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Märchen

Des Märchens Geburt (6 min)

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Des Märchens Geburt

Lesezeit: 6 min

Es war einmal eine Zeit, da gab es noch keine Märchen, und die war betrübend für die Kinder, denn es fehlte in ihrem Jugendparadiese der schönste Schmetterling. Und da waren auch zwei Königskinder, die spielten miteinander in dem prächtigen Garten ihres Vaters.

Der Garten war voll herrlicher Blumen, seine Pfade waren mit bunten Steinen und Goldkies bestreut und glänzten wetteifernd mit dem Taugefunkel auf den Blumenbeeten. Es gab in dem Garten kühle Grotten mit plätschernden Quellen, hoch zum Himmel aufrauschende Fontänen, schöne Marmorbildsäulen, liebliche Ruhebänke. In den Wasserbecken schwammen Gold- und Silberfische; in goldenen großen Vogelhäusern flatterten die schönsten Vögel, und andere Vögel hüpften und flogen frei umher und sangen mit lieblichen Stimmen ihre Lieder.

Die beiden Königskinder aber hatten und sahen das alle Tage, und so waren sie müde des Glanzes der Steine, des Duftes der Blumen, der Springbrunnen und der Fische, welche so stumm waren, und der Vögel, deren Lieder sie nicht verstanden.

Die Kinder saßen still beisammen und waren traurig; sie hatten alles, was nur ein Kind sich wünschen mag: gute Eltern, die kostbarsten Spielsachen, die schönsten Kleider, wohlschmeckende Speisen und Getränke, und durften tagtäglich in dem schönen Garten spielen – sie waren traurig, obschon sie nicht wußten, warum, und nicht wußten, was ihnen fehle.

Da trat zu ihnen ihre Mutter, die Königin, eine schöne hohe Frau mit mildfreundlichen Zügen, und sie bekümmerte sich darüber, daß ihre Kinder so traurig waren und sie nur wehmütig anlächelten, statt mit Jauchzen ihr entgegen zu fliegen; sie betrübte sich, daß ihre Kinder nicht glücklich waren, wie doch Kinder sein sollen und sein können, weil sie noch keine Sorgen kennen und der Himmel der Jugend meist ein wolkenloser ist.

Die Königin setzte sich zu ihren beiden Kindern, die ein Knabe und ein Mädchen waren, und schlang um jedes derselben einen ihrer vollen weißen Arme, welche goldne Spangen schmückten, und fragte gar mütterlich und liebreich: »Was fehlt euch, meine lleben Kinder?«

»Wir wissen es nicht, teure Mutter!« sprach der Knabe. »Wir sind so taurig!« sprach das Mädchen.

»Es ist so schön hier in diesem Garten, und ihr habt alles, was euch Freude machen kann; macht es euch denn keine Freude?« fragte die Königin, und eine Träne trat in ihr Auge, aus dem eine Seele voll Güte lächelte.

»Nicht genug Freude macht uns, was wir haben«, antwortete dieser Frage das Mädchen. »Wir wünschen uns was und wissen nicht, was!« setzte der Knabe hinzu.

Die Mutter schwieg bekümmert und überlegte, was die Kinder sich wohl wünschen könnten, das sie mehr erfreue als die Pracht des Gartens, der Schmuck der Kleider, die Menge der Spielsachen, der Genuss edler Speisen und Getränke, aber sie fand nicht, was ihre Gedanken suchten.

»O wäre ich nur selbst wieder ein Kind!« sprach die Königin still zu sich, mit einem leisen Seufzer, »dann fiele mir wohl bei, was Kinder froh macht.

Um Kindeswünsche zu begreifen, muß man selbst ein Kind sein. Aber ich bin schon zu weit gewandert aus dem Jugendlande, wo die goldnen Vögel durch die Bäume des Paradieses fliegen, jene Vögel, die keine Füße haben, weil die Nimmermüden irdischer Ruhe nicht bedürfen. O käme doch ein solcher Vogel her und brächte meinen teuern Kindern, was sie glücklich macht!«

Siehe, wie die Königin also wünschte, da wiegte sich plötzlich über ihr in den blauen Lüften ein wunderherrlicher Vogel, von dem ein Glanz ausging, wie Goldflammen und Edelsteinblitze, der schwebte tiefer und tiefer, und es sah ihn die Königin, es sahen ihn die Kinder. Diese riefen nur: »Ah! ah!« und Staunen ließ sie keine anderen Worte finden.

Der Vogel war überaus herrlich anzusehen, wie er, immer tiefer schwebend, sich niedersenkte, so schimmernd, so glänzend, im Regenbogenfarbengefunkel, fast das Auge blendend und doch immer wieder das Auge fesselnd.

Er war so schön, daß die Königin und die Kinder vor Freude leise schauerten, zumal sie jetzt das Wehen seiner Flügel fühlten. Und ehe sie es ahnten, so hatte sich der Wundervogel niedergelassen in den Schoß der Königin, der Mutter, und sah aus Augen, die wie freundliche Kinderaugen gestaltet waren, die Kinder an, und doch war etwas in diesen Augen, das die Kinder nicht begriffen, etwas Fremdartiges, Schauerhaftes, und sie wagten darum nicht, den Vogel zu berühren, auch sahen sie jetzt, daß der seltsame, überirdisch schöne Vogel unter seinen glänzendbunten Federn auch einige tiefschwarze Federn hatte, die man aber von weitem nicht gewahrte.

Indes blieb den Kindern zu näherer Betrachtung des schönen Wundervogels kaum so lange Zeit, als nötig war, dies zu erwähnen, denn alsbald hob sich der Vogel wieder empor, der Paradiesvogel ohne Füße, schwebte, schimmerte, flog immer höher, bis er nur eine im Äther schwimmende bunte Feder zu sein schien, dann nur noch ein goldener Streif, und dann entschwand – so lange aber, bis das geschah, sahen ihm auch die Königin und die Kinder mit Staunen nach.

Aber O Wunder! Als Mutter und Kinder wieder niederblickten, wie staunten sie da aufs neue! Auf dem Schoße der Mutter lag ein goldnes Ei, das hatte der Vogel gelegt, O und das schimmerte auch so grüngolden und goldblau wie der köstlichste Labradorstein und die schönste Perlenmuschel der Meerestiefen.

Und die Königskinder riefen aus einem Munde: »Ei, das schöne Ei!« Die Mutter aber lächelte selig und ahnte voll Dankgefühl, das müsse der Edelstein sein, der noch zum Glück ihrer Kinder fehle, das Ei müsse in seiner zauberfarbigschillernden Schale ein Gut enthalten, das den Kindern gewähre, was dem Alter versagt ist, Zufriedenheit, und das ihre Sehnsucht, ihre kindische Trauer stille.

Die Kinder aber konnten sich nicht satt sehen an dem prächtigen Ei und vergaßen bald über dem Ei den Vogel, der es brachte; erst wagten sie nicht, es zu berühren, endlich aber legte das Mädchen doch eines seiner rosigen Fingerchen daran und rief plötzlich, indem sein unschuldvolles Gesichtchen sich mit Purpur übergoß: »Das Ei ist warm!«

Nun tippte auch der Knabe vorsichtig und leise an das Ei, um zu fühlen, ob die Schwester wahr gesprochen. Endlich legte auch die Mutter ihre zarte weiße Hand auf das köstllche Ei, und siehe, was begab sich da?

Die Schale fiel in zwei Hälften auseinander, und aus dem Ei kam ein Wesen hervor, wunderbar anzusehen. Es hatte Flügel und war nicht Vogel, nicht Schmetterling, Biene nicht und nicht Libelle, und doch von allen diesen etwas, aber nicht zu beschreiben; mit einem Wort, es war das buntgeflügelte, farbenschillernde Kinderglück, selbst ein Kind, nämlich des Wundervogels Phantasie, das Märchen.

Und nun sah die Mutter ihre Kinder nicht mehr traurig, denn das Märchen blieb fortan immer bei den Kindern, und sie wurden seiner nicht müde, solange sie Kinder blieben, und seit sie das Märchen hatten, wurden ihnen Garten und Blumen, Lauben und Grotten, Wälder und Haine erst recht lieb, denn das Märchen belebte alles zur Lust der Kinder; das Märchen lieh selbst den Kindern seine Flügel, da flogen sie weit umher in der unermeßlichen Welt und waren doch immer gleich wieder daheim, sobald sie nur wollten.

Jene Königskinder – das waren die Menschen in ihrem Jugendparadiese, und die Natur war ihre schöne mildfreundliche Mutter. Sie wünschte den Wundervogel Phantasie vom Himmel nieder, der so prächtige Goldfedern und auch einige tiefdunkle hat, und er legte in ihren Schoß das goldne Märchenei.

Und wie die Kinder das Märchen innig lieb gewannen, das ihre Kindheitstage verschönte, in tausenderlei Gestaltungen und Verwandlungen sie ergötzte und über alle Häuser und Hütten, über alle Schlösser und Paläste flog, so war des Märchens Art auch diese, daß es selbst den Erwachsenen gefiel und sie sich seiner freuten, wenn sie nur etwas aus dem Garten der Kindheit mit herübergetragen in das reifere Alter, nämlich die Kindlichkeit des Herzens.

Quelle: Ludwig Bechstein,  Deutsches Märchenbuch

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Märchen Psychologische/ Weise Geschichten

Fliedermütterchen (8 min)

Fliedermütterchen (8 min)

Fliedermütterchen

Lesezeit: 8 min
Der Junge mit den nassen Füßen

Es war einmal ein kleiner Knabe, der hatte sich erkältet; er war ausgegangen und hatte nasse Füße erhalten, niemand konnte begreifen, woher er sie erhalten hatte, denn es war ganz trockenes Wetter. Nun entkleidete ihn seine Mutter, brachte ihn zu Bette und ließ die Teemaschine hereinbringen, um ihm eine gute Tasse Fliedertee zu bereiten, denn der Tee erwärmt. Zu gleicher Zeit kam auch der alte, freundliche Mann zur Thür herein, der ganz oben im Hause wohnte und allein lebte; denn er hatte weder Frau noch Kinder, liebte aber die Kinder und wusste so viel Märchen und Geschichten zu erzählen, dass es eine Lust war.

»Nun trinkst Du Deinen Tee,« sagte die Mutter, »vielleicht bekommst Du dann ein Märchen zu hören.«

»Ja, wenn ich nur ein neues wüsste!« sagte der alte Mann und nickte freundlich. »Wo hat der Kleine die nassen Füße bekommen?« fragte er.

»Ja, wie das geschehen ist,« sagte die Mutter, »das kann niemand begreifen.«

»Erzählen sie ein Märchen?« fragte der Knabe.

»Kannst Du mir genau sagen, denn das muss ich zuerst wissen, wie tief der Rinnstein in der kleinen Straße ist, wo Du in die Schule gehst?«

»Gerade bis mitten auf die Schäfte,« sagte der Knabe, »aber dann muss ich in das tiefe Loch gehen!«

»Sieh, davon hast Du die nassen Füße!« sagte der Alte. »Nun soll ich freilich ein Märchen erzählen, aber ich weiß keines mehr!«

»Sie können ein neues machen!« sagte der kleine Knabe. »Die Mutter sagt, dass Sie aus allem, was Sie betrachten, ein Märchen machen können, und von allem, was sie berühren, könne Sie eine Geschichte erzählen!«

»Ja, aber die Märchen und Geschichten taugen nichts! Die ordentlichen kommen von selbst, die klopfen mir gegen die Stirn und sagen: hier bin ich!«

»Klopft es nicht bald?« fragte der kleine Knabe; die Mutter lachte, tat Fliedertee in die Kanne und goß kochendes Wasser darüber.

»Erzählen Sie etwas!«

Ein neues Märchen

»Ja, wenn ein Märchen von selbst kommen möchte, aber sie sind vornehm, sie kommen nur, wenn sie Lust haben! – Warte!« sagte er auf einmal. »Da haben wir eines! Gieb acht, nun ist eins in der Teekanne!«

Der kleine Knabe sah nach der Teekanne hin, der Deckel hob sich mehr und mehr, und die Fliederblumen kamen frisch und weiß daraus hervor, sie schossen große, lange Zweige, selbst aus der Leinwand verbreiteten sie sich nach allen Seiten und wurden größer und größer.

Es war der herrlichste Fliederbusch, ein ganzer Baum, er ragte in das Bett hinein und schob die Vorhänge zur Seite. Wie das blühte und duftete, und mitten im Baume saß eine alte, freundliche Frau mit einem sonderbaren Kleide, es war ganz grün, gleich den Blättern des Fliederbaumes, und mit großen, weißen Fliederblumen besetzt. Man konnte nicht so gleich erkennen, ob es Zeug oder lebendiges Grün und Blumen waren.

»Wie heißt die Frau?« fragte der kleine Knabe.

Das Fliedermütterchen

»Ja, die Römer und Griechen,« sagte der alte Mann, »die nannten sie eine Dryade, aber das verstehen wir nicht. Draußen in der Vorstadt haben wir einen besseren Namen für dieselbe, da wird sie ›Fliedermütterchen‹ genannt, und sie ist es, auf die Du acht geben musst. Horch‘ nur auf, und betrachte den herrlichen Fliederbaum. Gerade so ein großer, blühender Baum steht da draußen; er wuchs in einem Winkel eines kleinen, ärmlichen Hofes. Unter diesem Baum saßen eines Mittags im schönsten Sonnenschein zwei alte Leute, es wär ein alter, alter Seemann und seine alte, alte Frau; sie waren Urgroßeltern und sollten bald ihre goldene Hochzeit halten, aber sie konnten sich des Hochzeitstages nicht recht entsinnen; die Fliedermutter saß im Baum und sah ebenso vergnügt aus; wie hier. ›Ich weiß wohl, wann Eure goldene Hochzeit ist!‹ sagte sie, aber die beiden Alten hörten es nicht, sie sprachen von vergangenen Zeiten.«

»Ja, entsinnest Du Dich?« sagte der alte Seemann, »damals als wir noch klein waren und herumliefen und spielten, es war in demselben Hofe, wo wir nun sitzen, und wir pflanzten kleine Stecken in den Hof und machten einen Garten.«

»Ja,« sagte die alte Frau, »dessen erinnere ich mich recht gut, und wir begossen die Stecken, und einer derselben war ein Fliederzweig, der schlug Wurzeln, schoss grüne Zweige und ist ein großer, stattlicher Baum geworden, unter dem wir alten Leute nun sitzen.«

»Ja, richtig,« sagte er; »und dort in der Ecke stand ein Wasserkübel, dort schwamm mein Fahrzeug, ich hatte es selbst ausgeschnitten, wie das segeln konnte! Aber ich musste freilich bald anders wohin segeln.«

Schule und lange Reisen

»Ja, aber zuerst gingen wir in die Schule und lernten etwas,« sagte sie, »und dann wurden wir eingesegnet. Wir weinten beide; aber des Nachmittags gingen wir Hand in Hand auf den runden Turm und sahen in die Welt hinaus über Kopenhagen und das Wasser, dann gingen wir hinaus nach Friedrichsburg, wo der König und die Königin in ihrem prächtigen Bote auf den Kanälen herumfuhren.«

»Aber ich musste bald anderswo herumfahren und viele Jahre lang reisen!«

»Ja, ich weinte oft Deinetwegen!« sagte sie. »Ich glaubte, Du seiest tot und lägest dort unten im Wasser. Manche Nacht stand ich auf und sah, ob der Wetterhahn sich drehte, ja, er drehte sich wohl, aber Du kamst nicht! Ich erinnere mich deutlich, wie es eines Tages in Strömen vom Himmel goß, der Kehrichtwagen hielt vor der Thür, wo ich diente, ich ging mit dem Kehrichtfasse hinunter und blieb vor der Thür stehen; – was war das für ein abscheuliches Wetter! Und als ich dastand, war der Briefträger mir zur Seite und gab mir einen Brief, der war von Dir! Ja, wie der herumgereist war! Ich riss ihn auf und las; ich lachte und weinte, ich war so froh! Da stand, dass Du in den warmen Ländern seiest, wo die Kaffeebohnen wachsen. Was muss das für ein wunderbares, herrliches Land sein! Du erzähltest viel, und ich sah das alles, während der Regen herniedergoss, und ich mit dem Kehrichtfasse dastand. Da war einer, der mich um den Leib nahm – –.«

Die Heimkehr

»Ja, aber Du gabst ihm einen tüchtigen Schlag auf das Ohr, dass es klatschte.«

»Ich wusste auch nicht, dass Du es warst. Du warst ebenso geschwind als Dein Brief gekommen, und Du warst so schön – das bist Du noch. Du hattest ein langes, gelbes, seidenes Tuch in der Tasche und einen neuen Hut auf, Du warst so fein. Gott, was war das für ein abscheuliches Wetter, und wie sah die Straße aus!«

»Dann heirateten wir uns,« sagte er, »entsinnst Du Dich? Und dann, als wir den ersten kleinen Knaben und dann Marie und Jakob und Peter und Hans und Christian bekamen!«

»Ja, und wie die alle herangewachsen und ordentliche Menschen geworden sind, die ein jeder gern hat.«

»Und ihre Kinder haben wieder Kleine bekommen,« sagte der alte Matrose, »ja das sind Kindeskindeskinder, da ist Kern darin! – War es nicht gerade um diese Zeit des Jahres, dass wir Hochzeit hielten?«

Der Hochzeitstag und die Familie

»Ja, eben heute ist der goldene Hochzeitstag!« sagte die Fliedermutter und steckte den Kopf gerade zwischen die beiden Alten hinunter, und sie glaubten, es sei die Nachbarin, die da nickte. Sie sahen einander an und hielten sich an den Händen. Bald darauf kamen die Kinder und Kindeskinder, denn sie wussten wohl, dass es der goldene Hochzeitstag sei, sie hatten schon des Morgens gratuliert, aber die Alten hatten es vergessen, während sie sich gut an alles erinnerten, was vor vielen Jahren geschehen war. Der Fliederbaum duftete stark, und die Sonne, die im Untergehen begriffen war, schien den beiden Alten gerade in das Antlitz, sie sahen beide rotwangig aus, und das kleinste der Kindeskinder tanzte um sie herum und rief ganz glücklich, dass diesen Abend große Pracht herrschen werde, sie sollten warme Kartoffeln haben; und die Fliedermutter nickte im Baum und rief mit all‘ den andern: »Hurra!«

»Aber das war ja kein Märchen!« sagte der kleine Knabe, der es erzählen hörte.

»Ja, das musst Du verstehen,« sagte der Alte, der erzählte; »aber lass uns Fliedermütterchen danach fragen!«

»Das war kein Märchen,« sagte die Fliedermutter, »aber nun kommt es! Aus der Wirklichkeit wächst eben das sonderbarste Märchen heraus, sonst könnte ja mein schöner Fliederbusch nicht aus der Teekanne hervorgesprossen sein!« Und dann nahm sie den kleinen Knaben aus dem Bette, legte ihn an ihre Brust, und die Fliederzweige voller Blumen schlugen um sie zusammen, sie saßen wie in der dichtesten Laube, und diese flog mit ihnen durch die Luft, es war unaussprechlich schön!

Der Flug mit dem Fliedermütterchen

Fliedermütterchen war auf einmal ein niedliches, junges Mädchen geworden, aber das Kleid war noch von demselben grünen weißgeblümten Zeuge, wie es Fliedermütterchen getragen hatte. Am Busen hatte sie eine wirkliche Fliederblume und im ihr gelbes, gelocktes Haar einen ganzen Kranz von Fliederblumen; ihre Augen waren blau, o, sie war herrlich anzuschauen! Sie und der Knabe küssten sich, und dann waren sie im gleichen Alter und fühlten gleiche Freuden.

Sie gingen nun Hand in Hand aus der Laube, und standen auf einmal im schönen Blumengarten der Heimat; bei dem frischen Grasplatz war des Vaters Stock an einen Pflock angebunden. Für die Kleinen war Leben im Stock; sobald sie sich quer über denselben setzten, verwandelte sich der blanke Knopf zu einem prächtig wiehernden Kopf, die lange, schwarze Mähne flatterte, vier schlanke, starke Beine schossen hervor; das Tier war stark und mutig. Im Galopp fuhren sie um den Grasplatz herum, hussa! – »Nun reiten wir viele Meilen weit fort,« sagte der Knabe; »wir reiten nach dem Gut, wo wir im vorigen Jahre waren!« Und sie ritten und ritten um den Rasenplatz herum, und immer rief das kleine Mädchen, die, wie wir wissen, keine andere als die Fliedermutter war: »Nun sind wir auf dem Lande, siehst Du das Bauernhaus mit dem großen Backofen, der wie ein riesengroßes Ei aus der Mauer nach dem Weg heraus erscheint? Der Fliederbaum breitet seine Zweige darüber hin, und der Hahn geht und kratzt für die Hühner. Sieh, wie er sich brüstet! – Nun sind wir bei der Kirche, die liegt hoch auf dem Hügel unter den großen Eichbäumen, wovon der eine halb abgestorben ist! – Nun kommen wir zu der Schmiede, wo das Feuer brennt und die Männer mit den Hämmern schlagen, daß die Funken weit umhersprühen. Fort, fort nach dem prächtigen Gut!« Und alles, was das kleine Mädchen, die hinten auf dem Stock saß, sagte, das flog auch vorbei, der Knabe sah es, und doch kamen sie nur um den Grasplatz herum. Dann spielten sie im Seitengange und ritzten in der Erde einen kleinen Garten, und sie nahm Fliederblumen aus ihrem Haar, pflanzte sie, und sie wuchsen, so, wie bei den Alten damals, als sie noch klein waren, und wie früher erzählt worden ist. Sie gingen Hand in Hand, wie die alten Leute es als Kinder gemacht hatten, aber nicht auf den runden Turm hinauf, oder nach dem Friedrichsburger Garten, nein, das kleine Mädchen fasste den Knaben um den Leib, und dann flogen sie weit herum im ganzen Lande, und es war Frühjahr, und es wurde Sommer, und es war Erntezeit, und es wurde Winter, und tausende von Bildern spiegelten sich in des Knaben Augen und Herzen ab, und immer sang das kleine Mädchen ihm vor: »Das wirst Du nie vergessen!«

Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter

Auf dem ganzen Fluge duftete der Fliederbaum süß und herrlich. Der Knabe bemerkte wohl die Rosen und die frischen Buchen, aber der Fliederbaum duftete noch stärker, denn seine Blumen hingen an des kleinen Mädchens Herzen, und daran lehnte er oft im Fluge sein Haupt.

»Hier ist es schön im Frühjahr!« sagte das junge Mädchen, und sie standen in dem frisch ausgeschlagenen Buchenwalde, wo der grüne Klee zu ihren Füßen duftete, und in dem Grünen sahen die blassroten Anemonen lieblich aus. »O, wäre es immer Frühjahr in dem duftenden Buchenwalde!«

»Hier ist es herrlich im Sommer!« sagte sie und sie fuhren an alten Schlössern aus der Ritterzeit vorbei, wo sich die roten Mauern und gezackten Giebel in den Kanälen spiegelten, wo die Schwäne schwammen und in die alten kühlen Alleen hinauf sahen. Auf dem Felde wogte das Korn, gleich einem See, in den Gräben standen rote und gelbe Blumen, und auf den Gehegen wilder Hopfen und blühende Winden. Am Abend stieg der Mond rund und groß empor, die Heuhaufen auf den Wiesen dufteten süß. »Das vergisst sich nie!«

»Hier ist es herrlich im Herbst!« sagte das kleine Mädchen, und die Luft war doppelt so hoch und blau, der Wald bekam die schönsten Farben von Rot, Gelb und Grün. Jagdhunde jagten davon, ganze Scharen Vogelwild flogen schreiend über die Hünengräber hin, auf denen Brombeerranken sich um die alten Steine schlangen. Das Meer war schwarzblau mit weißen Seglern bedeckt und in der Tenne saßen alte Frauen, Mädchen und Kinder, und pflückten Hopfen in ein großes Gefäß; die Jungen sangen Lieder, aber die Alten erzählten Märchen von Kobolden und bösen Zauberern. Besser konnte es nirgends sein.

»Hier ist es schön im Winter!« sagte das kleine Mädchen, und alle Bäume waren mit Reif bedeckt, sodass sie wie weiße Korallen aussahen, der Schnee knarrte unter den Füßen, als hätte man immer neue Stiefel an, und vom Himmel fiel eine Sternschnuppe nach der andern. Im Zimmer wurde der Weihnachtsbaum angezündet, da gab es Geschenke und gute Laune; auf dem Lande ertönte in der Bauernstube die Violine, um Äpfelschnitte wurde gespielt; selbst das ärmste Kind sagte: »Es ist doch schön im Winter!«

Ja, es war schön; und das kleine Mädchen zeigte dem Knaben alles, und immer duftete der Fliederbaum und immer wehte die rote Flagge, unter welcher der alte Seemann gesegelt hatte.

Die Blume im Gesangsbuch

Der Knabe wurde zum Jüngling und sollte in die weite Welt hinaus, weit fort nach den warmen Ländern, wo der Kaffee wächst; aber beim Abschied nahm das kleine Mädchen eine Fliederblume von ihrer Brust und gab sie ihm aufzubewahren. Sie wurde sorgfältig in das Gesangbuch gelegt, und im fremden Lande, wenn er das Buch öffnete, geschah es immer an der Stelle, wo die Erinnerungsblume lag, und je mehr er dieselbe betrachtete, desto frischer wurde sie, sodass er gleichsam einen Duft von den heimatlichen Wäldern einatmete, und deutlich erblickte er das kleine Mädchen, wie sie mit ihren klaren, blauen Augen zwischen den Blumenblättern hervorsah, und dann flüsterte: »Hier ist es schön im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter!« und Hunderte von Bildern glitten durch seine Gedanken.

So verstrichen viele Jahre, und er war nun ein alter Mann und saß mit seiner alten Frau unter einem blühenden Fliederbaume. Sie hielten einander an den Händen, wie der Urgroßvater und die Urgroßmutter es draußen getan hatten, und sie sprachen ebenso wie diese von den alten Zeiten und von der goldenen Hochzeit. Das kleine Mädchen mit den blauen Augen und mit den Fliederblumen im Haar saß oben im Baum, nickte beiden zu und sagte: »Heute ist der goldene Hochzeitstag!« Dann nahm sie zwei Blumen aus ihrem Kranze, küsste sie, und sie glänzten zuerst wie Silber, dann wie Gold, und als sie diese auf die Häupter der Alten legte, wurde jede Blume zu einer Goldkrone. Da saßen sie beide, einem König und einer Königin gleich, unter dem duftenden Baume, der ganz und gar wie ein Fliederbaum aussah, und er erzählte seiner alten Frau die Geschichte von dem Fliedermütterchen, so wie sie ihm erzählt worden war, als er noch ein kleiner Knabe gewesen, und sie meinten beide, dass die Geschichte vieles enthalte, was ihrer eigenen gleiche, und das was ähnlich war, gefiel ihnen am besten.

Erinnerung

»Ja, so ist es!« sagte das kleine Mädchen im Baum. »Einige nennen mich Fliedermütterchen, andere nennen mich Dryade, aber eigentlich heiße ich Erinnerung; ich bin es, die im Baume sitzt, welcher wächst und wächst, ich kann zurückdenken, ich kann erzählen! Lass sehen, ob Du Deine Blume noch hast.«

Und der alte Mann öffnete sein Gesangbuch, da lag die Fliederblume, so frisch, als wäre sie erst kürzlich hineingelegt, und die Erinnerung nickte, und die beiden Alten mit den Goldkronen auf dem Haupte saßen in der roten Abendsonne. Sie schlossen die Augen und – und – ja, da war das Märchen aus!

Der kleine Knabe lag in seinem Bette, er wusste nicht, ob er geträumt oder ob er es erzählen gehört habe. Die Teekanne stand auf dem Tisch, aber es wuchs kein Fliederbaum daraus hervor, und der alte Mann, der erzählt hatte, war eben im Begriff, zur Thür hinauszugehen, und das tat er auch.

»Wie schön war das!« sagte der kleine Knabe. »Mutter, ich bin in den warmen Ländern gewesen!«

»Ja, das glaube ich wohl,« sagte die Mutter, »wenn man zwei volle Tassen Fliedertee zu sich nimmt, dann kommt man wohl nach den warmen Ländern!« – Und sie deckte ihn zu, damit er sich nicht wieder erkälte. »Du hast wohl geschlafen, während ich mich mit dem alten Manne darüber stritt, ob es eine Geschichte oder ein Märchen sei!«

»Und wo ist die Fliedermutter?« fragte der Knabe.

»Sie ist in der Teekanne,« sagte die Mutter, »und dort kann sie bleiben!«

 

 

Quelle: nach Andersen, Hans Christian, Sämmtliche Märchen

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Der Froschkönig (5 min)

Der Froschkönig (5 min)

Der Froschkönig

Lesezeit: 5 min
Die schöne Königstochter

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen; wenn nun der Tag sehr heiß war, so ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens, und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk.

Der helfende Frosch

Nun trug es sich einmal zu, dass die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hineinrollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so tief, dass man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu: »Was hast du vor, Königstochter, du schreist ja, dass sich ein Stein erbarmen möchte.« Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken hässlichen Kopf aus dem Wasser streckte. »Ach, du bist’s, alter Wasserpatscher,« sagte sie, »ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinabgefallen ist.« »Sei still und weine nicht,« antwortete der Frosch, »ich kann wohl Rat schaffen, aber was giebst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraushole?«

Der Pakt

»Was du haben willst, lieber Frosch,« sagte sie, »meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage.« Der Frosch antwortete: »Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine, und deine goldene Krone, die mag ich nicht; aber wenn du mich lieb haben willst und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, so will ich hinuntersteigen und dir die goldene Kugel wieder herausholen.« »Ach ja,« sagte sie, »ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wieder bringst.« Sie dachte aber: »Was der einfältige Frosch schwätzt, der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt, und kann keines Menschen Geselle sein.«

Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab und über ein Weilchen kam er wieder heraufgerudert; hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder erblickte, hob es auf und sprang damit fort. »Warte, warte,« rief der Frosch, »nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du.« Aber was half ihm, dass er ihr sein quak quak so laut nachschrie als er konnte; sie hörte nicht darauf, eilte nach Haus und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinabsteigen musste.

Der Frosch im Königshaus 

Am anderen Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten sich zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe heraufgekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an der Thür und rief: »Königstochter, jüngste, mach mir auf.« Sie lief und wollte sehen wer draußen wäre, als sie aber aufmachte, so saß der Frosch davor. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und war ihr ganz angst. Der König sah wohl, dass ihr das Herz gewaltig klopfte und sprach: »Mein Kind, was fürchtest du dich, steht etwa ein Riese vor der Thür und will dich holen?« »Ach nein,« antwortete sie, »es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.« »Was will der Frosch von dir?« »Ach lieber Vater, als ich gestern im Walde bei dem Brunnen saß und spielte, da fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt, und weil er es durchaus verlangte, so versprach ich ihm, er sollte mein Geselle werden, ich dachte aber nimmermehr, dass er aus seinem Wasser heraus könnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein.« Indem klopfte es zum zweitenmal und rief:

»Königstochter, jüngste,
mach mir auf,
weißt du nicht, was gestern
du zu mir gesagt
bei dem kühlen Brunnenwasser?
Königstochter, jüngste,
mach mir auf.«

Versprochen ist versprochen, …

Da sagte der König: »Was du versprochen hast, das musst du auch halten; geh nur und mach ihm auf.« Sie ging und öffnete die Thür, da hüpfte der Frosch herein, ihr immer auf dem Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief: »Heb mich herauf zu dir.« Sie zauderte, bis es endlich der König befahl. Als der Frosch erst auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, und als er da saß, sprach er: »Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen.« Das tat sie zwar, aber man sah wohl, dass sie’s nicht gerne tat. Der Frosch ließ sich’s gut schmecken, aber ihr blieb fast jedes Bisslein im Halse. Endlich sprach er: »Ich habe mich satt gegessen, und bin müde, nun grat mich in dein Kämmerlein und mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen.« Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie sich nicht anzurühren getraute, und der nun in ihrem schönen reinen Bettlein schlafen sollte. Der König aber ward zornig und sprach: »Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du hernach nicht verachten.« Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Als sie aber im Bette lag, kam er gekrochen und sprach: »Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du; heb mich herauf, oder ich sag’s deinem Vater.« Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand: »Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.«

Die Verwandlung zum Königssohn

Als er aber herab fiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da erzählte er ihr, er wäre von einer bösen Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen. Dann schliefen sie ein, und am anderen Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußenfedern auf dem Kopf, und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, dass er drei eiserne Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber sollte den jungen König in sein Reich abholen; der treue Heinrich hob beide hinein, stellte sich wieder hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. Und als sie ein Stück Weges gefahren waren, hörte der Königssohn, dass es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief:

»Heinrich, der Wagen bricht.«
»Nein, Herr, der Wagen nicht,
es ist ein Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als ihr in dem Brunnen saßt,
als ihr ein Frosch wart.«

Doch einmal und noch einmal krachte es auf dem Wege, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.

 

Quelle: nach Gebrüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen 

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Rapunzel (5 min)

Rapunzel (5 min)

Rapunzel

Lesezeit: 5 min
Die Gelüste nach dem Rapunzel 

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung, der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhause ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward. Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war: und sie sahen so frisch und grün aus, dass sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wusste, dass sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blass und elend aus. Da erschrak der Mann und fragte: »Was fehlt dir, liebe Frau?« »Ach,« antwortete sie, »wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserem Hause zu essen kriege, so sterbe ich.« Der Mann, der sie lieb hatte, dachte: »Ehe du deine Frau sterben lässt, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten was es will.« In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Hand voll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat daraus und aß sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr aber so gut, so gut geschmeckt, dass sie den anderen Tag noch dreimal so viel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so musste der Mann noch einmal in den Garten steigen.

Der Pakt 

Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder hinab, als er aber die Mauer hinabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich stehen. »Wie kannst du es wagen,« sprach sie mit zornigem Blick, »in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen.« »Ach,« antwortete er, »lasst Gnade für Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen: meine Frau hat Euere Rapunzeln aus dem Fenster erblickt, und empfindet ein so großes Gelüsten, dass sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme.« Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: »Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst, allein ich mache eine Bedingung: du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter.« Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.

Der Turm

Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre alt war, schloss es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde lag und weder Treppe noch Thür hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten hin und rief:

»Rapunzel, Rapunzel,
lass mir dein Haar herunter.«

Rapunzel hatte lange prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.

Der Königssohn

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, dass der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam. Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, dass er still hielt und horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre süße Stimme erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte nach einer Thür des Turmes, aber es war keine zu finden. Er ritt heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, dass er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte. Als er einmal so hinter einem Baume stand, sah er, dass eine Zauberin herankam und hörte wie sie hinaufrief:

»Rapunzel, Rapunzel,
lass dein Haar herunter.«

Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab und die Zauberin stieg zu ihr hinauf. »Ist das die Leiter, auf welcher man hinaufkommt, so will ich auch einmal mein Glück versuchen.« Und den folgenden Tag, als es anfing dunkel zu werden, ging er zu dem Turm und rief

»Rapunzel, Rapunzel,
lass dein Haar herunter.«

Alsbald fielen die Haare herab und der Königssohn stieg hinauf.

Das erste Treffen 

Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Königssohn fing an ganz freundlich mit ihr zu reden und erzählte ihr, dass von ihrem Gesange sein Herz so sehr sei bewegt worden, dass es ihm keine Ruhe gelassen, und er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte, ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und sie sah, dass er jung und schön war, so dachte sie: »Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel,« und sagte ja, und legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach: »Ich will gern mit dir gehen, aber ich weiß nicht wie ich herabkommen kann. Wenn du kommst, so bring jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten und wenn die fertig ist, so steige ich herunter und du nimmst mich auf dein Pferd.« Sie verabredeten, dass er bis dahin alle Abend zu ihr kommen sollte, denn bei Tage kam die Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfing und zu ihr sagte: »Sag sie mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir.« »Ach, du gottloses Kind,« rief die Zauberin, »was muss ich von dir hören, ich dachte, ich hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!« In ihrem Zorne packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paarmal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der rechten, und ritsch, ratsch waren sie abgeschnitten, und die schönen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig, dass sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben musste.

Zusammentreffen mit der Zauberin

Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als der Königssohn kam und rief:

»Rapunzel, Rapunzel,
lass dein Haar herunter.«

so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. »Aha,« rief sie höhnisch, »du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken.« Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerzen, und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab; das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen.

Und wenn sie nicht gestorben sind …

Da irrte er blind im Walde umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren, und tat nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie erschien ihm so bekannt: da ging er darauf zu, und wie er herankam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.

 

Quelle: nach Gebrüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen 

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Vom unsichtbaren Königreiche (15 min)

Vom unsichtbaren Königreiche (15 min)

Vom unsichtbaren Königreiche

Lesezeit: 15 min
Der Traumjörge 

In einem kleinen Hause, welches wohl eine Viertelstunde abseits von dem übrigen Dorfe auf der halben Berghöhe lag, wohnte mit seinem alten Vater ein junger Bauer, namens Jörg. Es gehörten zu dem Hause so viel Acker Feld, dass beide eben keine Sorgen hatten. Gleich hinter dem Hause fing der Wald an, mit Eichen und Buchen, so alt, dass die Enkelkinder von denen, welche sie gepflanzt hatten, schon seit mehr als hundert Jahren tot waren; vor ihm aber lag ein alter zerbrochener Mühlstein – wer weiß, wie der dahin gekommen war. Wer sich auf ihn setzte, der hatte eine wundervolle Aussicht hinab ins Tal, auf den Fluss, der das Tal durchströmte, und die Berge, die jenseits des Flusses aufstiegen. Hier saß der Jörg am Abend, wenn er seine Arbeit auf dem Felde getan hatte, den Kopf auf die Hände und die Ellenbogen auf die Knie gestützt, oft stundenlang und träumte, und weil er sich wenig um die Leute im Dorf bekümmerte und meist still und in sich gekehrt einherging, wie einer, der an allerhand denkt, nannten ihn die Leute spottweise Traumjörge. Dies war ihm jedoch völlig gleichgültig.

Je älter er aber ward, desto stiller wurde er; und als sein alter Vater endlich starb, und er ihn unter einer großen alten Eiche begraben hatte, wurde er ganz still. Wenn er dann auf dem alten zerbrochenen Mühlsteine saß, was er jetzt noch viel häufiger tat als zuvor, und hinab in das herrliche Tal sah, wie die Abendnebel an dem einen Ende hereintraten und langsam an den Bergen hinwandelten, wie es dann dunkler wurde und dunkler, bis zuletzt der Mond und die Sterne in ihrer ganzen Herrlichkeit am Himmel heraufzogen: dann wurde es ihm so recht wunderbar ums Herz. Denn dann fingen die Wellen im Fluss zu singen an, anfangs ganz leise, bald aber deutlich vernehmbar, und sie sangen von den Bergen, wo sie herkämen, vom Meer, wo sie hinwollten, und von den Nixen, die tief unten im Grunde des Flusses wohnten. Darauf begann auch der Wald zu rauschen, ganz anders als ein gewöhnlicher Wald, und erzählte die wunderbarsten Sachen. Besonders der alte Eichbaum, der an seines Vaters Grab stand, der wusste noch viel mehr wie alle die andren Bäume. Die Sterne aber, die hoch am Himmel standen, bekamen die größte Lust, herabzufallen in den grünen Wald und in den blauen Strom, und flimmerten und zitterten, wie jemand, der es gar nicht mehr aushalten kann. Doch die Engel, von denen hinter jedem Sterne einer steht, hielten sie jedesmal fest und sagten: »Sterne, Sterne, macht keine Torheiten! Ihr seid ja viel zu alt dazu, viele tausend Jahr und noch mehr! Bleibt im Lande und nährt euch redlich!« –

Es war ein wunderbares Tal! – Aber alles das sah und hörte bloß der Traumjörge. Die Leute, welche im Dorf wohnten, ahnten gar nichts davon; denn es waren ganz gewöhnliche Leute. Dann und wann schlugen sie einen von den alten Baumriesen um, zersägten und zerspellten ihn, und wenn sie eine hübsche Klafter aufgerichtet hatten, sprachen sie: »Nun können wir uns wieder eine Weile Kaffee kochen.« Und im Fluß wuschen sie ihre Wäsche; das war ihnen sehr bequem. Von den Sternen aber, wenn sie so recht funkelten, sagten sie weiter nichts als: »Es wird heute nacht recht kalt werden; wenn nur unsere Kartoffeln nicht erfrieren.« Versuchte es einmal der arme Traumjörge, ihnen eine andere Meinung beizubringen, so lachten sie ihn aus. Es waren eben ganz gewöhnliche Leute.

Die Traumprinzessin 

Wie er nun so eines Tages wieder auf dem alten Mühlsteine saß und bei sich bedachte, dass er doch auf der ganzen Welt so mutterseelenallein sei, schlief er ein. Da träumte ihm, es hinge vom Himmel eine goldene Schaukel an zwei silbernen Seilen herab. Jedes Seil war an einem Sterne befestigt; auf der Schaukel aber saß eine reizende Prinzessin und schaukelte sich so hoch, dass sie vom Himmel zur Erde herab und von der Erde wieder zum Himmel hinaufflog. Jedesmal, wenn die Schaukel bis an die Erde kam, klatschte die Prinzessin vor Freude in ihre Hände und warf ihm eine Rose zu. Aber plötzlich rissen die Seile, und die Schaukel mit der Prinzessin flog weit in den Himmel hinein, immer weiter, immer weiter, bis er sie zuletzt nicht mehr sehen konnte.

Da wachte er auf, und als er sich umsah, lag neben ihm auf dem Mühlsteine ein großer Strauß von Rosen.

Am nächsten Tage schlief er wieder ein und träumte dasselbe. Beim Erwachen lagen richtig die Rosen wieder da.

So ging es die ganze Woche hindurch. Da sagte sich Traumjörge, dass doch irgend etwas Wahres an dem Traume sein müsse, weil er ihn immer wieder träumte. Er schloss sein Haus zu und machte sich auf, die Prinzessin zu suchen.

Der König der Träume und der König der Wirklichkeit 

Nachdem er viele Tage gegangen war, erblickte er von weitem ein Land, wo die Wolken bis auf die Erde hingen. Er wanderte rüstig darauf zu, kam aber in einen großen Wald. Plötzlich hörte er hier ein ängstliches Stöhnen und Wimmern, und als er auf die Stelle zugegangen war, von welcher das Gestöhn und Gewimmer herkam, sah er einen ehrwürdigen Greis mit silbergrauem Barte auf der Erde liegen. Zwei widerlich hässliche, splitternackte Kerle knieten auf ihm und suchten ihn zu erwürgen. Da blickte er um sich, ob er nicht irgendeine Waffe fände, mit der er den beiden Kerlen zu Leibe gehen könnte, und da er nichts fand, riss er in seiner Todesangst einen großen Baumast ab. Kaum jedoch hatte er diesen erfasst, als er sich in seinen Händen in eine mächtige Hellebarde verwandelte. Damit stürmte er auf die beiden Ungeheuer los und rannte sie ihnen durch den Leib, so dass sie mit Geheul den Alten losließen und fortsprangen.

Darauf hob er den ehrwürdigen Greis auf, tröstete ihn und fragte, warum ihn die beiden nackten Kerle hätten erwürgen wollen.

Da erzählte jener, er sei der König der Träume und aus Versehen etwas vom Wege ab in das Reich seines größten Feindes, des Königs der Wirklichkeit, gekommen. Sobald dies der König der Wirklichkeit bemerkt habe, hätte er ihm durch zwei seiner Diener auflauern lassen, damit sie ihm den Garaus machten.

»Hattest du denn dem König der Wirklichkeit etwas zuleide getan?« fragte Traumjörge.

»Behüte Gott!« versicherte jener. »Er wird aber überhaupt sehr leicht gegen andere ausfällig. Dies liegt in seinem Charakter – und mich besonders hasst er wie die Sünde!«

»Aber die Kerle, die er geschickt hatte, dich zu erwürgen, waren ja ganz nackt!«

»Jawohl,« sagte der König, »splitterfasernackt. Das ist so Mode im Lande der Wirklichkeit. Alle Leute gehen dort nackt, selbst der König, und schämen sich nicht einmal. Es ist ein abscheuliches Volk! – Weil du mir nun aber das Leben gerettet hast, will ich mich dankbar gegen dich erweisen und dir mein Land zeigen. Es ist wohl das herrlichste der Welt, und die Träume sind meine Untertanen!«

Das Königreich der Träume

Darauf ging der König der Träume voran und Jörg folgte ihm. Als sie an die Stelle kamen, wo die Wolken auf die Erde hingen, wies der König auf eine Falltüre, welche so versteckt im Busch lag, dass sie gar nicht zu finden war, wenn man es nicht wusste. Er hob sie auf und führte seinen Begleiter fünfhundert Stufen hinab in eine hell erleuchtete Grotte, welche sich meilenweit in wunderbarer Pracht hinzog. Es war unsäglich schön! Da waren Schlösser auf Inseln mitten in großen Seen, und die Inseln schwammen umher wie Schiffe. Wenn man in ein solches Schloss hineingehen wollte, brauchte man sich nur an das Ufer zu stellen und zu rufen:

»Schlösslein, Schlösslein, schwimme heran,
Dass ich in dich reingehn kann!«

dann kam es von selbst an das Ufer. Weiter waren noch andere Schlösser da auf Wolken; die flogen langsam in der Luft. Sprach man aber:

»Steig herab, mein Luftschlösslein,
Dass ich kann in dich hinein!«

so senkten sie sich langsam nieder. Außerdem waren noch da Gärten mit Blumen, die am Tag dufteten und in der Nacht leuchteten; schillernde Vögel, die Märchen erzählten, und eine Menge anderer ganz wunderbarer Sachen. Traumjörge konnte mit Staunen und Bewundern gar nicht fertig werden.

Die Untertanen des Traumkönigs 

»Nun will ich dir auch noch meine Untertanen, die Träume, zeigen,« sagte der König. »Ich habe deren drei Sorten. Gute Träume für die guten Menschen, böse Träume für die bösen und außerdem Traumkobolde. Mit den letzteren mache ich mir zuweilen einen Spaß, denn ein König muß doch auch zuweilen seinen Spaß haben.« –

Zuerst führte er ihn also in eins der Schlösser, welches eine so verzwickte Bauart hatte, daß es förmlich komisch aussah: »Hier wohnen die Traumkobolde,« sprach er, »kleines, übermütiges, schabernackiges Volk. Tut niemandem was, aber neckt gern.«

»Komm einmal her, Kleiner,« rief er darauf einem der Kobolde zu, »und sei einmal einen einzigen Augenblick ernsthaft.« Hernach fuhr er fort und sagte zu Traumjörge: »Weißt du, was der Schelm tut, wenn ich ihm einmal ausnahmsweise erlaube, auf die Erde hinaufzusteigen? Er läuft ins nächste Haus, holt den ersten besten Menschen, der gerade wunderschön schläft, aus den Federn, trägt ihn auf den Kirchturm und wirft ihn kopfüber herunter. Dann springt er eiligst die Turmtreppe hinab, so dass er unten eher ankommt, fängt ihn auf, trägt ihn wieder nach Haus und schmeißt ihn so ins Bett, dass es kracht und er davon aufwacht. Dann reibt der sich den Schlaf aus den Augen, sieht sich ganz verwundert um und spricht: »Ei du lieber Gott, war mir’s doch gerade, als wenn ich vom Kirchturm herabfiele. Es ist nur gut, dass ich bloß geträumt habe.«

»Das ist der?« rief Traumjörge. »Siehst du, der ist auch schon einmal bei mir gewesen! Wenn er aber wiederkommt und ich erwische ihn, soll’s ihm schlecht ergehen.« Kaum hatte er dies noch gesagt, so sprang ein andrer Traumkobold unter dem Tische hervor. Der sah fast aus wie ein kleiner Hund, denn er hatte ein ganz zottiges Gewand an und die Zunge steckte er auch heraus.

»Der ist auch nicht viel besser,« meinte der Traumkönig. »Er bellt wie ein Hund, und dabei hat er Kräfte wie ein Riese. Wenn dann die Leute im Traume Angst bekommen, hält er sie an Händen und Beinen fest, dass sie nicht fortkönnen.«

»Den kenne ich auch,« fiel Traumjörge ein. »Wenn man fortwill, ist es einem, als wenn man starr und steif wie ein Stück Holz wäre. Wenn man den Arm aufheben will, geht es nicht, und wenn man die Beine rühren will, geht es auch nicht. Manchmal ist’s aber kein Hund, sondern ein Bär, oder ein Räuber, oder sonst etwas Schlimmes!«

»Ich werde ihnen nie wieder erlauben, dich zu besuchen, Traumjörge,« beruhigte ihn der König. »Nun komm einmal zu den bösen Träumen, aber fürchte dich nicht, sie werden dir keinen Schaden zufügen; sie sind nur für die bösen Menschen.« Damit traten sie in einen ungeheueren Raum ein, der von einer hohen Mauer umgeben und mittelst einer gewaltigen eisernen Türe verschlossen war. Hier wimmelte es von den gräulichsten Gestalten und den entsetzlichsten Ungeheuern. Manche sahen wie Menschen, manche halb wie Menschen, halb wie Tiere, manche ganz wie Tiere aus. Erschrocken wich Traumjörge zurück bis an die eiserne Türe. Doch der König redete ihm freundlich zu und sprach: »Willst du dir nicht genauer besehen, was böse Menschen träumen müssen?« Und er winkte einem Traume, der zunächst stand; das war ein scheußlicher Riese, der hatte unter jedem Arme ein Mühlrad.

»Erzähle, was du heut Nacht tun wirst!« herrschte der König ihn an.

Da zog das Ungeheuer den Kopf in die Schultern und den Mund bis zu den Ohren, wackelte mit dem Rücken wie einer, der sich so recht freut, und sagte grinsend: »Ich gehe zum reichen Mann, der seinen Vater hat hungern lassen. Als der alte Mann sich eines Tages auf die steinerne Treppe vor dem Hause seines Sohnes gesetzt hatte und um Brot bat, kam der Sohn und sagte zum Gesinde: Jagt mir einmal den Hampelmann fort! Da gehe ich nun nachts zu ihm und ziehe ihn zwischen den zwei Mühlrädern durch, bis alle seine Knochen hübsch kurz und klein gebrochen sind. Ist er dann so recht schmeidig und zapplig geworden, so nehme ich ihn am Kragen, schüttle ihn und sage: Siehst du, wie hübsch du nun zappelst, du Hampelmann! Dann wacht er auf, klappert mit den Zähnen und ruft: Frau, bring‘ mir noch ein Deckbett, mich friert. Und wenn er wieder eingeschlafen ist, mache ich’s aufs neue!«

Als Traumjörge dies gehört, drängte er sich mit Gewalt zur Türe hinaus, den König nach sich ziehend, und rief: »Nicht einen Augenblick länger bleibe ich hier bei den bösen Träumen. Das ist ja entsetzlich!«

Doch der König führte ihn nun in einen prächtigen Garten, wo die Wege von Silber, die Beete von Gold und die Blumen von geschliffenen Edelsteinen waren. In dem gingen die guten Träume spazieren. Das erste, was er sah, war ein Traum wie eine junge blasse Frau, die hatte unter dem einen Arme ein Arche Noah, und unter dem andren einen Baukasten.

»Wer ist denn das?« fragte der Traumjörge.

»Die geht abends immer zu einem kleinen kranken Knaben, dem seine Mutter gestorben ist. Am Tag ist er ganz allein, und niemand bekümmert sich um ihn; aber gegen Abend geht sie zu ihm, spielt mit ihm und bleibt die ganze Nacht. Er schläft immer schon sehr früh ein, deshalb geht sie auch so zeitig. Die andren Träume gehen viel später. – Komm nur weiter; wenn du alles sehen willst, müssen wir uns sputen!«

Darauf gingen sie tiefer in den Garten hinein, mitten unter die guten Träume. Es waren Männer, Frauen, Greise und Kinder, alle mit lieben und guten Gesichtern und in den schönsten Kleidern. In den Händen trugen viele von ihnen alle möglichen Dinge, die sich das Herz nur wünschen kann. –

Die Traumprinzessin

Auf einmal blieb Traumjörge stehen und schrie so laut auf, dass alle Träume sich umdrehten.

»Was hast du denn?« fragte der König.

»Da ist ja meine Prinzessin, die mir so oft erschienen ist und mir die Rosen geschenkt hat!« rief Traumjörge ganz entzückt aus.

»Freilich, freilich!« erwiderte jener. »Das ist sie. Nicht wahr, ich habe dir immer einen sehr hübschen Traum geschickt? Es ist beinahe der hübscheste, den ich habe.«

Da lief der Traumjörge auf die Prinzessin zu, die gerade wieder auf ihrer kleinen goldenen Schaukel saß und sich schaukelte. Sobald sie ihn kommen sah, sprang sie herab und ihm gerade in die Arme. Er aber nahm sie an der Hand und führte sie an eine goldene Bank. Da setzten sie sich beide hin und erzählten sich, wie hübsch es wäre, dass sie sich wieder sähen. Und wenn sie damit fertig waren, fingen sie immer wieder von vorn an. Der König der Träume aber ging mittlerweile fortwährend aus dem großen Wege, der gerade durch den Garten ging, auf und ab, die Hände auf dem Rücken, und zuweilen nahm er die Uhr heraus und sah nach, wie spät es wäre, weil der Traumjörge und die Prinzessin immer noch nicht mit dem fertig waren, was sie sich zu erzählen hatten. Zuletzt ging er jedoch wieder zu ihnen und sagte: »Kinder, nun ist es gut! Du, Traumjörge, hast noch weit zu Hause, und über Nacht kann ich dich nicht hier behalten, denn ich habe keine Betten, weil nämlich die Träume nicht schlafen, sondern nachts immer zu den Menschen auf die Erde hinaufgehen müssen; und du, Prinzeßchen, du musst dich fertig machen. Zieh dich heute einmal ganz rosa an und nachher komm zu mir, damit ich dir sage, wem du heute erscheinen, und was du ihm sagen sollst.«

Als dies Traumjörge gehört, ward es ihm auf einmal so mutig ums Herz, wie noch nie in seinem Leben. Er stand auf und sagte mit fester Stimme: »Herr König, von meiner Prinzessin lass‘ ich nun und nimmermehr. Entweder Ihr müsst mich hier unten behalten, oder Ihr müsst mir sie mit auf die Erde geben. Ich kann ohne sie nicht leben, dazu habe ich sie viel zu lieb!« Dabei trat ihm in jedes Auge eine Träne, so groß wie eine Haselnuß.

Ein Traum wird wahr 

»Aber Jörge, Jörge,« erwiderte der König, »es ist ja der allerhübscheste Traum, den ich habe! Doch du hast mir das Leben gerettet, so sei es denn. Nimm deine Prinzessin und steige mit ihr hinauf zur Erde. Sobald du oben angelangt bist, so nimm ihr den silbernen Schleier vom Kopf und wirf ihn mir durch die Falltüre wieder herab. Dann wird deine Prinzessin von Fleisch und Blut wie ein anderes Menschenkind sein; denn jetzt ist es ja nur ein Traum!«

Da bedankte sich Traumjörge auf das herzlichste und sagte: »Lieber König, weil du nun einmal so überaus gut bist, so möchte ich wohl noch eine Bitte wagen. Sieh, eine Prinzessin habe ich nun, doch es fehlt mir immer noch ein Königreich; und es ist doch ganz unmöglich, dass eine Prinzessin ohne ein Königreich sein kann. Kannst du mir denn keins verschaffen, wenn es auch nur ein ganz kleines ist?«

Darauf antwortete der König: »Sichtbare Königreiche, Traumjörge, habe ich zwar nicht zu vergeben, aber unsichtbare; und davon sollst du eins bekommen, und zwar eins der größten und herrlichsten, was ich noch habe.«

Da fragte Traumjörge, wie es mit den unsichtbaren Königreichen beschaffen wäre; indes der König bedeutete ihn, er würde dies schon alles erfahren und sein blaues Wunder erleben, so schön und herrlich sei es mit den unsichtbaren Königreichen.

»Nämlich,« sagte er, »mit den gewöhnlichen, sichtbaren ist es doch zuweilen eine sehr unangenehme Sache. Zum Exempel: du bist König in einem gewöhnlichen Königreiche, und frühmorgens tritt der Minister an dein Bett und sagt: Majestät, ich brauche tausend Taler fürs Reich. Darauf öffnest du die Staatskasse und findest auch nicht einen Heller darin! Was willst du dann anfangen? Oder, zum andren: du bekommst Krieg und verlierst, und der andere König, der dich besiegt hat, heiratet deine Prinzessin; dich aber sperrt er in einen Turm. So etwas kann in einem unsichtbaren Königreiche nicht vorfallen!«

»Wenn wir es nun aber nicht sehen,« fragte Traumjörge, noch immer etwas betreten, »was kann uns dann unser Königreich nützen?«

»Du sonderbarer Mensch,« sagte der König darauf und hielt den Zeigefinger an die Stirn, »du und deine Prinzessin, ihr seht es schon! Ihr seht die Schlösser und Gärten, die Wiesen und Wälder, die zu dem Königreich gehören, wohl! Ihr wohnt darin, geht spazieren und könnt alles damit machen, was euch gefällt; nur die andren Leute sehen es nicht.«

Da war Traumjörge hoch erfreut, denn es war ihm schon etwas ängstlich zumut, ob die Leute im Dorf ihn nicht scheel ansehen würden, wenn er mit seiner Prinzessin nach Hause käme und König wäre. Er nahm sehr gerührt Abschied vom König der Träume, stieg mit der Prinzessin die fünfhundert Stufen hinauf, nahm ihr den silbernen Schleier vom Kopf und warf ihn hinunter. Darauf wollte er die Falltüre zumachen, aber sie war sehr schwer. Er konnte sie nicht halten und ließ sie fallen. Da gab es einen ungeheuren Knall, fast so arg, als wenn viele Kanonen auf einmal losgeschossen werden, und es vergingen ihm auf einen Augenblick die Sinne. Als er wieder zu sich kam, saß er vor seinem Häuschen auf dem alten Mühlstein und neben ihm die Prinzessin, und sie war von Fleisch und Blut, wie ein gewöhnliches Menschenkind. Sie hielt seine Hand, streichelte sie und sagte: »Du lieber, guter, närrischer Mensch, du hast dich so lange nicht getraut, mir zu sagen, wie lieb du mich hast? Hast du dich denn vor mir gefürchtet?« –

Und der Mond ging auf und beleuchtete den Fluss, die Wellen schlugen klingend ans Ufer und der Wald rauschte; doch sie saßen immer noch und schwatzten. Da war es plötzlich, als wenn eine kleine, ganz schwarze Wolke vor den Mond träte, und auf einmal fiel etwas vor ihre Füße nieder, wie ein großes zusammengelegtes Tuch. Darauf stand der Mond wieder in vollem Glanze. Sie hoben das Tuch auf und breiteten es auseinander. Es war aber sehr fein und viele hundert Male zusammengelegt, so dass sie viel Zeit brauchten. Als sie es vollständig auseinandergefaltet hatten, sah es aus wie eine große Landkarte. In der Mitte ging ein Fluss, und zu beiden Seiten waren Städte, Wälder und Seen. Da merkten sie, dass es ein Königreich war, und dass es der gute Traumkönig ihnen vom Himmel hatte herunterfallen lassen. Und als sie sich nun ihr kleines Häuschen besahen, war es zu einem wundervollen Schlosse geworden, mit gläsernen Treppen, Wänden von Marmelstein, Tapeten von Samt und spitzen Türmen mit blauen Schieferdächern. Da fassten sie sich an und gingen in das Schloss hinein, und als sie eintraten, waren schon die Untertanen versammelt und verneigten sich tief. Pauken und Trompeten erschallten, und Edelknaben gingen vor ihnen her und streuten Blumen. Da waren sie König und Königin. – –

Die Ignoranz der gewöhnlichen Leute

Am andren Morgen aber lief es wie ein Feuer durch das Dorf, dass der Traumjörge wiedergekommen sei und sich eine Frau mitgebracht habe. »Das wird auch was recht Gescheites sein,« sagten die Leute. »Ich habe sie heute früh schon gesehen,« fiel einer von den Bauern ins Wort, »als ich in den Wald ging. Sie stand mit ihm vor der Türe. Es ist nichts Besonderes, eine ganz gewöhnliche Person, klein und schmächtig. Ziemlich ärmlich war sie auch angezogen. Wo soll’s denn am Ende auch herkommen! Er hat nichts, da wird sie wohl auch nichts haben!«

So schwatzten sie, die dummen Leute; denn sie konnten es nicht sehen, dass es eine Prinzessin war. Und dass das Häuschen sich in ein großes, wundervolles Schloss verwandelt hatte, bemerkten sie in ihrer Einfalt auch nicht, denn es war eben ein unsichtbares Königreich, was dem Traumjörge vom Himmel herabgefallen war. Aus diesem Grunde bekümmerte er sich auch um die dummen Leute gar nicht, sondern lebte in seinem Königreiche und mit seiner lieben Prinzessin herrlich und vergnügt. Und er bekam sechs Kinder, eins immer schöner wie das andere, und das waren lauter Prinzen und Prinzessinnen. Niemand aber wusste es im Dorf, denn das waren ganz gewöhnliche Leute und viel zu einfältig, um es einzusehen. 


Quelle: nach Richard-Leander, Träumereien an französischen Kaminen

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Die kleine Meerjungfrau (20-25 min)

Die kleine Meerjungfrau (20-25 min)

Die kleine Meerjungfrau

Lesezeit: 20-25 min
Die Unterwasserwelt und ihre Bewohner 

Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blüten der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas; aber es ist dort außerordentlich tief, tiefer, als irgend ein Ankertau reicht, und es müssten viele Kirchtürme aufeinander gestellt werden, um vom Grunde über das Wasser empor zu reichen. Dort unten wohnt das Meervolk.

Nun muss man aber nicht etwa denken, es sei dort unten nur der nackte weiße Sandboden, durchaus nicht. Da wachsen die merkwürdigsten Bäume und Pflanzen, die so geschmeidige Stiele und Blätter haben, dass sie sich bei der geringsten Bewegung des Wassers hin und her wiegen. Die kleinen und großen Fische schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch, wie hier oben die Vögel durch die Bäume. An der tiefsten Stelle liegt das Schloss des Meerkönigs, die Mauern sind von Korallen und die hohen Spitzbogenfenster von klarsten Bernstein; das Dach aber ist aus Muschelschalen gebildet, die sich je nach der Strömung des Wassers öffnen und schließen. Das sieht wunderbar schön aus; denn in all den Muscheln liegen glänzende Perlen, von denen eine einzige schon ein kostbarer Schmuck in der Krone einer Königin wäre.

Der Meerkönig dort unten war schon seit vielen Jahren Witwer, und seine alte Mutter führte ihm daher die Wirtschaft. Sie war eine kluge Frau, aber sehr stolz auf ihren Adel. Deshalb trug sie auch zwölf Austern auf ihrem Schwanz, während die andren Adeligen nur sechs tragen durften. Sonst verdiente sie alles Lob, besonders weil sie ihre Enkelinnen, die kleinen Meerprinzessinnen, herzlich lieb hatte. Es waren sechs reizende Kinder, aber die jüngste der Prinzessinnen war doch die schönste von allen. Ihre Haut war so zart und fein wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie der tiefste See; aber wie alle die andren hatte auch sie keine Füße, sondern der Körper endete in einem Fischschwanz.

Den ganzen Tag durften die Kinder unten im Schloss in den großen Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wänden hervorwuchsen, spielen. Die großen Bernsteinfenster wurden aufgemacht, und dann schwammen die Fische zu ihnen hinein, gerade wie bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir die Fenster aufmachen. Doch die Fische schwammen zu den kleinen Prinzessinnen hin, fraßen ihnen aus den Händen und ließen sich streicheln.

Vor dem Schlosse war ein großer Garten mit feuerroten und dunkelblauen Bäumen; die Früchte strahlten wie Gold und die Blumen wie brennendes Feuer, während sie die Stengel und Blätter unaufhörlich bewegten. Die Erde selbst war der feinste Sand, aber blau wie die Flamme des brennenden Schwefels. Über dem Ganzen lag ein merkwürdig blauer Schein; man hätte eher glauben können, dass man hoch droben in der Luft stehe und über und unter sich nur Himmel habe, als dass man auf dem Grunde des Meeres sei. Bei Windstille konnte man die Sonne erblicken, aber sie erschien wie eine Purpurblume, aus deren Kelch alles Licht strömte.

Jede der kleinen Prinzessinnen hatte ein Gärtchen, wo sie nach Belieben graben und pflanzen konnten. Die eine gab ihrem Blumenbeet die Gestalt eines Walfischs; einer andren gefiel es besser, dass das ihrige einem Meerweibchen gleiche; die jüngste jedoch machte es rund wie die Sonne und pflanzte nur Blumen, die rot wie diese leuchteten. Sie war überhaupt ein sonderbares Kind, still und nachdenklich, und wenn die andren Schwestern die merkwürdigen Sachen, die von gestrandeten Schiffen in die Tiefe hinabsanken, aufstellten, wollte sie außer den rosenroten Blumen, die der Sonne dort oben glichen, nur eine hübsche Marmorstatue haben, die einmal auf den Meeresgrund gesunken war und einen wunderschönen Knaben, aus schneeweißem Stein gehauen, vorstellte.

Die kleine Prinzessin pflanzte nun neben die Statue eine rosenrote Trauerweide; die wuchs herrlich empor und bildete mit ihren frischen Zweigen, die hin- und herschwankten und bis auf den blauen Sandboden herunterhingen, eine Laube, unter der der Schatten ganz veilchenblau erschien. Die größte Freude aber war für sie, von der Menschenwelt da droben erzählen zu hören. Die Großmutter musste alles, was sie von Schiffen und Städten, Menschen und Tieren wusste, immer und immer wieder erzählen. Ganz besonders merkwürdig und schön aber fand sie es, dass oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn das war bei den ihrigen nicht der Fall, und dass die Wälder dort grün waren, und dass die Fische, die man dort auf den Bäumen sah, laut und herrlich singen konnten, dass es eine wahre Lust war. Die kleinen Vögel nannte die Großmutter nämlich Fische; sonst hätte die Enkelin sie nicht verstanden, da sie noch keinen Vogel gesehen hatte.

»Wenn ihr fünfzehn Jahre alt seid«, sagte die Großmutter, »dann dürft ihr aus dem Meere emporsteigen, im Mondschein auf der Klippe sitzen und die großen Schiffe vorbeisegeln sehen, und dann werdet ihr auch Wälder und Städte mit euren eigenen Augen erblicken.«

Im nächsten Jahr wurde eine der Schwestern fünfzehn Jahre alt; aber von den andren war die eine immer ein Jahr jünger als die andere, und die jüngste musste also noch volle fünf Jahre warten, ehe sie von dem Grunde des Meeres aufsteigen und sehen durfte, wie es bei uns hier oben aussieht. Aber sie versprachen einander, sich ganz genau zu erzählen, was sie erblickten, und was ihnen am ersten Tag am besten gefallen habe. Denn die Großmutter erzählte ihnen lange nicht genug; es gab noch so vieles, worüber sie gerne Auskunft gehabt hätten.

Keine aber sehnte sich mehr nach diesen Nachrichten als die jüngste der Schwestern, gerade sie, die noch am längsten zu warten hatte und die stets so still und gedankenvoll war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah durch das dunkelblaue Wasser, wo die Fische mit ihren Schwänzen plätscherten, empor. Mond und Sterne konnte sie sehen. Diese hatten freilich nur einen ganz bleichen Schimmer; aber durch das Wasser sahen sie größer aus als vor unsern Augen. Zog dann etwas, einer schwarzen Wolke gleich, unter ihr hin, so wusste sie, dass es entweder ein Walfisch war, der über ihr hinschwamm, oder ein Schiff mit vielen Menschen darauf. Ach, diese dachten sicher nicht daran, dass ein schönes, kleines Meermädchen unten stehe und ihre weißen Hände zum Kiel des Schiffes emporstrecke.

Die Rettung des Prinzen

Endlich war sie denn auch fünfzehn Jahre alt.

»So, nun bist du erwachsen«, sagte die Großmutter. »Komm, ich will dich schmücken wie deine andren Schwestern.« Sie setzte ihr einen Kranz von Wasserlilien aufs Haar, von denen jedes Blumenblatt die Hälfte einer Perle war, und dann befahl die Großmutter acht Austern, sich im Schweife der Prinzessin festzuklemmen, um ihren hohen Rang anzudeuten.

»Das tut mir weh!« sagte die Meernixe.

»Ja, wer schön sein will, muss leiden«, sagte die Großmutter. Ach, wie gerne hätte die Kleine auf all diese Pracht verzichtet und den schweren Kranz abgelegt! Die roten Blumen aus ihrem Garten standen ihr gewiss viel besser. Aber sie musste sich eben den Wünschen der Großmutter fügen.

»Lebt wohl!« sprach sie und stieg dann klar und leicht wie eine Blase aus dem Wasser auf.

Die Sonne war eben untergegangen, als sie den Kopf über die Meeresfläche erhob. Aber alle Wolken schimmerten noch goldig rot, und inmitten der blassroten Luft leuchtete der Abendstern hell und schön; die Luft war mild und frisch und das Meer spiegelglatt. Da lag ein großer Dreimaster. Nur ein einziges Segel war aufgezogen; denn es regte sich kein Lüftchen, und im Tauwerk und auf den Rahen saßen die Matrosen. Musik und Gesang ertönte, und als es dunkelte, wurden Hunderte von Laternen angezündet, so dass es aussah, als ob die Flaggen aller Nationen in der Luft wehten. Die Nixe schwamm dicht bis an das Kajütenfenster, und jedesmal, wenn das Wasser sie emporhob, konnte sie durch die spiegelklaren Scheiben hineinblicken. Viele geputzte Menschen waren drinnen, aber der schönste von allen war doch der junge Prinz mit den großen, schwarzen Augen. Er war sicher nicht viel über sechzehn Jahre alt. Es war heute sein Geburtstag, und deshalb wurde das Fest gefeiert. Die Matrosen tanzten auf dem Verdeck, und als der junge Prinz zu ihnen trat, stiegen über hundert Raketen hoch in die Luft empor; sie leuchteten wie der helle Tag, so dass die Meernixe heftig erschrak und rasch unter das Wasser tauchte. Aber bald streckte sie wieder das Köpfchen hervor, und da war es ihr, als ob alle Sterne zu ihr herunterfielen. Noch nie hatte sie solch ein Feuerwerk gesehen. Große Sonnen drehten sich zischend und sprühend im Kreise; prächtige Feuerfische schwangen sich in die blaue Luft, und alles spiegelte sich in der klaren See. Auf dem Schiffe selbst war es so hell, dass man jedes kleine Tau, wie viel mehr also die Menschen, sehen konnte. O, wie schön war doch der junge Prinz! Er drückte den Leuten freundlich lächelnd die Hand, während die Musik durch die stille Nacht erklang.

Es wurde spät; aber die Meerprinzessin konnte ihre Augen nicht von dem Schiffe und von dem schönen Prinzen abwenden. Die bunten Laternen wurden ausgelöscht; es stiegen keine Raketen mehr in die Höhe, und es ertönten auch keine Kanonenschüsse mehr; nur tief unten im Meere wogte und rauschte es dumpf. Die Nixe aber saß auf dem Wasser und schaukelte auf und nieder, dass sie in die Kajüte hineinblicken konnte. Aber nun erhob sich der Wind und das Schiff fuhr schneller dahin; ein Segel nach dem andren blähte sich; die Wogen gingen stärker; schwarze Wolken stiegen auf; es blitzte am Horizont, ja, ein schrecklicher Sturm brach los, und eilig refften die Matrosen die Segel. Das große Schiff schoss in rasender Eile durch die wilde See; die Wogen erhoben sich wie riesengroße, schwarze Berge, die über die Masten hereinzustürzen drohten; aber wie ein Schwan hob und senkte sich das Schiff aus der grollenden, schäumenden Flut. Der Meernixe erschien es eine recht lustige Fahrt zu sein, den Matrosen aber durchaus nicht. Das Schiff knackte und krachte; die dicken Planken bogen sich bei dem heftigen Wogenprall; der Hauptmast brach mitten durch, als ob er nur ein schwaches Rohr wäre, und das Schiff legte sich auf die Seite, während das Wasser hineindrang. Nun sah die Nixe, dass die Mannschaft in Gefahr war; sie musste sich selbst auch vor den Balken und Schiffstrümmern, die auf dem Wasser trieben, in acht nehmen. Einen Augenblick war es so finster, dass sie nicht das geringste unterscheiden konnte. Aber wenn es dann blitzte, wurde es wieder so hell, dass sie jeden einzelnen Menschen auf dem Schiffe erkannte; besonders suchte ihr Auge den jungen Prinzen, und als das Schiff barst, sah sie ihn in das tiefe Meer versinken. Zuerst freute sie sich darüber, nun kam er ja zu ihr hinunter! Aber da fiel ihr ein, dass die Menschen im Wasser nicht leben können, und dass er also nur tot zum Schlosse ihres Vaters hinuntergelangen würde. Aber sterben, nein, das durfte er nicht! So schwamm sie zwischen Balken und Planken, die auf der See trieben, umher und vergaß ganz, dass diese sie hätten zerquetschen können. Tief tauchte sie unter das Wasser und stieg wieder hoch zwischen den Wogen empor und erreichte so schließlich den Prinzen, der sich kaum noch auf der stürmischen See halten konnte. Seine Arme und Beine begannen zu ermatten; seine schönen Augen schlossen sich, und er hätte sterben müssen, wenn die Nixe nicht eben herbeigekommen wäre. Sie hielt seinen Kopf über das Wasser empor und ließ sich dann mit ihm aufs Geratewohl von den Wogen forttreiben.

Am nächsten Morgen war der Sturm vorüber, von dem Schiffe aber war keine Spur mehr zu entdecken. Rot und glänzend stieg die Sonne aus dem Wasser empor, und es war, als ob des Prinzen Wangen Leben dadurch erhielten, aber seine Augen blieben geschlossen. Die Meernixe küsste ihn auf seine schöne, hohe Stirne, und es kam ihr vor, als ob er der Marmorstatue in ihrem kleinen Garten gleiche. Sie küsste ihn wieder und wieder und wünschte innig, dass er doch wieder zum Leben erwache. Nun erblickte sie vor sich das Festland: hohe blaue Berge, auf deren Gipfel der weiße Schnee glänzte, als seien es Schwäne, die dort ruhten; unten an der Küste waren herrliche, grüne Wälder, und am Ufer lag eine Kirche oder ein Kloster, das wusste sie nicht recht, aber ein Gebäude war es.

Zitronen- und Apfelsinenbäume wuchsen im Garten, und vor dem Tore standen hohe Palmbäume. Das Meer bildete hier eine kleine Bucht, wo das Wasser ruhig, aber sehr tief und rings von Klippen umgeben war. Hierher schwamm sie mit dem Prinzen, legte ihn auf den feinen, weißen Sand und war besonders darauf bedacht, dass der Kopf im Sonnenscheine erhöht lag.

Nun läuteten alle Glocken in dem weißen Gebäude, und viele junge Mädchen kamen in den Garten heraus. Da schwamm die Nixe weiter hinaus hinter einige Felsen, die aus dem Wasser hervorragten, bedeckte ihr Haar und ihre Brust mit weißem Meeresschaum, so dass niemand ihr süßes Gesichtchen sehen konnte, und dann passte sie auf, wer wohl den armen Prinzen finden würde.

Es währte auch gar nicht lange, da kam ein junges Mädchen dorthin. Sie schien heftig zu erschrecken, aber nur einen Augenblick; dann holte sie andere Leute herbei, und die Meernixe sah, dass der Prinz wieder zu sich kam, und dass er alle anlächelte. Nur ihr, seiner Retterin, lächelte er nicht zu; allein er wusste ja gar nicht, dass sie ihn gerettet hatte. Da wurde ihr das Herz recht schwer, und als er in das große Gebäude hineingeführt wurde, tauchte sie traurig unter das Wasser und kehrte zum Schloss ihres Vaters zurück.

Das Königreich des Prinzen

Von nun an stieg sie des Morgens und des Abends oft hinauf und suchte die Stelle, wo sie den Prinzen verlassen hatte. Sie sah, wie die Früchte des Gartens reiften und abgepflückt wurden, sah, wie der Schnee auf den hohen Bergen schmolz; aber den Prinzen sah sie nicht wieder und kehrte jedesmal betrübter heim.

Ihr einziger Trost war, in ihrem Gärtchen zu sitzen und die Arme um die schöne Marmorstatue, die dem Prinzen glich, zu schlingen. Aber ihre Blumen pflegte sie nicht mehr, und so wuchsen diese über die Gänge hinaus und verflochten ihre langen Stiele und Blätter mit den Zweigen der Bäume, so dass es dort ganz dunkel wurde.

Zuletzt konnte sie es nicht mehr länger aushalten; sie klagte ihr Leid einer ihrer Schwestern, und dann erfuhren es auch die andren, aber niemand weiter als diese und einige andere Meermädchen, die es nur ihren nächsten Freundinnen mitteilten. Eine von ihnen wusste denn auch, wo der Prinz war; sie hatte jenes Fest auf dem Schiffe auch gesehen und konnte Auskunft geben, wo er war und wo sein Königreich lag.

»Komm, Schwesterchen!« sagten die andren Prinzessinnen; und die Arme ineinander geschlungen, stiegen sie in einer langen Reihe an der Stelle, wo des Prinzen Schloss lag, aus dem Wasser empor.

Das Schloss war aus einer hellgelben, glänzenden Steinart gebaut und hatte große Marmortreppen, deren eine bis zum Meer hinabführte.

Prächtige, vergoldete Kuppeln zierten das hohe Dach, und zwischen den Säulen, die das ganze Gebäude umgaben, standen Marmorbilder, die wie lebendige Wesen aussahen. Durch die hohen Fenster sah man in die prächtigen Säle hinein, wo kostbare seidene Vorhänge hingen und alle Wände mit schönen Gemälden geschmückt waren, so daß es ein großer Genuß war, hineinzuschauen. Mitten in dem größten Saale war ein hoher Springbrunnen, und dessen Strahlen erhoben sich bis zu der Glaskuppel an der Decke, durch die die Sonne auf das Wasser und die Pflanzen, die in dem großen Bassin wuchsen, herabschien.

Nun wusste die Nixe doch, wo der Prinz wohnte, und dort weilte sie nun manchen Abend und manche Nacht auf dem Wasser. Sie schwamm viel weiter ans Land, als die andren Schwestern es je gewagt hatten, ja, sie ging sogar den schmalen Kanal hinauf, bis unter die prächtige Marmorterrasse, die weit über das Wasser hinausragte. Hier saß sie und betrachtete den jungen Prinzen, der meinte, er sei ganz allein in dem hellen Mondschein.

Sie sah ihn manchen Abend mit Musik in seinem prächtigen, mit Flaggen geschmückten Boote auf dem Wasser fahren. Dann lauschte sie aus dem grünen Schilfe hervor, und wenn der Wind durch ihren langen, silberweißen Schleier wehte, so hätte man glauben können, es sei ein Schwan, der die Flügel ausbreitete. Manchmal, wenn die Fischer mit Fackeln auf dem Fischfang waren, hörte sie viel Gutes von dem Prinzen erzählen, und dann freute sie sich, dass sie ihm das Leben gerettet hatte, damals, als er halb tot auf den Wogen umhertrieb. Und sie dachte daran, wie fest sein Haupt an ihrem Busen geruht und wie innig sie ihn damals geküsst hatte. Aber er wusste ja gar nichts davon und konnte also nicht einmal von ihr träumen.

Mehr und mehr fing sie an, die Menschen zu lieben, mehr und mehr wünschte sie unter ihnen umherwandeln zu können, unter ihnen, deren Welt weit größer zu sein schien als die ihrige. Sie konnte ja auf Schiffen über das Meer fliegen, auf den hohen Bergen zu den Wolken emporsteigen, und ihre Länder erstreckten sich mit Wäldern und Feldern weiter, als ihre Blicke reichten. Es gab so vieles, was sie gerne gewusst hätte; aber ihre Schwestern konnten ihre Fragen nicht alle beantworten. Deshalb ging sie zu der Großmutter. Diese kannte die Oberwelt recht gut, die sie sehr richtig »die Länder über dem Meere« nannte.

Die Menschen und die Meermenschen

»Wenn nun die Menschen nicht ertrinken«, fragte das Meermädchen, »können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht, wie wir hier unten im Meere?«

»Doch«, sagte die Alte, »sie müssen auch sterben, und ihr Leben währt sogar noch kürzer als das unsere. Wir können dreihundert Jahre alt werden; aber wenn unser Dasein aufhört, werden wir in Meeresschaum verwandelt und haben nicht einmal ein Grab hier unten unter unsern Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele und können darum auch nicht auferstehen. Wir sind gleich dem grünen Schilfe: ist das einmal durchschnitten, so kann es nicht wieder grünen. Die Menschen dagegen haben eine Seele, die unsterblich ist, ja, die noch weiter lebt, selbst wenn der Körper zu Erde geworden ist. Sie steigt dann durch die klare Luft empor, hinauf zu den glänzenden Sternen. So wie wir aus dem Wasser auftauchen und die Länder der Erde erblicken, so steigt die Menschenseele zu unbekannten herrlichen Orten empor, die wir nie zu sehen bekommen.«

»Warum wurde denn uns keine unsterbliche Seele zuteil?« fragte die Nixe betrübt. »Ich würde gleich meine dreihundert Jahre, die mir beschieden sind, hingeben, wenn ich dafür nur einen Tag ein Mensch sein könnte und dann auch Anteil an der himmlischen Welt bekäme.«

»So musst du nicht denken«, sagte die Alte; »wir fühlen uns weit glücklicher und haben es viel besser als die Menschen dort oben.«

Die Meerprinzessin klagte: »Ich muss also sterben und als Schaum auf dem Meere dahintreiben! Ich werde dann die Musik der Wogen nicht mehr hören, die schönen Blumen und die rote Sonne nicht mehr sehen! Kann ich denn gar nichts tun, um eine unsterbliche Seele zu erlangen?«

»Nein«, sagte die Alte, »nur wenn ein Mensch dich so lieb gewinnen würde, dass du ihm wichtiger wärst als Vater und Mutter. Wenn er mit all seinen Gedanken und all seiner Liebe nur dich begehrte und den Priester seine rechte Hand in die deinige legen ließe zum Treuebund für Zeit und Ewigkeit, dann würde seine Seele in deinen Körper überfließen, und du erhieltest Anteil an der Glückseligkeit, die dem Menschen beschieden ist. Er gäbe dir eine Seele und behielte doch seine eigene. Allein das wird nie geschehen; was wir hier im Meere gerade so schön finden, nämlich den Fischschwanz, das gilt dort auf der Erde für hässlich; die Menschen verstehen es eben nicht besser. Um schön zu sein, muss man dort zwei plumpe Pfosten haben, die sie Beine nennen.«

Da seufzte die Nixe und betrachtete betrübt ihren Fischschwanz.

»Komm, wir wollen zufrieden und vergnügt sein!« sagte die Alte. »Hüpfen und springen wollen wir in den dreihundert Jahren unserer Lebenszeit. Das ist fürwahr lange genug. Später kann man um so friedlicher ausruhen. Komm, heute Abend ist großer Ball im Schlosse.«

Der Unterwasser-Ball 

Und das war eine Pracht, wie man sie nie auf Erden gesehen hat! Die Wände und die Decken des großen Tanzsaals waren von ganz dickem, aber durchsichtigem Glas. Mehrere hundert riesengroße, rosenrote und grasgrüne Muscheln standen auf jeder Seite des Saals, jede mit einer blauschimmernden Fackel, die den ganzen Raum hell erleuchteten und durch die Wände hindurchschienen, so dass das Schloss in einem Lichtmeer zu stehen schien. Man konnte unzählige große und kleine Fische sehen, die gegen die Glasmauern schwammen; auf einigen glänzten die Schuppen purpurrot, auf andren erschienen sie wie Silber und Gold. Mitten durch den Saal floss ein breiter Strom, und auf diesem tanzten die Meermänner und Meerweibchen zu ihrem eigenen, lieblichen Gesang. Solch schöne Stimmen haben die Menschen auf der Erde nicht; aber die jüngste Meerprinzessin sang am allerschönsten, und der ganze Hof klatschte mit den Händen und Schwänzen Beifall. Einen Augenblick fühlte sie sich auch in dem Bewusstsein, dass sie auf der ganzen Erde und im Meere die allerschönste Stimme habe, hoch beglückt; allein bald musste sie wieder an die Welt über sich denken. Sie konnte den schönen Prinzen und ihr Herzeleid darüber, dass sie nicht auch eine unsterbliche Seele besaß, nicht vergessen. Deshalb schlich sie aus ihres Vaters Schloss hinaus, und während drinnen eitel Gesang und Frohsinn herrschte, saß die betrübt in ihrem kleinen Garten. Da hörte sie eine Musik durch das Wasser herunterschallen und dachte: »Nun fährt er gewiss dort oben vorüber, er, an den ich immer denken muss, er, den ich mehr liebe als Vater und Mutter, er, in dessen Hand ich mein Schicksal legen möchte. Alles, alles will ich wagen, um ihn und eine unsterbliche Seele zu gewinnen! Während meine Schwestern drinnen im Schlosse des Vaters tanzen, will ich zu der Meerhexe gehen, vor der ich mich bis jetzt immer so gefürchtet habe; sie kann mir vielleicht raten und helfen.«

Die Meerhexe

Darauf ging die kleine Prinzessin aus ihrem Garten hinaus und hin zu dem brausenden Strudel, hinter dem die Hexe wohnte. Noch nie hatte sie diesen Weg betreten. Hier wuchsen keine Blumen und kein Seegras; nur der nackte graue Sandboden erstreckte sich bis zum Strudel hin, wo das Wasser gleich rauschenden Mühlrädern herumwirbelte und alles, was es erfasste, mit sich in die Tiefe riss. Zwischen diesen verderbenbringenden Wirbeln musste sie hindurch, um ins Gebiet der Meerhexe zu gelangen, und von hier führte der Weg über warmen, sprudelnden Schlamm, den die Hexe ihr Torfmoor nannte. Dahinter lag ihr Haus mitten in einem seltsamen Walde. Die Bäume und Gebüsche waren nämlich Polypen, halb Tier, halb Pflanzen. Sie sahen aus wie hundertköpfige Schlangen, die aus der Erde hervorwuchsen; die Zweige aber glichen langen, schleimigen Armen mit Fingern wie gelenkige Würmer, und alle Glieder bewegten sich an den Bäumen von der Wurzel bis zum Gipfel. Alles, was sie im Meere erfassen konnten, umschlangen sie fest und ließen es nicht wieder los. Die Prinzessin blieb vor dem Hause der Meerhexe ganz erschrocken stehen; ihr Herz pochte heftig, und sie wäre fast wieder umgekehrt. Aber dann dachte sie an den Prinzen und an die Seele der Menschen, und da fasste sie wieder Mut. Sie band ihr langes Haar fest um den Kopf, damit die Polypen sie nicht daran erfassen könnten, kreuzte die Hände über der Brust und eilte nun so schnell, wie ein Fisch nur immer durchs Wasser schießen kann, durch die gräulichen Polypen hindurch, die ihre geschmeidigen Arme und Finger nach ihr ausstreckten. Sie sah, dass jeder von ihnen irgend etwas erfasst hatte und mit hundert kleinen Armen wie mit eisernen Zangen festhielt. Menschen, die auf der See umgekommen und hinuntergesunken waren, sahen als weiße Gerippe aus ihren Fangarmen hervor; Ruder und Kisten hielten sie fest, auch Skelette von Landtieren und sogar ein kleines Meermädchen, das sie gefangen und erstickt hatten; und das war unserm Meermädchen das Schrecklichste von allem.

Nun kam sie zu einem großen, sumpfigen Platze im Walde, wo gräuliche Wasserschlangen sich herumwälzten. Mitten auf dem Platze stand ein von den Knochen ertrunkener Menschen errichtetes Haus und davor saß die Meerhexe und ließ eine Kröte aus ihrem Mund fressen, wie die Menschen einem Kanarienvögelchen zu essen geben.

»Ich weiß schon, was du willst«, begann die Meerhexe. »Es ist zwar sehr töricht von dir, aber du sollst deinen Willen haben; denn er wird dich ins Unglück stürzen, meine schöne Prinzessin! Du möchtest deinen Fischschwanz los sein und statt dessen zwei Pfosten zum Gehen haben, wie die Menschen, damit sich der junge Prinz in dich verliebt und du ihn und seine unsterbliche Seele bekommen kannst! Du kommst auch gerade zur rechten Zeit; denn nach dieser Nacht könnte ich dir nicht helfen, ehe wieder ein ganzes Jahr vergangen wäre. Ich werde dir einen Trank bereiten, mit dem musst du, ehe die Sonne aufgeht, ans Land schwimmen, dich dort ans Ufer setzen und ihn austrinken. Darauf schrumpft dein Schwanz zu dem zusammen, was die Menschen niedliche Beine nennen. Aber es tut sehr weh, und es wird dir sein, als ob ein scharfes Schwert dich durchdränge. Wer dich sieht, wird sagen, du seist das schönste Menschenkind, das man je gesehen habe. Du behältst einen schwebenden Gang – keine Tänzerin kann so leicht dahingleiten als du – aber bei jedem Schritt wirst du das Gefühl haben, als ob du auf scharfe Messer trätest und dein Blut fließen müsste. Aber wenn du all dies leiden willst, dann werde ich dir helfen.«

»Ja, ich will es«, sagte die Nixe mit bebender Stimme und dachte dabei an den Prinzen und an die unsterbliche Seele.

»Aber bedenke wohl«, sagte die Hexe, »wenn du erst einmal menschliche Gestalt angenommen hast, kannst du nie wieder eine Nixe werden. Niemals kannst du wieder durch das Wasser zu deinen Schwestern, zum Schlosse deines Vaters zurückkehren. Und wenn du die Liebe des Prinzen nicht gewinnst, so dass du ihm mehr bist als Vater und Mutter und er den Priester eure Hände ineinander legen lässt, dass ihr Mann und Frau werdet, so bekommst du keine unsterbliche Seele. Am ersten Morgen, nachdem er sich mit einer andren vermählt hat, wird dein Herz brechen und du wirst zu Schaum auf dem Wasser.«

»Ich will es«, sagte die Meernixe und war dabei bleich wie der Tod.

»Mich aber musst du bezahlen«, sagte die Hexe, »und ich verlange nicht wenig. Von allen hier auf dem Meeresgrunde hast du die schönste Stimme, und du denkst wohl, du könntest den Prinzen damit bezaubern; allein diese Stimme musst du mir geben. Das Beste, was du besitzest, will ich für meinen köstlichen Trank haben; denn ich muss dir ja von meinem eigenen Blut geben, damit der Trank scharf wie ein zweischneidiges Schwert wird.«

»Aber wenn du mir meine Stimme nimmst«, sagte die Nixe, »was bleibt mir dann übrig?«

»Deine schöne Gestalt«, entgegnete die Hexe, »dein schwebender Gang und deine sprechenden Augen. Damit kannst du schon ein Menschenherz bezaubern. Nun, hast du den Mut verloren? Strecke nur deine kleine Zunge heraus, dann schneide ich sie ab, nehme sie als Zahlung, und du erhältst den Zaubertrank.«

»So sei es!« sagte die Nixe, und sogleich setzte die Hexe ihren Kessel auf, um den Trank zu kochen. »Reinlichkeit ist das halbe Leben!« sagte sie und scheuerte den Kessel mit einer Hand voll Schlangen aus. Dann ritzte sie sich in die Brust und ließ ihr scharfes Blut hineintröpfeln. Es zischte und brodelte in dem Kessel, dass es einem ganz angst und bange dabei wurde. Jeden Augenblick warf die Hexe neue Zutaten hinein, und es stieg ein schrecklicher Dampf auf. Endlich war der Trank fertig, und da sah er wie das klarste Wasser aus.

»Da hast du ihn!« sagte die Hexe, und darauf schnitt sie der Nixe die Zunge ab, die nun stumm war und weder singen noch sprechen konnte. »Sollten die Polypen dich ergreifen wollen, wenn du durch meinen Wald zurückgehst«, fuhr die Hexe fort, »so besprenge sie nur mit einem Tropfen dieses Getränks, davon zerspringen ihre Arme und Finger.«

Aber das brauchte die Meerprinzessin nicht zu tun; die Polypen zogen sich erschrocken zurück, als sie den hellen Trank erblickten, der wie ein funkelnder Stern in ihrer Hand leuchtete. So eilte sie rasch durch den Wald, das Moor und den brausenden Strudel zurück.

Jetzt konnte sie schon das Schloss ihres Vaters sehen; die Fackeln in dem großen Saale waren erloschen; sie schliefen wohl schon alle dort drinnen. Sie wagte es jedoch nicht, sie aufzusuchen, jetzt, da sie stumm war und die Ihrigen für immer verlassen wollte, aber es war ihr, als ob ihr Herz vor Schmerz brechen sollte. Sie schlich in den Garten hinein, pflückte von jedem der Blumenbeete der Schwestern eine Blume, warf dem Schlosse viele tausend Kußhände zu und stieg durch die dunkelblaue See empor.

Die Meerprinzessin an Land 

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie am Schlosse des Prinzen anlangte und die prächtigen Marmortreppen hinaufstieg; es war heller, klarer Mondschein. Nun trank die Meerprinzessin den brennend scharfen Trank, und da war es ihr, als ginge ein zweischneidiges Schwert durch ihren zarten Körper; sie verlor das Bewusstsein und lag wie tot da. Als die Sonne auf das Meer schien, erwachte sie und fühlte einen stechenden Schmerz; aber gerade vor ihr stand der schöne, junge Prinz und heftete seine schwarzen Augen auf sie, so dass sie die ihrigen niederschlagen musste. Da gewahrte sie, dass ihr Fischschwanz verschwunden war, und sie die niedlichsten weißen Beine hatte, die nur ein Mädchen haben kann. Aber sie war nackt, und so hüllte sie sich in ihr langes, dichtes Haar wie in einen Mantel. Der Prinz fragte sie, wer sie sei, und wie sie hierhergekommen. Sie sah ihn mit ihren dunkelblauen Augen freundlich und doch tieftraurig an, sprechen konnte sie ja nicht. Da nahm er sie bei der Hand und führte sie hinein in sein Schloss. Bei jedem Schritt, den sie machte, war es ihr, wie die Hexe es im voraus gesagt hatte, als trete sie auf lauter spitzige Nadeln und scharfe Messer; aber das ertrug sie gern. An des Prinzen Hand schritt sie so leicht wie eine Seifenblase dahin, und er sowie alle andren verwunderten sich über ihren anmutigen, schwebenden Gang.

Nun wurde sie in herrliche Kleider von Seide und Musselin gehüllt; im Schlosse war sie die schönste von allen, aber stumm war sie, konnte weder singen noch sprechen. Herrliche Sklavinnen, in Seide und Gold gekleidet, kamen herbei und sangen vor dem Prinzen und seinen königlichen Eltern; eine sang schöner als die andere, und dann klatschte der Prinz in die Hände und lächelte ihr zu. Da wurde die kleine Meerprinzessin sehr betrübt, sie wusste, dass sie selbst noch viel schöner gesungen hatte und dachte: »Ach, wenn er nur wüsste, dass ich meine Stimme für Zeit und Ewigkeit hingegeben habe, um bei ihm sein zu dürfen.«

Nun tanzten die Sklavinnen reizende schwebende Tänze zu einer lieblichen Musik. Da erhob die Nixe ihre schönen, weißen Arme, richtete sich auf den Fußspitzen auf, schwebte anmutig über den Boden hin und tanzte so schön, wie man noch nie jemand hatte tanzen sehen. Bei jeder Bewegung trat ihre Schönheit deutlicher hervor, und ihre Augen sprachen inniger zum Herzen als der Gesang der Sklavinnen.

Alle waren entzückt davon und ganz besonders der Prinz, der sie sein liebes kleines Findelkind nannte. Sie aber tanzte immer weiter, obgleich es ihr jedesmal, wenn ihr Fuß die Erde berührte, war, als ob sie auf scharfe Messer träte. Der Prinz sagte, sie müsse immer bei ihm bleiben; und sie erhielt die Erlaubnis, vor seiner Türe auf einem Samtkissen zu schlafen. Er ließ ihr auch Männerkleider machen, damit sie ihn zu Pferde begleiten konnte. Dann ritten sie miteinander durch die duftenden Wälder, wo die grünen Zweige ihre Schultern streiften und die Vögel zwischen den Blättern sangen. Sie erstieg mit dem Prinzen die hohen Berge, und als ihre zarten Füße bluteten, dass selbst die Begleiter es wahrnehmen konnten, lachte sie nur darüber und stieg mit dem Prinzen immer höher hinauf, bis sie die Wolken unter sich dahinsegeln sahen gleich einem Schwarm Vögel, die nach wärmeren Ländern ziehen.

Daheim auf des Prinzen Schlosse, wenn nachts die andren schliefen, setzte sie sich auf die breite Marmortreppe unten am Meeresrand und kühlte ihre brennenden Füße im kalten Seewasser; das tat ihr wohl, und dann gedachte sie der Ihrigen dort unten in der Tiefe. Eines Nachts erschienen plötzlich ihre Schwestern Arm in Arm über der Meeresfläche. Sie sangen wehmütige Lieder, während sie durch das Wasser schwammen. Die Nixe winkte ihnen, und da erkannten sie die Schwester und erzählten ihr, wie betrübt sie alle über ihr Fortgehen seien. Von nun an besuchten die Schwestern sie jede Nacht, und einmal erblickte sie sogar die alte Großmutter, die seit vielen Jahren nicht mehr an der Oberfläche des Meeres gewesen war, sowie auch den Meerkönig mit seiner Krone auf dem Haupte. Sie streckten die Hände nach ihr aus, wagten sich aber beide nicht so nahe ans Land als die Schwestern.

Mit jedem Tage gewann die kleine Meerprinzessin den Prinzen lieber, und auch er liebte sie, wie man ein gutes, süßes Kind lieb hat, aber er dachte nicht daran, sie zur Königin zu machen, und seine Frau musste sie doch werden, sonst bekam sie ja keine unsterbliche Seele und mußte an seinem Hochzeitstage zu Schaum auf dem Wasser werden.

»Liebst du mich nicht mehr als alle die andren?« schienen die Augen der Nixe zu fragen, wenn er sie in seine Arme schloss und auf die schöne Stirne küsste.

»Ja, du bist mir die liebste«, sagte der Prinz; »denn du hast von allen das beste Herz. Du bist mir am treuesten ergeben und du gleichst einem jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber wohl nie wiederfinden werde. Ich war auf einem Schiffe, das scheiterte. Die Wogen warfen mich in der Nähe eines Tempels ans Land, wo mehrere junge Mädchen den Gottesdienst verrichteten; die jüngste von ihnen fand mich am Ufer und rettete mich vom Tode. Ich sah sie nur zweimal, aber sie wäre die einzige, die ich auf dieser Welt lieben könnte. Allein du gleichst ihr und verdrängst beinahe ihr Bild aus meiner Seele. Sie ist dem heiligen Tempel geweiht, und nun hat mir ein freundliches Geschick dich gesendet. Wir wollen uns nie wieder trennen.«

»Ach, er weiß nicht, dass ich es war, die ihm das Leben gerettet hat!« dachte die kleine Nixe. »Ich trug ihn durch die Wogen zum Walde hin, wo der Tempel steht; ich wartete hinter dem Schaum verborgen, ob nicht bald Menschen kommen würden. Ich sah das schöne Mädchen, das er mehr liebt als mich!« Sie seufzte tief auf; denn weinen konnte sie ja nicht. »Das Mädchen ist dem heiligen Tempel geweiht, so hatte er gesagt«, dachte sie weiter. »Nie wird es also in die Welt hinauskommen, und nie werden sich die beiden wieder begegnen. Ich aber bin bei ihm und sehe ihn jeden Tag; ich will ihn pflegen, lieben und ihm mein Leben opfern.«

Die Vermählung des Prinzen

Aber nun sollte sich der Prinz vermählen, und zwar, wie es hieß, mit der schönen Tochter des Nachbarkönigs. Deshalb wurde ein prächtiges Schiff ausgerüstet. »Es heißt allerdings«, sagten die Leute, »der Prinz wolle nur die Länder des Nachbarkönigs besichtigen, allein es geschieht doch nur, um dessen Tochter zu sehen. Ein großes Gefolge wird ihn begleiten.« Die Nixe aber schüttelte den Kopf und lächelte; sie kannte ja des Prinzen Gedanken weit besser als alle andren. »Ja, ich muss allerdings hinreisen«, hatte er zu ihr gesagt, »um die schöne Prinzessin zu sehen. Meine Eltern verlangen es, aber sie werden mich nicht zwingen, sie als meine Braut heimzuführen. Ich weiß zum voraus, dass ich sie nicht lieben kann. Sie gleicht gewiss dem schönen Mädchen im Tempel nicht, dem du so ähnlich bist. Ja, sollte ich jemals eine Braut wählen, so würdest eher du es sein, du, mein stummes Findelkind, mit den sprechenden Augen!« Bei diesen Worten küsste er sie auf ihren roten Mund, spielte mit ihrem langen Haare und legte sein Haupt an ihr Herz, so dass die kleine, arme Nixe von Menschenglück und einer unsterblichen Seele träumte.

»Du fürchtest dich doch nicht vor dem Meere, mein stummes Kind?« fragte er, als sie auf dem prächtigen Schiffe standen, das ihn nach dem Lande des Nachbarkönigs führen sollte. Darauf erzählte er ihr von Sturm und Windesstille, von seltsamen Fischen in der Tiefe und von dem, was die Taucher dort gesehen hatten, und sie lächelte bei seiner Erzählung. Sie wusste ja viel besser als irgend ein Mensch, wie es auf dem Grunde des Meeres aussah.

In einer mondhellen Nacht, als außer dem Steuermann, der am Steuerruder stand, alle auf dem Schiffe schliefen, lehnte sie am Geländer und starrte unverwandt in das klare Wasser hinunter. Sie glaubte ihres Vaters Schloss zu erblicken, ganz oben auf der Zinne stand die Großmutter mit der silbernen Krone auf dem Haupte und starrte durch die wilde Strömung zum Kiel des Schiffes empor. Da tauchten plötzlich ihre Schwestern aus dem Wasser auf, schauten sie tieftraurig an und rangen ihre weißen Hände. Sie aber winkte ihnen lächelnd zu und wollte ihnen erzählen, dass es ihr gut gehe und sie glücklich sei; aber in diesem Augenblick kam der Schiffsjunge herbei, und sofort tauchten die Schwestern unter, so dass er glaubte, das Weiße, was er gesehen habe, sei nur Schaum auf den Wogen gewesen.

Am nächsten Morgen fuhr das Schiff in den Hafen der Hauptstadt des Nachbarlandes. Alle Glocken läuteten, und von den hohen Türmen wurden die Posaunen geblasen, während die Soldaten mit fliegenden Fahnen und blitzenden Bajonetten aufmarschierten. Jeden Tag wurde ein neues Fest gefeiert. Bälle und Gesellschaften wechselten miteinander ab; aber die Prinzessin war noch nicht da. Es hieß, sie befinde sich weit von hier entfernt in einem Tempel, wo sie zu allen königlichen Tugenden erzogen werde. Endlich traf sie ein.

Die Nixe war sehr begierig, die gepriesene Schönheit zu sehen. Sie musste auch zugeben: eine lieblichere Erscheinung als die Königstochter hatte sie noch nie gesehen. Ihre Haut war zart und fein, und hinter den langen, dunklen Augenwimpern strahlten ein paar dunkelblaue, treue Augen hervor.

»Du, du bist es!« rief der Prinz; »du hast mich gerettet, als ich damals leblos am Ufer lag!« Und er drückte sie als seine errötende Braut in seine Arme.

»O, ich bin zu glücklich«, sagte er zu der Nixe. »Das Beste, das ich je zu hoffen gewagt, ist mir zuteil geworden. Ich weiß, du freust dich mit mir über mein Glück; denn du bist mir von allen am treuesten ergeben!«

Und die Meerprinzessin küsste dem Prinzen die Hand, und es kam ihr schon jetzt vor, als fühle sie ihr Herz brechen. Am Hochzeitstage des Prinzen war sie ja dem Tode verfallen und wurde in leichten Meeresschaum verwandelt.

Alle Kirchenglocken läuteten; die Herolde ritten durch die Straßen und verkündeten die Vermählung. Auf allen Altären brannte wohlriechendes Öl in kostbaren, silbernen Lampen. Die Priester schwangen die Rauchfässer; Braut und Bräutigam reichten einander die Hand und erhielten den Segen des Bischofs. Die Nixe war in Seide und Gold gekleidet und trug der Braut die Schleppe. Aber ihr Ohr vernahm die festliche Musik nicht, und ihr Auge sah nicht die heilige Handlung; sie musste immerfort an ihre Todesnacht und an all das, was sie in dieser Welt verloren, denken.

Noch an demselben Abend begaben sich Braut und Bräutigam an Bord des Schiffes. Die Kanonen donnerten; die Flaggen wehten und mitten auf dem Schiffe war ein königliches Zelt aus Gold und Purpur errichtet und mit den schönsten Kissen geschmückt; da sollte das Brautpaar in der kühlen, stillen Nacht schlafen.

Der Wind blähte die Segel, und das Schiff glitt leicht über die klare See dahin.

Als es dunkelte, wurden bunte Lampen angezündet, und die Seeleute tanzten lustig auf dem Verdeck. Die Nixe aber gedachte jenes Abends, wo sie zum ersten Mal aus dem Meere aufgetaucht war und dieselbe Pracht und Freude erblickt hatte wie heute. Sie drehte sich anmutig im Tanze, leicht wie eine Schwalbe, und alle jubelten laut vor Entzücken; noch nie hatte sie so herrlich getanzt. Wohl drang es ihr durch die Füße wie scharfe Messer; aber sie fühlte es nicht – ein noch schärferer Schmerz drang durch ihr Herz. Sie wusste, das war der letzte Abend, an dem sie ihn sah, ihn, um dessentwillen sie ihre Verwandten und ihre Heimat verlassen, ihre schöne Stimme dahingegeben und täglich unendliche Qualen ertragen hatte, ohne dass auch nur ein Mensch eine Ahnung davon gehabt hatte. Das war nun die letzte Nacht, dass sie dieselbe Luft mit ihm atmete und das tiefe Meer und den sternenhellen Himmel schaute. Eine ewige Nacht ohne Bewußtsein und ohne Träume erwartete sie, weil sie ja keine Seele hatte und nie eine erlangen konnte.

Freude und Frohsinn herrschte auf dem Schiffe bis lange nach Mitternacht, und auch die arme kleine Nixe lachte und tanzte mit den Todesgedanken im Herzen. Der Prinz küsste seine schöne Braut; sie spielte mit seinem schwarzen Haar, und Arm in Arm gingen sie zur Ruhe in das prächtige Zelt.

Der Tod der Meerprinzessin 

Ruhig und still wurde es auf dem Schiffe; nur der Steuermann stand am Steuerruder. Die Nixe legte ihre weißen Arme auf das Schiffsgeländer und schaute gegen Osten nach der Morgenröte aus. Sie wusste, der erste Sonnenstrahl brachte ihr den Tod.

Da sah sie plötzlich ihre Schwestern aus dem Wasser emportauchen. Sie waren ebenso bleich als sie selbst, und ihre langen, schönen Haare wehten nicht mehr im Winde: sie waren abgeschnitten.

»Wir haben es der Hexe gegeben, um Hilfe für dich zu erlangen, damit du heute Nacht nicht sterben musst. Sie hat uns ein Messer gegeben; siehe, hier ist es! Siehe, wie scharf es ist! Ehe die Sonne aufgeht, musst du es dem Prinzen ins Herz stoßen, und sobald sein warmes Blut auf deine Füße spritzt, wachsen diese wieder in einen Fischschwanz zusammen. Du wirst dann wieder eine Nixe, kannst zu uns herabsteigen und lebst deine dreihundert Jahre, ehe du zu totem, salzigem Meeresschaum wirst. Aber beeile dich! Er oder du muss sterben, ehe die Sonne aufgeht. Unsere Großmutter trauert so tief um dich, dass all ihr weißes Haar ausgefallen ist, gerade wie das unsrige unter der Schere der Hexe fiel. Töte den Prinzen und kehre zu uns zurück! Aber beeile dich! Siehst du den roten Streifen dort am Himmel? In wenigen Minuten geht die Sonne auf, dann musst du sterben!« Sie seufzten tief auf und versanken in den Wogen.

Die Nixe zog den Purpurteppich vor dem Zelt zurück und sah die holde Braut an des Prinzen Brust ruhen. Nun beugte sich die Nixe zu ihm nieder und küsste ihn auf die schöne Stirne, blickte dann zum Himmel empor, wo die Morgenröte immer rosiger glühte, betrachtete das scharfe Messer in ihrer Hand und heftete ihre Blicke wieder auf den Prinzen, der im Traum den Namen seiner Braut aussprach. Ja, sie allein war in seinen Gedanken, und das Messer zitterte in der Hand des Meermädchens. Aber dann schleuderte sie es plötzlich weit von sich hinaus in die Wogen, und da war es, als ob dunkelrote Blutstropfen hoch aufspritzten. Noch einen letzten Blick warf sie mit halbgebrochenen Augen auf den Prinzen, stürzte sich dann vom Schiffe in das Meer hinab und fühlte, wie ihr Körper sich in Schaum auflöste.

Nun erhob sich die Sonne über dem Meere; mild und warm fielen ihre Strahlen auf den toten, kalten Meeresschaum, und die Nixe fühlte den Tod nicht. Sie sah die helle Sonne, und neben ihr schwebten Hunderte von durchsichtigen, lieblichen Geschöpfen, durch die hindurch sie des Schiffes weiße Segel und die glänzenden, roten Wolken erblicken konnte. Die Sprache dieser Wesen war melodisch, aber so geisterhaft, dass kein menschliches Ohr sie vernehmen, wie auch kein irdisches Auge sie gewahren konnte. Ohne Flügel schwebten sie vermöge ihrer eigenen Leichtigkeit durch die Luft. Und nun sah die Nixe, dass sie selbst einen Körper gleich dem dieser Gestalten hatte, der sich mehr und mehr aus dem Schaum erhob.

Die Töchter der Lüfte 

»Wohin komme ich?« fragte sie, und ihre Stimme klang wie die der schwebenden Gestalten, ebenso geisterhaft, dass keine irdische Musik sie wiederzugeben vermag.

»Zu den Töchtern der Luft!« erwiderten die andren. »Die Nixe hat keine unsterbliche Seele und kann nie eine solche erhalten, wenn sie nicht die Liebe eines Menschen gewinnt. Von einer fremden Macht hängt ihr ewiges Dasein ab. Wir Töchter der Luft haben auch keine unsterbliche Seele; aber wir können uns durch gute Handlungen selbst eine verschaffen. Wir fliegen nach den warmen Ländern, wo die giftige Pestluft die Menschen tötet; dort fächeln wir ihnen Kühlung zu. Wir verbreiten den Duft der Blumen in der Luft und senden Erquickung und Heilung. Wenn wir dreihundert Jahre lang darnach gestrebt haben, alles Gute, was in unserer Macht steht, zu vollbringen, dann bekommen wir eine unsterbliche Seele und dürfen am ewigen Glücke der Menschen teilnehmen. Du arme kleine Nixe hast gelitten und geduldet und hast dich damit zur Welt der Luftgeister erhoben, und du kannst dir nun durch gute Werke nach dreihundert Jahren selbst eine unsterbliche Seele schaffen.«

Da erhob die Nixe ihre durchsichtigen Arme zu Gottes Sonne empor, und zum ersten Mal füllten sich ihre Augen mit Tränen.

Auf dem Schiffe erwachte wieder Lärm und Leben. Sie sah den Prinzen und seine schöne Braut nach ihr suchen; wehmütig starrten sie auf die schäumenden Wogenkämme, als ob sie wüssten, dass sie sich in die Fluten gestürzt habe. Unsichtbar küsste sie die Stirne der Braut, lächelte dem Prinzen zu und bestieg dann mit den übrigen Kindern der Luft eine rosenrote Wolke, die am Himmel hinzog.

»Nach dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich Gottes hinein!«

»Wir können sogar noch früher dahin gelangen«, flüsterte eine der Lichtgestalten. »Wir schweben unsichtbar in die Häuser der Menschen hinein, wo es Kinder gibt, und für jeden Tag, an dem wir ein gutes Kind finden, das seinen Eltern Freude bereitet und deren Liebe verdient, verkürzt Gott unsere Prüfungszeit. Das Kind weiß nicht, wann wir durch die Stube fliegen, und wenn wir dann aus Freude über das liebe Kind lächeln können, so wird ein Jahr von den dreihundert abgezogen; sehen wir aber ein unartiges und böses Kind, dann müssen wir Tränen der Trauer vergießen, und jede Träne legt unserer Prüfungszeit einen Tag zu.«


Quelle: nach Hans Christian Andersen, Andersens Märchen

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Kurz Märchen

Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen (5 min)

Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen (5 min)

Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen

Lesezeit:  5 min
Drei Königstöchter mit gläsernen Herzen

Es gibt Menschen mit gläsernen Herzen. Wenn man leise daran rührt, klingen sie so fein wie silberne Glocken. Stößt man jedoch derb daran, so gehen sie entzwei.

Da war nun auch ein Königspaar, das besaß drei Töchter, und alle drei hatten gläserne Herzen. »Kinder,« sagte die Königin, »nehmt euch mit euren Herzen in acht, sie sind eine zerbrechliche Ware!« Und sie taten es auch.

Eines Tages jedoch lehnte sich die älteste Tochter zum Fenster hinaus über die Brüstung und sah hinab in den Garten, wie die Bienen und Schmetterlinge um die Blumen flogen. Dabei drückte sie sich ihr Herz: kling! ging es, wie wenn etwas zerspringt, und sie fiel hin und war tot.

Wieder nach einiger Zeit trank die zweite Tochter eine Tasse zu heißen Kaffee. Da gab es abermals einen Klang wie wenn ein Glas springt, nur etwas feiner als das erste Mal, und auch sie fiel um. Da hob sie ihre Mutter auf und besah sie, merkte aber bald zu ihrer Freude, dass sie nicht tot war, sondern ihr Herz nur einen Sprung bekommen hatte, jedoch noch hielt.

»Was sollen wir nun mit unserer Tochter anfangen?« beratschlagten der König und die Königin. »Sie hat einen Sprung im Herzen, und wenn er auch nur fein ist, so wird es doch leicht ganz entzweigehen. Wir müssen sie sehr in acht nehmen.«

Aber die Prinzessin sagte: »Laßt mich nur! Manchmal hält das, was einen Sprung bekommen hat, nachher gerade noch recht lange!« –

Indessen war die jüngste Königstochter auch groß geworden, und so schön, gut und verständig, dass von allen Seiten Königssöhne herbeiströmten und um sie warben. Doch der alte König war durch Schaden klug geworden und sagte: »Ich habe nur noch eine ganze Tochter, und auch die hat ein gläsernes Herz. Soll ich sie jemandem geben, so muss er ein König sein, der zugleich Glaser ist und mit so zerbrechlicher Ware umzugehen versteht.« Allein es war unter den vielen Bewerbern nicht einer, der sich gleichzeitig auf die Glaserei gelegt hätte, und so mussten sie alle wieder abziehen. –

Der Edelknabe und die Prinzessin

Da war nun unter den Edelknaben im Schloss des Königs einer, der war beinahe fertig. Wenn er noch dreimal der jüngsten Königstochter die Schleppe getragen hatte, so war er Edelmann. Dann gratulierte ihm der König und sagte ihm: »Du bist nun fertig und Edelmann. Ich danke dir. Du kannst gehen.«

Als er nun das erste Mal der Prinzessin die Schleppe trug, sah er, dass sie einen ganz königlichen Gang hatte. Als er sie ihr das zweite Mal trug, sagte die Prinzessin: »Lass einmal einen Augenblick die Schleppe los, gib mir deine Hand und führe mich die Treppe hinauf, aber fein zierlich, wie es sich für einen Edelknaben, der eine Königstochter führt, schickt.« Als er dies tat, sah er, dass sie auch eine ganz königliche Hand hatte. Sie aber merkte auch etwas; was es aber war, will ich erst nachher sagen. Endlich, als er ihr das dritte Mal die Schleppe trug, drehte sich die Königstochter um und sagte zu ihm: »Wie reizend du mir meine Schleppe trägst! So reizend hat sie mir noch keiner getragen.« Da merkte der Edelknabe, dass sie auch eine ganz königliche Sprache führte. Damit war er nun aber fertig und Edelmann. Der König dankte und gratulierte ihm und sagte, er könne nun gehen.

Als er ging, stand die Königstochter an der Gartentür und sprach zu ihm: »Du hast mir so reizend die Schleppe getragen, wie kein anderer. Wenn du doch Glaser und König wärst!«

Darauf antwortete er, er wolle sich alle Mühe geben, es zu werden; sie möge nur auf ihn warten, er käme gewiss wieder.

Die Ausbildung zum Glaser

Er ging also zu einem Glaser und fragte ihn, ob er nicht einen Glaserjungen gebrauchen könne. »Jawohl,« erwiderte dieser, »aber du musst vier Jahre bei mir lernen. Im ersten Jahre lernst du die Semmeln vom Bäcker holen und die Kinder waschen, kämmen und anziehen. Im zweiten lernst du die Ritzen mit Kitt verschmieren, im dritten Glas schneiden und einsetzen und im vierten wirst du Meister.«

Darauf fragte er den Glaser, ob er nicht von hinten anfangen könne, weil es dann doch schneller ginge. Indes der Glaser bedeutete ihn, dass ein ordentlicher Glaser immer von vorn anfangen müsse, sonst würde nichts Gescheites daraus.

Damit gab er sich zufrieden. Im ersten Jahre holte er also die Semmeln vom Bäcker, wusch und kämmte die Kinder und zog sie an. Im zweiten verschmierte er die Ritzen mit Kitt, im dritten lernte er Glas schneiden und einsetzen und im vierten Jahre wurde er Meister. Darauf zog er sich wieder seine Edelmannskleider an, nahm Abschied von seinem Lehrherrn und überlegte sich, wie er es anfinge, um nun auch noch König zu werden.

Die Suche nach einem Königreich

Während er so aus der Straße ganz in Gedanken versunken einherging und aufs Pflaster sah, trat ein Mann an ihn heran und fragte, ob er etwas verloren habe, dass er immer so auf die Erde sähe. Da erwiderte er: verloren habe er zwar nichts, aber suchen täte er doch etwas, nämlich ein Königreich; und fragte ihn, ob er nicht wisse, was er zu beginnen habe, um König zu werden.

»Wenn du ein Glaser wärst,« sagte der Mann, »wüsste ich schon Rat.«

»Ich bin ja gerade ein Glaser!« antwortete er, »und eben fertig geworden!«

Als er dies gesagt, erzählte ihm der Mann die Geschichte von den drei Schwestern mit den gläsernen Herzen, und wie der alte König durchaus seine Tochter nur einem Glaser vermählen wolle. »Anfangs,« so sprach er, »war noch die Bedingung, dass der Glaser, der sie bekäme, auch noch ein König oder ein Königssohn sein müsse; weil sich aber keiner finden will, der alles beides ist, Glaser und König zugleich, so hat er etwas nachgegeben, wie es der Klügste immer tun muss, und zwei andere Bedingungen gestellt. Glaser muss er freilich immer noch sein, dabei bleibt es!«

»Welches sind denn die beiden Bedingungen?« fragte der junge Edelmann.

»Er muss der Prinzessin gefallen und Samtpatschen haben. Kommt nun ein Glaser, welcher der Prinzessin gefällt und auch Samtpatschen hat, so will ihm der König seine Tochter geben und ihn später, wenn er tot ist, zum König machen. Es sind nun auch schon eine Menge Glaser auf dem Schloss gewesen, aber der Prinzessin wollte keiner gefallen. Außerdem hatten sie auch alle keine Samtpatschen, sondern grobe Hände, wie das von gewöhnlichen Glasern nicht anders zu erwarten ist.«

Der Glaser mit den Samtpatschen

Als dies der junge Edelmann vernommen, ging er in das Schloss, entdeckte sich dem König, erinnerte ihn daran, wie er bei ihm Edelknabe gewesen sei, und erzählte ihm dass er seiner Tochter zuliebe Glaser geworden und sie nun gar gerne heiraten und nach seinem Tode König werden wolle.

Da ließ der König die Prinzessin rufen und fragte sie, ob der junge Edelmann ihr gefiele, und als sie dies bejahte, weil sie ihn gleich erkannte, sagte er dann weiter, er solle nun auch seine Handschuhe ausziehen und zeigen, ob er auch Samtpatschen habe. Aber die Prinzessin meinte, dies sei ganz unnötig, sie wisse es ganz genau, dass er wirklich Samtpatschen habe. Sie hätte es schon damals gemerkt, als er sie die Treppe hinaufgeführt hätte.

Und wenn sie nicht gestorben sind…

So waren denn beide Bedingungen erfüllt, und da die Prinzessin einen Glaser zum Mann bekam und noch dazu einen mit Samtpatschen, so nahm er ihr Herz sehr in acht, und es hielt bis an ihr seliges Ende.

Die zweite Schwester aber, welche schon den Sprung hatte, wurde die Tante, und zwar die allerbeste Tante der Welt. Dies versicherten nicht bloß die Kinder, welche der junge Edelmann und die Prinzessin zusammen bekamen, sondern auch alle anderen Leute. Die kleinen Prinzessinnen lehrte sie lesen, beten und Puppenkleider machen; den Prinzen aber besah sie die Zensuren. Wer eine gute Zensur hatte, wurde sehr gelobt und bekam etwas geschenkt; hatte aber einer einmal eine schlechte Zensur, dann gab sie ihm eine Kopfnuss und sprach: »Sage einmal, du sauberer Prinz, was du dir eigentlich vorstellst? Was willst du später einmal werden? Heraus mit der Sprache! Nun, wird’s bald?«

Und wenn er dann sagte: »Kö-Kö-Kö-König!« lachte sie und fragte: »König? Wohl König Midas? König Midas Hochgeboren mit zwei langen Eselsohren!« Dann schämte sich der, welcher die schlechte Zensur bekommen hatte, gewaltig.

Und auch diese zweite Prinzessin wurde steinalt, obwohl ihr Herz einen Sprung hatte. Wenn sich jemand darüber wunderte, sagte sie regelmäßig: »Was in der Jugend einen Sprung kriegt und geht nicht gleich entzwei, das hält nachher oft gerade noch recht lange.« –

Und das ist auch wahr. Denn meine Mutter hat auch so ein altes Sahnentöpfchen, weiß, mit kleinen bunten Blumensträußchen besät, das hat einen Sprung, solange ich denken kann, und hält immer noch; und seit es meine Mutter hat, sind schon so viele neue Sahnentöpfchen gekauft und immer wieder zerbrochen worden, dass man sie gar nicht zählen kann.

 

Quelle: nach Richard-Leander, Träumereien an französischen Kaminen

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