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Klassiker der Kindheit (70er/80er/90er) Kurz

Der kleine Prinz und der Fuchs (5 min)

Der kleine Prinz und der Fuchs (5 min)

Der kleine Prinz und der Fuchs

Lesezeit: 5 min

Der kleine Prinz kommt von seinem Planeten auf die Erde. Dort hat er seine Freundin, die Rose, zurückgelassen…

Der Rosengarten

Aber nachdem der kleine Prinz lange über den Sand, die Felsen und den Schnee gewandert war, geschah es, dass er endlich eine Straße entdeckte. Und die Straßen führen zu Menschen.

»Guten Tag«, sagte er.

Da war ein blühender Rosengarten.

»Guten Tag«, sagten die Rosen.

Der kleine Prinz sah sie an. Sie glichen alle seiner Blume.

»Wer seid ihr?« fragte er sie höchst erstaunt.

»Wir sind Rosen«, sagten die Rosen.

»Ach!« sagte der kleine Prinz…

Und er fühlte sich sehr unglücklich. Seine Blume hatte ihm erzählt, dass sie auf der ganzen Welt einzig in ihrer Art sei. Und siehe!, da waren fünftausend davon, alle gleich, in einem einzigen Garten!

Sie wäre sehr böse, wenn sie das sähe, sagte er sich… Sie würde fürchterlich husten und so tun, als stürbe sie, um der Lächerlichkeit zu entgehen. Und ich müsste wohl so tun, als pflegte ich sie, denn sonst ließe ich sie wirklich sterben, um auch mich zu beschämen…

Dann sagte er sich noch: Ich glaubte, ich sei reich durch eine einzigartige Blume, und ich besitze nur eine gewöhnliche Rose. Sie und meine drei Vulkane, die mir bis ans Knie reichen und von denen einer vielleicht für immer verloschen ist, das macht aus mir keinen sehr großen Prinzen… Und er warf sich ins Gras und weinte.

Der Fuchs

In diesem Augenblick erschien der Fuchs:

»Guten Tag«, sagte der Fuchs.

»Guten Tag«, antwortete höflich der kleine Prinz, der sich umdrehte, aber nichts sah.

»Ich bin da«, sagte die Stimme, »unter dem Apfelbaum…«

»Wer bist du?« sagte der kleine Prinz. »Du bist sehr hübsch…«

»Ich bin ein Fuchs«, sagte der Fuchs.

»Komm und spiel mit mir«, schlug ihm der kleine Prinz vor. »Ich bin so traurig…«

»Ich kann nicht mit dir spielen«, sagte der Fuchs. »Ich bin noch nicht gezähmt!«

»Ah, Verzeihung!« sagte der kleine Prinz.

Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu:

»Was bedeutet das: ‚zähmen‘?«

»Du bist nicht von hier«, sagte der Fuchs, »was suchst du?«

»Ich suche die Menschen«, sagte der kleine Prinz. »Was bedeutet ‚zähmen‘?«

»Die Menschen«, sagte der Fuchs, »die haben Gewehre und schießen. Das ist sehr lästig. Sie ziehen auch Hühner auf. Das ist ihr einziges Interesse. Du suchst Hühner?«

»Nein«, sagte der kleine Prinz, »ich suche Freunde. Was heißt ‚zähmen‘?«

»Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache«, sagte der Fuchs. »Es bedeutet: sich ‚vertraut machen‘.«

»Vertraut machen?«

»Gewiss«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich noch nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebensowenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt…«

»Ich beginne zu verstehen«, sagte der kleine Prinz. »Es gibt eine Blume… ich glaube, sie hat mich gezähmt…«

»Das ist möglich«, sagte der Fuchs. »Man trifft auf der Erde alle möglichen Dinge…«

»Oh, das ist nicht auf der Erde«, sagte der kleine Prinz.

Der Fuchs schien sehr aufgeregt:

»Auf einem anderen Planeten?«

»Ja.«

»Gibt es Jäger auf diesem Planeten?«

»Nein.«

»Das ist interessant! Und Hühner?«

»Nein.«

»Nichts ist vollkommen!« seufzte der Fuchs.

Aber der Fuchs kam auf seinen Gedanken zurück:

»Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein. Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen andern unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde. Der deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken. Und dann schau! Du siehst da drüben die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig. Aber du hast weizenblondes Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen.«

Die Zähmung des Fuchses

Der Fuchs verstummte und schaute den Prinzen lange an:

»Bitte… zähme mich!« sagte er.

»Ich möchte wohl«, antwortete der kleine Prinz, »aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss Freunde finden und viele Dinge kennenlernen.«

»Man kennt nur die Dinge, die man zähmt«, sagte der Fuchs. »Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!«

»Was muss ich da tun?« sagte der kleine Prinz.

»Du musst sehr geduldig sein«, antwortete der Fuchs. »Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Mißverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können…«

Am nächsten Morgen kam der kleine Prinz zurück.

»Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen«, sagte der Fuchs. »Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll… Es muss feste Bräuche geben.«

»Was heißt ‚fester Brauch‘?«, sagte der kleine Prinz.

»Auch etwas in Vergessenheit Geratenes«, sagte der Fuchs. »Es ist das, was einen Tag vom andern unterscheidet, eine Stunde von den andern Stunden. Es gibt zum Beispiel einen Brauch bei meinen Jägern. Sie tanzen am Donnerstag mit dem Mädchen des Dorfes. Daher ist der Donnerstag der wunderbare Tag. Ich gehe bis zum Weinberg spazieren. Wenn die Jäger irgendwann einmal zum Tanze gingen, wären die Tage alle gleich und ich hätte niemals Ferien.«

So machte denn der kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut. Und als die Stunde des Abschieds nahe war:

»Ach!« sagte der Fuchs, »ich werde weinen.«

»Das ist deine Schuld«, sagte der kleine Prinz, »ich wünschte dir nichts Übles, aber du hast gewollt, dass ich dich zähme…«

»Gewiss«, sagte der Fuchs.

»Aber nun wirst du weinen!« sagte der kleine Prinz.

»Bestimmt«, sagte der Fuchs.

»So hast du nichts gewonnen!«

»Ich habe«, sagte der Fuchs, »die Farbe des Weizens gewonnen.«

Erneutes Treffen mit den Rosen

Dann fügte er hinzu:

»Geh die Rosen wieder anschauen. Du wirst begreifen, dass die deine einzig ist in der Welt.

Du wirst wiederkommen und mir adieu sagen, und ich werde dir ein Geheimnis schenken.«

Der kleine Prinz ging, die Rosen wieder zu sehen:

»Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid noch nichts«, sagte er zu ihnen. »Niemand hat sich euch vertraut gemacht und auch ihr habt euch niemandem vertraut gemacht. Ihr seid, wie mein Fuchs war. Der war nichts als ein Fuchs wie hunderttausend andere. Aber ich habe ihn zu meinem Freund gemacht, und jetzt ist er einzig in der Welt.«

Und die Rosen waren sehr beschämt.

»Ihr seid schön, aber ihr sein leer«, sagte er noch. »Man kann für euch nicht sterben. Gewiss, ein Irgendwer, der vorübergeht, könnte glauben, meine Rose ähnle euch. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als ihr alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist, die ich unter den Glassturz gestellt habe. Da sie es ist, die ich mit dem Wandschirm geschützt habe. Da sie es ist, deren Raupen ich getötet habe (außer den zwei oder drei um der Schmetterlinge willen). Da sie es ist, die ich klagen oder sich rühmen gehört habe oder auch manchmal schweigen. Da es meine Rose ist.«

Das Geheimnis des Fuchses

Und er kam zum Fuchs zurück:

»Adieu«, sagte er…

»Adieu«, sagte der Fuchs. »Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.«

»Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

»Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.«

»Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe…«, sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

»Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen«, sagte der Fuchs. »Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich…«

»Ich bin für meine Rose verantwortlich…«, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

 

Quelle: nach Antoine de Saint-Exupery, Der kleine Prinz (Kapitel 20 & 21)

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Wie das Kamel zu seinem Höcker kam (4 min)

Wie das Kamel zu seinem Höcker kam (4 min)

Wie das Kamel zu seinem Höcker kam

Lesezeit: 4 min

Diese Geschichte erzählt, wie das Kamel seinen großen Höcker bekam.

Das Kamel verweigert die Arbeit

Am Anfang der Zeit, als die Welt noch ganz neu war und alles, und die Tiere eben erst begannen, für den Menschen zu arbeiten, war da ein Kamel, und das lebte mitten in der Heulenden Wüste, weil es nicht arbeiten wollte; und nebenbei war es selbst auch ein Heuler. Also war es höchst unerträglich untätig und fraß Zweige und Dornen und Tamarisken und Wolfsmilch und Stacheln; und wenn irgendjemand es ansprach, sagte es »Höm!« Nur »Höm! Und weiter nichts.

Jetzt kam das Pferd am Montag morgen zu ihm, mit dem Sattel auf dem Rücken und einer Trense im Maul und sagte, »Kamel, Kamel, komm raus und trabe wie wir alle.«

»Höm!« sagte das Kamel; und das Pferd lief davon und erzählte es dem Menschen.

Jetzt kam der Hund zu ihm, mit einem Stöckchen im Maul, und sagte, »Kamel, o Kamel, komm und schleppe und trage wie wir alle.«

»Höm!« sagte das Kamel; und der Hund lief davon und erzählte es dem Menschen.

Jetzt kam der Ochse mit dem Joch auf dem Nacken zu ihm und sagte »Kamel, o Kamel, komm und pflüge wie wir alle.«

»Höm!« sagte das Kamel; und der Ochse lief davon und erzählte es dem Menschen.

Am Ende des Tages rief der Mensch das Pferd und den Hund und den Ochsen zusammen und sagte, »Drei, o Drei, ich habe sehr großes Mitleid mit euch (wo die Welt so neu ist und alles); aber das Höm-Ding in der Wüste kann nicht arbeiten, sonst wäre es jetzt hier, also werde ich es in Ruhe lassen, und ihr müßt doppelt arbeiten, um das auszugleichen.«

Das machte die Drei sehr wütend (wo die Welt so neu war und alles), und sie hielten ein Palaver, und ein Indaba, und ein Panchayet, und ein Pau-Wau am Rande der Wüste; und das Kamel kam, höchst unerträglich untätig, Wolfsmilch kauend, und lachte sie aus. Dann sagte es »Höm!« und ging wieder davon.

Jetzt kam der Dschinn Aller Wüsten in einer Wolke von Staub heran gerollt (Dschinns reisen immer so, weil es Magie ist), und er hielt an, um mit den Dreien zu palavern und zu pau-wauen.

»Dschinn Aller Wüsten,« sagte das Pferd, »darf irgendwer so untätig sein, wo die Welt so neu ist und alles?«

»Sicherlich nicht,« sagte der Dschinn.

»Nun,« sagte das Pferd, »da ist ein Ding mitten in deiner Heulenden Wüste (und es ist selbst ein Heuler) mit einem langen Hals und langen Beinen, und das hat seit Montagmorgen keinen Schlag Arbeit getan. Es will nicht traben.«

»Hui!« sagte der Dschinn und pfiff, »das ist mein Kamel, bei allem Gold von Arabien! Was sagt es dazu?«

»Es sagt ›Höm!‹ sagte der Hund; »und es will weder schleppen noch tragen.«

»Sagt es noch irgend etwas anderes?«

»Nur ›Höm!‹; und es will nicht pflügen,« sagte der Ochse.

»Sehr gut,« sagte der Dschinn. »Ich werde ihm das Höm schon zeigen, wenn ihr bitte einen Moment warten möchtet.«

Der Dschinn wickelte sich in seinen Staubmantel und flog über die Wüste, und fand das Kamel, höchst unerträglich untätig, wie es sein Spiegelbild in einem Wasserloch betrachtete.

Das Kamel bekommt seine Strafe

»Mein langer und blubbernder Freund,« sagte der Dschinn, »was höre ich da, dass du nicht arbeitest, wo die Welt so neu ist und alles?«

»Höm!« sagte das Kamel.

Der Dschinn setzte sich hin, stützte das Kinn in die Hand und begann, eine Große Magie auszudenken, während das Kamel sein eigenes Spiegelbild in dem Wasserloch betrachtete.

»Du hast den Dreien seit Montagmorgen zusätzliche Arbeit beschert, alles wegen deiner unerträglichen Untätigkeit,« sagte der Dschinn; und er fuhr fort, Magie auszudenken, mit dem Kinn in der Hand.

»Höm!« sagte das Kamel.

»An deiner Stelle würde ich das nicht noch einmal sagen,« sagte der Dschinn; »du könntest es einmal zu viel sagen. Blubberer, ich will, dass du arbeitest.«

Und das Kamel sagte wieder »Höm!«; aber kaum hatte es das gesagt, als es seinen Rücken, auf den es sehr stolz war, anschwellen sah, zu einem großen, dicken, schwabbelnden Höcker anschwellen.

»Siehst du das?« sagte der Dschinn. »Das ist dein eigenes Höm, das du durch deine Verweigerung der Arbeit auf dich herab gebracht hast. Heute ist Donnerstag, und du hast keine Arbeit getan seit dem Montag, als die Arbeit anfing. Jetzt wirst du arbeiten.«

»Wie kann ich das,« sagte das Kamel, »mit diesem Höm auf meinem Rücken?«

»Das ist mit Absicht so gemacht,« sagte der Dschinn, »weil du die ersten drei Tage versäumt hast. Jetzt wirst du drei Tage lang ohne zu essen arbeiten können, weil du von deinem Höm leben kannst; und sage nie, dass ich nichts für dich getan hätte. Verlasse die Wüste und geh zu den Dreien, und benimm dich. Höm dich!«

Und das Kamel hömte sich, mit Höm und allem, und ging fort, um sich den Dreien anzuschließen. Und seit diesem Tage trägt das Kamel immer einen Höm (wir sagen jetzt »Höcker« dazu, um seine Gefühle nicht zu verletzen); aber es hat noch immer nicht die drei Tage aufgeholt, die es seit dem Anfang der Welt versäumt hat, und es hat noch immer nicht gelernt, sich zu benehmen.


Quelle: Rudyard Kipling, Nur so Geschichten

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Tiergeschichten: Jakob Krakel-Kakel (3 min)

Tiergeschichten: Jakob Krakel-Kakel (3 min)

Tiergeschichten: Jakob Krakel-Kakel

Lesezeit: 3 min

Jakob Krakel-Kakel war schon ein alter Rabenvater. Aber – dem Himmel sei es geklagt – er machte noch immer Seitenflüge. Besonders häufig traf er sich in einer Felsengalerie mit seiner Nichte, der Nebelkrähe. Er schwärmte so für aschblonde Federn. Da saß er und schnäbelte, statt sich die Felsenbilder zu besehen, wie es ehrbare Leute tun. Denn dazu sind die Felsengalerien da, wie jeder weiß. Die Felsen blieben freilich ungerührt, aber sonst war es betrübend.

»Krah«, sagte Jakob Krakel-Kakel und ließ sich elegant auf den Rand seines Nestes niedergleiten. »Jakob«, sagte Frau Krakel-Kakel, die häuslich auf ihren Eiern saß, »Jakob, wo sind die bestellten Regenwürmer?« »Regenwürmer sind dieses Jahr sehr schwer zu beschaffen. Ich fand nichts als einen Engerling, den ich im Versehen verschluckte.« Jakob Krakel-Kakel hatte Übung in solchen Dingen. »Jakob, wo warst du?« fragte Frau Krakel-Kakel. »Ich sagte es dir schon«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »ich habe alle Felder abgesucht. Ich bin erschöpft. Außerdem bin ich erkältet.

»Du bist eher erhitzt«, sagte Frau Krakel-Kakel. »Jakob – hat nicht deine Nichte, die Nebelkrähe, aschblonde Federn auf der Brust?«

»Was wird sie haben«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »sie wird schon aschblonde Federn haben.«

»Jakob«, sagte Frau Krakel-Kakel, »du hast eine aschblonde Feder auf dem Rock.«

»Ich werde eben grau«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »es ist kein Wunder.« Er putzte sich die Feder fort.

»Jakob, kakle die Wahrheit! Du bist polygam. Pfui!«

Jakob Krakel-Kakel senkte schuldbewusst den großen Schnabel. In der Tiefe seiner Rabenseele aber war er wütend und beschloss, Rache zu nehmen – Rabenrache!

»Krah«, sagte Jakob Krakel-Kakel und flog davon. Er flog zum Kuckuck.

»Ich habe gehört, dass Sie Ihre Eier vergeben. Ich will eins haben.«

»Mit Vergnügen«, sagte der Kuckuck.

»Mehr als einen oder höchstens zwei Regenwürmer möchte ich nicht anlegen«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »ich bin verheiratet und kann mir keine Extravaganzen gestatten.

»O bitte, das genügt vollkommen, ich tue es überhaupt nur aus reiner Vogelfreundlichkeit“, sagte der Kuckuck. »Ich will das Ei dann gleich mitnehmen«, sagte Jakob Krakel-Kakel.

»Das geht nicht«, sagte der Kuckuck pfiffig. »Eierlegen ist eine produktive Tätigkeit. So was ist doch nicht vorrätig. Man braucht Stimmung dazu. Das müsste solch ein alter Vogel doch eigentlich selbst wissen.«

Jakob Krakel-Kakel tat, als wisse er das nicht.

»Wann kann ich es mir holen?« fragte er.

»Ich liefere es Ihnen loco Rabennest«, sagte der Kuckuck zuvorkommend.

»Das tun Sie lieber nicht«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »Sie könnten da auf ungeahnte Schwierigkeiten stoßen. Ich hole es mir selbst ab.«

Nach einigen Tagen flog Jakob Krakel-Kakel von hinten auf seine Frau zu. Er hatte ein Ei im Schnabel und schob es ihr vorsichtig ins Unterrockgefieder. Dann segelte er von dannen – ruchlos krächzend.

Nach einer kurzen Weile kam er wieder und setzte sich auf den Nestrand. Er sagte nicht einmal »Krah« zur Begrüßung und kehrte seiner Frau den Rücken zu. Dann wandte er den Schnabel und sprach über die Schulter.

»Lea«, sagte er, »was ist das für ein Ei?«

»Was werden es für Eier sein«, sagte Frau Krakel-Kakel, »unsere Eier – Rabeneier.«

»Lea – kakle die Wahrheit! Du hast ein fremdes Ei im Nest!«

»Ach, du meinst das kleine, das du mir heute zugesteckt hast?« sagte Frau Krakel-Kakel. »Das hab‘ ich ausgetrunken. Es war doch eine Aufmerksamkeit für die bestellten Regenwürmer, die du vergessen hast? Nicht wahr?« Jakob Krakel-Kakel war zumute, als müsse er selber Eier legen.

»Natürlich«, sagte er und sah seine Frau mit Rabenaugen an. Er tat es nicht lange. Frau Lea Krakel-Kakel hatte einen Zug um die Schnabelwinkel – einen Zug, den man niemand beschreiben kann, der ihn nicht kennt. Jakob Krakel-Kakel wurde hundert Jahre alt. Den Zug vergaß er nie. Er hat auch auf dem tadellos schwarzen Rock nie wieder eine aschblonde Feder gehabt. Und das heißt: Er hat sie sich stets vorher sorgsam abgeputzt.

 

Quelle: nach Manfred Kyber, Tiergeschichten 

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Die gestohlene Kuh (5 min)

Die gestohlene Kuh (5 min)

Die gestohlene Kuh

Lesezeit: 5 min

In Köln hat ein Abenteurer sein Wesen getrieben, von dem man gar viel schreiben könnte, denn er ist heute noch vielen im Gedächtnis. Eine Geschichte, die ich selbst von glaubhaften Personen in Köln gehört habe, will ich hier kurz erzählen. Nach vielen abenteuerlichen Reisen ist er einst zwei Meilen von Köln in ein Dorf und in ein Wirtshaus gekommen und hat Herberge zur Nacht begehrt. Der Wirt hat ihm solche gegeben und ihn gefragt, wo er morgens hinwolle. Der Abenteurer antwortete, er wolle nach Köln auf den Markt. Da sprach der Wirt: »Das ist gut, dann können wir morgen miteinander gehn!« – »Wir müssen aber früh aufstehen,« meinte der Gast, »damit wir rechtzeitig auf den Markt kommen.« – Der Wirt sprach: »Schau du nur zu und verschlaf‘ dich nicht, ich bin immer früh auf.« – »Lieber Wirt,« bat der Gast, »wenn Ihr denn so früh auf seid, so weckt mich bitte!« und der Wirt versprach es ihm.

Nun hatte der Wirt eine feiste Kuh im Stall, das wusste der Gast wohl, und als nun alle im Haus schlafen gegangen waren, stand der Gast in großer Stille wieder auf, nahm die Kuh aus dem Stalle und führte sie bei Nacht einen guten Teil Wegs auf Köln zu und band sie in einem seitwärts gelegenen Gebüsch an einen Baum, damit jemand, der vorüberginge, sie nicht sähe. Er selbst kehrte wieder in den Gasthof zurück.

Des Morgens früh stand der Wirt auf und weckte den Gast, und die beiden gingen nun miteinander plaudernd auf Köln zu. Als sie in die Gegend kamen, wo der Abenteurer die Kuh an einen Baum gebunden hatte, sagte der zu dem Wirt: »Hört einmal zu, lieber Wirt. Es ist mir ein Bauer in dem Dorf da hinter dem Gebüsch noch Geld schuldig, und ich will doch sehen, ob ich es nicht bekommen kann. Zieht also gemächlich weiter, ich werde bald wieder bei Euch sein.« Der Wirt sprach: »In Gottes Namen!« und ging langsam weiter. Der Schalk aber kam zu dem Baume, fand die Kuh noch angebunden, nahm sie bei dem Seil und zog aufs gemächlichste hinterher, so dass er erst kurz vor Köln wieder mit dem Wirt zusammentraf. Als der ihn kommen sah, rief er: »Gast, kommst du endlich? Ich habe schon lange auf dich gewartet!« Der Gast sprach: »Ja, ich habe viel Plage mit dem Bauern gehabt, bis ich zur Bezahlung gekommen bin. Denn er hatte kein Geld, und ich wollte die Schuld erledigt haben. Da hab‘ ich eine elende Kuh für mein gutes, ausgeliehenes Geld nehmen müssen. Ich fürchte, ich kann sie nicht für den Betrag in Köln verkaufen, wie ich sie genommen habe!« Der Wirt sah die Kuh an und sprach: »Das ist auf meinen Eid eine schöne, feiste Kuh! Wenn ich meine eigene Kuh nicht selbst gestern Abend spät noch in den Stall gestellt hätte, dann würde ich schwören, es wäre meine Kuh, so ähnlich sieht sie ihr.« Damit schwiegen sie beide der Rede, bis sie in die Stadt Köln kamen.

Nun war aber der Gast in Köln schon so verrufen und bekannt, dass er sich auf dem Markt, wo man Kühe und Ochsen verkaufte, wegen verschiedener böser Streiche nicht sehen lassen durfte. Denn er hatte schon ein paarmal Ochsen gekauft und sie nachher nicht bezahlt. Deshalb sagte er zu dem Wirt, er hätte noch andere dringende Geschäfte, und bat ihn, doch für ihn die Kuh zu verkaufen. Er zeigte ihm auch seine Herberge an, wohin er ihm das Geld bringen sollte, und versprach ihm ein gutes Trinkgeld. Der Wirt ging darauf ein, löste für die Kuh sogar noch etwas mehr, als er gedacht hatte, und brachte das Geld dem Gast getreulich in die bestimmte Herberge. Der empfing das Geld mit großem Dank und schenkte dem Wirt ein Trinkgeld, womit dieser wohl zufrieden war.

Nun gedachte der Gast, wie er ohne Umstände von dem Wirt loskommen könnte und sprach zu ihm: »Wir wollen zu Morgen miteinander essen, denn die Kuh hat mehr eingebracht, als sie mir wert war. Der Bauer, der mir die Kuh gab, muss die Zeche bezahlen!« Damit bat er die Wirtin, ihm zwei zinnerne Platten zu leihen, er wolle gehn und ein paar gebratene Hühner kaufen. Im Begriff aber hinauszugehen, trat er an den Kölner Wirt heran und sagte: »Lieber Wirt, leiht mir Euren Mantel! Ich mag nicht, dass man sehe, was ich gekauft habe; ich will den Mantel darüber schlagen!« Im Wirklichkeit aber fürchtete er, dass man ihn in seinem gewöhnlichen Rock erkennen möchte. Als ihm nun der Wirt den Mantel gab, da schlug er ihn um seinen Rock, nahm die Platten darunter und wanderte damit fröhlich davon, denn es war ihm natürlich keinen Augenblick eingefallen, gebratene Hühner zu kaufen. Es lag ihm auch nichts daran, was die beiden Wirte nachher über ihn reden würden, denn er hatte überhaupt nicht vor, sich bei ihnen noch einmal sehen zu lassen.

Als nun die beiden Zurückgebliebenen lange auf ihn gewartet hatten, da kam auf einmal des guten Bauern Tochter gelaufen mit großem Weinen und Klagen und sagte. »Oh, Vater, es ist eine übele Geschichte geschehen. Wir haben unsere Kuh verloren, sie ist uns diese Nacht gestohlen worden!« Der Vater durchschaute jetzt die ganze Büberei und sprach: »Da schlag der Teufel drei! Ich habe sie selbst verkauft!« Und er musste über den Schelmenstreich schließlich selbst lachen, und wartete jetzt auch nicht länger auf die gebratenen Hühner.

So war er um seine Kuh gekommen, die Wirtin um die beiden Platten und der Wirt um seinen Mantel. Und sie hatten es alle drei mit Willen getan, aber ohne ihr Wissen.

Aus: »Schimpf und Ernst« von Bruder Johannes Pauli


Quelle: Hans Ostwald, Vergnügte Tiere

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Kurz Märchen

Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen (5 min)

Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen (5 min)

Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen

Lesezeit:  5 min
Drei Königstöchter mit gläsernen Herzen

Es gibt Menschen mit gläsernen Herzen. Wenn man leise daran rührt, klingen sie so fein wie silberne Glocken. Stößt man jedoch derb daran, so gehen sie entzwei.

Da war nun auch ein Königspaar, das besaß drei Töchter, und alle drei hatten gläserne Herzen. »Kinder,« sagte die Königin, »nehmt euch mit euren Herzen in acht, sie sind eine zerbrechliche Ware!« Und sie taten es auch.

Eines Tages jedoch lehnte sich die älteste Tochter zum Fenster hinaus über die Brüstung und sah hinab in den Garten, wie die Bienen und Schmetterlinge um die Blumen flogen. Dabei drückte sie sich ihr Herz: kling! ging es, wie wenn etwas zerspringt, und sie fiel hin und war tot.

Wieder nach einiger Zeit trank die zweite Tochter eine Tasse zu heißen Kaffee. Da gab es abermals einen Klang wie wenn ein Glas springt, nur etwas feiner als das erste Mal, und auch sie fiel um. Da hob sie ihre Mutter auf und besah sie, merkte aber bald zu ihrer Freude, dass sie nicht tot war, sondern ihr Herz nur einen Sprung bekommen hatte, jedoch noch hielt.

»Was sollen wir nun mit unserer Tochter anfangen?« beratschlagten der König und die Königin. »Sie hat einen Sprung im Herzen, und wenn er auch nur fein ist, so wird es doch leicht ganz entzweigehen. Wir müssen sie sehr in acht nehmen.«

Aber die Prinzessin sagte: »Laßt mich nur! Manchmal hält das, was einen Sprung bekommen hat, nachher gerade noch recht lange!« –

Indessen war die jüngste Königstochter auch groß geworden, und so schön, gut und verständig, dass von allen Seiten Königssöhne herbeiströmten und um sie warben. Doch der alte König war durch Schaden klug geworden und sagte: »Ich habe nur noch eine ganze Tochter, und auch die hat ein gläsernes Herz. Soll ich sie jemandem geben, so muss er ein König sein, der zugleich Glaser ist und mit so zerbrechlicher Ware umzugehen versteht.« Allein es war unter den vielen Bewerbern nicht einer, der sich gleichzeitig auf die Glaserei gelegt hätte, und so mussten sie alle wieder abziehen. –

Der Edelknabe und die Prinzessin

Da war nun unter den Edelknaben im Schloss des Königs einer, der war beinahe fertig. Wenn er noch dreimal der jüngsten Königstochter die Schleppe getragen hatte, so war er Edelmann. Dann gratulierte ihm der König und sagte ihm: »Du bist nun fertig und Edelmann. Ich danke dir. Du kannst gehen.«

Als er nun das erste Mal der Prinzessin die Schleppe trug, sah er, dass sie einen ganz königlichen Gang hatte. Als er sie ihr das zweite Mal trug, sagte die Prinzessin: »Lass einmal einen Augenblick die Schleppe los, gib mir deine Hand und führe mich die Treppe hinauf, aber fein zierlich, wie es sich für einen Edelknaben, der eine Königstochter führt, schickt.« Als er dies tat, sah er, dass sie auch eine ganz königliche Hand hatte. Sie aber merkte auch etwas; was es aber war, will ich erst nachher sagen. Endlich, als er ihr das dritte Mal die Schleppe trug, drehte sich die Königstochter um und sagte zu ihm: »Wie reizend du mir meine Schleppe trägst! So reizend hat sie mir noch keiner getragen.« Da merkte der Edelknabe, dass sie auch eine ganz königliche Sprache führte. Damit war er nun aber fertig und Edelmann. Der König dankte und gratulierte ihm und sagte, er könne nun gehen.

Als er ging, stand die Königstochter an der Gartentür und sprach zu ihm: »Du hast mir so reizend die Schleppe getragen, wie kein anderer. Wenn du doch Glaser und König wärst!«

Darauf antwortete er, er wolle sich alle Mühe geben, es zu werden; sie möge nur auf ihn warten, er käme gewiss wieder.

Die Ausbildung zum Glaser

Er ging also zu einem Glaser und fragte ihn, ob er nicht einen Glaserjungen gebrauchen könne. »Jawohl,« erwiderte dieser, »aber du musst vier Jahre bei mir lernen. Im ersten Jahre lernst du die Semmeln vom Bäcker holen und die Kinder waschen, kämmen und anziehen. Im zweiten lernst du die Ritzen mit Kitt verschmieren, im dritten Glas schneiden und einsetzen und im vierten wirst du Meister.«

Darauf fragte er den Glaser, ob er nicht von hinten anfangen könne, weil es dann doch schneller ginge. Indes der Glaser bedeutete ihn, dass ein ordentlicher Glaser immer von vorn anfangen müsse, sonst würde nichts Gescheites daraus.

Damit gab er sich zufrieden. Im ersten Jahre holte er also die Semmeln vom Bäcker, wusch und kämmte die Kinder und zog sie an. Im zweiten verschmierte er die Ritzen mit Kitt, im dritten lernte er Glas schneiden und einsetzen und im vierten Jahre wurde er Meister. Darauf zog er sich wieder seine Edelmannskleider an, nahm Abschied von seinem Lehrherrn und überlegte sich, wie er es anfinge, um nun auch noch König zu werden.

Die Suche nach einem Königreich

Während er so aus der Straße ganz in Gedanken versunken einherging und aufs Pflaster sah, trat ein Mann an ihn heran und fragte, ob er etwas verloren habe, dass er immer so auf die Erde sähe. Da erwiderte er: verloren habe er zwar nichts, aber suchen täte er doch etwas, nämlich ein Königreich; und fragte ihn, ob er nicht wisse, was er zu beginnen habe, um König zu werden.

»Wenn du ein Glaser wärst,« sagte der Mann, »wüsste ich schon Rat.«

»Ich bin ja gerade ein Glaser!« antwortete er, »und eben fertig geworden!«

Als er dies gesagt, erzählte ihm der Mann die Geschichte von den drei Schwestern mit den gläsernen Herzen, und wie der alte König durchaus seine Tochter nur einem Glaser vermählen wolle. »Anfangs,« so sprach er, »war noch die Bedingung, dass der Glaser, der sie bekäme, auch noch ein König oder ein Königssohn sein müsse; weil sich aber keiner finden will, der alles beides ist, Glaser und König zugleich, so hat er etwas nachgegeben, wie es der Klügste immer tun muss, und zwei andere Bedingungen gestellt. Glaser muss er freilich immer noch sein, dabei bleibt es!«

»Welches sind denn die beiden Bedingungen?« fragte der junge Edelmann.

»Er muss der Prinzessin gefallen und Samtpatschen haben. Kommt nun ein Glaser, welcher der Prinzessin gefällt und auch Samtpatschen hat, so will ihm der König seine Tochter geben und ihn später, wenn er tot ist, zum König machen. Es sind nun auch schon eine Menge Glaser auf dem Schloss gewesen, aber der Prinzessin wollte keiner gefallen. Außerdem hatten sie auch alle keine Samtpatschen, sondern grobe Hände, wie das von gewöhnlichen Glasern nicht anders zu erwarten ist.«

Der Glaser mit den Samtpatschen

Als dies der junge Edelmann vernommen, ging er in das Schloss, entdeckte sich dem König, erinnerte ihn daran, wie er bei ihm Edelknabe gewesen sei, und erzählte ihm dass er seiner Tochter zuliebe Glaser geworden und sie nun gar gerne heiraten und nach seinem Tode König werden wolle.

Da ließ der König die Prinzessin rufen und fragte sie, ob der junge Edelmann ihr gefiele, und als sie dies bejahte, weil sie ihn gleich erkannte, sagte er dann weiter, er solle nun auch seine Handschuhe ausziehen und zeigen, ob er auch Samtpatschen habe. Aber die Prinzessin meinte, dies sei ganz unnötig, sie wisse es ganz genau, dass er wirklich Samtpatschen habe. Sie hätte es schon damals gemerkt, als er sie die Treppe hinaufgeführt hätte.

Und wenn sie nicht gestorben sind…

So waren denn beide Bedingungen erfüllt, und da die Prinzessin einen Glaser zum Mann bekam und noch dazu einen mit Samtpatschen, so nahm er ihr Herz sehr in acht, und es hielt bis an ihr seliges Ende.

Die zweite Schwester aber, welche schon den Sprung hatte, wurde die Tante, und zwar die allerbeste Tante der Welt. Dies versicherten nicht bloß die Kinder, welche der junge Edelmann und die Prinzessin zusammen bekamen, sondern auch alle anderen Leute. Die kleinen Prinzessinnen lehrte sie lesen, beten und Puppenkleider machen; den Prinzen aber besah sie die Zensuren. Wer eine gute Zensur hatte, wurde sehr gelobt und bekam etwas geschenkt; hatte aber einer einmal eine schlechte Zensur, dann gab sie ihm eine Kopfnuss und sprach: »Sage einmal, du sauberer Prinz, was du dir eigentlich vorstellst? Was willst du später einmal werden? Heraus mit der Sprache! Nun, wird’s bald?«

Und wenn er dann sagte: »Kö-Kö-Kö-König!« lachte sie und fragte: »König? Wohl König Midas? König Midas Hochgeboren mit zwei langen Eselsohren!« Dann schämte sich der, welcher die schlechte Zensur bekommen hatte, gewaltig.

Und auch diese zweite Prinzessin wurde steinalt, obwohl ihr Herz einen Sprung hatte. Wenn sich jemand darüber wunderte, sagte sie regelmäßig: »Was in der Jugend einen Sprung kriegt und geht nicht gleich entzwei, das hält nachher oft gerade noch recht lange.« –

Und das ist auch wahr. Denn meine Mutter hat auch so ein altes Sahnentöpfchen, weiß, mit kleinen bunten Blumensträußchen besät, das hat einen Sprung, solange ich denken kann, und hält immer noch; und seit es meine Mutter hat, sind schon so viele neue Sahnentöpfchen gekauft und immer wieder zerbrochen worden, dass man sie gar nicht zählen kann.

 

Quelle: nach Richard-Leander, Träumereien an französischen Kaminen

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