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Wie das Kamel zu seinem Höcker kam (4 min)

Wie das Kamel zu seinem Höcker kam (4 min)

Wie das Kamel zu seinem Höcker kam

Lesezeit: 4 min

Diese Geschichte erzählt, wie das Kamel seinen großen Höcker bekam.

Das Kamel verweigert die Arbeit

Am Anfang der Zeit, als die Welt noch ganz neu war und alles, und die Tiere eben erst begannen, für den Menschen zu arbeiten, war da ein Kamel, und das lebte mitten in der Heulenden Wüste, weil es nicht arbeiten wollte; und nebenbei war es selbst auch ein Heuler. Also war es höchst unerträglich untätig und fraß Zweige und Dornen und Tamarisken und Wolfsmilch und Stacheln; und wenn irgendjemand es ansprach, sagte es »Höm!« Nur »Höm! Und weiter nichts.

Jetzt kam das Pferd am Montag morgen zu ihm, mit dem Sattel auf dem Rücken und einer Trense im Maul und sagte, »Kamel, Kamel, komm raus und trabe wie wir alle.«

»Höm!« sagte das Kamel; und das Pferd lief davon und erzählte es dem Menschen.

Jetzt kam der Hund zu ihm, mit einem Stöckchen im Maul, und sagte, »Kamel, o Kamel, komm und schleppe und trage wie wir alle.«

»Höm!« sagte das Kamel; und der Hund lief davon und erzählte es dem Menschen.

Jetzt kam der Ochse mit dem Joch auf dem Nacken zu ihm und sagte »Kamel, o Kamel, komm und pflüge wie wir alle.«

»Höm!« sagte das Kamel; und der Ochse lief davon und erzählte es dem Menschen.

Am Ende des Tages rief der Mensch das Pferd und den Hund und den Ochsen zusammen und sagte, »Drei, o Drei, ich habe sehr großes Mitleid mit euch (wo die Welt so neu ist und alles); aber das Höm-Ding in der Wüste kann nicht arbeiten, sonst wäre es jetzt hier, also werde ich es in Ruhe lassen, und ihr müßt doppelt arbeiten, um das auszugleichen.«

Das machte die Drei sehr wütend (wo die Welt so neu war und alles), und sie hielten ein Palaver, und ein Indaba, und ein Panchayet, und ein Pau-Wau am Rande der Wüste; und das Kamel kam, höchst unerträglich untätig, Wolfsmilch kauend, und lachte sie aus. Dann sagte es »Höm!« und ging wieder davon.

Jetzt kam der Dschinn Aller Wüsten in einer Wolke von Staub heran gerollt (Dschinns reisen immer so, weil es Magie ist), und er hielt an, um mit den Dreien zu palavern und zu pau-wauen.

»Dschinn Aller Wüsten,« sagte das Pferd, »darf irgendwer so untätig sein, wo die Welt so neu ist und alles?«

»Sicherlich nicht,« sagte der Dschinn.

»Nun,« sagte das Pferd, »da ist ein Ding mitten in deiner Heulenden Wüste (und es ist selbst ein Heuler) mit einem langen Hals und langen Beinen, und das hat seit Montagmorgen keinen Schlag Arbeit getan. Es will nicht traben.«

»Hui!« sagte der Dschinn und pfiff, »das ist mein Kamel, bei allem Gold von Arabien! Was sagt es dazu?«

»Es sagt ›Höm!‹ sagte der Hund; »und es will weder schleppen noch tragen.«

»Sagt es noch irgend etwas anderes?«

»Nur ›Höm!‹; und es will nicht pflügen,« sagte der Ochse.

»Sehr gut,« sagte der Dschinn. »Ich werde ihm das Höm schon zeigen, wenn ihr bitte einen Moment warten möchtet.«

Der Dschinn wickelte sich in seinen Staubmantel und flog über die Wüste, und fand das Kamel, höchst unerträglich untätig, wie es sein Spiegelbild in einem Wasserloch betrachtete.

Das Kamel bekommt seine Strafe

»Mein langer und blubbernder Freund,« sagte der Dschinn, »was höre ich da, dass du nicht arbeitest, wo die Welt so neu ist und alles?«

»Höm!« sagte das Kamel.

Der Dschinn setzte sich hin, stützte das Kinn in die Hand und begann, eine Große Magie auszudenken, während das Kamel sein eigenes Spiegelbild in dem Wasserloch betrachtete.

»Du hast den Dreien seit Montagmorgen zusätzliche Arbeit beschert, alles wegen deiner unerträglichen Untätigkeit,« sagte der Dschinn; und er fuhr fort, Magie auszudenken, mit dem Kinn in der Hand.

»Höm!« sagte das Kamel.

»An deiner Stelle würde ich das nicht noch einmal sagen,« sagte der Dschinn; »du könntest es einmal zu viel sagen. Blubberer, ich will, dass du arbeitest.«

Und das Kamel sagte wieder »Höm!«; aber kaum hatte es das gesagt, als es seinen Rücken, auf den es sehr stolz war, anschwellen sah, zu einem großen, dicken, schwabbelnden Höcker anschwellen.

»Siehst du das?« sagte der Dschinn. »Das ist dein eigenes Höm, das du durch deine Verweigerung der Arbeit auf dich herab gebracht hast. Heute ist Donnerstag, und du hast keine Arbeit getan seit dem Montag, als die Arbeit anfing. Jetzt wirst du arbeiten.«

»Wie kann ich das,« sagte das Kamel, »mit diesem Höm auf meinem Rücken?«

»Das ist mit Absicht so gemacht,« sagte der Dschinn, »weil du die ersten drei Tage versäumt hast. Jetzt wirst du drei Tage lang ohne zu essen arbeiten können, weil du von deinem Höm leben kannst; und sage nie, dass ich nichts für dich getan hätte. Verlasse die Wüste und geh zu den Dreien, und benimm dich. Höm dich!«

Und das Kamel hömte sich, mit Höm und allem, und ging fort, um sich den Dreien anzuschließen. Und seit diesem Tage trägt das Kamel immer einen Höm (wir sagen jetzt »Höcker« dazu, um seine Gefühle nicht zu verletzen); aber es hat noch immer nicht die drei Tage aufgeholt, die es seit dem Anfang der Welt versäumt hat, und es hat noch immer nicht gelernt, sich zu benehmen.


Quelle: Rudyard Kipling, Nur so Geschichten

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Tiergeschichten: Jakob Krakel-Kakel (3 min)

Tiergeschichten: Jakob Krakel-Kakel (3 min)

Tiergeschichten: Jakob Krakel-Kakel

Lesezeit: 3 min

Jakob Krakel-Kakel war schon ein alter Rabenvater. Aber – dem Himmel sei es geklagt – er machte noch immer Seitenflüge. Besonders häufig traf er sich in einer Felsengalerie mit seiner Nichte, der Nebelkrähe. Er schwärmte so für aschblonde Federn. Da saß er und schnäbelte, statt sich die Felsenbilder zu besehen, wie es ehrbare Leute tun. Denn dazu sind die Felsengalerien da, wie jeder weiß. Die Felsen blieben freilich ungerührt, aber sonst war es betrübend.

»Krah«, sagte Jakob Krakel-Kakel und ließ sich elegant auf den Rand seines Nestes niedergleiten. »Jakob«, sagte Frau Krakel-Kakel, die häuslich auf ihren Eiern saß, »Jakob, wo sind die bestellten Regenwürmer?« »Regenwürmer sind dieses Jahr sehr schwer zu beschaffen. Ich fand nichts als einen Engerling, den ich im Versehen verschluckte.« Jakob Krakel-Kakel hatte Übung in solchen Dingen. »Jakob, wo warst du?« fragte Frau Krakel-Kakel. »Ich sagte es dir schon«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »ich habe alle Felder abgesucht. Ich bin erschöpft. Außerdem bin ich erkältet.

»Du bist eher erhitzt«, sagte Frau Krakel-Kakel. »Jakob – hat nicht deine Nichte, die Nebelkrähe, aschblonde Federn auf der Brust?«

»Was wird sie haben«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »sie wird schon aschblonde Federn haben.«

»Jakob«, sagte Frau Krakel-Kakel, »du hast eine aschblonde Feder auf dem Rock.«

»Ich werde eben grau«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »es ist kein Wunder.« Er putzte sich die Feder fort.

»Jakob, kakle die Wahrheit! Du bist polygam. Pfui!«

Jakob Krakel-Kakel senkte schuldbewusst den großen Schnabel. In der Tiefe seiner Rabenseele aber war er wütend und beschloss, Rache zu nehmen – Rabenrache!

»Krah«, sagte Jakob Krakel-Kakel und flog davon. Er flog zum Kuckuck.

»Ich habe gehört, dass Sie Ihre Eier vergeben. Ich will eins haben.«

»Mit Vergnügen«, sagte der Kuckuck.

»Mehr als einen oder höchstens zwei Regenwürmer möchte ich nicht anlegen«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »ich bin verheiratet und kann mir keine Extravaganzen gestatten.

»O bitte, das genügt vollkommen, ich tue es überhaupt nur aus reiner Vogelfreundlichkeit“, sagte der Kuckuck. »Ich will das Ei dann gleich mitnehmen«, sagte Jakob Krakel-Kakel.

»Das geht nicht«, sagte der Kuckuck pfiffig. »Eierlegen ist eine produktive Tätigkeit. So was ist doch nicht vorrätig. Man braucht Stimmung dazu. Das müsste solch ein alter Vogel doch eigentlich selbst wissen.«

Jakob Krakel-Kakel tat, als wisse er das nicht.

»Wann kann ich es mir holen?« fragte er.

»Ich liefere es Ihnen loco Rabennest«, sagte der Kuckuck zuvorkommend.

»Das tun Sie lieber nicht«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »Sie könnten da auf ungeahnte Schwierigkeiten stoßen. Ich hole es mir selbst ab.«

Nach einigen Tagen flog Jakob Krakel-Kakel von hinten auf seine Frau zu. Er hatte ein Ei im Schnabel und schob es ihr vorsichtig ins Unterrockgefieder. Dann segelte er von dannen – ruchlos krächzend.

Nach einer kurzen Weile kam er wieder und setzte sich auf den Nestrand. Er sagte nicht einmal »Krah« zur Begrüßung und kehrte seiner Frau den Rücken zu. Dann wandte er den Schnabel und sprach über die Schulter.

»Lea«, sagte er, »was ist das für ein Ei?«

»Was werden es für Eier sein«, sagte Frau Krakel-Kakel, »unsere Eier – Rabeneier.«

»Lea – kakle die Wahrheit! Du hast ein fremdes Ei im Nest!«

»Ach, du meinst das kleine, das du mir heute zugesteckt hast?« sagte Frau Krakel-Kakel. »Das hab‘ ich ausgetrunken. Es war doch eine Aufmerksamkeit für die bestellten Regenwürmer, die du vergessen hast? Nicht wahr?« Jakob Krakel-Kakel war zumute, als müsse er selber Eier legen.

»Natürlich«, sagte er und sah seine Frau mit Rabenaugen an. Er tat es nicht lange. Frau Lea Krakel-Kakel hatte einen Zug um die Schnabelwinkel – einen Zug, den man niemand beschreiben kann, der ihn nicht kennt. Jakob Krakel-Kakel wurde hundert Jahre alt. Den Zug vergaß er nie. Er hat auch auf dem tadellos schwarzen Rock nie wieder eine aschblonde Feder gehabt. Und das heißt: Er hat sie sich stets vorher sorgsam abgeputzt.

 

Quelle: nach Manfred Kyber, Tiergeschichten 

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Die gestohlene Kuh (5 min)

Die gestohlene Kuh (5 min)

Die gestohlene Kuh

Lesezeit: 5 min

In Köln hat ein Abenteurer sein Wesen getrieben, von dem man gar viel schreiben könnte, denn er ist heute noch vielen im Gedächtnis. Eine Geschichte, die ich selbst von glaubhaften Personen in Köln gehört habe, will ich hier kurz erzählen. Nach vielen abenteuerlichen Reisen ist er einst zwei Meilen von Köln in ein Dorf und in ein Wirtshaus gekommen und hat Herberge zur Nacht begehrt. Der Wirt hat ihm solche gegeben und ihn gefragt, wo er morgens hinwolle. Der Abenteurer antwortete, er wolle nach Köln auf den Markt. Da sprach der Wirt: »Das ist gut, dann können wir morgen miteinander gehn!« – »Wir müssen aber früh aufstehen,« meinte der Gast, »damit wir rechtzeitig auf den Markt kommen.« – Der Wirt sprach: »Schau du nur zu und verschlaf‘ dich nicht, ich bin immer früh auf.« – »Lieber Wirt,« bat der Gast, »wenn Ihr denn so früh auf seid, so weckt mich bitte!« und der Wirt versprach es ihm.

Nun hatte der Wirt eine feiste Kuh im Stall, das wusste der Gast wohl, und als nun alle im Haus schlafen gegangen waren, stand der Gast in großer Stille wieder auf, nahm die Kuh aus dem Stalle und führte sie bei Nacht einen guten Teil Wegs auf Köln zu und band sie in einem seitwärts gelegenen Gebüsch an einen Baum, damit jemand, der vorüberginge, sie nicht sähe. Er selbst kehrte wieder in den Gasthof zurück.

Des Morgens früh stand der Wirt auf und weckte den Gast, und die beiden gingen nun miteinander plaudernd auf Köln zu. Als sie in die Gegend kamen, wo der Abenteurer die Kuh an einen Baum gebunden hatte, sagte der zu dem Wirt: »Hört einmal zu, lieber Wirt. Es ist mir ein Bauer in dem Dorf da hinter dem Gebüsch noch Geld schuldig, und ich will doch sehen, ob ich es nicht bekommen kann. Zieht also gemächlich weiter, ich werde bald wieder bei Euch sein.« Der Wirt sprach: »In Gottes Namen!« und ging langsam weiter. Der Schalk aber kam zu dem Baume, fand die Kuh noch angebunden, nahm sie bei dem Seil und zog aufs gemächlichste hinterher, so dass er erst kurz vor Köln wieder mit dem Wirt zusammentraf. Als der ihn kommen sah, rief er: »Gast, kommst du endlich? Ich habe schon lange auf dich gewartet!« Der Gast sprach: »Ja, ich habe viel Plage mit dem Bauern gehabt, bis ich zur Bezahlung gekommen bin. Denn er hatte kein Geld, und ich wollte die Schuld erledigt haben. Da hab‘ ich eine elende Kuh für mein gutes, ausgeliehenes Geld nehmen müssen. Ich fürchte, ich kann sie nicht für den Betrag in Köln verkaufen, wie ich sie genommen habe!« Der Wirt sah die Kuh an und sprach: »Das ist auf meinen Eid eine schöne, feiste Kuh! Wenn ich meine eigene Kuh nicht selbst gestern Abend spät noch in den Stall gestellt hätte, dann würde ich schwören, es wäre meine Kuh, so ähnlich sieht sie ihr.« Damit schwiegen sie beide der Rede, bis sie in die Stadt Köln kamen.

Nun war aber der Gast in Köln schon so verrufen und bekannt, dass er sich auf dem Markt, wo man Kühe und Ochsen verkaufte, wegen verschiedener böser Streiche nicht sehen lassen durfte. Denn er hatte schon ein paarmal Ochsen gekauft und sie nachher nicht bezahlt. Deshalb sagte er zu dem Wirt, er hätte noch andere dringende Geschäfte, und bat ihn, doch für ihn die Kuh zu verkaufen. Er zeigte ihm auch seine Herberge an, wohin er ihm das Geld bringen sollte, und versprach ihm ein gutes Trinkgeld. Der Wirt ging darauf ein, löste für die Kuh sogar noch etwas mehr, als er gedacht hatte, und brachte das Geld dem Gast getreulich in die bestimmte Herberge. Der empfing das Geld mit großem Dank und schenkte dem Wirt ein Trinkgeld, womit dieser wohl zufrieden war.

Nun gedachte der Gast, wie er ohne Umstände von dem Wirt loskommen könnte und sprach zu ihm: »Wir wollen zu Morgen miteinander essen, denn die Kuh hat mehr eingebracht, als sie mir wert war. Der Bauer, der mir die Kuh gab, muss die Zeche bezahlen!« Damit bat er die Wirtin, ihm zwei zinnerne Platten zu leihen, er wolle gehn und ein paar gebratene Hühner kaufen. Im Begriff aber hinauszugehen, trat er an den Kölner Wirt heran und sagte: »Lieber Wirt, leiht mir Euren Mantel! Ich mag nicht, dass man sehe, was ich gekauft habe; ich will den Mantel darüber schlagen!« Im Wirklichkeit aber fürchtete er, dass man ihn in seinem gewöhnlichen Rock erkennen möchte. Als ihm nun der Wirt den Mantel gab, da schlug er ihn um seinen Rock, nahm die Platten darunter und wanderte damit fröhlich davon, denn es war ihm natürlich keinen Augenblick eingefallen, gebratene Hühner zu kaufen. Es lag ihm auch nichts daran, was die beiden Wirte nachher über ihn reden würden, denn er hatte überhaupt nicht vor, sich bei ihnen noch einmal sehen zu lassen.

Als nun die beiden Zurückgebliebenen lange auf ihn gewartet hatten, da kam auf einmal des guten Bauern Tochter gelaufen mit großem Weinen und Klagen und sagte. »Oh, Vater, es ist eine übele Geschichte geschehen. Wir haben unsere Kuh verloren, sie ist uns diese Nacht gestohlen worden!« Der Vater durchschaute jetzt die ganze Büberei und sprach: »Da schlag der Teufel drei! Ich habe sie selbst verkauft!« Und er musste über den Schelmenstreich schließlich selbst lachen, und wartete jetzt auch nicht länger auf die gebratenen Hühner.

So war er um seine Kuh gekommen, die Wirtin um die beiden Platten und der Wirt um seinen Mantel. Und sie hatten es alle drei mit Willen getan, aber ohne ihr Wissen.

Aus: »Schimpf und Ernst« von Bruder Johannes Pauli


Quelle: Hans Ostwald, Vergnügte Tiere

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