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Wie das Kamel zu seinem Höcker kam (4 min)

Wie das Kamel zu seinem Höcker kam (4 min)

Wie das Kamel zu seinem Höcker kam

Lesezeit: 4 min

Diese Geschichte erzählt, wie das Kamel seinen großen Höcker bekam.

Das Kamel verweigert die Arbeit

Am Anfang der Zeit, als die Welt noch ganz neu war und alles, und die Tiere eben erst begannen, für den Menschen zu arbeiten, war da ein Kamel, und das lebte mitten in der Heulenden Wüste, weil es nicht arbeiten wollte; und nebenbei war es selbst auch ein Heuler. Also war es höchst unerträglich untätig und fraß Zweige und Dornen und Tamarisken und Wolfsmilch und Stacheln; und wenn irgendjemand es ansprach, sagte es »Höm!« Nur »Höm! Und weiter nichts.

Jetzt kam das Pferd am Montag morgen zu ihm, mit dem Sattel auf dem Rücken und einer Trense im Maul und sagte, »Kamel, Kamel, komm raus und trabe wie wir alle.«

»Höm!« sagte das Kamel; und das Pferd lief davon und erzählte es dem Menschen.

Jetzt kam der Hund zu ihm, mit einem Stöckchen im Maul, und sagte, »Kamel, o Kamel, komm und schleppe und trage wie wir alle.«

»Höm!« sagte das Kamel; und der Hund lief davon und erzählte es dem Menschen.

Jetzt kam der Ochse mit dem Joch auf dem Nacken zu ihm und sagte »Kamel, o Kamel, komm und pflüge wie wir alle.«

»Höm!« sagte das Kamel; und der Ochse lief davon und erzählte es dem Menschen.

Am Ende des Tages rief der Mensch das Pferd und den Hund und den Ochsen zusammen und sagte, »Drei, o Drei, ich habe sehr großes Mitleid mit euch (wo die Welt so neu ist und alles); aber das Höm-Ding in der Wüste kann nicht arbeiten, sonst wäre es jetzt hier, also werde ich es in Ruhe lassen, und ihr müßt doppelt arbeiten, um das auszugleichen.«

Das machte die Drei sehr wütend (wo die Welt so neu war und alles), und sie hielten ein Palaver, und ein Indaba, und ein Panchayet, und ein Pau-Wau am Rande der Wüste; und das Kamel kam, höchst unerträglich untätig, Wolfsmilch kauend, und lachte sie aus. Dann sagte es »Höm!« und ging wieder davon.

Jetzt kam der Dschinn Aller Wüsten in einer Wolke von Staub heran gerollt (Dschinns reisen immer so, weil es Magie ist), und er hielt an, um mit den Dreien zu palavern und zu pau-wauen.

»Dschinn Aller Wüsten,« sagte das Pferd, »darf irgendwer so untätig sein, wo die Welt so neu ist und alles?«

»Sicherlich nicht,« sagte der Dschinn.

»Nun,« sagte das Pferd, »da ist ein Ding mitten in deiner Heulenden Wüste (und es ist selbst ein Heuler) mit einem langen Hals und langen Beinen, und das hat seit Montagmorgen keinen Schlag Arbeit getan. Es will nicht traben.«

»Hui!« sagte der Dschinn und pfiff, »das ist mein Kamel, bei allem Gold von Arabien! Was sagt es dazu?«

»Es sagt ›Höm!‹ sagte der Hund; »und es will weder schleppen noch tragen.«

»Sagt es noch irgend etwas anderes?«

»Nur ›Höm!‹; und es will nicht pflügen,« sagte der Ochse.

»Sehr gut,« sagte der Dschinn. »Ich werde ihm das Höm schon zeigen, wenn ihr bitte einen Moment warten möchtet.«

Der Dschinn wickelte sich in seinen Staubmantel und flog über die Wüste, und fand das Kamel, höchst unerträglich untätig, wie es sein Spiegelbild in einem Wasserloch betrachtete.

Das Kamel bekommt seine Strafe

»Mein langer und blubbernder Freund,« sagte der Dschinn, »was höre ich da, dass du nicht arbeitest, wo die Welt so neu ist und alles?«

»Höm!« sagte das Kamel.

Der Dschinn setzte sich hin, stützte das Kinn in die Hand und begann, eine Große Magie auszudenken, während das Kamel sein eigenes Spiegelbild in dem Wasserloch betrachtete.

»Du hast den Dreien seit Montagmorgen zusätzliche Arbeit beschert, alles wegen deiner unerträglichen Untätigkeit,« sagte der Dschinn; und er fuhr fort, Magie auszudenken, mit dem Kinn in der Hand.

»Höm!« sagte das Kamel.

»An deiner Stelle würde ich das nicht noch einmal sagen,« sagte der Dschinn; »du könntest es einmal zu viel sagen. Blubberer, ich will, dass du arbeitest.«

Und das Kamel sagte wieder »Höm!«; aber kaum hatte es das gesagt, als es seinen Rücken, auf den es sehr stolz war, anschwellen sah, zu einem großen, dicken, schwabbelnden Höcker anschwellen.

»Siehst du das?« sagte der Dschinn. »Das ist dein eigenes Höm, das du durch deine Verweigerung der Arbeit auf dich herab gebracht hast. Heute ist Donnerstag, und du hast keine Arbeit getan seit dem Montag, als die Arbeit anfing. Jetzt wirst du arbeiten.«

»Wie kann ich das,« sagte das Kamel, »mit diesem Höm auf meinem Rücken?«

»Das ist mit Absicht so gemacht,« sagte der Dschinn, »weil du die ersten drei Tage versäumt hast. Jetzt wirst du drei Tage lang ohne zu essen arbeiten können, weil du von deinem Höm leben kannst; und sage nie, dass ich nichts für dich getan hätte. Verlasse die Wüste und geh zu den Dreien, und benimm dich. Höm dich!«

Und das Kamel hömte sich, mit Höm und allem, und ging fort, um sich den Dreien anzuschließen. Und seit diesem Tage trägt das Kamel immer einen Höm (wir sagen jetzt »Höcker« dazu, um seine Gefühle nicht zu verletzen); aber es hat noch immer nicht die drei Tage aufgeholt, die es seit dem Anfang der Welt versäumt hat, und es hat noch immer nicht gelernt, sich zu benehmen.


Quelle: Rudyard Kipling, Nur so Geschichten

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Vom unsichtbaren Königreiche (15 min)

Vom unsichtbaren Königreiche (15 min)

Vom unsichtbaren Königreiche

Lesezeit: 15 min
Der Traumjörge 

In einem kleinen Hause, welches wohl eine Viertelstunde abseits von dem übrigen Dorfe auf der halben Berghöhe lag, wohnte mit seinem alten Vater ein junger Bauer, namens Jörg. Es gehörten zu dem Hause so viel Acker Feld, dass beide eben keine Sorgen hatten. Gleich hinter dem Hause fing der Wald an, mit Eichen und Buchen, so alt, dass die Enkelkinder von denen, welche sie gepflanzt hatten, schon seit mehr als hundert Jahren tot waren; vor ihm aber lag ein alter zerbrochener Mühlstein – wer weiß, wie der dahin gekommen war. Wer sich auf ihn setzte, der hatte eine wundervolle Aussicht hinab ins Tal, auf den Fluss, der das Tal durchströmte, und die Berge, die jenseits des Flusses aufstiegen. Hier saß der Jörg am Abend, wenn er seine Arbeit auf dem Felde getan hatte, den Kopf auf die Hände und die Ellenbogen auf die Knie gestützt, oft stundenlang und träumte, und weil er sich wenig um die Leute im Dorf bekümmerte und meist still und in sich gekehrt einherging, wie einer, der an allerhand denkt, nannten ihn die Leute spottweise Traumjörge. Dies war ihm jedoch völlig gleichgültig.

Je älter er aber ward, desto stiller wurde er; und als sein alter Vater endlich starb, und er ihn unter einer großen alten Eiche begraben hatte, wurde er ganz still. Wenn er dann auf dem alten zerbrochenen Mühlsteine saß, was er jetzt noch viel häufiger tat als zuvor, und hinab in das herrliche Tal sah, wie die Abendnebel an dem einen Ende hereintraten und langsam an den Bergen hinwandelten, wie es dann dunkler wurde und dunkler, bis zuletzt der Mond und die Sterne in ihrer ganzen Herrlichkeit am Himmel heraufzogen: dann wurde es ihm so recht wunderbar ums Herz. Denn dann fingen die Wellen im Fluss zu singen an, anfangs ganz leise, bald aber deutlich vernehmbar, und sie sangen von den Bergen, wo sie herkämen, vom Meer, wo sie hinwollten, und von den Nixen, die tief unten im Grunde des Flusses wohnten. Darauf begann auch der Wald zu rauschen, ganz anders als ein gewöhnlicher Wald, und erzählte die wunderbarsten Sachen. Besonders der alte Eichbaum, der an seines Vaters Grab stand, der wusste noch viel mehr wie alle die andren Bäume. Die Sterne aber, die hoch am Himmel standen, bekamen die größte Lust, herabzufallen in den grünen Wald und in den blauen Strom, und flimmerten und zitterten, wie jemand, der es gar nicht mehr aushalten kann. Doch die Engel, von denen hinter jedem Sterne einer steht, hielten sie jedesmal fest und sagten: »Sterne, Sterne, macht keine Torheiten! Ihr seid ja viel zu alt dazu, viele tausend Jahr und noch mehr! Bleibt im Lande und nährt euch redlich!« –

Es war ein wunderbares Tal! – Aber alles das sah und hörte bloß der Traumjörge. Die Leute, welche im Dorf wohnten, ahnten gar nichts davon; denn es waren ganz gewöhnliche Leute. Dann und wann schlugen sie einen von den alten Baumriesen um, zersägten und zerspellten ihn, und wenn sie eine hübsche Klafter aufgerichtet hatten, sprachen sie: »Nun können wir uns wieder eine Weile Kaffee kochen.« Und im Fluß wuschen sie ihre Wäsche; das war ihnen sehr bequem. Von den Sternen aber, wenn sie so recht funkelten, sagten sie weiter nichts als: »Es wird heute nacht recht kalt werden; wenn nur unsere Kartoffeln nicht erfrieren.« Versuchte es einmal der arme Traumjörge, ihnen eine andere Meinung beizubringen, so lachten sie ihn aus. Es waren eben ganz gewöhnliche Leute.

Die Traumprinzessin 

Wie er nun so eines Tages wieder auf dem alten Mühlsteine saß und bei sich bedachte, dass er doch auf der ganzen Welt so mutterseelenallein sei, schlief er ein. Da träumte ihm, es hinge vom Himmel eine goldene Schaukel an zwei silbernen Seilen herab. Jedes Seil war an einem Sterne befestigt; auf der Schaukel aber saß eine reizende Prinzessin und schaukelte sich so hoch, dass sie vom Himmel zur Erde herab und von der Erde wieder zum Himmel hinaufflog. Jedesmal, wenn die Schaukel bis an die Erde kam, klatschte die Prinzessin vor Freude in ihre Hände und warf ihm eine Rose zu. Aber plötzlich rissen die Seile, und die Schaukel mit der Prinzessin flog weit in den Himmel hinein, immer weiter, immer weiter, bis er sie zuletzt nicht mehr sehen konnte.

Da wachte er auf, und als er sich umsah, lag neben ihm auf dem Mühlsteine ein großer Strauß von Rosen.

Am nächsten Tage schlief er wieder ein und träumte dasselbe. Beim Erwachen lagen richtig die Rosen wieder da.

So ging es die ganze Woche hindurch. Da sagte sich Traumjörge, dass doch irgend etwas Wahres an dem Traume sein müsse, weil er ihn immer wieder träumte. Er schloss sein Haus zu und machte sich auf, die Prinzessin zu suchen.

Der König der Träume und der König der Wirklichkeit 

Nachdem er viele Tage gegangen war, erblickte er von weitem ein Land, wo die Wolken bis auf die Erde hingen. Er wanderte rüstig darauf zu, kam aber in einen großen Wald. Plötzlich hörte er hier ein ängstliches Stöhnen und Wimmern, und als er auf die Stelle zugegangen war, von welcher das Gestöhn und Gewimmer herkam, sah er einen ehrwürdigen Greis mit silbergrauem Barte auf der Erde liegen. Zwei widerlich hässliche, splitternackte Kerle knieten auf ihm und suchten ihn zu erwürgen. Da blickte er um sich, ob er nicht irgendeine Waffe fände, mit der er den beiden Kerlen zu Leibe gehen könnte, und da er nichts fand, riss er in seiner Todesangst einen großen Baumast ab. Kaum jedoch hatte er diesen erfasst, als er sich in seinen Händen in eine mächtige Hellebarde verwandelte. Damit stürmte er auf die beiden Ungeheuer los und rannte sie ihnen durch den Leib, so dass sie mit Geheul den Alten losließen und fortsprangen.

Darauf hob er den ehrwürdigen Greis auf, tröstete ihn und fragte, warum ihn die beiden nackten Kerle hätten erwürgen wollen.

Da erzählte jener, er sei der König der Träume und aus Versehen etwas vom Wege ab in das Reich seines größten Feindes, des Königs der Wirklichkeit, gekommen. Sobald dies der König der Wirklichkeit bemerkt habe, hätte er ihm durch zwei seiner Diener auflauern lassen, damit sie ihm den Garaus machten.

»Hattest du denn dem König der Wirklichkeit etwas zuleide getan?« fragte Traumjörge.

»Behüte Gott!« versicherte jener. »Er wird aber überhaupt sehr leicht gegen andere ausfällig. Dies liegt in seinem Charakter – und mich besonders hasst er wie die Sünde!«

»Aber die Kerle, die er geschickt hatte, dich zu erwürgen, waren ja ganz nackt!«

»Jawohl,« sagte der König, »splitterfasernackt. Das ist so Mode im Lande der Wirklichkeit. Alle Leute gehen dort nackt, selbst der König, und schämen sich nicht einmal. Es ist ein abscheuliches Volk! – Weil du mir nun aber das Leben gerettet hast, will ich mich dankbar gegen dich erweisen und dir mein Land zeigen. Es ist wohl das herrlichste der Welt, und die Träume sind meine Untertanen!«

Das Königreich der Träume

Darauf ging der König der Träume voran und Jörg folgte ihm. Als sie an die Stelle kamen, wo die Wolken auf die Erde hingen, wies der König auf eine Falltüre, welche so versteckt im Busch lag, dass sie gar nicht zu finden war, wenn man es nicht wusste. Er hob sie auf und führte seinen Begleiter fünfhundert Stufen hinab in eine hell erleuchtete Grotte, welche sich meilenweit in wunderbarer Pracht hinzog. Es war unsäglich schön! Da waren Schlösser auf Inseln mitten in großen Seen, und die Inseln schwammen umher wie Schiffe. Wenn man in ein solches Schloss hineingehen wollte, brauchte man sich nur an das Ufer zu stellen und zu rufen:

»Schlösslein, Schlösslein, schwimme heran,
Dass ich in dich reingehn kann!«

dann kam es von selbst an das Ufer. Weiter waren noch andere Schlösser da auf Wolken; die flogen langsam in der Luft. Sprach man aber:

»Steig herab, mein Luftschlösslein,
Dass ich kann in dich hinein!«

so senkten sie sich langsam nieder. Außerdem waren noch da Gärten mit Blumen, die am Tag dufteten und in der Nacht leuchteten; schillernde Vögel, die Märchen erzählten, und eine Menge anderer ganz wunderbarer Sachen. Traumjörge konnte mit Staunen und Bewundern gar nicht fertig werden.

Die Untertanen des Traumkönigs 

»Nun will ich dir auch noch meine Untertanen, die Träume, zeigen,« sagte der König. »Ich habe deren drei Sorten. Gute Träume für die guten Menschen, böse Träume für die bösen und außerdem Traumkobolde. Mit den letzteren mache ich mir zuweilen einen Spaß, denn ein König muß doch auch zuweilen seinen Spaß haben.« –

Zuerst führte er ihn also in eins der Schlösser, welches eine so verzwickte Bauart hatte, daß es förmlich komisch aussah: »Hier wohnen die Traumkobolde,« sprach er, »kleines, übermütiges, schabernackiges Volk. Tut niemandem was, aber neckt gern.«

»Komm einmal her, Kleiner,« rief er darauf einem der Kobolde zu, »und sei einmal einen einzigen Augenblick ernsthaft.« Hernach fuhr er fort und sagte zu Traumjörge: »Weißt du, was der Schelm tut, wenn ich ihm einmal ausnahmsweise erlaube, auf die Erde hinaufzusteigen? Er läuft ins nächste Haus, holt den ersten besten Menschen, der gerade wunderschön schläft, aus den Federn, trägt ihn auf den Kirchturm und wirft ihn kopfüber herunter. Dann springt er eiligst die Turmtreppe hinab, so dass er unten eher ankommt, fängt ihn auf, trägt ihn wieder nach Haus und schmeißt ihn so ins Bett, dass es kracht und er davon aufwacht. Dann reibt der sich den Schlaf aus den Augen, sieht sich ganz verwundert um und spricht: »Ei du lieber Gott, war mir’s doch gerade, als wenn ich vom Kirchturm herabfiele. Es ist nur gut, dass ich bloß geträumt habe.«

»Das ist der?« rief Traumjörge. »Siehst du, der ist auch schon einmal bei mir gewesen! Wenn er aber wiederkommt und ich erwische ihn, soll’s ihm schlecht ergehen.« Kaum hatte er dies noch gesagt, so sprang ein andrer Traumkobold unter dem Tische hervor. Der sah fast aus wie ein kleiner Hund, denn er hatte ein ganz zottiges Gewand an und die Zunge steckte er auch heraus.

»Der ist auch nicht viel besser,« meinte der Traumkönig. »Er bellt wie ein Hund, und dabei hat er Kräfte wie ein Riese. Wenn dann die Leute im Traume Angst bekommen, hält er sie an Händen und Beinen fest, dass sie nicht fortkönnen.«

»Den kenne ich auch,« fiel Traumjörge ein. »Wenn man fortwill, ist es einem, als wenn man starr und steif wie ein Stück Holz wäre. Wenn man den Arm aufheben will, geht es nicht, und wenn man die Beine rühren will, geht es auch nicht. Manchmal ist’s aber kein Hund, sondern ein Bär, oder ein Räuber, oder sonst etwas Schlimmes!«

»Ich werde ihnen nie wieder erlauben, dich zu besuchen, Traumjörge,« beruhigte ihn der König. »Nun komm einmal zu den bösen Träumen, aber fürchte dich nicht, sie werden dir keinen Schaden zufügen; sie sind nur für die bösen Menschen.« Damit traten sie in einen ungeheueren Raum ein, der von einer hohen Mauer umgeben und mittelst einer gewaltigen eisernen Türe verschlossen war. Hier wimmelte es von den gräulichsten Gestalten und den entsetzlichsten Ungeheuern. Manche sahen wie Menschen, manche halb wie Menschen, halb wie Tiere, manche ganz wie Tiere aus. Erschrocken wich Traumjörge zurück bis an die eiserne Türe. Doch der König redete ihm freundlich zu und sprach: »Willst du dir nicht genauer besehen, was böse Menschen träumen müssen?« Und er winkte einem Traume, der zunächst stand; das war ein scheußlicher Riese, der hatte unter jedem Arme ein Mühlrad.

»Erzähle, was du heut Nacht tun wirst!« herrschte der König ihn an.

Da zog das Ungeheuer den Kopf in die Schultern und den Mund bis zu den Ohren, wackelte mit dem Rücken wie einer, der sich so recht freut, und sagte grinsend: »Ich gehe zum reichen Mann, der seinen Vater hat hungern lassen. Als der alte Mann sich eines Tages auf die steinerne Treppe vor dem Hause seines Sohnes gesetzt hatte und um Brot bat, kam der Sohn und sagte zum Gesinde: Jagt mir einmal den Hampelmann fort! Da gehe ich nun nachts zu ihm und ziehe ihn zwischen den zwei Mühlrädern durch, bis alle seine Knochen hübsch kurz und klein gebrochen sind. Ist er dann so recht schmeidig und zapplig geworden, so nehme ich ihn am Kragen, schüttle ihn und sage: Siehst du, wie hübsch du nun zappelst, du Hampelmann! Dann wacht er auf, klappert mit den Zähnen und ruft: Frau, bring‘ mir noch ein Deckbett, mich friert. Und wenn er wieder eingeschlafen ist, mache ich’s aufs neue!«

Als Traumjörge dies gehört, drängte er sich mit Gewalt zur Türe hinaus, den König nach sich ziehend, und rief: »Nicht einen Augenblick länger bleibe ich hier bei den bösen Träumen. Das ist ja entsetzlich!«

Doch der König führte ihn nun in einen prächtigen Garten, wo die Wege von Silber, die Beete von Gold und die Blumen von geschliffenen Edelsteinen waren. In dem gingen die guten Träume spazieren. Das erste, was er sah, war ein Traum wie eine junge blasse Frau, die hatte unter dem einen Arme ein Arche Noah, und unter dem andren einen Baukasten.

»Wer ist denn das?« fragte der Traumjörge.

»Die geht abends immer zu einem kleinen kranken Knaben, dem seine Mutter gestorben ist. Am Tag ist er ganz allein, und niemand bekümmert sich um ihn; aber gegen Abend geht sie zu ihm, spielt mit ihm und bleibt die ganze Nacht. Er schläft immer schon sehr früh ein, deshalb geht sie auch so zeitig. Die andren Träume gehen viel später. – Komm nur weiter; wenn du alles sehen willst, müssen wir uns sputen!«

Darauf gingen sie tiefer in den Garten hinein, mitten unter die guten Träume. Es waren Männer, Frauen, Greise und Kinder, alle mit lieben und guten Gesichtern und in den schönsten Kleidern. In den Händen trugen viele von ihnen alle möglichen Dinge, die sich das Herz nur wünschen kann. –

Die Traumprinzessin

Auf einmal blieb Traumjörge stehen und schrie so laut auf, dass alle Träume sich umdrehten.

»Was hast du denn?« fragte der König.

»Da ist ja meine Prinzessin, die mir so oft erschienen ist und mir die Rosen geschenkt hat!« rief Traumjörge ganz entzückt aus.

»Freilich, freilich!« erwiderte jener. »Das ist sie. Nicht wahr, ich habe dir immer einen sehr hübschen Traum geschickt? Es ist beinahe der hübscheste, den ich habe.«

Da lief der Traumjörge auf die Prinzessin zu, die gerade wieder auf ihrer kleinen goldenen Schaukel saß und sich schaukelte. Sobald sie ihn kommen sah, sprang sie herab und ihm gerade in die Arme. Er aber nahm sie an der Hand und führte sie an eine goldene Bank. Da setzten sie sich beide hin und erzählten sich, wie hübsch es wäre, dass sie sich wieder sähen. Und wenn sie damit fertig waren, fingen sie immer wieder von vorn an. Der König der Träume aber ging mittlerweile fortwährend aus dem großen Wege, der gerade durch den Garten ging, auf und ab, die Hände auf dem Rücken, und zuweilen nahm er die Uhr heraus und sah nach, wie spät es wäre, weil der Traumjörge und die Prinzessin immer noch nicht mit dem fertig waren, was sie sich zu erzählen hatten. Zuletzt ging er jedoch wieder zu ihnen und sagte: »Kinder, nun ist es gut! Du, Traumjörge, hast noch weit zu Hause, und über Nacht kann ich dich nicht hier behalten, denn ich habe keine Betten, weil nämlich die Träume nicht schlafen, sondern nachts immer zu den Menschen auf die Erde hinaufgehen müssen; und du, Prinzeßchen, du musst dich fertig machen. Zieh dich heute einmal ganz rosa an und nachher komm zu mir, damit ich dir sage, wem du heute erscheinen, und was du ihm sagen sollst.«

Als dies Traumjörge gehört, ward es ihm auf einmal so mutig ums Herz, wie noch nie in seinem Leben. Er stand auf und sagte mit fester Stimme: »Herr König, von meiner Prinzessin lass‘ ich nun und nimmermehr. Entweder Ihr müsst mich hier unten behalten, oder Ihr müsst mir sie mit auf die Erde geben. Ich kann ohne sie nicht leben, dazu habe ich sie viel zu lieb!« Dabei trat ihm in jedes Auge eine Träne, so groß wie eine Haselnuß.

Ein Traum wird wahr 

»Aber Jörge, Jörge,« erwiderte der König, »es ist ja der allerhübscheste Traum, den ich habe! Doch du hast mir das Leben gerettet, so sei es denn. Nimm deine Prinzessin und steige mit ihr hinauf zur Erde. Sobald du oben angelangt bist, so nimm ihr den silbernen Schleier vom Kopf und wirf ihn mir durch die Falltüre wieder herab. Dann wird deine Prinzessin von Fleisch und Blut wie ein anderes Menschenkind sein; denn jetzt ist es ja nur ein Traum!«

Da bedankte sich Traumjörge auf das herzlichste und sagte: »Lieber König, weil du nun einmal so überaus gut bist, so möchte ich wohl noch eine Bitte wagen. Sieh, eine Prinzessin habe ich nun, doch es fehlt mir immer noch ein Königreich; und es ist doch ganz unmöglich, dass eine Prinzessin ohne ein Königreich sein kann. Kannst du mir denn keins verschaffen, wenn es auch nur ein ganz kleines ist?«

Darauf antwortete der König: »Sichtbare Königreiche, Traumjörge, habe ich zwar nicht zu vergeben, aber unsichtbare; und davon sollst du eins bekommen, und zwar eins der größten und herrlichsten, was ich noch habe.«

Da fragte Traumjörge, wie es mit den unsichtbaren Königreichen beschaffen wäre; indes der König bedeutete ihn, er würde dies schon alles erfahren und sein blaues Wunder erleben, so schön und herrlich sei es mit den unsichtbaren Königreichen.

»Nämlich,« sagte er, »mit den gewöhnlichen, sichtbaren ist es doch zuweilen eine sehr unangenehme Sache. Zum Exempel: du bist König in einem gewöhnlichen Königreiche, und frühmorgens tritt der Minister an dein Bett und sagt: Majestät, ich brauche tausend Taler fürs Reich. Darauf öffnest du die Staatskasse und findest auch nicht einen Heller darin! Was willst du dann anfangen? Oder, zum andren: du bekommst Krieg und verlierst, und der andere König, der dich besiegt hat, heiratet deine Prinzessin; dich aber sperrt er in einen Turm. So etwas kann in einem unsichtbaren Königreiche nicht vorfallen!«

»Wenn wir es nun aber nicht sehen,« fragte Traumjörge, noch immer etwas betreten, »was kann uns dann unser Königreich nützen?«

»Du sonderbarer Mensch,« sagte der König darauf und hielt den Zeigefinger an die Stirn, »du und deine Prinzessin, ihr seht es schon! Ihr seht die Schlösser und Gärten, die Wiesen und Wälder, die zu dem Königreich gehören, wohl! Ihr wohnt darin, geht spazieren und könnt alles damit machen, was euch gefällt; nur die andren Leute sehen es nicht.«

Da war Traumjörge hoch erfreut, denn es war ihm schon etwas ängstlich zumut, ob die Leute im Dorf ihn nicht scheel ansehen würden, wenn er mit seiner Prinzessin nach Hause käme und König wäre. Er nahm sehr gerührt Abschied vom König der Träume, stieg mit der Prinzessin die fünfhundert Stufen hinauf, nahm ihr den silbernen Schleier vom Kopf und warf ihn hinunter. Darauf wollte er die Falltüre zumachen, aber sie war sehr schwer. Er konnte sie nicht halten und ließ sie fallen. Da gab es einen ungeheuren Knall, fast so arg, als wenn viele Kanonen auf einmal losgeschossen werden, und es vergingen ihm auf einen Augenblick die Sinne. Als er wieder zu sich kam, saß er vor seinem Häuschen auf dem alten Mühlstein und neben ihm die Prinzessin, und sie war von Fleisch und Blut, wie ein gewöhnliches Menschenkind. Sie hielt seine Hand, streichelte sie und sagte: »Du lieber, guter, närrischer Mensch, du hast dich so lange nicht getraut, mir zu sagen, wie lieb du mich hast? Hast du dich denn vor mir gefürchtet?« –

Und der Mond ging auf und beleuchtete den Fluss, die Wellen schlugen klingend ans Ufer und der Wald rauschte; doch sie saßen immer noch und schwatzten. Da war es plötzlich, als wenn eine kleine, ganz schwarze Wolke vor den Mond träte, und auf einmal fiel etwas vor ihre Füße nieder, wie ein großes zusammengelegtes Tuch. Darauf stand der Mond wieder in vollem Glanze. Sie hoben das Tuch auf und breiteten es auseinander. Es war aber sehr fein und viele hundert Male zusammengelegt, so dass sie viel Zeit brauchten. Als sie es vollständig auseinandergefaltet hatten, sah es aus wie eine große Landkarte. In der Mitte ging ein Fluss, und zu beiden Seiten waren Städte, Wälder und Seen. Da merkten sie, dass es ein Königreich war, und dass es der gute Traumkönig ihnen vom Himmel hatte herunterfallen lassen. Und als sie sich nun ihr kleines Häuschen besahen, war es zu einem wundervollen Schlosse geworden, mit gläsernen Treppen, Wänden von Marmelstein, Tapeten von Samt und spitzen Türmen mit blauen Schieferdächern. Da fassten sie sich an und gingen in das Schloss hinein, und als sie eintraten, waren schon die Untertanen versammelt und verneigten sich tief. Pauken und Trompeten erschallten, und Edelknaben gingen vor ihnen her und streuten Blumen. Da waren sie König und Königin. – –

Die Ignoranz der gewöhnlichen Leute

Am andren Morgen aber lief es wie ein Feuer durch das Dorf, dass der Traumjörge wiedergekommen sei und sich eine Frau mitgebracht habe. »Das wird auch was recht Gescheites sein,« sagten die Leute. »Ich habe sie heute früh schon gesehen,« fiel einer von den Bauern ins Wort, »als ich in den Wald ging. Sie stand mit ihm vor der Türe. Es ist nichts Besonderes, eine ganz gewöhnliche Person, klein und schmächtig. Ziemlich ärmlich war sie auch angezogen. Wo soll’s denn am Ende auch herkommen! Er hat nichts, da wird sie wohl auch nichts haben!«

So schwatzten sie, die dummen Leute; denn sie konnten es nicht sehen, dass es eine Prinzessin war. Und dass das Häuschen sich in ein großes, wundervolles Schloss verwandelt hatte, bemerkten sie in ihrer Einfalt auch nicht, denn es war eben ein unsichtbares Königreich, was dem Traumjörge vom Himmel herabgefallen war. Aus diesem Grunde bekümmerte er sich auch um die dummen Leute gar nicht, sondern lebte in seinem Königreiche und mit seiner lieben Prinzessin herrlich und vergnügt. Und er bekam sechs Kinder, eins immer schöner wie das andere, und das waren lauter Prinzen und Prinzessinnen. Niemand aber wusste es im Dorf, denn das waren ganz gewöhnliche Leute und viel zu einfältig, um es einzusehen. 


Quelle: nach Richard-Leander, Träumereien an französischen Kaminen

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Tiergeschichten: Jakob Krakel-Kakel (3 min)

Tiergeschichten: Jakob Krakel-Kakel (3 min)

Tiergeschichten: Jakob Krakel-Kakel

Lesezeit: 3 min

Jakob Krakel-Kakel war schon ein alter Rabenvater. Aber – dem Himmel sei es geklagt – er machte noch immer Seitenflüge. Besonders häufig traf er sich in einer Felsengalerie mit seiner Nichte, der Nebelkrähe. Er schwärmte so für aschblonde Federn. Da saß er und schnäbelte, statt sich die Felsenbilder zu besehen, wie es ehrbare Leute tun. Denn dazu sind die Felsengalerien da, wie jeder weiß. Die Felsen blieben freilich ungerührt, aber sonst war es betrübend.

»Krah«, sagte Jakob Krakel-Kakel und ließ sich elegant auf den Rand seines Nestes niedergleiten. »Jakob«, sagte Frau Krakel-Kakel, die häuslich auf ihren Eiern saß, »Jakob, wo sind die bestellten Regenwürmer?« »Regenwürmer sind dieses Jahr sehr schwer zu beschaffen. Ich fand nichts als einen Engerling, den ich im Versehen verschluckte.« Jakob Krakel-Kakel hatte Übung in solchen Dingen. »Jakob, wo warst du?« fragte Frau Krakel-Kakel. »Ich sagte es dir schon«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »ich habe alle Felder abgesucht. Ich bin erschöpft. Außerdem bin ich erkältet.

»Du bist eher erhitzt«, sagte Frau Krakel-Kakel. »Jakob – hat nicht deine Nichte, die Nebelkrähe, aschblonde Federn auf der Brust?«

»Was wird sie haben«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »sie wird schon aschblonde Federn haben.«

»Jakob«, sagte Frau Krakel-Kakel, »du hast eine aschblonde Feder auf dem Rock.«

»Ich werde eben grau«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »es ist kein Wunder.« Er putzte sich die Feder fort.

»Jakob, kakle die Wahrheit! Du bist polygam. Pfui!«

Jakob Krakel-Kakel senkte schuldbewusst den großen Schnabel. In der Tiefe seiner Rabenseele aber war er wütend und beschloss, Rache zu nehmen – Rabenrache!

»Krah«, sagte Jakob Krakel-Kakel und flog davon. Er flog zum Kuckuck.

»Ich habe gehört, dass Sie Ihre Eier vergeben. Ich will eins haben.«

»Mit Vergnügen«, sagte der Kuckuck.

»Mehr als einen oder höchstens zwei Regenwürmer möchte ich nicht anlegen«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »ich bin verheiratet und kann mir keine Extravaganzen gestatten.

»O bitte, das genügt vollkommen, ich tue es überhaupt nur aus reiner Vogelfreundlichkeit“, sagte der Kuckuck. »Ich will das Ei dann gleich mitnehmen«, sagte Jakob Krakel-Kakel.

»Das geht nicht«, sagte der Kuckuck pfiffig. »Eierlegen ist eine produktive Tätigkeit. So was ist doch nicht vorrätig. Man braucht Stimmung dazu. Das müsste solch ein alter Vogel doch eigentlich selbst wissen.«

Jakob Krakel-Kakel tat, als wisse er das nicht.

»Wann kann ich es mir holen?« fragte er.

»Ich liefere es Ihnen loco Rabennest«, sagte der Kuckuck zuvorkommend.

»Das tun Sie lieber nicht«, sagte Jakob Krakel-Kakel, »Sie könnten da auf ungeahnte Schwierigkeiten stoßen. Ich hole es mir selbst ab.«

Nach einigen Tagen flog Jakob Krakel-Kakel von hinten auf seine Frau zu. Er hatte ein Ei im Schnabel und schob es ihr vorsichtig ins Unterrockgefieder. Dann segelte er von dannen – ruchlos krächzend.

Nach einer kurzen Weile kam er wieder und setzte sich auf den Nestrand. Er sagte nicht einmal »Krah« zur Begrüßung und kehrte seiner Frau den Rücken zu. Dann wandte er den Schnabel und sprach über die Schulter.

»Lea«, sagte er, »was ist das für ein Ei?«

»Was werden es für Eier sein«, sagte Frau Krakel-Kakel, »unsere Eier – Rabeneier.«

»Lea – kakle die Wahrheit! Du hast ein fremdes Ei im Nest!«

»Ach, du meinst das kleine, das du mir heute zugesteckt hast?« sagte Frau Krakel-Kakel. »Das hab‘ ich ausgetrunken. Es war doch eine Aufmerksamkeit für die bestellten Regenwürmer, die du vergessen hast? Nicht wahr?« Jakob Krakel-Kakel war zumute, als müsse er selber Eier legen.

»Natürlich«, sagte er und sah seine Frau mit Rabenaugen an. Er tat es nicht lange. Frau Lea Krakel-Kakel hatte einen Zug um die Schnabelwinkel – einen Zug, den man niemand beschreiben kann, der ihn nicht kennt. Jakob Krakel-Kakel wurde hundert Jahre alt. Den Zug vergaß er nie. Er hat auch auf dem tadellos schwarzen Rock nie wieder eine aschblonde Feder gehabt. Und das heißt: Er hat sie sich stets vorher sorgsam abgeputzt.

 

Quelle: nach Manfred Kyber, Tiergeschichten 

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Spannend/ Gruselig

Huckleberry Finn und das Floß (10 min)

Huckleberry Finn und das Floß (10 min)

Huckleberry Finn und das Floß

Lesezeit: 10 min

Vorgeschichte: Huckleberry Finn (Huck) und sein Freund Jim sind mit ihrem Boot samt Floß unterwegs. Als es Nacht wird, zieht Nebel auf…

Verfolgungsjagd durch den Nebel

In jener Nacht kam ein dicker Nebel herunter; wir suchten daher nach einem Ort, um bequem anlegen zu können, denn eine Fahrt im Nebel lockte uns nicht. Ich ruderte im Boot voraus, fand aber zum Anbinden nichts als junge Bäumchen. Ich schlang die Leine um eines derselben; unglücklicherweise gerade an einer Stelle, wo das Ufer einen Vorsprung bildete und eine scharfe Strömung entstand. Von ihr erfasst, schoss das Floß nur so dahin, und eh‘ ich mich’s versah, hatte es sich vom Boot losgerissen und war auch schon im Nebel verschwunden. Ich seh‘ noch, wie er sich hinter ihm schließt; mir wurde ganz schwarz vor den Augen, und ich konnte mich kaum rühren, viel weniger einen Laut von mir geben. Denk‘ ich, nun bist du verloren, verlassen gewiss, denn Jim ist weg auf Nimmerwiedersehen! Ich stürze ins Boot und falle über die Ruder her, aber es weicht nicht von der Stelle; ich hatte vergessen, es loszubinden. Ich probier jetzt den Knoten zu lösen, aber ich war so aufgeregt, und meine Hände zitterten so, dass ich nichts anfangen konnte.

Als ich dann endlich flott war, setzte ich hinter dem Floß her, hielt mich, solang ich konnte, in der Nähe des Ufers, um die Richtung nicht zu verlieren, kam aber doch schließlich ab und mitten in den dicken Nebel hinein und wusste nun geradeso wenig wie ein Toter, wohin ich getrieben wurde.

Denk‘ ich, rudern lohnt sich hier nicht, sitzt am Ende doch nur auf einer Sandbank fest, lässt dich lieber vom Wasser treiben, das ist jedenfalls sicherer. Aber still sitzen und die Hände in den Schoss legen, wenn man innerlich wie mit Dampf geladen ist, um vorwärts zukommen, ist eine missliche Sache. Ich konnt’s kaum fertigbringen und rutschte auf meiner Bank herum, rief dann einmal und lauschte auf Antwort. Plötzlich hör‘ ich den Strom herauf einen schwachen Ruf, und da kommen mir auch die Lebensgeister und der Mut wieder. Ich drauflos, hör’s noch einmal, merk‘ aber auch, dass ich in ganz andrer Richtung bin, viel zuviel nach rechts. Dann hör‘ ich’s wieder und diesmal zu weit links, komm‘ auch nicht näher, denn mit dem Hin und Her verlier ich Zeit und das Floß treibt offenbar immer gerade fort!

Ich hoffte nun, der Narr von Jim würde einen alten Blechdeckel nehmen und ordentlich Lärm schlagen, wer’s aber nicht tat, war er, und gerade die Pausen zwischen den verschiedenen Rufen machten mich so irre. Na, ich immer voran, aber man denke sich mein Erstaunen, als ich plötzlich den Ruf hinter mir höre. Da war guter Rat teuer. Entweder kam der Ruf von jemand anderem her, oder das Boot hatte sich gedreht. Nun wusste ich nicht ein noch aus!

Ich ließ die Ruder sinken. Wieder kam der Ruf, immer noch hinter mir, aber von ganz woanders her; er kam immer näher, aber es wechselte beständig, und ich antwortete stets, bis der Ruf nach und nach wieder von vorne kam und ich merkte, dass die Strömung mein Boot wieder in das richtige Geleise stromab gebracht haben müsse. Jetzt war alles wieder gut, wenn’s nur Jim war, der da rief, und nicht sonst jemand; denn bei Nebel erkenn‘ der Kuckuck die Stimmen, im Nebel sieht alles geisterhaft aus und lautet auch so.

Das Rufen dauerte an, und nach einer Minute etwa stieß ich hart an einer Sandbank auf, von der alte Baumstümpfe wie Geister aus dem Nebel aufragten. Die Strömung packte mich und warf mich zur Linken, hart an vorstehenden Baumzweigen vorbei, die ordentlich pfiffen, so sauste das Wasser an ihnen dahin.

Im nächsten Moment war alles wieder Nebel und still. Ich hielt mich ganz ruhig und hörte nur, wie mein Herz hämmerte und klopfte, während ich kaum zu atmen wagte.

Nichts war mehr zu hören, und nun wusste ich auch genau, woran ich war. Die Sandbank, auf die ich, wie ich glaubte, aufgerannt, war eine Insel, und die Strömung hatte mich zur Linken gerissen, während Jim drüben auf der Rechten dahintrieb. Und die Insel schien nicht klein. Ab und zu konnte ich durch den Nebel hohe Bäume sehen, und das konnte stundenlang so weitergehen; wer will’s sagen, ob ich Jim und das Floß je wieder erreichen würde?

Ich hielt mich ganz still und spitzte die Ohren, soviel ich konnte. Alles umsonst. Ich wurde schnell immer weiter und weiter gerissen, denn die Strömung war stark; aber das wird einem nicht klar, man fühlt es kaum. Im Gegenteil! Man meint ganz, ganz still zu liegen auf dem Wasser, und wenn man einen Baum oder sonst was vorbeihuschen sieht, kommt es einem gar nicht in den Sinn, dass man selber so schnell fährt, sondern man hält den Atem an und denkt, ei, hat’s der Baum aber einmal eilig! Wer’s nicht glaubt, wie unheimlich und einsam es einem zumut ist, so allein im Nebel auf dem Wasser, mitten in der stillen, dunklen Nacht, der soll nur einmal hingehen und es probieren, dann wird er schon sehen.

Nach vielleicht einer halben Stunde fing ich wieder an zu rufen, denn ich dachte, nun könnte die Insel endlich ein Ende haben, und wahrhaftig, ich hörte auch einen Antwortruf, aber weit, weit weg. Ich versuchte ihm zu folgen, bracht’s aber nicht fertig. Gleich drauf kam es mir vor, als sei ich in ein ganzes Nest von Inselchen geraten, denn ein schwacher Schein davon war alle Augenblicke zu beiden Seiten sichtbar, und zuweilen war es mir, als führe ich durch einen schmalen Kanal. Manche von den Eilanden konnte ich gar nicht unterscheiden, aber dass sie vorhanden waren, merkte ich an dem Rauschen der Strömung, die sich an dem herüberhängenden Gesträuch und Laubwerk brach. Die Rufe konnte ich immer von Zeit zu Zeit wieder hören, aber der Richtung folgen zu wollen, wäre schlimmer gewesen als die Jagd auf ein Irrlicht, so sprang der Ton hin und her, von einer Richtung zur andren.

Dann musste ich auch mit dem Ruder nachhelfen, dass ich nicht einmal irgendwo aufsaß und irgendeinen von den kleinen Landbrocken unversehens vom Platz rückte. Ich vermutete, dass auch das Floß aus demselben Grund so langsam vorwärts kam, denn nach dem Rufen zu urteilen – immer vorausgesetzt, dass es Jim war, der da rief –, trieb es jetzt kaum schneller als ich selbst dahin.

Nun schien ich wieder im freien Fahrwasser angelangt zu sein, konnte aber mit einem Male gar nichts mehr hören. Denk ich, Jim ist ganz sicher irgendwo angeprallt, und Floß und Jim sind weg und verloren! Ich war so müde und erschöpft, so traurig und mutlos, dass ich mich ruhig in mein Boot legte und mir sagte: Nun lässt du alles gehen, wie’s kommt! Schlafen wollte ich eigentlich nicht; aber allmählich fielen mir doch die Augen zu, ohne dass ich’s merkte, und ich nickte ein.

Der Nebel lichtet sich 

Aber es muss wohl mehr als ein bloßes Einnicken gewesen sein, denn wie ich wieder zu mir kam, war der Nebel weg, die Sterne standen klar am Himmel, und ich trieb auf einer ruhigen breiten Wasserfläche still dahin. Erst dachte ich, es sei ein Traum, wusste nicht, wo ich war, und als mir allmählich die Erinnerung an alles aufdämmerte, schien es mir, als sei’s in voriger Woche gewesen.

Der Strom war hier furchtbar breit, mit großen, alten, hohen Bäumen zu beiden Seiten, die wie dicke Mauern dastanden, soviel ich im Sternenlicht sehen konnte. Nun späh‘ ich nach vorn und entdecke einen schwarzen Punkt mitten im Wasser. – Ich drauflos; wie ich aber hinkomme, ist’s nichts als ein paar zusammengebundene Baumstämme. Wieder seh‘ ich was Schwarzes, jag‘ dem Ding nach und wieder ist’s nichts, dann aber noch ein dunkler Punkt, ich hinterdrein, und wahrhaftig, das ist’s – ist das Floß mit Jim und allem.

Wie ich hinkomme, sitzt Jim da mit dem Kopf zwischen den Knien, fest eingeschlafen, den Arm noch über das Steuerruder geworfen. Das andere Ruder war mitten durchgebrochen und das Floß selbst ganz bedeckt mit Laub, abgerissenen Baumzweigen und Schlamm. Da ist’s auch nicht sanft hergegangen, denk‘ ich.

Der Scherz beginnt 

Ich leg‘ mein Boot fest, streck mich lang und breit vor Jims Nase auf den Boden, tu so, als würd ich gerade aus dem Schlaf aufwachen, fang an zu gähnen, mich zu recken und zu strecken und Jim anzustoßen.

Sag ich: »Herrje, Jim, ich hab‘ wohl gar geschlafen, warum hast du mich denn nicht wachgerüttelt?«

»Großer, allbarmherziger Himmel! Bist du das, Huck? Du bist nicht tot? Nicht ertrunken? Du bist wieder da? Das ist zu schön, um wahr zu sein. Ich kann es gar nicht glauben, ich glaub‘, ich träume! Lass mich sehen und fühlen, ob du wirklich Huck bist! Nein, du bist nicht tot, du bist wieder da, guter, alter, treuer Huck – ganz der alte, treue Huck, Gott sei Lob und Dank und Preis und Ruhm!«

»Hallo – drei Schritte vom Leib, Jim! Was ist denn los, alter Kerl? Hast wohl ein Gläschen zuviel gehabt?«

»Wer – ich? Ein Gläschen zu viel? Ich hab keine Zeit gehabt, um ans Trinken zu denken!«

»Weshalb lässt du denn solchen Unsinn los?«

»Was – Unsinn?«

»Wie? Und du fragst noch, Jim? Hast du nicht von Weggehn, Ertrinken und Wiederkommen geschwatzt? – Und ich lieg‘ hier und schlaf wie ’ne Ratte!«

»Huck – Huck Finn, sieh mir in die Augen, sieh dem alten Jim in die Augen! Bist du nicht weg gewesen?«

»Weg gewesen? – Aber Jim, was, zum Henker, willst du denn eigentlich? Weg gewesen? Wo in der Welt soll ich denn gewesen sein?«

»O, ich bin ganz durcheinander von alldem! Hier ist etwas nicht richtig! Bin ich Jim, oder wer ist Jim? Bin ich auf dem Floß, oder wo? Ich will es wissen – ich werd noch verrückt!«

»Na, ich denk‘, dass du im Floß bist, Jim. Das ist ebenso klar, wie dass du ein ganz verrückter, alter Kerl bist.«

»Also ich bin ich? Dann sag mir, Huck, sag mir , Huck, bist du nicht auf das Boot gegangen, um das Floß festzumachen?«

»Wo denn? – Wann denn?«

»Du hast nicht das Floß festgemacht und dann kam Wasser – brr – und hat das Floß losgerissen und das Floß ist immer fort geschossenen, immer fort und hat dich und das Boot hinten im Nebel zurückgelassen?«

»In welchem Nebel?«

»Ei – in dem Nebel, im dicken, weißen, großen Nebel, der in der Nacht da war. Ich habe also nicht gerufen und geschrien, und du hast nicht gerufen und geschrien, als die viele Insel kamen und du verloren gingst, und ich beinahe verloren ging! Ich weiß gar nicht, wo ich war! Und das Floß ist nicht weggeschwommen, und gegen alle Insel geprallt, und ich bin nicht fast ertrunken und sehr traurig gewesen? Ist das so, Huck, oder ist das nicht so? Sag es mir!«

»Na, das ist mir zu hoch, Jim! Ich hab‘ keinen Nebel, keine Inseln, kein Aufprallen, gar nichts gesehen! Ich hab‘ die ganze Nacht hier gesessen und mit dir geschwatzt bis vielleicht vor zehn Minuten, und dann bist du eingenickt, und ich werd’s wohl auch so gemacht haben. Getrunken kannst du da wohl nichts haben, es muss also ein Traum gewesen sein!«

»Hol mich der Teufel, Huck – das kann nicht wahr sein! Das alles kann ich doch nicht in zehn Minuten träumen – das kann nicht wahr sein.«

»Na, dann glaub’s nicht, Dickkopf, aber geträumt muss es doch gewesen sein, denn passiert ist’s nicht!«

»Aber, Huck, ich weiß alles – alles ist so klar wie …«

»Darauf kommt’s nicht an, wie klar dir’s ist, alter Faselhans, es ist doch nichts dran! Ich werd’s doch wissen, war ja die ganze Zeit hier!«

Fünf Minuten lang sagte nun Jim nichts weiter, sondern brütete nur so vor sich hin, dann fing er an: »Also ich habe geträumt, Huck? Wenn du es sagst, dann muss es wahr sein! Aber Huck – es war ein so schrecklich natürlicher Traum. Von so etwas habe ich noch nie gehört. Ich habe noch nie etwas geträumt, das mich so müde gemacht hat!«

»Ach, das ist gar kein Wunder, so geht’s oft, wenn man recht lebhaft träumt, da kann man nachher kein Glied regen. Deiner scheint aber wahrhaftig der reine Durchhau-Traum gewesen zu sein, so verhagelt siehst du aus – leg mal los, Jim, und erzähl!«

Nun fing Jim an und erzählte die ganze Geschichte von vorn bis hinten, nur schmückte er alles gewaltig aus. Dann meinte er, nun müsse er versuchen, den Traum auszulegen, denn er sei uns sicherlich zur Warnung gesandt von oben. Er sagte, unser erster missglückter Versuch zum Anlegen bedeute, dass uns irgendeiner Gutes tun wolle, nun aber komme der Feind, die Strömung, und risse uns weg. Das Rufen, das er dann gehört und selbst ausgestoßen, seien Mahnungen des Schicksals, die wir versuchen müssten, recht zu verstehen, sonst brächten sie uns Unglück, statt uns davor zu behüten. Die Inseln schließlich und unsere Arbeit und Gefahr, dran vorüberzukommen, seien Streitigkeiten mit bösen Menschen, in die wir verwickelt werden würden; wir aber müssten, ohne uns viel drum zu kümmern, sehen, wie wir an den Inseln ungefährdet vorüberkämen und durch den dicken Nebel ins glatte Fahrwasser, das heißt in die freien Staaten, wo dann all unsre Not ein Ende habe. Der Himmel hat sich wieder tüchtig umwölkt gehabt, allmählich aber blitzten doch einige Sternchen hindurch.

Huck deckt die Wahrheit auf

»Das ist alles recht schön und gut, Jim, du hast deine Sache brav gemacht, aber – was bedeutet denn das da?«

Dabei deutete ich auf die Blätter, die abgerissenen Baumzweige und den Schlamm, womit das Floß ganz übersät war. Man sah es deutlich beim Licht der Sterne.

Jim starrte drauf hin, dann mir ins Gesicht, dann wieder auf all das Zeug, ohne eine Silbe zu erwidern. Der Traum schien sich in seinem Hirn so eingenistet zu haben, dass es ihm schwer wurde, die Idee davon fahren zu lassen und sich mit der Wirklichkeit vertraut zu machen. Dann, als ihm das Ding doch wirklich endlich klar wurde, sah er mich an, lange, starr, ohne eine Spur von Lächeln, beinah traurig und sagte zuletzt: »Was das bedeutet, sage ich dir. Als ich ganz müde war vor Rufen und Rudern und Kummer, als ich dachte, du seist ganz fort, du seist verloren, ist mein Herz beinah gebrochen, und ich wollte schlafen und nichts mehr hören, nichts mehr sehen von der Welt und dem Elend. Als ich dann wach wurde, sah ich dich, Huck , gesund und heil und ganz vor mir, und ich musste heiße Tränen weinen und wollten deine Füße küssen, so froh und dankbar war ich. Du aber, Huck, hast nur darüber nachgedacht, wie du einen Narr aus mir machen könntest und hast geschwindelt und gelogen. Das Zeug da ist Unrat – und Unrat ist es, was Leute ihrem armen alten Freund in den Kopf setzen, um ihren Spaß daran zu haben, wenn der arme alte Freund betrogen und an der Nase herumgeführt wird!«

Langsam erhob er sich und ging zur Hütte. Ich fühlte mich ganz furchtbar beschämt und hätte nun selbst am liebsten seine alten Hufe geküsst, um ihm meine Reue zu zeigen und die Sache wieder gut zumachen.

Fünfzehn Minuten brauchte ich aber doch, ehe ich mich selbst soweit gebracht hatte, dass ich ihn um Verzeihung bitten konnte. Getan hab‘ ich’s dann und hab’s auch nie bereut nachher. Streiche spielte ich ihm keine mehr und hätte auch den nicht losgelassen, wenn ich vorher gewusst hätte, dass es dem armen, alten Kerl so leid tun würde.

 

Quelle: nach Mark Twain, Huckleberry Finns Abenteuer und Fahrten (Kapitel 15)

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Märchen

Die kleine Meerjungfrau (20-25 min)

Die kleine Meerjungfrau (20-25 min)

Die kleine Meerjungfrau

Lesezeit: 20-25 min
Die Unterwasserwelt und ihre Bewohner 

Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blüten der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas; aber es ist dort außerordentlich tief, tiefer, als irgend ein Ankertau reicht, und es müssten viele Kirchtürme aufeinander gestellt werden, um vom Grunde über das Wasser empor zu reichen. Dort unten wohnt das Meervolk.

Nun muss man aber nicht etwa denken, es sei dort unten nur der nackte weiße Sandboden, durchaus nicht. Da wachsen die merkwürdigsten Bäume und Pflanzen, die so geschmeidige Stiele und Blätter haben, dass sie sich bei der geringsten Bewegung des Wassers hin und her wiegen. Die kleinen und großen Fische schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch, wie hier oben die Vögel durch die Bäume. An der tiefsten Stelle liegt das Schloss des Meerkönigs, die Mauern sind von Korallen und die hohen Spitzbogenfenster von klarsten Bernstein; das Dach aber ist aus Muschelschalen gebildet, die sich je nach der Strömung des Wassers öffnen und schließen. Das sieht wunderbar schön aus; denn in all den Muscheln liegen glänzende Perlen, von denen eine einzige schon ein kostbarer Schmuck in der Krone einer Königin wäre.

Der Meerkönig dort unten war schon seit vielen Jahren Witwer, und seine alte Mutter führte ihm daher die Wirtschaft. Sie war eine kluge Frau, aber sehr stolz auf ihren Adel. Deshalb trug sie auch zwölf Austern auf ihrem Schwanz, während die andren Adeligen nur sechs tragen durften. Sonst verdiente sie alles Lob, besonders weil sie ihre Enkelinnen, die kleinen Meerprinzessinnen, herzlich lieb hatte. Es waren sechs reizende Kinder, aber die jüngste der Prinzessinnen war doch die schönste von allen. Ihre Haut war so zart und fein wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie der tiefste See; aber wie alle die andren hatte auch sie keine Füße, sondern der Körper endete in einem Fischschwanz.

Den ganzen Tag durften die Kinder unten im Schloss in den großen Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wänden hervorwuchsen, spielen. Die großen Bernsteinfenster wurden aufgemacht, und dann schwammen die Fische zu ihnen hinein, gerade wie bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir die Fenster aufmachen. Doch die Fische schwammen zu den kleinen Prinzessinnen hin, fraßen ihnen aus den Händen und ließen sich streicheln.

Vor dem Schlosse war ein großer Garten mit feuerroten und dunkelblauen Bäumen; die Früchte strahlten wie Gold und die Blumen wie brennendes Feuer, während sie die Stengel und Blätter unaufhörlich bewegten. Die Erde selbst war der feinste Sand, aber blau wie die Flamme des brennenden Schwefels. Über dem Ganzen lag ein merkwürdig blauer Schein; man hätte eher glauben können, dass man hoch droben in der Luft stehe und über und unter sich nur Himmel habe, als dass man auf dem Grunde des Meeres sei. Bei Windstille konnte man die Sonne erblicken, aber sie erschien wie eine Purpurblume, aus deren Kelch alles Licht strömte.

Jede der kleinen Prinzessinnen hatte ein Gärtchen, wo sie nach Belieben graben und pflanzen konnten. Die eine gab ihrem Blumenbeet die Gestalt eines Walfischs; einer andren gefiel es besser, dass das ihrige einem Meerweibchen gleiche; die jüngste jedoch machte es rund wie die Sonne und pflanzte nur Blumen, die rot wie diese leuchteten. Sie war überhaupt ein sonderbares Kind, still und nachdenklich, und wenn die andren Schwestern die merkwürdigen Sachen, die von gestrandeten Schiffen in die Tiefe hinabsanken, aufstellten, wollte sie außer den rosenroten Blumen, die der Sonne dort oben glichen, nur eine hübsche Marmorstatue haben, die einmal auf den Meeresgrund gesunken war und einen wunderschönen Knaben, aus schneeweißem Stein gehauen, vorstellte.

Die kleine Prinzessin pflanzte nun neben die Statue eine rosenrote Trauerweide; die wuchs herrlich empor und bildete mit ihren frischen Zweigen, die hin- und herschwankten und bis auf den blauen Sandboden herunterhingen, eine Laube, unter der der Schatten ganz veilchenblau erschien. Die größte Freude aber war für sie, von der Menschenwelt da droben erzählen zu hören. Die Großmutter musste alles, was sie von Schiffen und Städten, Menschen und Tieren wusste, immer und immer wieder erzählen. Ganz besonders merkwürdig und schön aber fand sie es, dass oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn das war bei den ihrigen nicht der Fall, und dass die Wälder dort grün waren, und dass die Fische, die man dort auf den Bäumen sah, laut und herrlich singen konnten, dass es eine wahre Lust war. Die kleinen Vögel nannte die Großmutter nämlich Fische; sonst hätte die Enkelin sie nicht verstanden, da sie noch keinen Vogel gesehen hatte.

»Wenn ihr fünfzehn Jahre alt seid«, sagte die Großmutter, »dann dürft ihr aus dem Meere emporsteigen, im Mondschein auf der Klippe sitzen und die großen Schiffe vorbeisegeln sehen, und dann werdet ihr auch Wälder und Städte mit euren eigenen Augen erblicken.«

Im nächsten Jahr wurde eine der Schwestern fünfzehn Jahre alt; aber von den andren war die eine immer ein Jahr jünger als die andere, und die jüngste musste also noch volle fünf Jahre warten, ehe sie von dem Grunde des Meeres aufsteigen und sehen durfte, wie es bei uns hier oben aussieht. Aber sie versprachen einander, sich ganz genau zu erzählen, was sie erblickten, und was ihnen am ersten Tag am besten gefallen habe. Denn die Großmutter erzählte ihnen lange nicht genug; es gab noch so vieles, worüber sie gerne Auskunft gehabt hätten.

Keine aber sehnte sich mehr nach diesen Nachrichten als die jüngste der Schwestern, gerade sie, die noch am längsten zu warten hatte und die stets so still und gedankenvoll war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah durch das dunkelblaue Wasser, wo die Fische mit ihren Schwänzen plätscherten, empor. Mond und Sterne konnte sie sehen. Diese hatten freilich nur einen ganz bleichen Schimmer; aber durch das Wasser sahen sie größer aus als vor unsern Augen. Zog dann etwas, einer schwarzen Wolke gleich, unter ihr hin, so wusste sie, dass es entweder ein Walfisch war, der über ihr hinschwamm, oder ein Schiff mit vielen Menschen darauf. Ach, diese dachten sicher nicht daran, dass ein schönes, kleines Meermädchen unten stehe und ihre weißen Hände zum Kiel des Schiffes emporstrecke.

Die Rettung des Prinzen

Endlich war sie denn auch fünfzehn Jahre alt.

»So, nun bist du erwachsen«, sagte die Großmutter. »Komm, ich will dich schmücken wie deine andren Schwestern.« Sie setzte ihr einen Kranz von Wasserlilien aufs Haar, von denen jedes Blumenblatt die Hälfte einer Perle war, und dann befahl die Großmutter acht Austern, sich im Schweife der Prinzessin festzuklemmen, um ihren hohen Rang anzudeuten.

»Das tut mir weh!« sagte die Meernixe.

»Ja, wer schön sein will, muss leiden«, sagte die Großmutter. Ach, wie gerne hätte die Kleine auf all diese Pracht verzichtet und den schweren Kranz abgelegt! Die roten Blumen aus ihrem Garten standen ihr gewiss viel besser. Aber sie musste sich eben den Wünschen der Großmutter fügen.

»Lebt wohl!« sprach sie und stieg dann klar und leicht wie eine Blase aus dem Wasser auf.

Die Sonne war eben untergegangen, als sie den Kopf über die Meeresfläche erhob. Aber alle Wolken schimmerten noch goldig rot, und inmitten der blassroten Luft leuchtete der Abendstern hell und schön; die Luft war mild und frisch und das Meer spiegelglatt. Da lag ein großer Dreimaster. Nur ein einziges Segel war aufgezogen; denn es regte sich kein Lüftchen, und im Tauwerk und auf den Rahen saßen die Matrosen. Musik und Gesang ertönte, und als es dunkelte, wurden Hunderte von Laternen angezündet, so dass es aussah, als ob die Flaggen aller Nationen in der Luft wehten. Die Nixe schwamm dicht bis an das Kajütenfenster, und jedesmal, wenn das Wasser sie emporhob, konnte sie durch die spiegelklaren Scheiben hineinblicken. Viele geputzte Menschen waren drinnen, aber der schönste von allen war doch der junge Prinz mit den großen, schwarzen Augen. Er war sicher nicht viel über sechzehn Jahre alt. Es war heute sein Geburtstag, und deshalb wurde das Fest gefeiert. Die Matrosen tanzten auf dem Verdeck, und als der junge Prinz zu ihnen trat, stiegen über hundert Raketen hoch in die Luft empor; sie leuchteten wie der helle Tag, so dass die Meernixe heftig erschrak und rasch unter das Wasser tauchte. Aber bald streckte sie wieder das Köpfchen hervor, und da war es ihr, als ob alle Sterne zu ihr herunterfielen. Noch nie hatte sie solch ein Feuerwerk gesehen. Große Sonnen drehten sich zischend und sprühend im Kreise; prächtige Feuerfische schwangen sich in die blaue Luft, und alles spiegelte sich in der klaren See. Auf dem Schiffe selbst war es so hell, dass man jedes kleine Tau, wie viel mehr also die Menschen, sehen konnte. O, wie schön war doch der junge Prinz! Er drückte den Leuten freundlich lächelnd die Hand, während die Musik durch die stille Nacht erklang.

Es wurde spät; aber die Meerprinzessin konnte ihre Augen nicht von dem Schiffe und von dem schönen Prinzen abwenden. Die bunten Laternen wurden ausgelöscht; es stiegen keine Raketen mehr in die Höhe, und es ertönten auch keine Kanonenschüsse mehr; nur tief unten im Meere wogte und rauschte es dumpf. Die Nixe aber saß auf dem Wasser und schaukelte auf und nieder, dass sie in die Kajüte hineinblicken konnte. Aber nun erhob sich der Wind und das Schiff fuhr schneller dahin; ein Segel nach dem andren blähte sich; die Wogen gingen stärker; schwarze Wolken stiegen auf; es blitzte am Horizont, ja, ein schrecklicher Sturm brach los, und eilig refften die Matrosen die Segel. Das große Schiff schoss in rasender Eile durch die wilde See; die Wogen erhoben sich wie riesengroße, schwarze Berge, die über die Masten hereinzustürzen drohten; aber wie ein Schwan hob und senkte sich das Schiff aus der grollenden, schäumenden Flut. Der Meernixe erschien es eine recht lustige Fahrt zu sein, den Matrosen aber durchaus nicht. Das Schiff knackte und krachte; die dicken Planken bogen sich bei dem heftigen Wogenprall; der Hauptmast brach mitten durch, als ob er nur ein schwaches Rohr wäre, und das Schiff legte sich auf die Seite, während das Wasser hineindrang. Nun sah die Nixe, dass die Mannschaft in Gefahr war; sie musste sich selbst auch vor den Balken und Schiffstrümmern, die auf dem Wasser trieben, in acht nehmen. Einen Augenblick war es so finster, dass sie nicht das geringste unterscheiden konnte. Aber wenn es dann blitzte, wurde es wieder so hell, dass sie jeden einzelnen Menschen auf dem Schiffe erkannte; besonders suchte ihr Auge den jungen Prinzen, und als das Schiff barst, sah sie ihn in das tiefe Meer versinken. Zuerst freute sie sich darüber, nun kam er ja zu ihr hinunter! Aber da fiel ihr ein, dass die Menschen im Wasser nicht leben können, und dass er also nur tot zum Schlosse ihres Vaters hinuntergelangen würde. Aber sterben, nein, das durfte er nicht! So schwamm sie zwischen Balken und Planken, die auf der See trieben, umher und vergaß ganz, dass diese sie hätten zerquetschen können. Tief tauchte sie unter das Wasser und stieg wieder hoch zwischen den Wogen empor und erreichte so schließlich den Prinzen, der sich kaum noch auf der stürmischen See halten konnte. Seine Arme und Beine begannen zu ermatten; seine schönen Augen schlossen sich, und er hätte sterben müssen, wenn die Nixe nicht eben herbeigekommen wäre. Sie hielt seinen Kopf über das Wasser empor und ließ sich dann mit ihm aufs Geratewohl von den Wogen forttreiben.

Am nächsten Morgen war der Sturm vorüber, von dem Schiffe aber war keine Spur mehr zu entdecken. Rot und glänzend stieg die Sonne aus dem Wasser empor, und es war, als ob des Prinzen Wangen Leben dadurch erhielten, aber seine Augen blieben geschlossen. Die Meernixe küsste ihn auf seine schöne, hohe Stirne, und es kam ihr vor, als ob er der Marmorstatue in ihrem kleinen Garten gleiche. Sie küsste ihn wieder und wieder und wünschte innig, dass er doch wieder zum Leben erwache. Nun erblickte sie vor sich das Festland: hohe blaue Berge, auf deren Gipfel der weiße Schnee glänzte, als seien es Schwäne, die dort ruhten; unten an der Küste waren herrliche, grüne Wälder, und am Ufer lag eine Kirche oder ein Kloster, das wusste sie nicht recht, aber ein Gebäude war es.

Zitronen- und Apfelsinenbäume wuchsen im Garten, und vor dem Tore standen hohe Palmbäume. Das Meer bildete hier eine kleine Bucht, wo das Wasser ruhig, aber sehr tief und rings von Klippen umgeben war. Hierher schwamm sie mit dem Prinzen, legte ihn auf den feinen, weißen Sand und war besonders darauf bedacht, dass der Kopf im Sonnenscheine erhöht lag.

Nun läuteten alle Glocken in dem weißen Gebäude, und viele junge Mädchen kamen in den Garten heraus. Da schwamm die Nixe weiter hinaus hinter einige Felsen, die aus dem Wasser hervorragten, bedeckte ihr Haar und ihre Brust mit weißem Meeresschaum, so dass niemand ihr süßes Gesichtchen sehen konnte, und dann passte sie auf, wer wohl den armen Prinzen finden würde.

Es währte auch gar nicht lange, da kam ein junges Mädchen dorthin. Sie schien heftig zu erschrecken, aber nur einen Augenblick; dann holte sie andere Leute herbei, und die Meernixe sah, dass der Prinz wieder zu sich kam, und dass er alle anlächelte. Nur ihr, seiner Retterin, lächelte er nicht zu; allein er wusste ja gar nicht, dass sie ihn gerettet hatte. Da wurde ihr das Herz recht schwer, und als er in das große Gebäude hineingeführt wurde, tauchte sie traurig unter das Wasser und kehrte zum Schloss ihres Vaters zurück.

Das Königreich des Prinzen

Von nun an stieg sie des Morgens und des Abends oft hinauf und suchte die Stelle, wo sie den Prinzen verlassen hatte. Sie sah, wie die Früchte des Gartens reiften und abgepflückt wurden, sah, wie der Schnee auf den hohen Bergen schmolz; aber den Prinzen sah sie nicht wieder und kehrte jedesmal betrübter heim.

Ihr einziger Trost war, in ihrem Gärtchen zu sitzen und die Arme um die schöne Marmorstatue, die dem Prinzen glich, zu schlingen. Aber ihre Blumen pflegte sie nicht mehr, und so wuchsen diese über die Gänge hinaus und verflochten ihre langen Stiele und Blätter mit den Zweigen der Bäume, so dass es dort ganz dunkel wurde.

Zuletzt konnte sie es nicht mehr länger aushalten; sie klagte ihr Leid einer ihrer Schwestern, und dann erfuhren es auch die andren, aber niemand weiter als diese und einige andere Meermädchen, die es nur ihren nächsten Freundinnen mitteilten. Eine von ihnen wusste denn auch, wo der Prinz war; sie hatte jenes Fest auf dem Schiffe auch gesehen und konnte Auskunft geben, wo er war und wo sein Königreich lag.

»Komm, Schwesterchen!« sagten die andren Prinzessinnen; und die Arme ineinander geschlungen, stiegen sie in einer langen Reihe an der Stelle, wo des Prinzen Schloss lag, aus dem Wasser empor.

Das Schloss war aus einer hellgelben, glänzenden Steinart gebaut und hatte große Marmortreppen, deren eine bis zum Meer hinabführte.

Prächtige, vergoldete Kuppeln zierten das hohe Dach, und zwischen den Säulen, die das ganze Gebäude umgaben, standen Marmorbilder, die wie lebendige Wesen aussahen. Durch die hohen Fenster sah man in die prächtigen Säle hinein, wo kostbare seidene Vorhänge hingen und alle Wände mit schönen Gemälden geschmückt waren, so daß es ein großer Genuß war, hineinzuschauen. Mitten in dem größten Saale war ein hoher Springbrunnen, und dessen Strahlen erhoben sich bis zu der Glaskuppel an der Decke, durch die die Sonne auf das Wasser und die Pflanzen, die in dem großen Bassin wuchsen, herabschien.

Nun wusste die Nixe doch, wo der Prinz wohnte, und dort weilte sie nun manchen Abend und manche Nacht auf dem Wasser. Sie schwamm viel weiter ans Land, als die andren Schwestern es je gewagt hatten, ja, sie ging sogar den schmalen Kanal hinauf, bis unter die prächtige Marmorterrasse, die weit über das Wasser hinausragte. Hier saß sie und betrachtete den jungen Prinzen, der meinte, er sei ganz allein in dem hellen Mondschein.

Sie sah ihn manchen Abend mit Musik in seinem prächtigen, mit Flaggen geschmückten Boote auf dem Wasser fahren. Dann lauschte sie aus dem grünen Schilfe hervor, und wenn der Wind durch ihren langen, silberweißen Schleier wehte, so hätte man glauben können, es sei ein Schwan, der die Flügel ausbreitete. Manchmal, wenn die Fischer mit Fackeln auf dem Fischfang waren, hörte sie viel Gutes von dem Prinzen erzählen, und dann freute sie sich, dass sie ihm das Leben gerettet hatte, damals, als er halb tot auf den Wogen umhertrieb. Und sie dachte daran, wie fest sein Haupt an ihrem Busen geruht und wie innig sie ihn damals geküsst hatte. Aber er wusste ja gar nichts davon und konnte also nicht einmal von ihr träumen.

Mehr und mehr fing sie an, die Menschen zu lieben, mehr und mehr wünschte sie unter ihnen umherwandeln zu können, unter ihnen, deren Welt weit größer zu sein schien als die ihrige. Sie konnte ja auf Schiffen über das Meer fliegen, auf den hohen Bergen zu den Wolken emporsteigen, und ihre Länder erstreckten sich mit Wäldern und Feldern weiter, als ihre Blicke reichten. Es gab so vieles, was sie gerne gewusst hätte; aber ihre Schwestern konnten ihre Fragen nicht alle beantworten. Deshalb ging sie zu der Großmutter. Diese kannte die Oberwelt recht gut, die sie sehr richtig »die Länder über dem Meere« nannte.

Die Menschen und die Meermenschen

»Wenn nun die Menschen nicht ertrinken«, fragte das Meermädchen, »können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht, wie wir hier unten im Meere?«

»Doch«, sagte die Alte, »sie müssen auch sterben, und ihr Leben währt sogar noch kürzer als das unsere. Wir können dreihundert Jahre alt werden; aber wenn unser Dasein aufhört, werden wir in Meeresschaum verwandelt und haben nicht einmal ein Grab hier unten unter unsern Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele und können darum auch nicht auferstehen. Wir sind gleich dem grünen Schilfe: ist das einmal durchschnitten, so kann es nicht wieder grünen. Die Menschen dagegen haben eine Seele, die unsterblich ist, ja, die noch weiter lebt, selbst wenn der Körper zu Erde geworden ist. Sie steigt dann durch die klare Luft empor, hinauf zu den glänzenden Sternen. So wie wir aus dem Wasser auftauchen und die Länder der Erde erblicken, so steigt die Menschenseele zu unbekannten herrlichen Orten empor, die wir nie zu sehen bekommen.«

»Warum wurde denn uns keine unsterbliche Seele zuteil?« fragte die Nixe betrübt. »Ich würde gleich meine dreihundert Jahre, die mir beschieden sind, hingeben, wenn ich dafür nur einen Tag ein Mensch sein könnte und dann auch Anteil an der himmlischen Welt bekäme.«

»So musst du nicht denken«, sagte die Alte; »wir fühlen uns weit glücklicher und haben es viel besser als die Menschen dort oben.«

Die Meerprinzessin klagte: »Ich muss also sterben und als Schaum auf dem Meere dahintreiben! Ich werde dann die Musik der Wogen nicht mehr hören, die schönen Blumen und die rote Sonne nicht mehr sehen! Kann ich denn gar nichts tun, um eine unsterbliche Seele zu erlangen?«

»Nein«, sagte die Alte, »nur wenn ein Mensch dich so lieb gewinnen würde, dass du ihm wichtiger wärst als Vater und Mutter. Wenn er mit all seinen Gedanken und all seiner Liebe nur dich begehrte und den Priester seine rechte Hand in die deinige legen ließe zum Treuebund für Zeit und Ewigkeit, dann würde seine Seele in deinen Körper überfließen, und du erhieltest Anteil an der Glückseligkeit, die dem Menschen beschieden ist. Er gäbe dir eine Seele und behielte doch seine eigene. Allein das wird nie geschehen; was wir hier im Meere gerade so schön finden, nämlich den Fischschwanz, das gilt dort auf der Erde für hässlich; die Menschen verstehen es eben nicht besser. Um schön zu sein, muss man dort zwei plumpe Pfosten haben, die sie Beine nennen.«

Da seufzte die Nixe und betrachtete betrübt ihren Fischschwanz.

»Komm, wir wollen zufrieden und vergnügt sein!« sagte die Alte. »Hüpfen und springen wollen wir in den dreihundert Jahren unserer Lebenszeit. Das ist fürwahr lange genug. Später kann man um so friedlicher ausruhen. Komm, heute Abend ist großer Ball im Schlosse.«

Der Unterwasser-Ball 

Und das war eine Pracht, wie man sie nie auf Erden gesehen hat! Die Wände und die Decken des großen Tanzsaals waren von ganz dickem, aber durchsichtigem Glas. Mehrere hundert riesengroße, rosenrote und grasgrüne Muscheln standen auf jeder Seite des Saals, jede mit einer blauschimmernden Fackel, die den ganzen Raum hell erleuchteten und durch die Wände hindurchschienen, so dass das Schloss in einem Lichtmeer zu stehen schien. Man konnte unzählige große und kleine Fische sehen, die gegen die Glasmauern schwammen; auf einigen glänzten die Schuppen purpurrot, auf andren erschienen sie wie Silber und Gold. Mitten durch den Saal floss ein breiter Strom, und auf diesem tanzten die Meermänner und Meerweibchen zu ihrem eigenen, lieblichen Gesang. Solch schöne Stimmen haben die Menschen auf der Erde nicht; aber die jüngste Meerprinzessin sang am allerschönsten, und der ganze Hof klatschte mit den Händen und Schwänzen Beifall. Einen Augenblick fühlte sie sich auch in dem Bewusstsein, dass sie auf der ganzen Erde und im Meere die allerschönste Stimme habe, hoch beglückt; allein bald musste sie wieder an die Welt über sich denken. Sie konnte den schönen Prinzen und ihr Herzeleid darüber, dass sie nicht auch eine unsterbliche Seele besaß, nicht vergessen. Deshalb schlich sie aus ihres Vaters Schloss hinaus, und während drinnen eitel Gesang und Frohsinn herrschte, saß die betrübt in ihrem kleinen Garten. Da hörte sie eine Musik durch das Wasser herunterschallen und dachte: »Nun fährt er gewiss dort oben vorüber, er, an den ich immer denken muss, er, den ich mehr liebe als Vater und Mutter, er, in dessen Hand ich mein Schicksal legen möchte. Alles, alles will ich wagen, um ihn und eine unsterbliche Seele zu gewinnen! Während meine Schwestern drinnen im Schlosse des Vaters tanzen, will ich zu der Meerhexe gehen, vor der ich mich bis jetzt immer so gefürchtet habe; sie kann mir vielleicht raten und helfen.«

Die Meerhexe

Darauf ging die kleine Prinzessin aus ihrem Garten hinaus und hin zu dem brausenden Strudel, hinter dem die Hexe wohnte. Noch nie hatte sie diesen Weg betreten. Hier wuchsen keine Blumen und kein Seegras; nur der nackte graue Sandboden erstreckte sich bis zum Strudel hin, wo das Wasser gleich rauschenden Mühlrädern herumwirbelte und alles, was es erfasste, mit sich in die Tiefe riss. Zwischen diesen verderbenbringenden Wirbeln musste sie hindurch, um ins Gebiet der Meerhexe zu gelangen, und von hier führte der Weg über warmen, sprudelnden Schlamm, den die Hexe ihr Torfmoor nannte. Dahinter lag ihr Haus mitten in einem seltsamen Walde. Die Bäume und Gebüsche waren nämlich Polypen, halb Tier, halb Pflanzen. Sie sahen aus wie hundertköpfige Schlangen, die aus der Erde hervorwuchsen; die Zweige aber glichen langen, schleimigen Armen mit Fingern wie gelenkige Würmer, und alle Glieder bewegten sich an den Bäumen von der Wurzel bis zum Gipfel. Alles, was sie im Meere erfassen konnten, umschlangen sie fest und ließen es nicht wieder los. Die Prinzessin blieb vor dem Hause der Meerhexe ganz erschrocken stehen; ihr Herz pochte heftig, und sie wäre fast wieder umgekehrt. Aber dann dachte sie an den Prinzen und an die Seele der Menschen, und da fasste sie wieder Mut. Sie band ihr langes Haar fest um den Kopf, damit die Polypen sie nicht daran erfassen könnten, kreuzte die Hände über der Brust und eilte nun so schnell, wie ein Fisch nur immer durchs Wasser schießen kann, durch die gräulichen Polypen hindurch, die ihre geschmeidigen Arme und Finger nach ihr ausstreckten. Sie sah, dass jeder von ihnen irgend etwas erfasst hatte und mit hundert kleinen Armen wie mit eisernen Zangen festhielt. Menschen, die auf der See umgekommen und hinuntergesunken waren, sahen als weiße Gerippe aus ihren Fangarmen hervor; Ruder und Kisten hielten sie fest, auch Skelette von Landtieren und sogar ein kleines Meermädchen, das sie gefangen und erstickt hatten; und das war unserm Meermädchen das Schrecklichste von allem.

Nun kam sie zu einem großen, sumpfigen Platze im Walde, wo gräuliche Wasserschlangen sich herumwälzten. Mitten auf dem Platze stand ein von den Knochen ertrunkener Menschen errichtetes Haus und davor saß die Meerhexe und ließ eine Kröte aus ihrem Mund fressen, wie die Menschen einem Kanarienvögelchen zu essen geben.

»Ich weiß schon, was du willst«, begann die Meerhexe. »Es ist zwar sehr töricht von dir, aber du sollst deinen Willen haben; denn er wird dich ins Unglück stürzen, meine schöne Prinzessin! Du möchtest deinen Fischschwanz los sein und statt dessen zwei Pfosten zum Gehen haben, wie die Menschen, damit sich der junge Prinz in dich verliebt und du ihn und seine unsterbliche Seele bekommen kannst! Du kommst auch gerade zur rechten Zeit; denn nach dieser Nacht könnte ich dir nicht helfen, ehe wieder ein ganzes Jahr vergangen wäre. Ich werde dir einen Trank bereiten, mit dem musst du, ehe die Sonne aufgeht, ans Land schwimmen, dich dort ans Ufer setzen und ihn austrinken. Darauf schrumpft dein Schwanz zu dem zusammen, was die Menschen niedliche Beine nennen. Aber es tut sehr weh, und es wird dir sein, als ob ein scharfes Schwert dich durchdränge. Wer dich sieht, wird sagen, du seist das schönste Menschenkind, das man je gesehen habe. Du behältst einen schwebenden Gang – keine Tänzerin kann so leicht dahingleiten als du – aber bei jedem Schritt wirst du das Gefühl haben, als ob du auf scharfe Messer trätest und dein Blut fließen müsste. Aber wenn du all dies leiden willst, dann werde ich dir helfen.«

»Ja, ich will es«, sagte die Nixe mit bebender Stimme und dachte dabei an den Prinzen und an die unsterbliche Seele.

»Aber bedenke wohl«, sagte die Hexe, »wenn du erst einmal menschliche Gestalt angenommen hast, kannst du nie wieder eine Nixe werden. Niemals kannst du wieder durch das Wasser zu deinen Schwestern, zum Schlosse deines Vaters zurückkehren. Und wenn du die Liebe des Prinzen nicht gewinnst, so dass du ihm mehr bist als Vater und Mutter und er den Priester eure Hände ineinander legen lässt, dass ihr Mann und Frau werdet, so bekommst du keine unsterbliche Seele. Am ersten Morgen, nachdem er sich mit einer andren vermählt hat, wird dein Herz brechen und du wirst zu Schaum auf dem Wasser.«

»Ich will es«, sagte die Meernixe und war dabei bleich wie der Tod.

»Mich aber musst du bezahlen«, sagte die Hexe, »und ich verlange nicht wenig. Von allen hier auf dem Meeresgrunde hast du die schönste Stimme, und du denkst wohl, du könntest den Prinzen damit bezaubern; allein diese Stimme musst du mir geben. Das Beste, was du besitzest, will ich für meinen köstlichen Trank haben; denn ich muss dir ja von meinem eigenen Blut geben, damit der Trank scharf wie ein zweischneidiges Schwert wird.«

»Aber wenn du mir meine Stimme nimmst«, sagte die Nixe, »was bleibt mir dann übrig?«

»Deine schöne Gestalt«, entgegnete die Hexe, »dein schwebender Gang und deine sprechenden Augen. Damit kannst du schon ein Menschenherz bezaubern. Nun, hast du den Mut verloren? Strecke nur deine kleine Zunge heraus, dann schneide ich sie ab, nehme sie als Zahlung, und du erhältst den Zaubertrank.«

»So sei es!« sagte die Nixe, und sogleich setzte die Hexe ihren Kessel auf, um den Trank zu kochen. »Reinlichkeit ist das halbe Leben!« sagte sie und scheuerte den Kessel mit einer Hand voll Schlangen aus. Dann ritzte sie sich in die Brust und ließ ihr scharfes Blut hineintröpfeln. Es zischte und brodelte in dem Kessel, dass es einem ganz angst und bange dabei wurde. Jeden Augenblick warf die Hexe neue Zutaten hinein, und es stieg ein schrecklicher Dampf auf. Endlich war der Trank fertig, und da sah er wie das klarste Wasser aus.

»Da hast du ihn!« sagte die Hexe, und darauf schnitt sie der Nixe die Zunge ab, die nun stumm war und weder singen noch sprechen konnte. »Sollten die Polypen dich ergreifen wollen, wenn du durch meinen Wald zurückgehst«, fuhr die Hexe fort, »so besprenge sie nur mit einem Tropfen dieses Getränks, davon zerspringen ihre Arme und Finger.«

Aber das brauchte die Meerprinzessin nicht zu tun; die Polypen zogen sich erschrocken zurück, als sie den hellen Trank erblickten, der wie ein funkelnder Stern in ihrer Hand leuchtete. So eilte sie rasch durch den Wald, das Moor und den brausenden Strudel zurück.

Jetzt konnte sie schon das Schloss ihres Vaters sehen; die Fackeln in dem großen Saale waren erloschen; sie schliefen wohl schon alle dort drinnen. Sie wagte es jedoch nicht, sie aufzusuchen, jetzt, da sie stumm war und die Ihrigen für immer verlassen wollte, aber es war ihr, als ob ihr Herz vor Schmerz brechen sollte. Sie schlich in den Garten hinein, pflückte von jedem der Blumenbeete der Schwestern eine Blume, warf dem Schlosse viele tausend Kußhände zu und stieg durch die dunkelblaue See empor.

Die Meerprinzessin an Land 

Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie am Schlosse des Prinzen anlangte und die prächtigen Marmortreppen hinaufstieg; es war heller, klarer Mondschein. Nun trank die Meerprinzessin den brennend scharfen Trank, und da war es ihr, als ginge ein zweischneidiges Schwert durch ihren zarten Körper; sie verlor das Bewusstsein und lag wie tot da. Als die Sonne auf das Meer schien, erwachte sie und fühlte einen stechenden Schmerz; aber gerade vor ihr stand der schöne, junge Prinz und heftete seine schwarzen Augen auf sie, so dass sie die ihrigen niederschlagen musste. Da gewahrte sie, dass ihr Fischschwanz verschwunden war, und sie die niedlichsten weißen Beine hatte, die nur ein Mädchen haben kann. Aber sie war nackt, und so hüllte sie sich in ihr langes, dichtes Haar wie in einen Mantel. Der Prinz fragte sie, wer sie sei, und wie sie hierhergekommen. Sie sah ihn mit ihren dunkelblauen Augen freundlich und doch tieftraurig an, sprechen konnte sie ja nicht. Da nahm er sie bei der Hand und führte sie hinein in sein Schloss. Bei jedem Schritt, den sie machte, war es ihr, wie die Hexe es im voraus gesagt hatte, als trete sie auf lauter spitzige Nadeln und scharfe Messer; aber das ertrug sie gern. An des Prinzen Hand schritt sie so leicht wie eine Seifenblase dahin, und er sowie alle andren verwunderten sich über ihren anmutigen, schwebenden Gang.

Nun wurde sie in herrliche Kleider von Seide und Musselin gehüllt; im Schlosse war sie die schönste von allen, aber stumm war sie, konnte weder singen noch sprechen. Herrliche Sklavinnen, in Seide und Gold gekleidet, kamen herbei und sangen vor dem Prinzen und seinen königlichen Eltern; eine sang schöner als die andere, und dann klatschte der Prinz in die Hände und lächelte ihr zu. Da wurde die kleine Meerprinzessin sehr betrübt, sie wusste, dass sie selbst noch viel schöner gesungen hatte und dachte: »Ach, wenn er nur wüsste, dass ich meine Stimme für Zeit und Ewigkeit hingegeben habe, um bei ihm sein zu dürfen.«

Nun tanzten die Sklavinnen reizende schwebende Tänze zu einer lieblichen Musik. Da erhob die Nixe ihre schönen, weißen Arme, richtete sich auf den Fußspitzen auf, schwebte anmutig über den Boden hin und tanzte so schön, wie man noch nie jemand hatte tanzen sehen. Bei jeder Bewegung trat ihre Schönheit deutlicher hervor, und ihre Augen sprachen inniger zum Herzen als der Gesang der Sklavinnen.

Alle waren entzückt davon und ganz besonders der Prinz, der sie sein liebes kleines Findelkind nannte. Sie aber tanzte immer weiter, obgleich es ihr jedesmal, wenn ihr Fuß die Erde berührte, war, als ob sie auf scharfe Messer träte. Der Prinz sagte, sie müsse immer bei ihm bleiben; und sie erhielt die Erlaubnis, vor seiner Türe auf einem Samtkissen zu schlafen. Er ließ ihr auch Männerkleider machen, damit sie ihn zu Pferde begleiten konnte. Dann ritten sie miteinander durch die duftenden Wälder, wo die grünen Zweige ihre Schultern streiften und die Vögel zwischen den Blättern sangen. Sie erstieg mit dem Prinzen die hohen Berge, und als ihre zarten Füße bluteten, dass selbst die Begleiter es wahrnehmen konnten, lachte sie nur darüber und stieg mit dem Prinzen immer höher hinauf, bis sie die Wolken unter sich dahinsegeln sahen gleich einem Schwarm Vögel, die nach wärmeren Ländern ziehen.

Daheim auf des Prinzen Schlosse, wenn nachts die andren schliefen, setzte sie sich auf die breite Marmortreppe unten am Meeresrand und kühlte ihre brennenden Füße im kalten Seewasser; das tat ihr wohl, und dann gedachte sie der Ihrigen dort unten in der Tiefe. Eines Nachts erschienen plötzlich ihre Schwestern Arm in Arm über der Meeresfläche. Sie sangen wehmütige Lieder, während sie durch das Wasser schwammen. Die Nixe winkte ihnen, und da erkannten sie die Schwester und erzählten ihr, wie betrübt sie alle über ihr Fortgehen seien. Von nun an besuchten die Schwestern sie jede Nacht, und einmal erblickte sie sogar die alte Großmutter, die seit vielen Jahren nicht mehr an der Oberfläche des Meeres gewesen war, sowie auch den Meerkönig mit seiner Krone auf dem Haupte. Sie streckten die Hände nach ihr aus, wagten sich aber beide nicht so nahe ans Land als die Schwestern.

Mit jedem Tage gewann die kleine Meerprinzessin den Prinzen lieber, und auch er liebte sie, wie man ein gutes, süßes Kind lieb hat, aber er dachte nicht daran, sie zur Königin zu machen, und seine Frau musste sie doch werden, sonst bekam sie ja keine unsterbliche Seele und mußte an seinem Hochzeitstage zu Schaum auf dem Wasser werden.

»Liebst du mich nicht mehr als alle die andren?« schienen die Augen der Nixe zu fragen, wenn er sie in seine Arme schloss und auf die schöne Stirne küsste.

»Ja, du bist mir die liebste«, sagte der Prinz; »denn du hast von allen das beste Herz. Du bist mir am treuesten ergeben und du gleichst einem jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber wohl nie wiederfinden werde. Ich war auf einem Schiffe, das scheiterte. Die Wogen warfen mich in der Nähe eines Tempels ans Land, wo mehrere junge Mädchen den Gottesdienst verrichteten; die jüngste von ihnen fand mich am Ufer und rettete mich vom Tode. Ich sah sie nur zweimal, aber sie wäre die einzige, die ich auf dieser Welt lieben könnte. Allein du gleichst ihr und verdrängst beinahe ihr Bild aus meiner Seele. Sie ist dem heiligen Tempel geweiht, und nun hat mir ein freundliches Geschick dich gesendet. Wir wollen uns nie wieder trennen.«

»Ach, er weiß nicht, dass ich es war, die ihm das Leben gerettet hat!« dachte die kleine Nixe. »Ich trug ihn durch die Wogen zum Walde hin, wo der Tempel steht; ich wartete hinter dem Schaum verborgen, ob nicht bald Menschen kommen würden. Ich sah das schöne Mädchen, das er mehr liebt als mich!« Sie seufzte tief auf; denn weinen konnte sie ja nicht. »Das Mädchen ist dem heiligen Tempel geweiht, so hatte er gesagt«, dachte sie weiter. »Nie wird es also in die Welt hinauskommen, und nie werden sich die beiden wieder begegnen. Ich aber bin bei ihm und sehe ihn jeden Tag; ich will ihn pflegen, lieben und ihm mein Leben opfern.«

Die Vermählung des Prinzen

Aber nun sollte sich der Prinz vermählen, und zwar, wie es hieß, mit der schönen Tochter des Nachbarkönigs. Deshalb wurde ein prächtiges Schiff ausgerüstet. »Es heißt allerdings«, sagten die Leute, »der Prinz wolle nur die Länder des Nachbarkönigs besichtigen, allein es geschieht doch nur, um dessen Tochter zu sehen. Ein großes Gefolge wird ihn begleiten.« Die Nixe aber schüttelte den Kopf und lächelte; sie kannte ja des Prinzen Gedanken weit besser als alle andren. »Ja, ich muss allerdings hinreisen«, hatte er zu ihr gesagt, »um die schöne Prinzessin zu sehen. Meine Eltern verlangen es, aber sie werden mich nicht zwingen, sie als meine Braut heimzuführen. Ich weiß zum voraus, dass ich sie nicht lieben kann. Sie gleicht gewiss dem schönen Mädchen im Tempel nicht, dem du so ähnlich bist. Ja, sollte ich jemals eine Braut wählen, so würdest eher du es sein, du, mein stummes Findelkind, mit den sprechenden Augen!« Bei diesen Worten küsste er sie auf ihren roten Mund, spielte mit ihrem langen Haare und legte sein Haupt an ihr Herz, so dass die kleine, arme Nixe von Menschenglück und einer unsterblichen Seele träumte.

»Du fürchtest dich doch nicht vor dem Meere, mein stummes Kind?« fragte er, als sie auf dem prächtigen Schiffe standen, das ihn nach dem Lande des Nachbarkönigs führen sollte. Darauf erzählte er ihr von Sturm und Windesstille, von seltsamen Fischen in der Tiefe und von dem, was die Taucher dort gesehen hatten, und sie lächelte bei seiner Erzählung. Sie wusste ja viel besser als irgend ein Mensch, wie es auf dem Grunde des Meeres aussah.

In einer mondhellen Nacht, als außer dem Steuermann, der am Steuerruder stand, alle auf dem Schiffe schliefen, lehnte sie am Geländer und starrte unverwandt in das klare Wasser hinunter. Sie glaubte ihres Vaters Schloss zu erblicken, ganz oben auf der Zinne stand die Großmutter mit der silbernen Krone auf dem Haupte und starrte durch die wilde Strömung zum Kiel des Schiffes empor. Da tauchten plötzlich ihre Schwestern aus dem Wasser auf, schauten sie tieftraurig an und rangen ihre weißen Hände. Sie aber winkte ihnen lächelnd zu und wollte ihnen erzählen, dass es ihr gut gehe und sie glücklich sei; aber in diesem Augenblick kam der Schiffsjunge herbei, und sofort tauchten die Schwestern unter, so dass er glaubte, das Weiße, was er gesehen habe, sei nur Schaum auf den Wogen gewesen.

Am nächsten Morgen fuhr das Schiff in den Hafen der Hauptstadt des Nachbarlandes. Alle Glocken läuteten, und von den hohen Türmen wurden die Posaunen geblasen, während die Soldaten mit fliegenden Fahnen und blitzenden Bajonetten aufmarschierten. Jeden Tag wurde ein neues Fest gefeiert. Bälle und Gesellschaften wechselten miteinander ab; aber die Prinzessin war noch nicht da. Es hieß, sie befinde sich weit von hier entfernt in einem Tempel, wo sie zu allen königlichen Tugenden erzogen werde. Endlich traf sie ein.

Die Nixe war sehr begierig, die gepriesene Schönheit zu sehen. Sie musste auch zugeben: eine lieblichere Erscheinung als die Königstochter hatte sie noch nie gesehen. Ihre Haut war zart und fein, und hinter den langen, dunklen Augenwimpern strahlten ein paar dunkelblaue, treue Augen hervor.

»Du, du bist es!« rief der Prinz; »du hast mich gerettet, als ich damals leblos am Ufer lag!« Und er drückte sie als seine errötende Braut in seine Arme.

»O, ich bin zu glücklich«, sagte er zu der Nixe. »Das Beste, das ich je zu hoffen gewagt, ist mir zuteil geworden. Ich weiß, du freust dich mit mir über mein Glück; denn du bist mir von allen am treuesten ergeben!«

Und die Meerprinzessin küsste dem Prinzen die Hand, und es kam ihr schon jetzt vor, als fühle sie ihr Herz brechen. Am Hochzeitstage des Prinzen war sie ja dem Tode verfallen und wurde in leichten Meeresschaum verwandelt.

Alle Kirchenglocken läuteten; die Herolde ritten durch die Straßen und verkündeten die Vermählung. Auf allen Altären brannte wohlriechendes Öl in kostbaren, silbernen Lampen. Die Priester schwangen die Rauchfässer; Braut und Bräutigam reichten einander die Hand und erhielten den Segen des Bischofs. Die Nixe war in Seide und Gold gekleidet und trug der Braut die Schleppe. Aber ihr Ohr vernahm die festliche Musik nicht, und ihr Auge sah nicht die heilige Handlung; sie musste immerfort an ihre Todesnacht und an all das, was sie in dieser Welt verloren, denken.

Noch an demselben Abend begaben sich Braut und Bräutigam an Bord des Schiffes. Die Kanonen donnerten; die Flaggen wehten und mitten auf dem Schiffe war ein königliches Zelt aus Gold und Purpur errichtet und mit den schönsten Kissen geschmückt; da sollte das Brautpaar in der kühlen, stillen Nacht schlafen.

Der Wind blähte die Segel, und das Schiff glitt leicht über die klare See dahin.

Als es dunkelte, wurden bunte Lampen angezündet, und die Seeleute tanzten lustig auf dem Verdeck. Die Nixe aber gedachte jenes Abends, wo sie zum ersten Mal aus dem Meere aufgetaucht war und dieselbe Pracht und Freude erblickt hatte wie heute. Sie drehte sich anmutig im Tanze, leicht wie eine Schwalbe, und alle jubelten laut vor Entzücken; noch nie hatte sie so herrlich getanzt. Wohl drang es ihr durch die Füße wie scharfe Messer; aber sie fühlte es nicht – ein noch schärferer Schmerz drang durch ihr Herz. Sie wusste, das war der letzte Abend, an dem sie ihn sah, ihn, um dessentwillen sie ihre Verwandten und ihre Heimat verlassen, ihre schöne Stimme dahingegeben und täglich unendliche Qualen ertragen hatte, ohne dass auch nur ein Mensch eine Ahnung davon gehabt hatte. Das war nun die letzte Nacht, dass sie dieselbe Luft mit ihm atmete und das tiefe Meer und den sternenhellen Himmel schaute. Eine ewige Nacht ohne Bewußtsein und ohne Träume erwartete sie, weil sie ja keine Seele hatte und nie eine erlangen konnte.

Freude und Frohsinn herrschte auf dem Schiffe bis lange nach Mitternacht, und auch die arme kleine Nixe lachte und tanzte mit den Todesgedanken im Herzen. Der Prinz küsste seine schöne Braut; sie spielte mit seinem schwarzen Haar, und Arm in Arm gingen sie zur Ruhe in das prächtige Zelt.

Der Tod der Meerprinzessin 

Ruhig und still wurde es auf dem Schiffe; nur der Steuermann stand am Steuerruder. Die Nixe legte ihre weißen Arme auf das Schiffsgeländer und schaute gegen Osten nach der Morgenröte aus. Sie wusste, der erste Sonnenstrahl brachte ihr den Tod.

Da sah sie plötzlich ihre Schwestern aus dem Wasser emportauchen. Sie waren ebenso bleich als sie selbst, und ihre langen, schönen Haare wehten nicht mehr im Winde: sie waren abgeschnitten.

»Wir haben es der Hexe gegeben, um Hilfe für dich zu erlangen, damit du heute Nacht nicht sterben musst. Sie hat uns ein Messer gegeben; siehe, hier ist es! Siehe, wie scharf es ist! Ehe die Sonne aufgeht, musst du es dem Prinzen ins Herz stoßen, und sobald sein warmes Blut auf deine Füße spritzt, wachsen diese wieder in einen Fischschwanz zusammen. Du wirst dann wieder eine Nixe, kannst zu uns herabsteigen und lebst deine dreihundert Jahre, ehe du zu totem, salzigem Meeresschaum wirst. Aber beeile dich! Er oder du muss sterben, ehe die Sonne aufgeht. Unsere Großmutter trauert so tief um dich, dass all ihr weißes Haar ausgefallen ist, gerade wie das unsrige unter der Schere der Hexe fiel. Töte den Prinzen und kehre zu uns zurück! Aber beeile dich! Siehst du den roten Streifen dort am Himmel? In wenigen Minuten geht die Sonne auf, dann musst du sterben!« Sie seufzten tief auf und versanken in den Wogen.

Die Nixe zog den Purpurteppich vor dem Zelt zurück und sah die holde Braut an des Prinzen Brust ruhen. Nun beugte sich die Nixe zu ihm nieder und küsste ihn auf die schöne Stirne, blickte dann zum Himmel empor, wo die Morgenröte immer rosiger glühte, betrachtete das scharfe Messer in ihrer Hand und heftete ihre Blicke wieder auf den Prinzen, der im Traum den Namen seiner Braut aussprach. Ja, sie allein war in seinen Gedanken, und das Messer zitterte in der Hand des Meermädchens. Aber dann schleuderte sie es plötzlich weit von sich hinaus in die Wogen, und da war es, als ob dunkelrote Blutstropfen hoch aufspritzten. Noch einen letzten Blick warf sie mit halbgebrochenen Augen auf den Prinzen, stürzte sich dann vom Schiffe in das Meer hinab und fühlte, wie ihr Körper sich in Schaum auflöste.

Nun erhob sich die Sonne über dem Meere; mild und warm fielen ihre Strahlen auf den toten, kalten Meeresschaum, und die Nixe fühlte den Tod nicht. Sie sah die helle Sonne, und neben ihr schwebten Hunderte von durchsichtigen, lieblichen Geschöpfen, durch die hindurch sie des Schiffes weiße Segel und die glänzenden, roten Wolken erblicken konnte. Die Sprache dieser Wesen war melodisch, aber so geisterhaft, dass kein menschliches Ohr sie vernehmen, wie auch kein irdisches Auge sie gewahren konnte. Ohne Flügel schwebten sie vermöge ihrer eigenen Leichtigkeit durch die Luft. Und nun sah die Nixe, dass sie selbst einen Körper gleich dem dieser Gestalten hatte, der sich mehr und mehr aus dem Schaum erhob.

Die Töchter der Lüfte 

»Wohin komme ich?« fragte sie, und ihre Stimme klang wie die der schwebenden Gestalten, ebenso geisterhaft, dass keine irdische Musik sie wiederzugeben vermag.

»Zu den Töchtern der Luft!« erwiderten die andren. »Die Nixe hat keine unsterbliche Seele und kann nie eine solche erhalten, wenn sie nicht die Liebe eines Menschen gewinnt. Von einer fremden Macht hängt ihr ewiges Dasein ab. Wir Töchter der Luft haben auch keine unsterbliche Seele; aber wir können uns durch gute Handlungen selbst eine verschaffen. Wir fliegen nach den warmen Ländern, wo die giftige Pestluft die Menschen tötet; dort fächeln wir ihnen Kühlung zu. Wir verbreiten den Duft der Blumen in der Luft und senden Erquickung und Heilung. Wenn wir dreihundert Jahre lang darnach gestrebt haben, alles Gute, was in unserer Macht steht, zu vollbringen, dann bekommen wir eine unsterbliche Seele und dürfen am ewigen Glücke der Menschen teilnehmen. Du arme kleine Nixe hast gelitten und geduldet und hast dich damit zur Welt der Luftgeister erhoben, und du kannst dir nun durch gute Werke nach dreihundert Jahren selbst eine unsterbliche Seele schaffen.«

Da erhob die Nixe ihre durchsichtigen Arme zu Gottes Sonne empor, und zum ersten Mal füllten sich ihre Augen mit Tränen.

Auf dem Schiffe erwachte wieder Lärm und Leben. Sie sah den Prinzen und seine schöne Braut nach ihr suchen; wehmütig starrten sie auf die schäumenden Wogenkämme, als ob sie wüssten, dass sie sich in die Fluten gestürzt habe. Unsichtbar küsste sie die Stirne der Braut, lächelte dem Prinzen zu und bestieg dann mit den übrigen Kindern der Luft eine rosenrote Wolke, die am Himmel hinzog.

»Nach dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich Gottes hinein!«

»Wir können sogar noch früher dahin gelangen«, flüsterte eine der Lichtgestalten. »Wir schweben unsichtbar in die Häuser der Menschen hinein, wo es Kinder gibt, und für jeden Tag, an dem wir ein gutes Kind finden, das seinen Eltern Freude bereitet und deren Liebe verdient, verkürzt Gott unsere Prüfungszeit. Das Kind weiß nicht, wann wir durch die Stube fliegen, und wenn wir dann aus Freude über das liebe Kind lächeln können, so wird ein Jahr von den dreihundert abgezogen; sehen wir aber ein unartiges und böses Kind, dann müssen wir Tränen der Trauer vergießen, und jede Träne legt unserer Prüfungszeit einen Tag zu.«


Quelle: nach Hans Christian Andersen, Andersens Märchen

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Die gestohlene Kuh (5 min)

Die gestohlene Kuh (5 min)

Die gestohlene Kuh

Lesezeit: 5 min

In Köln hat ein Abenteurer sein Wesen getrieben, von dem man gar viel schreiben könnte, denn er ist heute noch vielen im Gedächtnis. Eine Geschichte, die ich selbst von glaubhaften Personen in Köln gehört habe, will ich hier kurz erzählen. Nach vielen abenteuerlichen Reisen ist er einst zwei Meilen von Köln in ein Dorf und in ein Wirtshaus gekommen und hat Herberge zur Nacht begehrt. Der Wirt hat ihm solche gegeben und ihn gefragt, wo er morgens hinwolle. Der Abenteurer antwortete, er wolle nach Köln auf den Markt. Da sprach der Wirt: »Das ist gut, dann können wir morgen miteinander gehn!« – »Wir müssen aber früh aufstehen,« meinte der Gast, »damit wir rechtzeitig auf den Markt kommen.« – Der Wirt sprach: »Schau du nur zu und verschlaf‘ dich nicht, ich bin immer früh auf.« – »Lieber Wirt,« bat der Gast, »wenn Ihr denn so früh auf seid, so weckt mich bitte!« und der Wirt versprach es ihm.

Nun hatte der Wirt eine feiste Kuh im Stall, das wusste der Gast wohl, und als nun alle im Haus schlafen gegangen waren, stand der Gast in großer Stille wieder auf, nahm die Kuh aus dem Stalle und führte sie bei Nacht einen guten Teil Wegs auf Köln zu und band sie in einem seitwärts gelegenen Gebüsch an einen Baum, damit jemand, der vorüberginge, sie nicht sähe. Er selbst kehrte wieder in den Gasthof zurück.

Des Morgens früh stand der Wirt auf und weckte den Gast, und die beiden gingen nun miteinander plaudernd auf Köln zu. Als sie in die Gegend kamen, wo der Abenteurer die Kuh an einen Baum gebunden hatte, sagte der zu dem Wirt: »Hört einmal zu, lieber Wirt. Es ist mir ein Bauer in dem Dorf da hinter dem Gebüsch noch Geld schuldig, und ich will doch sehen, ob ich es nicht bekommen kann. Zieht also gemächlich weiter, ich werde bald wieder bei Euch sein.« Der Wirt sprach: »In Gottes Namen!« und ging langsam weiter. Der Schalk aber kam zu dem Baume, fand die Kuh noch angebunden, nahm sie bei dem Seil und zog aufs gemächlichste hinterher, so dass er erst kurz vor Köln wieder mit dem Wirt zusammentraf. Als der ihn kommen sah, rief er: »Gast, kommst du endlich? Ich habe schon lange auf dich gewartet!« Der Gast sprach: »Ja, ich habe viel Plage mit dem Bauern gehabt, bis ich zur Bezahlung gekommen bin. Denn er hatte kein Geld, und ich wollte die Schuld erledigt haben. Da hab‘ ich eine elende Kuh für mein gutes, ausgeliehenes Geld nehmen müssen. Ich fürchte, ich kann sie nicht für den Betrag in Köln verkaufen, wie ich sie genommen habe!« Der Wirt sah die Kuh an und sprach: »Das ist auf meinen Eid eine schöne, feiste Kuh! Wenn ich meine eigene Kuh nicht selbst gestern Abend spät noch in den Stall gestellt hätte, dann würde ich schwören, es wäre meine Kuh, so ähnlich sieht sie ihr.« Damit schwiegen sie beide der Rede, bis sie in die Stadt Köln kamen.

Nun war aber der Gast in Köln schon so verrufen und bekannt, dass er sich auf dem Markt, wo man Kühe und Ochsen verkaufte, wegen verschiedener böser Streiche nicht sehen lassen durfte. Denn er hatte schon ein paarmal Ochsen gekauft und sie nachher nicht bezahlt. Deshalb sagte er zu dem Wirt, er hätte noch andere dringende Geschäfte, und bat ihn, doch für ihn die Kuh zu verkaufen. Er zeigte ihm auch seine Herberge an, wohin er ihm das Geld bringen sollte, und versprach ihm ein gutes Trinkgeld. Der Wirt ging darauf ein, löste für die Kuh sogar noch etwas mehr, als er gedacht hatte, und brachte das Geld dem Gast getreulich in die bestimmte Herberge. Der empfing das Geld mit großem Dank und schenkte dem Wirt ein Trinkgeld, womit dieser wohl zufrieden war.

Nun gedachte der Gast, wie er ohne Umstände von dem Wirt loskommen könnte und sprach zu ihm: »Wir wollen zu Morgen miteinander essen, denn die Kuh hat mehr eingebracht, als sie mir wert war. Der Bauer, der mir die Kuh gab, muss die Zeche bezahlen!« Damit bat er die Wirtin, ihm zwei zinnerne Platten zu leihen, er wolle gehn und ein paar gebratene Hühner kaufen. Im Begriff aber hinauszugehen, trat er an den Kölner Wirt heran und sagte: »Lieber Wirt, leiht mir Euren Mantel! Ich mag nicht, dass man sehe, was ich gekauft habe; ich will den Mantel darüber schlagen!« Im Wirklichkeit aber fürchtete er, dass man ihn in seinem gewöhnlichen Rock erkennen möchte. Als ihm nun der Wirt den Mantel gab, da schlug er ihn um seinen Rock, nahm die Platten darunter und wanderte damit fröhlich davon, denn es war ihm natürlich keinen Augenblick eingefallen, gebratene Hühner zu kaufen. Es lag ihm auch nichts daran, was die beiden Wirte nachher über ihn reden würden, denn er hatte überhaupt nicht vor, sich bei ihnen noch einmal sehen zu lassen.

Als nun die beiden Zurückgebliebenen lange auf ihn gewartet hatten, da kam auf einmal des guten Bauern Tochter gelaufen mit großem Weinen und Klagen und sagte. »Oh, Vater, es ist eine übele Geschichte geschehen. Wir haben unsere Kuh verloren, sie ist uns diese Nacht gestohlen worden!« Der Vater durchschaute jetzt die ganze Büberei und sprach: »Da schlag der Teufel drei! Ich habe sie selbst verkauft!« Und er musste über den Schelmenstreich schließlich selbst lachen, und wartete jetzt auch nicht länger auf die gebratenen Hühner.

So war er um seine Kuh gekommen, die Wirtin um die beiden Platten und der Wirt um seinen Mantel. Und sie hatten es alle drei mit Willen getan, aber ohne ihr Wissen.

Aus: »Schimpf und Ernst« von Bruder Johannes Pauli


Quelle: Hans Ostwald, Vergnügte Tiere

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Kurz Märchen

Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen (5 min)

Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen (5 min)

Die drei Schwestern mit den gläsernen Herzen

Lesezeit:  5 min
Drei Königstöchter mit gläsernen Herzen

Es gibt Menschen mit gläsernen Herzen. Wenn man leise daran rührt, klingen sie so fein wie silberne Glocken. Stößt man jedoch derb daran, so gehen sie entzwei.

Da war nun auch ein Königspaar, das besaß drei Töchter, und alle drei hatten gläserne Herzen. »Kinder,« sagte die Königin, »nehmt euch mit euren Herzen in acht, sie sind eine zerbrechliche Ware!« Und sie taten es auch.

Eines Tages jedoch lehnte sich die älteste Tochter zum Fenster hinaus über die Brüstung und sah hinab in den Garten, wie die Bienen und Schmetterlinge um die Blumen flogen. Dabei drückte sie sich ihr Herz: kling! ging es, wie wenn etwas zerspringt, und sie fiel hin und war tot.

Wieder nach einiger Zeit trank die zweite Tochter eine Tasse zu heißen Kaffee. Da gab es abermals einen Klang wie wenn ein Glas springt, nur etwas feiner als das erste Mal, und auch sie fiel um. Da hob sie ihre Mutter auf und besah sie, merkte aber bald zu ihrer Freude, dass sie nicht tot war, sondern ihr Herz nur einen Sprung bekommen hatte, jedoch noch hielt.

»Was sollen wir nun mit unserer Tochter anfangen?« beratschlagten der König und die Königin. »Sie hat einen Sprung im Herzen, und wenn er auch nur fein ist, so wird es doch leicht ganz entzweigehen. Wir müssen sie sehr in acht nehmen.«

Aber die Prinzessin sagte: »Laßt mich nur! Manchmal hält das, was einen Sprung bekommen hat, nachher gerade noch recht lange!« –

Indessen war die jüngste Königstochter auch groß geworden, und so schön, gut und verständig, dass von allen Seiten Königssöhne herbeiströmten und um sie warben. Doch der alte König war durch Schaden klug geworden und sagte: »Ich habe nur noch eine ganze Tochter, und auch die hat ein gläsernes Herz. Soll ich sie jemandem geben, so muss er ein König sein, der zugleich Glaser ist und mit so zerbrechlicher Ware umzugehen versteht.« Allein es war unter den vielen Bewerbern nicht einer, der sich gleichzeitig auf die Glaserei gelegt hätte, und so mussten sie alle wieder abziehen. –

Der Edelknabe und die Prinzessin

Da war nun unter den Edelknaben im Schloss des Königs einer, der war beinahe fertig. Wenn er noch dreimal der jüngsten Königstochter die Schleppe getragen hatte, so war er Edelmann. Dann gratulierte ihm der König und sagte ihm: »Du bist nun fertig und Edelmann. Ich danke dir. Du kannst gehen.«

Als er nun das erste Mal der Prinzessin die Schleppe trug, sah er, dass sie einen ganz königlichen Gang hatte. Als er sie ihr das zweite Mal trug, sagte die Prinzessin: »Lass einmal einen Augenblick die Schleppe los, gib mir deine Hand und führe mich die Treppe hinauf, aber fein zierlich, wie es sich für einen Edelknaben, der eine Königstochter führt, schickt.« Als er dies tat, sah er, dass sie auch eine ganz königliche Hand hatte. Sie aber merkte auch etwas; was es aber war, will ich erst nachher sagen. Endlich, als er ihr das dritte Mal die Schleppe trug, drehte sich die Königstochter um und sagte zu ihm: »Wie reizend du mir meine Schleppe trägst! So reizend hat sie mir noch keiner getragen.« Da merkte der Edelknabe, dass sie auch eine ganz königliche Sprache führte. Damit war er nun aber fertig und Edelmann. Der König dankte und gratulierte ihm und sagte, er könne nun gehen.

Als er ging, stand die Königstochter an der Gartentür und sprach zu ihm: »Du hast mir so reizend die Schleppe getragen, wie kein anderer. Wenn du doch Glaser und König wärst!«

Darauf antwortete er, er wolle sich alle Mühe geben, es zu werden; sie möge nur auf ihn warten, er käme gewiss wieder.

Die Ausbildung zum Glaser

Er ging also zu einem Glaser und fragte ihn, ob er nicht einen Glaserjungen gebrauchen könne. »Jawohl,« erwiderte dieser, »aber du musst vier Jahre bei mir lernen. Im ersten Jahre lernst du die Semmeln vom Bäcker holen und die Kinder waschen, kämmen und anziehen. Im zweiten lernst du die Ritzen mit Kitt verschmieren, im dritten Glas schneiden und einsetzen und im vierten wirst du Meister.«

Darauf fragte er den Glaser, ob er nicht von hinten anfangen könne, weil es dann doch schneller ginge. Indes der Glaser bedeutete ihn, dass ein ordentlicher Glaser immer von vorn anfangen müsse, sonst würde nichts Gescheites daraus.

Damit gab er sich zufrieden. Im ersten Jahre holte er also die Semmeln vom Bäcker, wusch und kämmte die Kinder und zog sie an. Im zweiten verschmierte er die Ritzen mit Kitt, im dritten lernte er Glas schneiden und einsetzen und im vierten Jahre wurde er Meister. Darauf zog er sich wieder seine Edelmannskleider an, nahm Abschied von seinem Lehrherrn und überlegte sich, wie er es anfinge, um nun auch noch König zu werden.

Die Suche nach einem Königreich

Während er so aus der Straße ganz in Gedanken versunken einherging und aufs Pflaster sah, trat ein Mann an ihn heran und fragte, ob er etwas verloren habe, dass er immer so auf die Erde sähe. Da erwiderte er: verloren habe er zwar nichts, aber suchen täte er doch etwas, nämlich ein Königreich; und fragte ihn, ob er nicht wisse, was er zu beginnen habe, um König zu werden.

»Wenn du ein Glaser wärst,« sagte der Mann, »wüsste ich schon Rat.«

»Ich bin ja gerade ein Glaser!« antwortete er, »und eben fertig geworden!«

Als er dies gesagt, erzählte ihm der Mann die Geschichte von den drei Schwestern mit den gläsernen Herzen, und wie der alte König durchaus seine Tochter nur einem Glaser vermählen wolle. »Anfangs,« so sprach er, »war noch die Bedingung, dass der Glaser, der sie bekäme, auch noch ein König oder ein Königssohn sein müsse; weil sich aber keiner finden will, der alles beides ist, Glaser und König zugleich, so hat er etwas nachgegeben, wie es der Klügste immer tun muss, und zwei andere Bedingungen gestellt. Glaser muss er freilich immer noch sein, dabei bleibt es!«

»Welches sind denn die beiden Bedingungen?« fragte der junge Edelmann.

»Er muss der Prinzessin gefallen und Samtpatschen haben. Kommt nun ein Glaser, welcher der Prinzessin gefällt und auch Samtpatschen hat, so will ihm der König seine Tochter geben und ihn später, wenn er tot ist, zum König machen. Es sind nun auch schon eine Menge Glaser auf dem Schloss gewesen, aber der Prinzessin wollte keiner gefallen. Außerdem hatten sie auch alle keine Samtpatschen, sondern grobe Hände, wie das von gewöhnlichen Glasern nicht anders zu erwarten ist.«

Der Glaser mit den Samtpatschen

Als dies der junge Edelmann vernommen, ging er in das Schloss, entdeckte sich dem König, erinnerte ihn daran, wie er bei ihm Edelknabe gewesen sei, und erzählte ihm dass er seiner Tochter zuliebe Glaser geworden und sie nun gar gerne heiraten und nach seinem Tode König werden wolle.

Da ließ der König die Prinzessin rufen und fragte sie, ob der junge Edelmann ihr gefiele, und als sie dies bejahte, weil sie ihn gleich erkannte, sagte er dann weiter, er solle nun auch seine Handschuhe ausziehen und zeigen, ob er auch Samtpatschen habe. Aber die Prinzessin meinte, dies sei ganz unnötig, sie wisse es ganz genau, dass er wirklich Samtpatschen habe. Sie hätte es schon damals gemerkt, als er sie die Treppe hinaufgeführt hätte.

Und wenn sie nicht gestorben sind…

So waren denn beide Bedingungen erfüllt, und da die Prinzessin einen Glaser zum Mann bekam und noch dazu einen mit Samtpatschen, so nahm er ihr Herz sehr in acht, und es hielt bis an ihr seliges Ende.

Die zweite Schwester aber, welche schon den Sprung hatte, wurde die Tante, und zwar die allerbeste Tante der Welt. Dies versicherten nicht bloß die Kinder, welche der junge Edelmann und die Prinzessin zusammen bekamen, sondern auch alle anderen Leute. Die kleinen Prinzessinnen lehrte sie lesen, beten und Puppenkleider machen; den Prinzen aber besah sie die Zensuren. Wer eine gute Zensur hatte, wurde sehr gelobt und bekam etwas geschenkt; hatte aber einer einmal eine schlechte Zensur, dann gab sie ihm eine Kopfnuss und sprach: »Sage einmal, du sauberer Prinz, was du dir eigentlich vorstellst? Was willst du später einmal werden? Heraus mit der Sprache! Nun, wird’s bald?«

Und wenn er dann sagte: »Kö-Kö-Kö-König!« lachte sie und fragte: »König? Wohl König Midas? König Midas Hochgeboren mit zwei langen Eselsohren!« Dann schämte sich der, welcher die schlechte Zensur bekommen hatte, gewaltig.

Und auch diese zweite Prinzessin wurde steinalt, obwohl ihr Herz einen Sprung hatte. Wenn sich jemand darüber wunderte, sagte sie regelmäßig: »Was in der Jugend einen Sprung kriegt und geht nicht gleich entzwei, das hält nachher oft gerade noch recht lange.« –

Und das ist auch wahr. Denn meine Mutter hat auch so ein altes Sahnentöpfchen, weiß, mit kleinen bunten Blumensträußchen besät, das hat einen Sprung, solange ich denken kann, und hält immer noch; und seit es meine Mutter hat, sind schon so viele neue Sahnentöpfchen gekauft und immer wieder zerbrochen worden, dass man sie gar nicht zählen kann.

 

Quelle: nach Richard-Leander, Träumereien an französischen Kaminen

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