursulas Seite einschläft. Ich bin also eine Art Wachhaltemittel für ihn; ein Mensch weiß nie, wozu er im Leben gebraucht wird! Am Montagabend war Hello bei uns zu Hause, um Vater und Mutter kennenzulernen; ich hatte Torte und Süßigkeiten geholt, Tee und Kekse, alles gab es, aber weder Hello noch ich hatten Lust dazu, so nebeneinander auf einem Stuhl zu sitzen; wir sind spazieren gegangen, und erst um zehn nach acht wurde ich daheim abgeliefert. Vater war sehr böse, fand es keine Art, dass ich zu spät zu Hause war; ich musste versprechen, in Zukunft schon um zehn vor acht drinnen zu sein. Am kommenden Samstag bin ich bei ihm eingeladen. Meine Freundin Jacque zieht mich immer mit Hello auf; ich bin aber wirklich nicht verliebt; oh nein, ich darf doch wohl Freunde haben, niemand findet da etwas dabei.
Deine Anne

 

Anmerkung: Dies ist ein Ausschnitt aus dem Tagebuch der Anne Frank. Hättest du das gedacht? 

 

 

Quelle: nach Tagebuch der Anne Frank, Anne Frank

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Was wir aus den Hexenprozessen lernen können (10 min)

Was wir aus den Hexenprozessen lernen können (10 min)

Was wir aus den Hexenprozessen lernen können

Lesezeit: 10 min
Der Ursprung des Hexenglaubens

Zum ersten Mal habt ihr bei Hänsel und Gretel von Hexen gehört. Und was habt ihr euch dabei gedacht? Eine böse, gefährliche Waldfrau, die allein vor sich hinlebt und der man besser nicht in die Arme läuft. Sicher habt ihr euch nicht den Kopf zerbrochen, wie die Hexe zu dem Teufel oder dem lieben Gott steht, woher sie kommt, was sie tut und was sie nicht tut. Und genauso wie ihr haben die Menschen von den Hexen jahrhundertelang gedacht. Wie kleine Kinder Märchen glauben, so haben sie meist an die Hexen geglaubt. Aber so wenig Kinder, und seien sie noch so klein, ihr Leben nach dem Märchen einrichten, so wenig haben in jenen Jahrhunderten die Menschen daran gedacht, den Hexenglauben in ihr tägliches Leben zu übernehmen. Sie haben sich begnügt, mit einfachen Zeichen, mit einem Hufeisen über der Tür, einem Heiligenbild oder allenfalls einem Zauberspruch, den sie unterm Hemd auf der Brust trugen, sich vor ihnen zu schützen. So war es im Altertum, und als das Christentum kam, änderte sich daran nicht viel, jedenfalls nichts zum schlechteren. Denn das Christentum trat ja dem Glauben an die Macht des Bösen entgegen. Christus hatte den Teufel besiegt, er war in die Hölle hinabgestiegen, und seine Anhänger hatten nichts von den bösen Mächten zu fürchten. Das war wenigstens der älteste Christenglaube – gewiss kannte man auch damals verrufene Frauen, das waren aber vor allem Priesterinnen, heidnische Göttinnen, und ihrer Zauberkraft traute man nicht viel zu. Eher hatte man Mitleid mit ihnen, weil der Teufel sie so genarrt hatte, dass sie sich selber übernatürliche Kräfte zuschrieben. Wie nun dies alles unscheinbar im Laufe von wenigen Jahrzehnten, ungefähr um das Jahr 1300 nach Christus, sich völlig geändert hat, wird euch niemand so unbedingt sicher erklären können. Aber an der Tatsache ist kein Zweifel: nachdem der Glaube an Hexen jahrhundertelang mit allem anderen Aberglauben so mitgegangen war, nicht weniger, aber auch nicht mehr Schaden gestiftet hatte als andere, begann man um die Mitte des 14. Jahrhunderts, überall Hexen und Hexenwerk zu wittern und bald darauf beinahe überall Hexenverfolgungen anzustellen. Mit einem Male war eine förmliche Lehre vom Tun und Treiben der Hexen da. Plötzlich wollte jeder genau gewusst haben, was sie in ihren Versammlungen tun, über welche Zauberkraft sie verfügen und auf wen sie es abgesehen haben. Wie es dahin gekommen ist, wird man wie gesagt vielleicht niemals völlig durchschauen können. Um so erstaunlicher aber ist das wenige, was wir von den Ursachen wissen.

Die Wissenschaft un der Hexenglaube

Aberglaube ist für uns alle etwas, was am meisten bei den einfachen Leuten verbreitet ist und bei ihnen am festesten sitzt. Die Geschichte des Glaubens an Hexen zeigt uns, dass das durchaus nicht immer so war. Gerade das 14. Jahrhundert, in dem dieser Glaube seine starrste und gefährlichste Fratze zeigte, war die Zeit eines großen Aufschwungs der Wissenschaften. Die Kreuzzüge hatten begonnen; mit ihnen kamen die neuesten wissenschaftlichen, vor allem naturwissenschaftlichen Lehren, in denen damals Arabien den übrigen Ländern weit voraus war, nach Europa. Und so unwahrscheinlich es klingt, diese neue Naturwissenschaft beförderte mächtig den Hexenglauben. Das kam aber so: im Mittelalter war die rein berechnende oder beschreibende Naturwissenschaft, die wir heute die theoretische nennen, noch nicht von der angewandten, z.B. der Technik, getrennt. Diese angewandte Naturwissenschaft ihrerseits aber war nun damals dasselbe oder jedenfalls sehr benachbart der Zauberei. Man wusste von der Natur ja sehr wenig. Die Erforschung und Benutzung ihrer geheimen Kräfte sah man für Zauberei an. Diese Zauberei aber war erlaubt, wenn sie sich keine bösen Werke zum Ziel setzte, und man nannte sie zum Unterschied von der Schwarzen Kunst einfach die Weiße: die Weiße Magie. Was man also damals von der Natur Neues erfuhr, das kam schließlich unmittelbar oder auf Umwegen doch wieder dem Zauberglauben, dem Glauben an den Einfluss der Gestirne, an die Kunst, Gold zu machen und anderes, zugute. Mit der Teilnahme an der Weißen Magie steigerte sich nun aber auch das Interesse für die Schwarze.

Der Hexenhammer und seine Folgen 

Die Naturlehre aber war nicht allein unter den Wissenschaften am Werke, den schrecklichen Hexenglauben zu fördern. Aus dem Glauben an die Schwarze Magie und aus der Beschäftigung mit ihr folgten für die Philosophen der Zeit – das waren aber damals nur Geistliche – eine ganze Anzahl von Fragen, die wir heute nicht mehr so leicht verstehen und vor denen uns, wenn wir sie schließlich begriffen haben, die Haare zu Berge stehen. So wollte man vor allen Dingen klar und deutlich feststellen, worin sich denn die Zauberei, die die Hexen trieben, von anderer böser Zauberkunst unterscheide. Dass alle bösen Zauberer ohne Unterschied Ketzer seien, d.h. nicht oder nicht auf die rechte Weise an Gott glaubten, darüber war man sich längst klar, und die Päpste hatten es oft gelehrt. Nun aber wollte man wissen, wodurch sich Hexen und Hexenmeister von anderen Schwarzkünstlern unterschieden. Und zu diesem Zwecke haben nun die Gelehrten allerhand spintisiert, was vielleicht mehr ungereimt und kurios als schrecklich gewesen wäre, wenn nicht 100 Jahre später, als die Hexenprozesse ihren Höhepunkt erreicht hatten, zwei Männer gekommen wären, die all diese Hirngespinste bitterernst nahmen, sie sammelten, miteinander verglichen, Folgerungen daraus zogen und sie für eine Anweisung ausnutzten, wie man haarklein die Wahrheit von denen ermitteln sollte, welche der Hexerei würden beschuldigt werden. Dieses Buch ist der sogenannte »Hexenhammer«, und wahrscheinlich hat nichts Gedrucktes mehr Unglück über die Menschen gebracht als diese drei dicken Bände. Was hatte es also nach diesen Gelehrten mit den Hexen für eine Bewandtnis? Vor allem diese: sie hätten einen förmlichen Bund mit dem Teufel geschlossen. Sie hätten Gott abgeschworen und dem Teufel versprochen, ihm allen seinen Willen zu tun. Der Teufel wiederum hätte ihnen dafür alles mögliche Gute versprochen – für das irdische Leben natürlich – da er aber ein Lügengeist sei, hätte er es fast niemals gehalten und würde es in Zukunft eben sowenig. Und nun fand man kein Ende in der Aufzählung dessen, was die Hexen mit der Macht des Teufels ins Werk setzten, wie es ihnen gelänge und welche Gebräuche sie zu halten verpflichtet wären. Manche von euch, die den Hexentanzplatz bei Thale mit der Walpurgishalle gesehen haben, andere, die einmal einen Band Sagen vom Harz in der Hand hatten, werden vieles darüber wissen, und ich will jetzt nicht vom Blocksberg, wo die Hexen am 1. Mai sich versammeln sollten, nichts von ihrem Ritt auf dem Besenstiel, auf dem sie zum Schornstein hinausfahren, erzählen, sondern ein paar seltsamere Dinge, die ihr vielleicht auch in euren Sagenbüchern noch nicht gelesen habt. Seltsam, das will heißen für uns. Denn vor 300 Jahren schien den Leuten nichts selbstverständlicher, als dass eine Hexe, wenn sie aufs Feld hinausgeht und die Hand gen Himmel erhebt, ein Hagelwetter auf das Getreide herabziehen könne, und dass sie mit einem Blick die Kühe behexen könne, so dass statt Milch aus den Eutern Blut käme, oder dass sie eine Weide so anbohren könne, dass aus der Rinde Milch oder Wein herausflösse, oder dass sie in einen Kater, einen Wolf, einen Raben sich wandeln könne. Wie es damals an einem, der erst einmal der Hexerei verdächtig geworden war, er mochte tun und lassen, was er wollte, überhaupt nichts mehr gab, was den Verdacht nicht bestärkte, in dem er stand, so gab es im Hause und auf dem Felde, in Reden und Taten, beim Gottesdienst und beim Spiel damals nichts, was nicht von böswilligen oder blöden oder verrückten Leuten in Zusammenhang mit der Hexerei gebracht werden konnte. Und noch heute zeugen Worte wie: Hexenbutter (für Froschlaich), Hexenringe (für die Kreise, in denen Pilze beieinander stehen), Hexenschwamm, Hexenmehl usw. dafür, wie die unschuldigsten Naturdinge mit diesem Glauben in Zusammenhang gebracht werden. Wollt ihr aber einen ganz kurzen Abriss, gewissermaßen einen Führer durch das Leben der Hexen lesen, so müsst ihr euch das Theaterstück »Macbeth« von Shakespeare geben lassen. Da seht ihr auch, wie man sich den Teufel als strengen Herrn dachte, dem jede Hexe Rede und Antwort geben muss, was für böse Streiche oder auch Untaten sie zu seiner Ehre begangen hat. Soviel wie in Macbeth steht, wusste damals jeder einfache Mann von den Hexen. Die Philosophen wussten freilich noch vieles mehr. Sie konnten Beweise für das Dasein der Hexen geben, so unlogisch, dass man sie heute keinem Tertianer im Schulaufsatz durchgehen ließe. So hat 1660 einer von ihnen geschrieben: »Wer das Dasein von Hexen leugnet, der leugnet auch das Dasein von Geistern, denn Hexen sind Geister. Wer aber das Dasein von Geistern leugnet, der leugnet auch das Dasein von Gott, denn Gott ist ein Geist. Also leugnet, wer Hexen leugnet, auch Gott.«

Die Hexen-Prozesse

Irrtum und Unsinn sind schlimm genug. Aber ganz gefährlich werden sie erst, wenn man Ordnung und Folgerichtigkeit hineinbringen will. So ist es beim Hexenglauben gewesen, und deshalb ist viel größeres Unheil als durch den Aberglauben durch die Starrköpfigkeit der Gelehrten entstanden. Von den Naturwissenschaftlern und Philosophen haben wir schon gesprochen. Nun aber kommen die Schlimmsten: das waren die Rechtsgelehrten. Und damit sind wir bei den Hexen prozessen, der schrecklichsten Plage dieser Zeit, neben der Pest. Auch sie griffen um sich wie eine Seuche, sprangen von einem Land in das andere über, erreichten ihre Höhepunkte, um zeitweise wieder abzunehmen, machten vor Kindern ebenso wenig halt wie vor Greisen, vor Reichen sowenig wie vor Armen, vor Rechtsgelehrten sowenig wie vor Bürgermeistern, weder vor Ärzten noch vor Naturforschern. Domherrn, Minister und Geistliche mussten ebenso wie Schlangenbeschwörer oder Jahrmarktsschauspieler den Scheiterhaufen besteigen, von der unendlich viel größeren Zahl von Frauen aller Altersstufen und Stände zu schweigen. Heute kann man nicht mehr mit Zahlen feststellen, wie viele Menschen in Europa als Hexen oder Hexenmeister zugrunde gegangen sind, aber dass es zum wenigsten hunderttausend waren, vielleicht auch das Vielfache davon, ist gewiss. Ich habe dieses fürchterliche Buch, den »Hexenhammer«, der im Jahre 1487 erschien und riesig oft nachgedruckt wurde, schon erwähnt. Er war lateinisch geschrieben, ein Handbuch für Inquisitoren. Inquisitoren, d.h. eigentlich Fragemänner, nannte man Mönche, die vom Papst direkt mit besonderen Vollmachten zur Bekämpfung der Ketzerei ausgerüstet waren. Da nun die Hexen immer auch für Ketzer angesehen wurden, so hatten die Inquisitoren sich mit ihnen zu beschäftigen. Aber weit entfernt, dass man ihnen neidlos eine so gräuliche Aufgabe überlassen hätte. Vielmehr gab es da noch andere Gerichtsbarkeiten, die darauf brannten, mit der Bekämpfung der Hexen sich befassen zu dürfen. Das war die reguläre geistliche Gerichtsbarkeit der Bischöfe und die reguläre weltliche. Von diesen beiden war aber die zweite die schlimmere. Das alte Kirchenrecht wusste nämlich nichts von einer Verbrennung der Hexen, und so gab es lange Zeit für Hexen nur die Strafe des Kirchenbanns und der Einkerkerung. Da führte Karl V. im Jahre 1532 sein neues Gesetzbuch, die sogenannte Karolina oder »Peinliche Halsgerichtsordnung« ein. In ihr stand auf Zauberei der Feuertod. Immerhin gab es auch da noch die Einschränkung, dass ein wirklicher Schaden müsse entstanden sein. Das war aber vielen Rechtsgelehrten und Fürsten noch ein zu mildes Gesetz, und viele zogen es vor, sich nach dem Kursächsischen Recht zu richten, nach dem jeder Zauberer und jede Hexe verbrannt werden konnte, auch wenn sie keinen Schaden gestiftet hatten. Diese vielen Gerichtsbarkeiten ergaben ein so fürchterliches Durcheinander, dass von Recht und Ordnung ohnehin keine Rede mehr sein konnte. Dazu kam nun aber noch, dass man sich die Hexen als Besessene vorstellte, in denen der Teufel wohne, dass man also gegen die Übermacht des Teufels zu stehen glaubte und in diesem Kampf alles für erlaubt hielt. Nichts konnte so fürchterlich oder so unsinnig sein, dass die damaligen Rechtsgelehrten um ein lateinisches Wort dafür verlegen gewesen wären. Und so nannte man denn die Hexerei ein crimen exceptum, ein außergewöhnliches Verbrechen, das hieß aber ein Verbrechen, bei dem der Angeklagte überhaupt kaum sich verteidigen konnte. Er wurde z.B. gleich von Anfang an als schuldig behandelt. Wenn er einen Verteidiger hatte, so konnte auch der nicht viel tun, weil der Grundsatz galt: ein zu eifriger Verteidiger von solchen, die der Hexerei angeklagt waren, mache sich selbst verdächtig, ein Zauberer zu sein. Die Juristen sahen überhaupt die Hexensachen als eine rein fachmännische Angelegenheit an, die sie allein beurteilen konnten. Dabei war der gefährlichste unter ihren Grundsätzen der: beim Verbrechen der Hexerei genüge das Geständnis des Täters, auch wenn sonst keine Beweise zu finden wären. Was ein solches Geständnis damals aber bedeutete, kann sich jeder sagen, der weiß, dass im Hexenprozeß die Folter an der Tagesordnung gewesen ist. Es gehört zu den erstaunlichsten Dingen, denen man in der Geschichte begegnet, dass es über 200 Jahre gedauert hat, ehe den Rechtsgelehrten der Gedanke gekommen ist, dass Geständnisse auf der Folter nichts wert sind. Vielleicht, weil ihre Bücher so voll von unwahrscheinlichsten und schrecklichsten Haarspaltereien steckten, dass ihnen die einfachsten Gedanken nicht kommen konnten. Desto besser glaubten sie dem Teufel auf seine Schliche gekommen zu sein. Wenn z.B. eine Angeklagte beharrlich schwieg, weil sie wusste, dass jedes Wort, auch das unschuldigste, sie nur tiefer ins Unglück hineinreißen würde, so hieß das bei den Rechtsgelehrten eine »Teufelsmaulsperre«, womit sie sagen wollten, der böse Geist verhexe die Beschuldigte, dass sie nicht sprechen könne. Ebenso viel taugten die sogenannten Hexenproben, mit denen man sich manchmal das Verfahren abkürzen wollte. Da gab es z.B. die Tränenprobe. Wenn jemand auf der Folter vor Schmerzen nicht weinte, so sah man es für bewiesen an, dass der Teufel ihm beistehe, und wieder mussten 200 Jahre ins Land gehen, bis die Ärzte die einfache Beobachtung machten oder auszusprechen wagten, dass der Mensch bei sehr heftigen Schmerzen nicht weint.

Der Kampf gegen die Hexenverfolgung 

Der Kampf gegen die Hexenprozesse ist einer der größten Befreiungskämpfe der Menschheit gewesen. Er hat im 17. Jahrhundert begonnen und 100 Jahre, in manchen Ländern noch länger, gebraucht, um zu siegen. Er begann, wie solche Dinge sehr oft beginnen, nicht mit einer Erkenntnis, sondern aus Not. Einzelne Fürsten sahen im Laufe weniger Jahre ihre Länder veröden, auf der Folter beschuldigte immer einer den anderen. Ein einziger Prozess konnte Hunderte im Gefolge haben, die sich jahrelang ablösten. Da begannen einzelne Fürsten, diese Prozesse ganz einfach zu verbieten. Und nun wagten die Menschen allmählich nachzudenken. Die Geistlichen und Philosophen entdeckten, dass der Glaube an Hexen in der alten Kirche gar nicht bestanden habe, dass Gott dem Teufel niemals so große Macht über den Menschen einräumen könne. Die Rechtsgelehrten kamen dahinter, dass man nicht länger, wie bisher, auf Verleumdungen, auf Geständnisse, die auf der Folter erzwungen waren, sich verlassen könne. Die Ärzte meldeten sich, um zu sagen, dass es Krankheiten gäbe, infolge deren die Menschen sich für Zauberer oder Hexen selbst halten könnten, ohne es doch zu sein. Und schließlich machte sich der gesunde Menschenverstand bemerkbar und wies auf die zahllosen Widersprüche in den Akten der einzelnen Hexenprozesse und im Glauben an Hexen selbst hin. Von all den vielen Büchern, die in dieser Zeit gegen die Hexenprozesse geschrieben wurden, ist aber nur eines berühmt geworden. Es ist das des Jesuiten Friedrich von Spee. Dieser Mann war in jungen Jahren Beichtvater der zum Tode verurteilten Hexen gewesen. Als ihn eines Tages ein Freund fragte, warum er so zeitig schon graue Haare habe, da sagte er: »Weil ich so viele Unschuldige habe zum Scheiterhaufen begleiten müssen.« Sein Buch »Die Warnungsschrift über die Hexenprozesse« ist gar nicht besonders umstürzlerisch. Friedrich von Spee glaubt sogar, dass es Hexen gibt. Aber woran er ganz und gar nicht glaubt, das sind die schrecklichen gelehrten, ausgetüftelten Hirngespinste, mit denen jahrhundertelang jeder beliebige Mensch als Hexe oder Zauberer konnte dargestellt werden. Dem grässlichen lateinisch-deutschen Kauderwelsch von Tausenden und Zehntausenden von Akten tritt er mit einem Werk gegenüber, in dem überall Zorn und Ergriffenheit durchbricht, und mit diesem Werke und seiner Wirkung bewies er, wie nötig es ist, Menschlichkeit über Gelehrsamkeit und Scharfsinn zu stellen.

 

Quelle: Walter Benjamin, Rundfunkarbeiten (Hexenprozesse)

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