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Portugiesische Liebesbriefe (6 min)

Portugiesische Liebesbriefe (6 min)

Portugiesische Liebesbriefe

Lesezeit: 6 min

Dies ist der erste von fünf Liebesbriefen, die die portugiesische Nonne Marianna dem Mann schickte, mit dem sie ein Verhältnis hatte… 

Schau, meine Liebe, wie über die Maßen du ohne Voraussicht warst. Unselige, du bist betrogen worden und hast mich durch täuschende Hoffnungen betrogen. Eine Leidenschaft, von der du so viel Glück erwartet hast, ist imstande, dir jetzt nichts als eine tödliche Hoffnungslosigkeit zu bereiten, die höchstens in der grausamen Abwesenheit ihresgleichen hat, von der sie verursacht ist. Wie? Dieses Fortgehn, dem mein Schmerz bei allen seinen Einfällen keinen genügend trostlosen Namen zu geben weiß, dieses Fortgehn will mir also für immer verbieten, die Augen anzuschauen, in denen ich so viel Liebe sah, denen ich Bewegtheiten verdanke, die mich mit Freude überfüllten, die mir alle Dinge ersetzten, die mir endlos Genüge waren? Ach, die meinen haben das einzige Licht verloren, das sie belebte, es bleiben ihnen nur Tränen, und ich habe sie zu nichts anderem gebraucht als zum Weinen, unaufhörlich, seit ich erfahren musste, dass dein Fortbleiben beschlossen sei, das ich nicht ertrage, das mich in kürzester Zeit töten wird. Doch mir scheint, ich habe eine Art Zuneigung zu dem Unglück, dessen einzige Ursache du bist. Mein Leben war dir zugefallen, im Augenblick, da ich dich sah, ich freue mich irgendwie, es dir zu opfern. Tausendmal schick ich meine Seufzer nach dir, sie suchen dich an allen Orten, und wenn sie mir wiederkommen, lohnen sie mir alle die ausgestandenen Beängstigungen, indem sie mir mit der allzu aufrichtigen Stimme meines bösen Loses, das nicht will, ich soll mich beruhigen, immer wieder sagen: Hör auf, hör auf, unselige Marianna, dich umsonst zu verzehren, hör auf, einen Liebhaber zu suchen, den du nie mehr sehen wirst, der über das Meer gegangen ist, um dich zu fliehen, der sich in Frankreich aufhält mitten in Vergnügungen, keinen Moment sich deiner Schmerzen erinnert und dir gerne diese Ausbrüche schenkt, für die er wenig Erkenntlichkeit haben kann. Doch nein, ich mag mich nicht entschließen, so schimpflich dich abzuurteilen, es ist nur zu sehr mein eigener Vorteil, wenn ich dich rechtfertige. Ich will mir nicht einbilden, dass du mich vergessen hast. Bin ich nicht schon unglücklich genug, ohne mich mit falschen Verdächtigungen zu quälen? Und warum soll ich mich anstrengen, nicht mehr von all der Müh zu wissen, die du dir gegeben hast, mir deine Liebe zu bezeugen? Ich bin so hingerissen gewesen von allen diesen Bemühungen, und ich wäre recht undankbar, dich nicht weiter mit demselben Ungestüm zu lieben, wie es meine Leidenschaft mir eingab, da sie noch die Beweise der deinen empfing. Wie kann es geschehen, dass die Erinnerungen so anmutiger Augenblicke so ins Grausame schlagen? Und muss es sein, dass sie, wider ihre eigene Natur, nun nur dazu dienen, mein Herz tyrannisch zu behandeln? Ach, dein letzter Brief hat es auf einen wunderlichen Zustand herabgesetzt: es geriet in so fühlbare Bewegung, dass es, glaub ich, Anstrengungen machte, sich von mir zu trennen, um zu dir zu gehn. Ich war so überwältigt von der Heftigkeit aller dieser Erregungen, dass ich mehr als drei Stunden ganz von Sinnen blieb. Ich sträubte mich zurückzukehren in ein Leben, das ich um deinetwillen verlieren muss, da ich es dir nicht erhalten darf. Gegen meinen Willen erblickte ich endlich wieder das Licht, es schmeichelte mir, zu fühlen, dass ich sterbe vor Liebe, und im übrigen wars mir recht, nicht länger dem Anblick meines Herzens ausgesetzt zu sein, das von dem Weh deines Fortseins zerrissen war. Nach diesen Anfällen habe ich die verschiedensten Zustände durchzumachen gehabt; aber wie sollte ich auch ohne Leiden bleiben, solange ich dich nicht sehe. Ich ertrage sie ohne Murren, denn sie kommen von dir. Sag, ist das dein Lohn dafür, dass ich dich so zärtlich geliebt habe? Aber es soll mir gleich sein, ich bin entschlossen, dich anzubeten mein ganzes Leben lang und keinen Menschen zu sehen. Und ich versichere dir, auch du wirst gut daran tun, niemanden zu lieben. Könntest du dich begnügen mit einer Leidenschaft, die nicht die Glut der meinen hätte? Du findest, möglicherweise, mehr Schönheit (obzwar du mir einst sagtest, ich sei eigentlich schön), aber nie, nie wirst du so viel Liebe finden, und auf das andere alles kommt es doch nicht an. Füll deine Briefe nicht mehr mit unnützen Dingen an und schreibe mir nicht mehr, ich solle an dich denken. Ich kann dich nicht vergessen und vergesse auch nicht, dass du mir Hoffnung gemacht hast, zu kommen und einige Zeit mit mir zu sein. Ach, warum willst du nicht, dass es das ganze Leben sei? Wenn ich herauskönnte aus diesem unseligen Kloster, so würde ich nicht hier in Portugal auf das Eintreffen deiner Versprechungen warten: ohne Rücksicht ginge ich hin, dich suchen, dir folgen und dich lieben durch die ganze Welt. Ich wage nicht, mich damit zu verwöhnen, dass dies möglich sei, ich will keine Hoffnung nähren, aus der mir gewiss einiges Wohltun käme, ich will nur noch für Schmerzen Empfindung haben. Zugeben will ich freilich, dass die Gelegenheit, dir zu schreiben, die mein Bruder mir verschafft hat, ein wenig Freude in mir aufrühren konnte, und dass sie die Trostlosigkeit, in der ich lebe, für einen Augenblick unterbrach. Ich beschwöre dich, mir zu sagen, warum du so darauf aus warst, mich einzunehmen, wie du es getan hast, wenn du doch wusstest, dass du mich wirst verlassen müssen? Warum diese Versessenheit, mich unglücklich zu machen? Was ließest du mich nicht in Frieden in meinem Kloster? Hatte ich dir irgendwas angetan? Aber verzeih, ich lege dir nichts zur Last; ich bin außerstand, an meine Rache zu denken; ich klage nur die Härte meines Schicksals an. Indem es uns trennt, fügt es uns, scheint mir, alles Unheil zu, das je zu fürchten war. Unsere Herzen wird es nicht zu trennen wissen. Die Liebe, die mächtiger ist als das Schicksal, hat sie vereint für unser ganzes Leben. Wenn du einigen Anteil an dem meinen nimmst, schreib mir oft. Ich verdiene das bisschen Müh, das es dich kostet, mich vom Stand deines Herzens und deiner Verhältnisse zu unterrichten. Und vor allem: komm. Adieu, ich mag mich nicht trennen von diesem Papier, es wird in deinen Händen sein. Ich wollte, mir stünde dieses Glück bevor. Ach, ich Unvernünftige, ich sehe wohl, dass das nicht möglich ist. Adieu, ich kann nicht mehr. Adieu, hab mich lieb, immer, und lass mich noch mehr Leiden aushalten.

 

Quelle: Portugiesische Briefe (Erster Brief)

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Was wir aus den Hexenprozessen lernen können (10 min)

Was wir aus den Hexenprozessen lernen können (10 min)

Was wir aus den Hexenprozessen lernen können

Lesezeit: 10 min
Der Ursprung des Hexenglaubens

Zum ersten Mal habt ihr bei Hänsel und Gretel von Hexen gehört. Und was habt ihr euch dabei gedacht? Eine böse, gefährliche Waldfrau, die allein vor sich hinlebt und der man besser nicht in die Arme läuft. Sicher habt ihr euch nicht den Kopf zerbrochen, wie die Hexe zu dem Teufel oder dem lieben Gott steht, woher sie kommt, was sie tut und was sie nicht tut. Und genauso wie ihr haben die Menschen von den Hexen jahrhundertelang gedacht. Wie kleine Kinder Märchen glauben, so haben sie meist an die Hexen geglaubt. Aber so wenig Kinder, und seien sie noch so klein, ihr Leben nach dem Märchen einrichten, so wenig haben in jenen Jahrhunderten die Menschen daran gedacht, den Hexenglauben in ihr tägliches Leben zu übernehmen. Sie haben sich begnügt, mit einfachen Zeichen, mit einem Hufeisen über der Tür, einem Heiligenbild oder allenfalls einem Zauberspruch, den sie unterm Hemd auf der Brust trugen, sich vor ihnen zu schützen. So war es im Altertum, und als das Christentum kam, änderte sich daran nicht viel, jedenfalls nichts zum schlechteren. Denn das Christentum trat ja dem Glauben an die Macht des Bösen entgegen. Christus hatte den Teufel besiegt, er war in die Hölle hinabgestiegen, und seine Anhänger hatten nichts von den bösen Mächten zu fürchten. Das war wenigstens der älteste Christenglaube – gewiss kannte man auch damals verrufene Frauen, das waren aber vor allem Priesterinnen, heidnische Göttinnen, und ihrer Zauberkraft traute man nicht viel zu. Eher hatte man Mitleid mit ihnen, weil der Teufel sie so genarrt hatte, dass sie sich selber übernatürliche Kräfte zuschrieben. Wie nun dies alles unscheinbar im Laufe von wenigen Jahrzehnten, ungefähr um das Jahr 1300 nach Christus, sich völlig geändert hat, wird euch niemand so unbedingt sicher erklären können. Aber an der Tatsache ist kein Zweifel: nachdem der Glaube an Hexen jahrhundertelang mit allem anderen Aberglauben so mitgegangen war, nicht weniger, aber auch nicht mehr Schaden gestiftet hatte als andere, begann man um die Mitte des 14. Jahrhunderts, überall Hexen und Hexenwerk zu wittern und bald darauf beinahe überall Hexenverfolgungen anzustellen. Mit einem Male war eine förmliche Lehre vom Tun und Treiben der Hexen da. Plötzlich wollte jeder genau gewusst haben, was sie in ihren Versammlungen tun, über welche Zauberkraft sie verfügen und auf wen sie es abgesehen haben. Wie es dahin gekommen ist, wird man wie gesagt vielleicht niemals völlig durchschauen können. Um so erstaunlicher aber ist das wenige, was wir von den Ursachen wissen.

Die Wissenschaft un der Hexenglaube

Aberglaube ist für uns alle etwas, was am meisten bei den einfachen Leuten verbreitet ist und bei ihnen am festesten sitzt. Die Geschichte des Glaubens an Hexen zeigt uns, dass das durchaus nicht immer so war. Gerade das 14. Jahrhundert, in dem dieser Glaube seine starrste und gefährlichste Fratze zeigte, war die Zeit eines großen Aufschwungs der Wissenschaften. Die Kreuzzüge hatten begonnen; mit ihnen kamen die neuesten wissenschaftlichen, vor allem naturwissenschaftlichen Lehren, in denen damals Arabien den übrigen Ländern weit voraus war, nach Europa. Und so unwahrscheinlich es klingt, diese neue Naturwissenschaft beförderte mächtig den Hexenglauben. Das kam aber so: im Mittelalter war die rein berechnende oder beschreibende Naturwissenschaft, die wir heute die theoretische nennen, noch nicht von der angewandten, z.B. der Technik, getrennt. Diese angewandte Naturwissenschaft ihrerseits aber war nun damals dasselbe oder jedenfalls sehr benachbart der Zauberei. Man wusste von der Natur ja sehr wenig. Die Erforschung und Benutzung ihrer geheimen Kräfte sah man für Zauberei an. Diese Zauberei aber war erlaubt, wenn sie sich keine bösen Werke zum Ziel setzte, und man nannte sie zum Unterschied von der Schwarzen Kunst einfach die Weiße: die Weiße Magie. Was man also damals von der Natur Neues erfuhr, das kam schließlich unmittelbar oder auf Umwegen doch wieder dem Zauberglauben, dem Glauben an den Einfluss der Gestirne, an die Kunst, Gold zu machen und anderes, zugute. Mit der Teilnahme an der Weißen Magie steigerte sich nun aber auch das Interesse für die Schwarze.

Der Hexenhammer und seine Folgen 

Die Naturlehre aber war nicht allein unter den Wissenschaften am Werke, den schrecklichen Hexenglauben zu fördern. Aus dem Glauben an die Schwarze Magie und aus der Beschäftigung mit ihr folgten für die Philosophen der Zeit – das waren aber damals nur Geistliche – eine ganze Anzahl von Fragen, die wir heute nicht mehr so leicht verstehen und vor denen uns, wenn wir sie schließlich begriffen haben, die Haare zu Berge stehen. So wollte man vor allen Dingen klar und deutlich feststellen, worin sich denn die Zauberei, die die Hexen trieben, von anderer böser Zauberkunst unterscheide. Dass alle bösen Zauberer ohne Unterschied Ketzer seien, d.h. nicht oder nicht auf die rechte Weise an Gott glaubten, darüber war man sich längst klar, und die Päpste hatten es oft gelehrt. Nun aber wollte man wissen, wodurch sich Hexen und Hexenmeister von anderen Schwarzkünstlern unterschieden. Und zu diesem Zwecke haben nun die Gelehrten allerhand spintisiert, was vielleicht mehr ungereimt und kurios als schrecklich gewesen wäre, wenn nicht 100 Jahre später, als die Hexenprozesse ihren Höhepunkt erreicht hatten, zwei Männer gekommen wären, die all diese Hirngespinste bitterernst nahmen, sie sammelten, miteinander verglichen, Folgerungen daraus zogen und sie für eine Anweisung ausnutzten, wie man haarklein die Wahrheit von denen ermitteln sollte, welche der Hexerei würden beschuldigt werden. Dieses Buch ist der sogenannte »Hexenhammer«, und wahrscheinlich hat nichts Gedrucktes mehr Unglück über die Menschen gebracht als diese drei dicken Bände. Was hatte es also nach diesen Gelehrten mit den Hexen für eine Bewandtnis? Vor allem diese: sie hätten einen förmlichen Bund mit dem Teufel geschlossen. Sie hätten Gott abgeschworen und dem Teufel versprochen, ihm allen seinen Willen zu tun. Der Teufel wiederum hätte ihnen dafür alles mögliche Gute versprochen – für das irdische Leben natürlich – da er aber ein Lügengeist sei, hätte er es fast niemals gehalten und würde es in Zukunft eben sowenig. Und nun fand man kein Ende in der Aufzählung dessen, was die Hexen mit der Macht des Teufels ins Werk setzten, wie es ihnen gelänge und welche Gebräuche sie zu halten verpflichtet wären. Manche von euch, die den Hexentanzplatz bei Thale mit der Walpurgishalle gesehen haben, andere, die einmal einen Band Sagen vom Harz in der Hand hatten, werden vieles darüber wissen, und ich will jetzt nicht vom Blocksberg, wo die Hexen am 1. Mai sich versammeln sollten, nichts von ihrem Ritt auf dem Besenstiel, auf dem sie zum Schornstein hinausfahren, erzählen, sondern ein paar seltsamere Dinge, die ihr vielleicht auch in euren Sagenbüchern noch nicht gelesen habt. Seltsam, das will heißen für uns. Denn vor 300 Jahren schien den Leuten nichts selbstverständlicher, als dass eine Hexe, wenn sie aufs Feld hinausgeht und die Hand gen Himmel erhebt, ein Hagelwetter auf das Getreide herabziehen könne, und dass sie mit einem Blick die Kühe behexen könne, so dass statt Milch aus den Eutern Blut käme, oder dass sie eine Weide so anbohren könne, dass aus der Rinde Milch oder Wein herausflösse, oder dass sie in einen Kater, einen Wolf, einen Raben sich wandeln könne. Wie es damals an einem, der erst einmal der Hexerei verdächtig geworden war, er mochte tun und lassen, was er wollte, überhaupt nichts mehr gab, was den Verdacht nicht bestärkte, in dem er stand, so gab es im Hause und auf dem Felde, in Reden und Taten, beim Gottesdienst und beim Spiel damals nichts, was nicht von böswilligen oder blöden oder verrückten Leuten in Zusammenhang mit der Hexerei gebracht werden konnte. Und noch heute zeugen Worte wie: Hexenbutter (für Froschlaich), Hexenringe (für die Kreise, in denen Pilze beieinander stehen), Hexenschwamm, Hexenmehl usw. dafür, wie die unschuldigsten Naturdinge mit diesem Glauben in Zusammenhang gebracht werden. Wollt ihr aber einen ganz kurzen Abriss, gewissermaßen einen Führer durch das Leben der Hexen lesen, so müsst ihr euch das Theaterstück »Macbeth« von Shakespeare geben lassen. Da seht ihr auch, wie man sich den Teufel als strengen Herrn dachte, dem jede Hexe Rede und Antwort geben muss, was für böse Streiche oder auch Untaten sie zu seiner Ehre begangen hat. Soviel wie in Macbeth steht, wusste damals jeder einfache Mann von den Hexen. Die Philosophen wussten freilich noch vieles mehr. Sie konnten Beweise für das Dasein der Hexen geben, so unlogisch, dass man sie heute keinem Tertianer im Schulaufsatz durchgehen ließe. So hat 1660 einer von ihnen geschrieben: »Wer das Dasein von Hexen leugnet, der leugnet auch das Dasein von Geistern, denn Hexen sind Geister. Wer aber das Dasein von Geistern leugnet, der leugnet auch das Dasein von Gott, denn Gott ist ein Geist. Also leugnet, wer Hexen leugnet, auch Gott.«

Die Hexen-Prozesse

Irrtum und Unsinn sind schlimm genug. Aber ganz gefährlich werden sie erst, wenn man Ordnung und Folgerichtigkeit hineinbringen will. So ist es beim Hexenglauben gewesen, und deshalb ist viel größeres Unheil als durch den Aberglauben durch die Starrköpfigkeit der Gelehrten entstanden. Von den Naturwissenschaftlern und Philosophen haben wir schon gesprochen. Nun aber kommen die Schlimmsten: das waren die Rechtsgelehrten. Und damit sind wir bei den Hexen prozessen, der schrecklichsten Plage dieser Zeit, neben der Pest. Auch sie griffen um sich wie eine Seuche, sprangen von einem Land in das andere über, erreichten ihre Höhepunkte, um zeitweise wieder abzunehmen, machten vor Kindern ebenso wenig halt wie vor Greisen, vor Reichen sowenig wie vor Armen, vor Rechtsgelehrten sowenig wie vor Bürgermeistern, weder vor Ärzten noch vor Naturforschern. Domherrn, Minister und Geistliche mussten ebenso wie Schlangenbeschwörer oder Jahrmarktsschauspieler den Scheiterhaufen besteigen, von der unendlich viel größeren Zahl von Frauen aller Altersstufen und Stände zu schweigen. Heute kann man nicht mehr mit Zahlen feststellen, wie viele Menschen in Europa als Hexen oder Hexenmeister zugrunde gegangen sind, aber dass es zum wenigsten hunderttausend waren, vielleicht auch das Vielfache davon, ist gewiss. Ich habe dieses fürchterliche Buch, den »Hexenhammer«, der im Jahre 1487 erschien und riesig oft nachgedruckt wurde, schon erwähnt. Er war lateinisch geschrieben, ein Handbuch für Inquisitoren. Inquisitoren, d.h. eigentlich Fragemänner, nannte man Mönche, die vom Papst direkt mit besonderen Vollmachten zur Bekämpfung der Ketzerei ausgerüstet waren. Da nun die Hexen immer auch für Ketzer angesehen wurden, so hatten die Inquisitoren sich mit ihnen zu beschäftigen. Aber weit entfernt, dass man ihnen neidlos eine so gräuliche Aufgabe überlassen hätte. Vielmehr gab es da noch andere Gerichtsbarkeiten, die darauf brannten, mit der Bekämpfung der Hexen sich befassen zu dürfen. Das war die reguläre geistliche Gerichtsbarkeit der Bischöfe und die reguläre weltliche. Von diesen beiden war aber die zweite die schlimmere. Das alte Kirchenrecht wusste nämlich nichts von einer Verbrennung der Hexen, und so gab es lange Zeit für Hexen nur die Strafe des Kirchenbanns und der Einkerkerung. Da führte Karl V. im Jahre 1532 sein neues Gesetzbuch, die sogenannte Karolina oder »Peinliche Halsgerichtsordnung« ein. In ihr stand auf Zauberei der Feuertod. Immerhin gab es auch da noch die Einschränkung, dass ein wirklicher Schaden müsse entstanden sein. Das war aber vielen Rechtsgelehrten und Fürsten noch ein zu mildes Gesetz, und viele zogen es vor, sich nach dem Kursächsischen Recht zu richten, nach dem jeder Zauberer und jede Hexe verbrannt werden konnte, auch wenn sie keinen Schaden gestiftet hatten. Diese vielen Gerichtsbarkeiten ergaben ein so fürchterliches Durcheinander, dass von Recht und Ordnung ohnehin keine Rede mehr sein konnte. Dazu kam nun aber noch, dass man sich die Hexen als Besessene vorstellte, in denen der Teufel wohne, dass man also gegen die Übermacht des Teufels zu stehen glaubte und in diesem Kampf alles für erlaubt hielt. Nichts konnte so fürchterlich oder so unsinnig sein, dass die damaligen Rechtsgelehrten um ein lateinisches Wort dafür verlegen gewesen wären. Und so nannte man denn die Hexerei ein crimen exceptum, ein außergewöhnliches Verbrechen, das hieß aber ein Verbrechen, bei dem der Angeklagte überhaupt kaum sich verteidigen konnte. Er wurde z.B. gleich von Anfang an als schuldig behandelt. Wenn er einen Verteidiger hatte, so konnte auch der nicht viel tun, weil der Grundsatz galt: ein zu eifriger Verteidiger von solchen, die der Hexerei angeklagt waren, mache sich selbst verdächtig, ein Zauberer zu sein. Die Juristen sahen überhaupt die Hexensachen als eine rein fachmännische Angelegenheit an, die sie allein beurteilen konnten. Dabei war der gefährlichste unter ihren Grundsätzen der: beim Verbrechen der Hexerei genüge das Geständnis des Täters, auch wenn sonst keine Beweise zu finden wären. Was ein solches Geständnis damals aber bedeutete, kann sich jeder sagen, der weiß, dass im Hexenprozeß die Folter an der Tagesordnung gewesen ist. Es gehört zu den erstaunlichsten Dingen, denen man in der Geschichte begegnet, dass es über 200 Jahre gedauert hat, ehe den Rechtsgelehrten der Gedanke gekommen ist, dass Geständnisse auf der Folter nichts wert sind. Vielleicht, weil ihre Bücher so voll von unwahrscheinlichsten und schrecklichsten Haarspaltereien steckten, dass ihnen die einfachsten Gedanken nicht kommen konnten. Desto besser glaubten sie dem Teufel auf seine Schliche gekommen zu sein. Wenn z.B. eine Angeklagte beharrlich schwieg, weil sie wusste, dass jedes Wort, auch das unschuldigste, sie nur tiefer ins Unglück hineinreißen würde, so hieß das bei den Rechtsgelehrten eine »Teufelsmaulsperre«, womit sie sagen wollten, der böse Geist verhexe die Beschuldigte, dass sie nicht sprechen könne. Ebenso viel taugten die sogenannten Hexenproben, mit denen man sich manchmal das Verfahren abkürzen wollte. Da gab es z.B. die Tränenprobe. Wenn jemand auf der Folter vor Schmerzen nicht weinte, so sah man es für bewiesen an, dass der Teufel ihm beistehe, und wieder mussten 200 Jahre ins Land gehen, bis die Ärzte die einfache Beobachtung machten oder auszusprechen wagten, dass der Mensch bei sehr heftigen Schmerzen nicht weint.

Der Kampf gegen die Hexenverfolgung 

Der Kampf gegen die Hexenprozesse ist einer der größten Befreiungskämpfe der Menschheit gewesen. Er hat im 17. Jahrhundert begonnen und 100 Jahre, in manchen Ländern noch länger, gebraucht, um zu siegen. Er begann, wie solche Dinge sehr oft beginnen, nicht mit einer Erkenntnis, sondern aus Not. Einzelne Fürsten sahen im Laufe weniger Jahre ihre Länder veröden, auf der Folter beschuldigte immer einer den anderen. Ein einziger Prozess konnte Hunderte im Gefolge haben, die sich jahrelang ablösten. Da begannen einzelne Fürsten, diese Prozesse ganz einfach zu verbieten. Und nun wagten die Menschen allmählich nachzudenken. Die Geistlichen und Philosophen entdeckten, dass der Glaube an Hexen in der alten Kirche gar nicht bestanden habe, dass Gott dem Teufel niemals so große Macht über den Menschen einräumen könne. Die Rechtsgelehrten kamen dahinter, dass man nicht länger, wie bisher, auf Verleumdungen, auf Geständnisse, die auf der Folter erzwungen waren, sich verlassen könne. Die Ärzte meldeten sich, um zu sagen, dass es Krankheiten gäbe, infolge deren die Menschen sich für Zauberer oder Hexen selbst halten könnten, ohne es doch zu sein. Und schließlich machte sich der gesunde Menschenverstand bemerkbar und wies auf die zahllosen Widersprüche in den Akten der einzelnen Hexenprozesse und im Glauben an Hexen selbst hin. Von all den vielen Büchern, die in dieser Zeit gegen die Hexenprozesse geschrieben wurden, ist aber nur eines berühmt geworden. Es ist das des Jesuiten Friedrich von Spee. Dieser Mann war in jungen Jahren Beichtvater der zum Tode verurteilten Hexen gewesen. Als ihn eines Tages ein Freund fragte, warum er so zeitig schon graue Haare habe, da sagte er: »Weil ich so viele Unschuldige habe zum Scheiterhaufen begleiten müssen.« Sein Buch »Die Warnungsschrift über die Hexenprozesse« ist gar nicht besonders umstürzlerisch. Friedrich von Spee glaubt sogar, dass es Hexen gibt. Aber woran er ganz und gar nicht glaubt, das sind die schrecklichen gelehrten, ausgetüftelten Hirngespinste, mit denen jahrhundertelang jeder beliebige Mensch als Hexe oder Zauberer konnte dargestellt werden. Dem grässlichen lateinisch-deutschen Kauderwelsch von Tausenden und Zehntausenden von Akten tritt er mit einem Werk gegenüber, in dem überall Zorn und Ergriffenheit durchbricht, und mit diesem Werke und seiner Wirkung bewies er, wie nötig es ist, Menschlichkeit über Gelehrsamkeit und Scharfsinn zu stellen.

 

Quelle: Walter Benjamin, Rundfunkarbeiten (Hexenprozesse)

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Die Wallfahrer (13 min)

Die Wallfahrer (13 min)

Die Wallfahrer

Lesezeit: 13 min

Zwei alte Bauern pilgern nach Jerusalem, um für Ihre Sünden Abbitte zu leisten…

 I

Die beiden Alten waren schon fünf Wochen auf der Wanderschaft; die von Hause mitgenommenen Bastschuhe hatten sie abgetragen und sich neue kaufen müssen. Und sie kamen in eine Gegend, wo Kleinrussen wohnten und die von einer Missernte heimgesucht war. 

Es war bereits recht heiß geworden. Jelissej war erschöpft; er wollte wieder ausruhen und ein wenig Wasser trinken; Jefim wollte sich aber nicht aufhalten. Er war im Gehen rüstiger, und Jelissej fiel es oft schwer, mit ihm immer gleichen Schritt zu halten.

»Wenn ich nur einen Schluck Wasser trinken könnte!« sagte Jelissej.

»Nun, trinke doch! Ich mag nicht.«

Jelissej blieb stehen.

»Warte nicht auf mich!« sagte er. »Ich will nur rasch in jenes Haus laufen und um Wasser bitten. Dann hole ich dich schnell ein.«

»Es ist gut«, sagte darauf Jefim.

Jefim Tarassytsch ging allein weiter, und Jelissej ging auf das Bauernhaus zu.

Jelissej stand vor dem Hause. Es war eine kleine Lehmhütte, unten schwarz und oben weiß; der Lehm war abgebröckelt und offenbar seit langer Zeit nicht mehr gestrichen; auch das Dach war beschädigt. Der Eingang war von der Hofseite. Jelissej trat in den Hof und sah dort neben einer Bank einen bartlosen, mageren Mann liegen; das Hemd steckte nach Kleinrussenart in der Hose. Der Mann hatte sich wohl in den Schatten gelegt, doch die Sonne war inzwischen höher gekommen und brannte ihm jetzt auf den Kopf. Er lag unbeweglich mit offenen Augen da. Jelissej rief ihn an und bat ihn um Wasser, doch der Mann gab keine Antwort. Entweder ist er krank oder unfreundlich, dachte Jelissej und ging zur Türe. Er hörte in der Stube zwei Kinder weinen. Er klopfte und rief:

»Wirtsleute!«

Niemand antwortete ihm. Er klopfte mit dem Stock und rief wieder.

Keine Antwort. Jelissej wollte schon weitergehen, hörte aber jemand hinter der Türe stöhnen. Ob da nicht irgendein Unglück geschehen ist? Man muss nachschauen! Und Jelissej trat ins Haus.

II

Jelissej drückte auf die Klinke – die Türe war nicht versperrt. Er machte sie auf und kam in den Flur. Auch die Türe zur Stube stand offen. Links war der Ofen; gerade vor ihm die Wand mit den Heiligenbildern und ein Tisch; hinter dem Tisch eine Bank; auf der Bank saß eine alte Frau ohne Kopftuch, nur mit einem Hemde bekleidet; sie hatte den Kopf auf den Tisch gelegt; neben ihr stand ein magerer Junge – wie aus Wachs, der Leib aufgedunsen: er weinte, zupfte die Alte am Ärmel und schien sie um etwas zu bitten. Jelissej kam näher. Die Luft in der Stube war schlecht und dumpf. Er sah auf der Pritsche hinter dem Ofen ein Weib liegen. Sie lag auf dem Rücken, mit geschlossenen Augen, röchelte und zuckte mit einem Beine. Sie wand sich in Krämpfen, und der üble Geruch schien von ihr auszugehen; sie lag in ihrem eigenen Unrat, und es war niemand da, der sie umbetten könnte. Die Alte hob den Kopf und erblickte den fremden Mann.

»Was willst du? Wir können dir nichts geben, denn wir haben selbst nichts.«

Obwohl sie kleinrussisch sprach, konnte sie Jelissej doch verstehen. Er ging auf sie zu und sagte:

»Ich will nur um Wasser bitten, Magd Gottes.«

»Niemand kann dir hier Wasser geben. Bei uns ist nichts zu holen. Geh weiter!«

Jelissej fragte:

»Ist denn niemand da, der die kranke Frau umbetten könnte?«

»Niemand. Der Bauer stirbt auf dem Hofe und wir hier.«

Als der Knabe den Fremden sah, hörte er zu weinen auf. Als aber die Alte zu sprechen begann, zupfte er sie wieder am Ärmel, weinte und bat:

»Brot, Großmutter, gib Brot!«

Jelissej wollte die Alte weiter ausforschen, in diesem Augenblicke kam aber der Bauer, wankend wie ein Betrunkener, in die Stube. Er tastete sich an der Wand entlang und wollte sich auf die Bank setzen; er setzte sich daneben und fiel zu Boden. Er versuchte gar nicht aufzustehen und begann zu sprechen: er sprach abgerissen und holte nach jedem Worte Atem.

»Die Krankheit hat uns befallen, und hungrig sind wir auch. Das Kind da stirbt vor Hunger.«

Der Bauer zeigte mit einer schwachen Kopfbewegung auf den Knaben und weinte.

Jelissej schüttelte den Sack auf seinem Rücken, befreite die Arme aus den Riemen, warf den Sack zu Boden, hob ihn dann auf die Bank und begann ihn aufzubinden. Er holte ein Brot und ein Messer hervor, schnitt ein Stück ab und reichte es dem Bauern. Der Bauer nahm es nicht, sondern zeigte auf den Knaben und ein Mädchen, das hinter dem Ofen stand, damit er es ihnen gäbe. Jelissej gab das Stück dem Knaben. Als der Knabe das Brot sah, griff er mit beiden Händchen zu, steckte das ganze Gesicht ins Brot und begann gierig zu essen. Hinter dem Ofen kam das Mädchen hervor und starrte unverwandt auf das Brot. Jelissej gab auch ihr. Er schnitt noch eine Scheibe ab und gab sie der Alten. Auch die Alte begann zu kauen.

»Wenn wir auch noch einen Schluck Wasser haben könnten!« sagte sie. »Uns allen ist der Mund eingetrocknet. Ich wollte gestern oder heute – ich weiß es nicht mehr genau – Wasser holen. Es gelang mir wohl, den Eimer aus dem Brunnen herauszuziehen, ich konnte ihn aber nicht ins Haus tragen. Ich schüttete alles aus und fiel auch selbst hin. Mit großer Mühe schleppte ich mich ins Haus. Der Eimer liegt wohl auch jetzt noch an jener Stelle, wenn ihn nicht jemand fortgetragen hat.«

Jelissej fragte, wo der Brunnen sei, und die Alte erklärte es ihm. Er ging hin, fand den Eimer, brachte Wasser und gab den Leuten zu trinken. Die Kinder aßen noch etwas Brot und tranken dazu Wasser; auch die Alte aß, doch der Bauer wollte nicht essen. Er sagte: »Es ekelt mich vor dem Essen.« – Die Kranke lag noch immer bewusstlos auf ihrem Lager und warf sich hin und her. Jelissej ging ins Dorf zum Krämer und kaufte Hirse, Salz, Mehl und Butter; dann suchte er das Beil auf, hackte Holz und machte Feuer. Das Mädchen half ihm dabei. Er kochte Suppe und Brei und gab den Leuten zu essen.

III

Der Bauer aß jetzt auch mit; die Alte aß, die Kinder leckten die ganze Schüssel aus und legten sich umschlungen schlafen.

Der Bauer und die Alte erzählten nun Jelissej, wie sie in diese Lage geraten waren.

»Wir lebten auch bis dahin dürftig. Als aber die Missernte kam, verzehrten wir noch im Herbste alles, was wir hatten. Und als wir nichts mehr hatten, baten wir die Nachbarn und Wohltäter um Hilfe. Anfangs gab man uns noch, dann hörte es aber auf. Viele, die uns gerne etwas gegeben hätten, hatten selbst nichts. Auch schämten wir uns, bei den Leuten zu bitten: wir schuldeten überall Geld, Mehl und Brot.«

Der Bauer erzählte: »Ich suchte Arbeit, fand aber keine. Im Frühjahr gab uns kein Mensch mehr Almosen. Auch befiel uns noch die Krankheit. «

»Nun musste ich alles allein machen,« sagte die Alte. »Ich hielt es aber nicht lange aus, denn vor Hunger verlor ich die letzten Kräfte. «

Als Jelissej das hörte, entschloss er sich, bei den Leuten über Nacht zu bleiben und den Genossen erst am nächsten Tage einzuholen. Am nächsten Morgen machte er sich an die Arbeit, als ob er selbst Herr im Hause wäre. Er half der Alten Brotteig bereiten, heizte den Herd und ging mit dem Mädchen zu den Nachbarn, um sich das Notwendigste zu verschaffen. Die Leute hatten ihren ganzen Besitz, wie die Wirtschaftsgeräte so auch die Kleider, verkauft und verzehrt; sie hatten nichts im Hause. Jelissej schaffte nun die nötigsten Sachen an; manches machte er mit eigenen Händen, und manches kaufte er. So verging ein Tag und der andere; drei Tage war Jelissej bei den Leuten. Der Knabe hatte sich etwas erholt und begann auf der Bank umherzukriechen und sich an Jelissej zu schmeicheln. Das Mädchen war ganz lustig geworden und half ihm in allen Arbeiten. Sie folgte Jelissej auf Schritt und Tritt und redete ihn mit »Großväterchen« an. Als die Alte sich wieder bewegen konnte, ging sie zur Nachbarin. Der Bauer ging in der Stube umher, musste sich aber noch immer an den Wänden entlang tasten. Nur die kranke Frau blieb noch liegen; am dritten Tage kam sie aber zu sich und verlangte zu essen. Als die Leute so weit waren, sagte sich Jelissej: »Ich habe wirklich nicht geglaubt, dass ich mich hier so lange aufhalten würde; nun ist’s Zeit, dass ich weitergehe.«

IV

Doch als er am vierten Tage aufbrechen wollte, überlegte er sich: »Die Petrifasten gehen zu Ende; nun will ich mit den Leuten das Fastenende feiern, ihnen etwas zum Feste kaufen und am Abend weitergehen.« Jelissej ging wieder zum Krämer und kaufte Weizenmehl, Milch und Speck. Er half der Alten backen und kochen; am nächsten Morgen ging er zur Messe, kam aus der Kirche heim und aß mit den Leuten die für das Fest bereiteten Speisen. An diesem Tage stand auch die kranke Frau auf und begann umherzugehen. Der Bauer rasierte sich, zog sich ein sauberes Hemd an – die Alte hatte es ihm gewaschen – und ging ins Dorf zum reichen Bauern, um sein Herz zu erweichen: er hatte diesem Bauern seinen Heuschlag und Ackergrund verpfändet, nun ging er ihn bitten, ob er ihm nicht beides bis zur neuen Ernte zurückgeben würde. Am Abend kam er niedergeschlagen zurück und begann zu weinen. Der Reiche hatte ihm die Gefälligkeit nicht erweisen wollen und hatte gesagt: Bringe erst das Geld, dann kannst du alles haben.

Jelissej wurde wieder nachdenklich und sagte sich: »Wie sollen nun die Leute weiterleben? Wenn alle anderen zum Heuen gehen, müssen sie zu Hause bleiben, denn ihr Heuschlag ist verpfändet. Wenn das Korn reif wird und die Leute es schneiden werden – das Korn ist ja heuer so gut gediehen! – können sie nicht mit, denn auch ihr Acker ist dem reichen Bauern verpfändet. Wenn ich sie jetzt verlasse, werden sie wieder herunterkommen.« – Jelissej änderte wieder seinen Entschluß; er ging nicht am Abend, sondern blieb noch bis zum nächsten Morgen. Die letzte Nacht verbrachte er auf dem Hofe. Er sprach sein Nachtgebet, legte sich nieder, konnte aber nicht einschlafen. Er musste doch endlich fort, denn er hatte schon viel Zeit verloren und viel Geld vertan; doch taten ihm auch die Leute leid. »Alle Armen kann man doch wirklich nicht versorgen!« sagte er sich. »Ich wollte ihnen anfangs nur Wasser bringen und etwas Brot geben; nun kostet mich die Sache viel mehr. Jetzt bin ich so weit, dass ich ihnen ihren Heuschlag und Acker auslösen muss. Und ist das geschehen, muss ich auch den Kindern eine Milchkuh und dem Bauern einen Arbeitsgaul kaufen. Du hast dich zu sehr verwickelt, lieber Jelissej Kusmitsch! Nun hast du jeden Halt verloren und treibst wie ein Schiff ohne Anker.«

Er musste fort, doch auch die Leute taten ihm leid. Und er wusste nicht, was er anfangen sollte. Er versuchte einzuschlafen. Als die ersten Hähne krähten, kam ihm der Schlaf. Er sah sich selbst ganz reisefertig mit dem Sack auf dem Rücken und dem Stock in der Hand vor dem Tore stehen.  Als er gerade gehen wollte, hielt das kleine Mädchen ihn fest und rief: »Großväterchen, Großväterchen, gib Brot!« Am Fuße hielt ihn aber der Knabe fest, und aus dem Hause blickten die Alte und der Bauer heraus.

Als Jelissej erwachte, sagte er laut zu sich selbst: »Ich werde morgen den Heuschlag und den Acker auslösen und den Leuten ein Pferd und eine Kuh kaufen. Wenn ich übers Meer gehe, um den Heiland zu suchen, kann ich ihn leicht in mir selbst verlieren. Es ist wohl besser, wenn ich die Leute versorge.«

Jelissej schlief wieder ein. Als er frühmorgens erwachte, ging er sofort zu dem reichen Bauern, gab ihm Geld und löste Heuschlag und Acker aus. Dann kaufte er eine Sense – denn die Leute besaßen nicht einmal eine Sense – und brachte sie heim. Er schickte den Bauern mit der Sense zum Heuen und ging wieder ins Dorf. Beim Schenkwirt stand gerade ein Pferd mit Wagen zum Verkauf. Er machte mit dem Wirt den Preis aus und ging weiter, um auch noch eine Kuh zu kaufen. Unterwegs holte er zwei Dorfweiber ein. Und Jelissej hörte, dass sie über ihn sprachen. Eine der Bäuerinnen erzählte:

»Anfangs wussten sie gar nicht, was für ein Mensch er ist; sie glaubten, er sei ein gewöhnlicher Pilger. Wie sie sagen, war er zu ihnen gekommen, um einen Schluck Wasser zu trinken; ist aber dann bei ihnen wohnen geblieben. Sie sagen, er hätte ihnen alles gekauft. Gibt es doch noch solche Menschen auf der Welt! Ich will hingehen und ihn mir anschauen.«

Als Jelissej hörte, dass sie ihn lobten, gab er die Absicht, auch eine Kuh zu kaufen, auf. Er kehrte zu dem Schenkwirt zurück, bezahlte den ausbedungenen Preis, spannte das Pferd vor den Wagen und fuhr zu seinen Leuten. Als sie das Pferd sahen, wunderten sie sich. Sie ahnten, daß er das Pferd für sie gekauft hatte, wagten es aber nicht auszusprechen. Der Bauer kam aus dem Hause, um das Tor aufzumachen.

»Woher hast du das Pferd, Großvater?« fragte er.

»Ich hab’s gekauft,« erwiderte Jelissej. »Der Preis war billig. Mähe mir etwas Gras, damit das Pferd zur Nacht Futter hat.«

Als alle schliefen, stand er auf, band den Sack um, zog Schuhe und Kaftan an und machte sich auf den Weg, Jefim einzuholen.

V

Als Jelissej etwa fünf Werst gegangen war, begann es zu tagen. Er setzte sich unter einen Baum, band den Sack auf und zählte sein Geld nach. Er hatte nur noch siebzehn Rubel und zwanzig Kopeken. Er dachte sich: »Mit diesem Gelde kann man nicht übers Meer kommen. Und wenn ich mir unterwegs das Geld dazu in Christi Namen zusammenbettele, kann es leicht eine große Sünde werden. Gevatter Jefim wird auch ohne mich hinkommen und für mich eine Kerze anzünden. Ich werde meine Schuld wohl bis zum Tode nicht abtragen. Es ist ein Glück, dass der Gläubiger gütig ist und mich nicht drängt.«

Jelissej stand auf, nahm den Sack auf den Rücken und ging zurück. Er machte einen Bogen ums Dorf, in dem er die letzten Tage verbracht hatte, damit ihn die Leute nicht erblickten. Bald war er zu Hause. Auf dem Hinwege war ihm das Gehen sehr schwer gefallen, und er hatte oft Mühe gehabt, mit Jefim gleichen Schritt zu halten; auf dem Rückwege gab ihm aber Gott solche Kraft, dass er nichts von Müdigkeit spürte. Das Gehen war ihm jetzt wie ein Kinderspiel; er schwenkte vor Lustigkeit seinen Wanderstab und legte oft siebzig Werst an einem Tage zurück.

Als Jelissej zu Hause anlangte, war die Ernte bereits eingebracht. Die Seinigen freuten sich über die Rückkehr des Vaters. Man begann ihn auszufragen, warum er den Gefährten verlassen habe, warum er nach Hause zurückgekehrt sei, ohne das Ziel der Wallfahrt erreicht zu haben. Jelissej verschwieg seine Erlebnisse. Er sagte nur:

»Gott hat es eben anders gewollt. Ich habe unterwegs mein Geld verloren, und der Gefährte ist allein weitergegangen. So bin ich umgekehrt. Verzeiht mir um Christi willen!«

Er gab seiner Alten den Rest des Geldes zurück und fragte sie nach den häuslichen Angelegenheiten: alles war in Ordnung, die Wirtschaft war aufs beste besorgt, und sie lebten alle in Frieden und Eintracht.

Jefims Angehörige erfuhren noch am gleichen Tage von Jelissejs Heimkehr; sie kamen zu ihm, um sich nach ihrem Alten zu erkundigen.

»Euer Alter ist gesund und rüstig weitergegangen. Wir trennten uns drei Tage vor Peter und Paul; ich wollte ihn anfangs einholen, aber ich hatte das Unglück, mein ganzes Geld zu verlieren, so dass ich nichts hatte, um weiterzugehen. Daher bin ich umgekehrt.«

Die Leute wunderten sich: ein so kluger Mann hatte sich so dumm angestellt! Er war fortgegangen und nicht ans Ziel gekommen, hatte nur sein Geld verloren. Sie wunderten sich darüber und vergaßen es mit der Zeit. Auch Jelissej vergaß es. 

VI

Als Jelissej bei den Kranken zurückgeblieben war, hatte Jefim auf ihn den ganzen Tag gewartet. Er ging nur eine kurze Strecke weiter und setzte sich am Straßenrande nieder; er wartete und wartete, schlief ein, wachte auf, saß noch eine Weile – doch der Gefährte war noch immer nicht da. Er guckte sich die Augen nach ihm aus. Die Sonne ging unter – Jelissej war noch immer nicht da.

Jefim dachte sich: »Ist er vielleicht an mir vorbeigegangen oder vorbeigefahren (wenn ihn jemand aus Gefälligkeit auf den Wagen genommen hat), während ich schlief, und hat mich nicht bemerkt? Er hätte mich aber doch sehen müssen! In der Steppe sieht man weit. Wenn ich jetzt zurückgehe, kann er inzwischen noch weiter vorwärtskommen. Und wenn wir uns verfehlen, ist es noch schlimmer. Ich will lieber weitergehen und in dem nächsten Nachtquartier auf ihn warten.«

Unterwegs schloss sich ihm ein Pilger an. Der Pilger trug Käppchen und Kutte und hatte langes Haar, wie ein Geistlicher. Wie er behauptete, war er auf dem heiligen Berge Athos gewesen und pilgerte schon zum zweiten Male nach Jerusalem. Sie trafen sich in einer Herberge, kamen ins Gespräch und gingen zusammen weiter.

Frisch und wohlgemut kamen sie nach Odessa. Hier mussten sie drei Tage auf den Abgang des Schiffes warten. Mit ihnen warteten noch viele andere Pilger, die aus den verschiedensten Gegenden zusammengekommen waren. Jefim erkundigte sich bei jedem nach Jelissej, doch niemand hatte ihn gesehen.

Der Pilger belehrte Jefim, wie man die Seereise ohne Bezahlung machen könne. Jefim wollte aber auf ihn nicht hören und sagte:

»Ich will lieber für die Überfahrt ehrlich bezahlen; dazu habe ich ja auch das Geld gespart.«

Er bezahlte vierzig Rubel für die Fahrt hin und zurück und kaufte sich Brot und Heringe für die Reise. Als das Schiff beladen war, brachte man auch die Pilger an Bord. Auch Jefim und sein neuer Begleiter schifften sich ein. Man lichtete die Anker und das Schiff fuhr ins offene Meer. Am ersten Tage ging die Reise sehr gut; gegen Abend erhob sich aber ein Wind, es begann zu regnen, das Schiff schaukelte hin und her, und manche Welle schlug über Bord. Das Volk wurde unruhig, die Weiber heulten, und auch manche Männer, die nicht sehr tapfer waren, liefen erschrocken auf dem Schiffe hin und her und suchten sich in Sicherheit zu bringen. Auch Jefim war erschrocken, wollte es aber nicht zeigen: er saß die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag auf der gleichen Stelle, wo er sich gleich beim Betreten des Schiffes hingesetzt hatte. Neben ihm saßen mehrere alte Männer aus der Gegend von Tambow. Er hielt sein Gepäck fest in den Händen und sprach kein Wort.

Nach drei Tagen kamen aber alle wohlbehalten ans Land. Man ging zu Fuß weiter und erreichte am vierten Tage Jerusalem. Dann begab sich Jefim, vom Pilger geführt, zu den heiligen Stätten. Der Pilger zeigte Jefim alle heiligen Stätten und sagte ihm überall, wie viel Geld er opfern und wie viel Kerzen er aufstellen sollte. Als sie ins Hospiz zurückgekehrt waren und sich zur Ruhe begaben, begann der Pilger plötzlich zu ächzen und alle seine Kleider zu durchsuchen. Er jammerte:

»Man hat mir mein Portemonnaie gestohlen. Dreiundzwanzig Rubel waren darin: zwei Zehnrubelscheine und drei Rubel in Kleingeld.«

Der Pilger jammerte noch lange. Es war ihm aber nicht zu helfen, und alle legten sich schlafen.

VII

Auch Jefim legte sich schlafen. Ihn überkamen aber sündige Gedanken. Er sagte sich: »Man hat dem Pilger nichts gestohlen. Er hat wohl gar kein Geld gehabt. Denn nirgends hat er gezahlt. Mich hat er überall zahlen lassen, selbst hat er keinen Heller ausgelegt und hat von mir sogar einen Rubel geliehen.«

Und wie er so denkt, beginnt er sich Vorwürfe zu machen: »Was soll ich den Menschen verdächtigen? Es ist eine große Sünde. Ich will lieber gar nicht daran denken.«

Er muss aber immer wieder denken, wie der Pilger auf sein Geld schielte und wie unwahrscheinlich es klang, als er erzählte, man hätte ihm sein Portemonnaie gestohlen. Und er sagt sich wieder: »Er hat sicher kein Geld gehabt. Es ist Schwindel.«

Am nächsten Morgen gingen sie in die große Auferstehungskirche, zur Frühmesse am Heiligen Grabe. Der Pilger schloss sich gleich wieder Jefim an.

Sie kamen zum Tempel. Draußen stand eine große Menge von Pilgern. Jefim ging, von der Menge geschoben, durch die Heilige Pforte an der türkischen Wache vorbei zu jener Stelle, wo Christus vom Kreuze genommen und gesalbt wurde; neun große Leuchter mit brennenden Kerzen stehen an dieser Stelle. Jefim opferte eine Kerze. Der Pilger führte ihn dann rechts die Stufen hinauf nach Golgatha zu jener Stelle, wo das Kreuz gestanden, und Jefim verrichtete hier ein Gebet; dann zeigte man ihm die Spalte, wo die Erde sich bis zur Unterwelt aufgetan hatte, und die Stätte, wo man Christus ans Kreuz geschlagen. Man wollte ihm noch etwas zeigen, doch das Volk eilte zur Grabkapelle, wo eben eine andersgläubige Messe zu Ende war und die rechtgläubige begann. Auch Jefim kam mit dem Volke in die Grabkapelle. Er wollte gerne den Pilger loswerden, denn die sündhaften Gedanken verfolgten ihn noch immer; der Pilger folgte ihm aber auf Schritt und Tritt und stand nun auch in der Grabkapelle an seiner Seite. Sie wollten sich vordrängen, es gelang ihnen aber nicht mehr: das Gedränge war so groß, dass sie weder vorwärts noch rückwärts konnten. Und wie Jefim so steht, nach vorne schaut und betet, tastet er jeden Augenblick nach seinem Geldbeutel. Er denkt zweierlei: erstens denkt er, dass der Pilger ihn betrogen hat; wenn der Pilger aber nicht lügt und die Sache mit dem Portemonnaie stimmt, könnte es auch ihm so gehen.

VIII

Jefim steht mitten im Gedränge, betet und blickt nach vorne in die Kapelle, wo das Heilige Grab ist und über dem Grabe sechsunddreißig Lampen brennen. Jefim steht so da, blickt über die Köpfe hinweg, und welch ein Wunder! Vor allen Pilgern, gerade unter den Lampen, steht ein kleiner alter Mann in einem Kaftan aus grobem Tuch; seine große Glatze leuchtet über den ganzen Kopf, ganz wie bei Jelissej Bodrow. »Er sieht wirklich ganz wie Jelissej aus,« denkt er sich. »Jelissej aber kann es nicht sein. Er kann unmöglich vor mir nach Jerusalem gekommen sein. Das letzte Schiff war von Odessa acht Tage vor dem unsrigen abgegangen. Mit diesem Schiffe kann er unmöglich gekommen sein. Auf unserem Schiffe war er aber sicher nicht gewesen. Ich habe ja alle Pilger gesehen.«

Kaum hatte sich Jefim dies gesagt, als das Männchen zu beten begann. Es verneigte sich dreimal: einmal nach vorne vor dem Herrn und dann nach rechts und nach links vor der rechtgläubigen Christenheit. Und als es den Kopf nach rechts wendete, erblickte Jefim wirklich seinen Freund Jelissej Bodrow. Er erkannte seinen schwärzlichen, krausen Bart, der an den Wangen leicht ergraut war, seine Augenbrauen, Augen und Nase und das ganze Gesicht – es war leibhaftig Jelissej Bodrow.

Jefim freute sich, dass er seinen Gefährten wiedergefunden hatte, und wunderte sich zugleich, dass Jelissej vor ihm angelangt war.

»Ei, Bodrow, wie er nur so ganz nach vorne geraten ist!« denkt er sich. »Er hat sich wohl irgendeinem geschickten Menschen angeschlossen, der ihn nach vorne geführt hat. Am Ausgange will ich ihn treffen. Meinen Pilger mit dem Käppchen lasse ich laufen und schließe mich an Jelissej an. Er wird mich sicher besser führen.«

Jefim paßte also auf, um Jelissej nicht aus den Augen zu verlieren. Die Messe war zu Ende, das Volk drängte sich vor, um das Heiligtum zu küssen, und Jefim wurde dabei zur Seite geschoben. Wieder überkam ihn die Angst um seinen Geldbeutel. Jefim hielt die Hand immer auf dem Beutel und gab sich Mühe, aus dem Gedränge ins Freie zu kommen. Er kam ins Freie, ging überall umher und suchte Jelissej; er fand ihn aber nicht. Nach der Messe besuchte Jefim alle Hospize, konnte ihn aber nirgends finden. An diesem Abend kam auch der Pilger nicht mehr heim. Er war verschwunden und hatte auch den geliehenen Rubel nicht zurückgegeben. Jefim blieb allein.

Jefim verbrachte sechs Wochen in Jerusalem und besuchte alle heiligen Stätten: Bethlehem, Bethanien und den Jordan; am Grabe Christi ließ er sich ein Siegel auf ein neues Hemd, in dem man ihn dereinst begraben sollte, aufdrücken. Er nahm auch ein Fläschchen Jordanwasser mit, auch Erde und Kerzen von den heiligen Stätten, gab sein ganzes Geld aus und behielt sich nur so viel, wie die Heimreise kostete. Und Jefim trat seinen Rückweg an. Er ging nach Jaffa, fuhr zu Schiff nach Odessa und ging von dort zu Fuß nach Hause.

IX

Jefim ging den gleichen Weg wie auf der Hinreise. Und wie er sich der Heimat näherte, befiel ihn die Sorge, wie die Seinigen wohl ohne ihn leben mochten. »In einem Jahre«, denkt er sich, »fließt viel Wasser. Sein ganzes Leben lang richtet man sich sein Hauswesen ein, und nichts ist leichter, als es in einem Jahre zugrunde zu richten. Wie mag wohl der Sohn gewirtschaftet haben? Wie war das Frühjahr ausgefallen, wie hat das Vieh den Winter überstanden, wie ist das neue Haus geraten?« Jefim kam in die Gegend, wo er im vorigen Jahre Jelissej aus den Augen verloren hatte. Die Leute konnte man gar nicht wiedererkennen. Wer im vorigen Jahre hungerte, lebte jetzt ohne Sorgen. Die Ernte war gut geraten, die Leute waren wieder auf die Beine gekommen und schienen das frühere Unglück vergessen zu haben. Gegen Abend erreichte Jefim das nämliche Dorf, wo er sich von Jelissej getrennt hatte. Kaum war er im Dorfe, als aus einem Hause ein Mädchen im weißen Hemd herauslief und ihm zurief:

»Großvater, Großvater, kehre doch bei uns ein!«

Jefim wollte weitergehen, doch das Mädchen ergriff ihn an den Schößen des Kaftans und zog ihn lachend zum Hause.

An der Haustüre erschien eine Frau mit einem Knaben; sie winkten ihm und luden ihn ein:

»Kehre bei uns ein, Großvater! Du kannst mit uns zu Abend essen und bei uns übernachten.«

Jefim kehrte ein. Er wollte bei dieser Gelegenheit sich nach Jelissej erkundigen: es war dasselbe Haus, in das er ging, um zu trinken. Jefim trat in die Stube, die Frau half ihm den Sack vom Rücken nehmen, brachte ihm Wasser zum Waschen und wies ihm einen Platz am Tische an. Sie brachte Milch herbei, Kuchen und Grütze und setzte alles auf den Tisch. Jefim bedankte sich und lobte die Leute, dass sie so gastfreundlich die Pilger empfingen.

Die Frau schüttelte den Kopf und sagte:

»Wir müssen wohl freundlich zu jedem Pilger sein. Denn ein Pilger hat uns den Weg zum Leben gezeigt. Wir lebten in Sünden, und Gott hat uns dafür so gestraft, dass wir nur noch auf den Tod warteten. Im vorigen Sommer lagen wir alle krank vor Hunger. Es wäre um uns geschehen gewesen, aber Gott schickte uns einen alten Mann, wie du. Eines Tages kam er zu uns, nur um zu trinken; als er uns aber sah, erbarmte er sich unser und blieb bei uns. Er gab uns zu trinken und zu essen, brachte unser Hauswesen instand, löste das verpfändete Land aus, kaufte Pferd und Wagen und ließ sie uns zurück.«

In die Stube kam eine Alte und unterbrach die Frau:

»Wir wissen selber nicht, ob es ein Mensch oder ein Engel Gottes war. Alle liebte er, alle bemitleidete er. Und er ging fort, ohne uns etwas davon zu sagen. Wir wissen nicht, für wen wir zu Gott beten sollen. Ich sehe es noch so deutlich vor mir: ich liege da, warte auf den Tod, und plötzlich kommt ein einfacher alter Mann mit einer Glatze herein und bittet um einen Trunk. Ich Sünderin dachte mir noch: was treiben sich die Leute herum? – Was tat aber er? – Als er uns sah, nahm er gleich den Sack ab, setzte ihn hier an dieser Stelle hin, band ihn auf . . .«

Das Mädchen unterbrach die Alte:

»Nein, Großmutter, er hat den Sack erst mitten in der Stube hingesetzt und dann auf die Bank gehoben.«

Und sie begannen zu streiten und gedachten aller seiner Handlungen und Worte: wo er geschlafen, was er getan, wie und zu wem er gesprochen.

Zur Nacht kam auch der Bauer mit dem Pferde heim. Auch er erzählte von Jelissej und wie er bei ihnen gewohnt hatte.

»Wäre er nicht zu uns gekommen,« sagte er, »so würden wir wohl alle in unseren Sünden gestorben sein. Wir waren verzweifelt und sahen den Tod vor Augen, murrten auf Gott und die Menschen. Er hat uns aber wieder auf die Beine geholfen, und durch ihn haben wir Gott erkannt und den Glauben an gute Menschen gewonnen. Möge ihm Christus seine Gnade erweisen! Früher lebten wir dahin wie das liebe Vieh, und er hat uns zu Menschen gemacht.«

Die Leute gaben Jefim zu essen und zu trinken, wiesen ihm ein Nachtlager an und legten sich auch selbst schlafen.

Wie Jefim so liegt, muss er immer an Jelissej denken, den er zu Jerusalem dreimal am Heiligen Grabe gesehen hat.

»In diesem Hause,« denkt er sich, »hat er mich überholt. Ob mein Opfer im Himmel angenommen ist oder nicht, weiß ich nicht; doch sein Opfer hat der Herr sicher angenommen.«

Am Morgen verabschiedete sich Jefim von den Leuten. Sie gaben ihm Kuchen auf die Reise und gingen an ihre Arbeit. Und Jefim brach auf und setzte seinen Weg fort.

X

Jefim war genau ein Jahr ausgeblieben. Als er nach Hause kam, war wieder Frühjahr.

Er erreichte sein Haus gegen Abend. Der Sohn war nicht zu Hause: er saß in der Schenke. Als er später angeheitert nach Hause kam, begann ihn Jefim auszufragen. Jefim merkte sofort, daß der Sohn übel gewirtschaftet hatte: das Geld hatte er vertan und alle Geschäfte vernachlässigt. Der Vater machte ihm Vorwürfe, und der Sohn wurde grob.

»Du hättest doch selbst«, sagte der Sohn, »alles machen sollen. Du bist aber auf die Reise gegangen und hast das ganze Geld mitgenommen. Und jetzt willst du noch von mir Rechenschaft darüber!«

Der Alte geriet in Zorn und verprügelte den Sohn.

Am nächsten Morgen begab sich Jefim Tarassytsch zum Schulzen, um seinen Paß abzuliefern. Wie er an Jelissejs Haus vorbeigeht, sieht er Jelissejs Alte vor dem Hause stehen. Sie begrüßte ihn:

»Gott zum Gruß, Gevatter! Bist du glücklich zurückgekehrt?«

Jefim Tarassytsch blieb stehen und antwortete:

»Meine Reise ist, Gott sei Dank, glücklich gewesen, habe aber unterwegs deinen Alten verloren. Nun höre ich, daß er allein nach Hause zurückgekehrt ist.«

Die Alte war sehr gesprächig, und sie begann zu erzählen:

»Längst ist er zurückgekehrt, Wohltäter. Es wird wohl bald nach Mariä Himmelfahrt gewesen sein. Wir freuten uns sehr, als Gott ihn wieder heimbrachte. Wenn er nicht zu Hause ist, Freundchen, freut uns das Leben nicht, denn wir lieben ihn und hängen an ihm.«

»Nun, ist er jetzt zu Hause?«

»Zu Hause, Freund, er ist im Bienengarten, er schart die Schwärme zusammen. Der Schwarm ist heuer gut, sagt er. Gott hat heuer den Bienen solche Kraft gegeben, wie es der Alte noch nie gesehen hat. Gott hat wohl gar nicht an unsere Sünden gedacht, als er uns solche Gnade erwies, sagt er. Komm herein, Freund, wie wird sich der Alte freuen!«

Jefim geht durch den Flur und den Hof in den Bienengarten zu Jelissej. 

Jelissejs Alte rief ihrem Manne zu:

»Dein Gevatter ist zu dir gekommen!«

Jelissej blickte sich um, war sehr erfreut und ging auf den Gevatter zu. Im Gehen nahm er sich vorsichtig einige Bienen aus dem Bart.

»Grüß Gott, Gevatter! Grüß Gott, Freund . . . Wie war die Reise?«

»Meine Füße haben die Reise gemacht; ich habe dir auch Wasser aus dem Jordan mitgebracht. Besuche mich einmal und hole es dir! Ob aber der Herr mein Opfer in Gnade aufgenommen . . .«

»Nun, Gott sei Dank, der Heiland sei uns gnädig . . .«

Jefim schwieg eine Weile, dann fuhr er fort:

»Meine Füße waren in Jerusalem, ob aber auch meine Seele da war, oder ob jemand anderer . . .«

»Es ist Gottes Sache, Gevatter, Gottes Sache.«

»Auf dem Rückwege kehrte ich auch in jenem Hause ein, bei welchem ich dich auf dem Hinwege verloren habe . . .«

Jelissej erschrak und fiel Jefim ins Wort:

»Es ist Gottes Sache, Gevatter, Gottes Sache. Komm doch in die Stube herein, ich will dich mit Honig bewirten.«

Und Jelissej brach das Gespräch ab und begann von häuslichen Angelegenheiten zu sprechen.

Jefim seufzte und sprach nicht mehr von den Leuten im kleinrussischen Dorfe, noch davon, dass er Jelissej in Jerusalem gesehen. Und er begriff, dass Gott einem jeden Menschen eine Steuer auferlegt hat, die mit Liebe und guten Werken bezahlt wird.

 

Quelle: nach Leo Tolstoi, Ausgewählte Erzählungen für die Jugend (Die Wallfahrer)

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Vergessene Träume (14 min)

Vergessene Träume (14 min)

Vergessene Träume

Lesezeit: 14 min
Die Villa am Meer

Die Villa lag hart am Meer.

In den stillen, dämmerreichen Piniengängen atmete die satte Kraft der salzhaltigen Seeluft und eine leichte beständige Brise spielte um die Orangenbäume und streifte hie und da, wie mit vorsichtigen Fingern, eine farbenbunte Blüte herab. Die sonnenumglänzten Fernen, Hügel, aus denen zierliche Häuser wie weiße Perlen hervorblitzten, ein meilenweiter Leuchtturm, der einer Kerze gleich steil emporschoss, alles schimmerte in scharfen, abgegrenzten Konturen und war, ein leuchtendes Mosaik, in den tiefblauen Azur des Äthers eingesenkt. Das Meer, in das nur selten weit, weit in der Ferne, weiße Funken fielen, die schimmernden Segel von einsamen Schiffen, schmiegte sich mit der beweglichen Weise seiner Wogen an die Stufenterrasse an, von der sich die Villa erhob, um immer tiefer in das Grün eines weiten, schattendunklen Gartens zu steigen und sich dort in dem müden, märchenstillen Park zu verlieren.

Von dem schlafenden Hause, auf dem die Vormittagshitze lastete, lief ein schmaler, kiesbedeckter Weg wie eine weiße Linie zu dem kühlen Aussichtspunkte, unter dem die Wogen in wilden, unaufhörlichen Anstürmen grollten und hie und da schimmernde Wasseratome heraufstäubten, die beim grellen Sonnenlichte im regenbogenfunkelnden Glanz von Diamanten prahlten. Dort brachen sich die leuchtenden Sonnenpfeile teils an den Pinienwichseln, die dicht beisammen wie im vertrauten Gespräche standen, teils hielt sie ein weitausgespannter japanischer Schirm ab, auf dem lustige Gestalten mit scharfen, unangenehmen Farben festgehalten waren.

Innerhalb des Schattenbereiches dieses Schirmes lehnte in einem weichen Strohfauteuil eine Frauengestalt, die ihre schönen Formen wohlig in das nachgiebige Geflecht schmiegte. Die eine schmale, unberingte Hand hing wie vergessen herab und spielte mit leisem, behaglichem Schmeicheln in dem glitzernden Seidenfelle eines Hundes, während die andere ein Buch hielt, auf das die dunkeln, schwarzbewimperten Augen, in denen es wie ein verhaltenes Lächeln lag, ihre ununterbrochene Aufmerksamkeit konzentrierten. Es waren große, unruhige Augen, deren Schönheit noch ein matter verschleierter Glanz erhöhte. Überhaupt war die starke, anziehende Wirkung, die das ovale, scharfgeschnittene Gesicht ausübte, keine natürliche, einheitliche, sondern ein raffiniertes Hervorstechen einzelner Detailschönheiten, die mit besorgter, feinfühliger Koketterie gepflegt waren. Das anscheinend regellose Wirrnis der duftenden, schimmernden Locken war die mühevolle Konstruktion einer Künstlerin, und auch das leise Lächeln, das während des Lesens die Lippen umzitterte und dabei den weißen, blanken Schmelz der Zähne entblößte, war das Resultat einer mehrjährigen Spiegelprobe, aber jetzt schon zur festen, unablegbaren Gewohnheitskunst geworden.

Ein leises Knistern im Sande.

Sie sieht hin, ohne ihre Stellung zu ändern, wie eine Katze, die im blendenden warmflutenden Sonnenlichte gebadet liegt und nur träge mit den phosphorisierenden Augen dem Kommenden entgegenblinzelt.

Unerwarteter Besuch

Die Schritte kommen rasch näher und ein livrierter Diener steht vor ihr, um ihr eine schmale Visitkarte zu überreichen und dann ein wenig wartend zurückzutreten.

Sie liest den Namen mit dem Ausdrucke der Überraschung in den Zügen, den man hat, wenn man auf der Straße von einem Unbekannten in familiärster Weise begrüßt wird. Einen Augenblick graben sich kleine Falten oberhalb der scharfen, schwarzen Augenbrauen ein, die das angestrengte Nachdenken markieren, und dann plötzlich spielt ein fröhlicher Schimmer um das ganze Gesicht, die Augen blitzen in übermütiger Helligkeit, wie sie an längst verflogene, ganz und gar vergessene Jugendtage denkt, deren lichte Bilder der Name in ihr neu erweckt hat. Gestalten und Träume gewinnen wieder feste Formen und werden klar wie die Wirklichkeit.

»Ach so«, erinnerte sie sich plötzlich zum Diener gewandt, »der Herr möchte natürlich vorsprechen.«

Der Diener ging mit leisen devoten Schritten. Eine Minute war diese Stille, nur der nimmermüde Wind sang leise in den Gipfeln, die voll schweren Mittagsgoldes hingen.

Und dann plötzlich elastische Schritte, die energisch auf dem Kieswege hallten, ein langer Schatten, der bis zu ihren Füßen lief, und eine hohe Männergestalt stand vor ihr, die sich lebhaft von ihrem schwellenden Sitze erhoben hatte.

Zuerst begegneten sich ihre Augen. Er überflog mit einem raschen Blicke die Eleganz der Gestalt, während ihr leises ironisches Lächeln auch in den Augen aufleuchtete.

»Es ist wirklich lieb von Ihnen, dass Sie noch an mich gedacht haben«, begann sie, indem sie ihm die schmalschimmernde, feingepflegte Hand hinstreckte, die er ehrfürchtig mit den Lippen berührte.

»Gnädige Frau, ich will ehrlich mit Ihnen sein, weil dies ein Wiedersehen ist seit Jahren und auch, wie ich fürchte, –für lange Jahre. Es ist mehr ein Zufall, dass ich hierher gekommen bin, der Name des Besitzers dieses Schlosses, nach dem ich mich wegen seiner herrlichen Lage erkundigte, rief mir Ihre Anstalt wieder in den Sinn. Und so bin ich denn eigentlich als ein Schuldbewusster da.«

»Darum aber nicht minder willkommen, denn auch ich konnte mich nicht im ersten Moment an Ihre Existenz erinnern, obwohl sie einmal für mich ziemlich bedeutsam war.«

Jetzt lächelten beide. Der süße leichte Duft der ersten halbverschwiegenen Jugendliebe war mit seiner ganzen berauschenden Süßigkeit in ihnen erwacht wie ein Traum, über den man beim Erwachen verächtlich die Lippen verzieht, obwohl man wünscht, ihn noch einmal nur zu träumen, zu leben. Der schöne Traum der Halbheit, die nur wünscht und nicht zu fordern wagt, die nur verspricht und nicht gibt. –

Sie sprachen weiter. Aber es lag schon eine Herzlichkeit in den Stimmen, eine zärtliche Vertraulichkeit, wie sie nur ein so rosiges, schon halbverblasstes Geheimnis gewähren kann. Mit leisen Worten, in die hie und da ein fröhliches Lachen seine rollenden Perlen warf, sprachen sie von vergangenen Dingen, von vergessenen Gedichten, verwelkten Blumen, verlorenen und vernichteten Schleifen, kleinen Liebeszeichen, die sie sich in der kleinen Stadt, in der sie damals ihre Jugend verbrachten, gegenseitig gegeben. Die alten Geschichten, die wie verschollene Sagen in ihren Herzen langverstummte, stauberstickte Glocken rührten, wurden langsam, ganz langsam von einer wehen, müden Feierlichkeit erfüllt, der Ausklang ihrer toten Jugendliebe legte in ihr Gespräch einen tiefen, fast traurigen Ernst. –

Und seine dunkelmelodisch klingende Stimme vibrierte leise, wie er erzählte: »In Amerika drüben bekam ich die Nachricht, dass Sie sich verlobt hätten, zu einer Zeit, wo die Heirat wohl schon vollzogen war.«

Gedanken an die Vergangenheit

Sie antwortete nichts darauf. Ihre Gedanken waren zehn Jahre weiter zurück.

Einige lange Minuten lastete ein schwüles Schweigen auf beiden.

Und dann fragte sie leise, fast lautlos:

»Was haben Sie damals von mir gedacht?«

Er blickte überrascht auf.

»Ich kann es Ihnen ja offen sagen, denn morgen fahre ich wieder meiner neuen Heimat zu. –Ich habe Ihnen nicht gezürnt, nicht Augenblicke voll wirrer, feindlicher Entschlüsse gehabt, denn das Leben hatte schon damals die farbige Lohe der Liebe zu einer glimmenden Flamme der Sympathie erkaltet. Ich habe Sie nicht verstanden, nur –bedauert.«

Eine leichte dunkelrote Stelle flog über ihre Wangen und der Glanz ihrer Augen wurde intensiv, wie sie erregt ausrief:

»Mich bedauert! Ich wüsste nicht warum.«

»Weil ich an Ihren zukünftigen Gemahl dachte, den indolenten, immer erwerben wollenden Geldmenschen –widersprechen Sie mir nicht, ich will Ihren Mann, den ich immer geachtet habe, durchaus nicht beleidigen –und weil ich an Sie dachte, das Mädchen, wie ich es verlassen habe. Weil ich mir nicht das Bild denken konnte, wie Sie, die Einsame, Ideale, die für das Alltagsleben nur eine verächtliche Ironie gehabt, die ehrsame Frau eines gewöhnlichen Menschen werden konnten.«

»Und warum hätte ich ihn denn doch geheiratet, wenn dies alles sich so verhielte?«

Des Rätsels Lösung

»Ich wusste es nicht so genau. Vielleicht besaß er verborgene Vorzüge, die dem oberflächlichen Blicke entgehen und erst im intimen Verkehr zu leuchten beginnen. Und dies war mir dann des Rätsels leichte Lösung, denn eines konnte und wollte ich nicht glauben.«

»Das ist?«

»Dass sie ihn um seiner Grafenkrone und seiner Millionen genommen hätten. Das war mir die einzige Unmöglichkeit.«

Es war, als hätte sie das letzte überhört, denn sie blickte mit vorgehaltenen Fingern, die im Sonnenlichte in blutdunkelm Rosa wie eine Purpurmuschel erstrahlten, weit hinaus, weithin zum schleierumzogenen Horizonte, wo der Himmel sein blassblaues Kleid in die dunkle Pracht der Wogen tauchte.

Auch er war in tiefen Gedanken verloren und hatte beinahe die letzten Worte vergessen, als sie plötzlich kaum vernehmlich, von ihm abgewendet, sagte:

»Und doch ist es so gewesen.«

Er sah überrascht, fast erschreckt zu ihr hin, die in langsamer, offenbar künstlicher Ruhe sich wieder in ihren Sessel niedergelassen hatte und mit einer stillen Wehmut monoton und die Lippen kaum bewegend weitersprach:

»Ihr habt mich damals keiner verstanden, als ich noch das kleine Mädchen mit den verschüchterten Kinderworten war, auch Sie nicht, der Sie mir so nah standen. Ich selbst vielleicht auch nicht. Ich denke jetzt noch oft daran und begreife mich nicht, denn was wissen noch Frauen von ihren wundergläubigen Mädchenseelen, deren Träume wie zarte, schmale, weiße Blüten sind, die der erste Hauch der Wirklichkeit verweht? Und ich war nicht wie alle die andern Mädchen, die von mannesmutigen, jugendkräftigen Helden träumten, die ihre suchende Sehnsucht zu leuchtendem Glücke, ihr stilles Ahnen zum beseligenden Wissen machen sollten und ihnen die Erlösung bringen von dem ungewissen, unklaren, nicht zu fassenden und doch fühlbaren Leid, das seinen Schatten über ihre Mädchentage wirft, und immer dunkler und drohender und lastender wird. Das habe ich nie gekannt, auf anderen Traumeskähnen steuerte meine Seele dem verborgenen Hain der Zukunft zu, der hinter den hüllenden Nebeln der kommenden Tage lag. Meine Träume waren eigen. Ich träumte mich immer als ein Königskind. wie sie in den alten Märchenbüchern stehen, die mit funkelnden, strahlenschillernden Edelsteinen spielen, deren Hände sich im goldigen Glanz von Märchenschätzen versenken und deren wallende Kleider von unnennbaren Werten sind. –Ich träumte von Luxus und Pracht, weil ich beides liebte. Die Lust, wenn meine Hände über zitternde, leise singende Seide streifen durften, wenn meine Finger in den weichen, dunkelträumenden Daunen eines schweren Sammetstoffes wie im Schlafe liegen konnten! Ich war glücklich, wenn ich Schmuck an den schmalen Gliedern meiner von Freude zitternden Finger wie eine Kette tragen konnte, wenn weiße Steine aus der dichten Flut meines Haares wie Schaumperlen schimmerten, mein höchstes Ziel war es, in den weichen Sitzen eines eleganten Wagens zu ruhen. Ich war damals in einem Rausche von Kunstschönheit befangen, der mich mein wirkliches Leben verachten ließ. Ich hasste mich, wenn ich in meinen Alltagskleidern war, bescheiden und einfach wie eine Nonne und blieb oft tagelang zu Hause, weil ich mich vor mir selbst in meiner Gewöhnlichkeit schämte, ich versteckte mich in meinem engen, hässlichen Zimmer, ich, deren schönster Traum es war, allein am weiten Meere zu leben, in einem Eigentum, das prächtig ist und kunstvoll zugleich, in schattigen, grünen Laubgängen, wo nicht die Niedrigkeit des Werkeltags seine schmutzigen Krallen hinreckt, wo reicher Friede ist –fast so wie hier. Denn was meine Träume gewollt, hat mir mein Mann erfüllt, und eben weil er dies vermochte, ist er mein Gemahl geworden.«

Sie ist verstummt und ihr Gesicht ist von bacchantischer Schönheit umloht. Der Glanz in ihren Augen ist tief und drohend geworden, und das Rot der Wangen flammt immer heißer auf.

Es ist tiefe Stille.

Nur drunten der eintönige Rhythmensang der glitzernden Wellen, die sich an die Stufen der Terrasse werfen, wie an eine geliebte Brust.

Die Liebe 

Da sagt er leise, wie zu sich selbst:

»Aber die Liebe?«

Sie hat es gehört. Ein leichtes Lächeln zieht über ihre Lippen.

»Haben Sie heute noch alle Ihre Ideale, alle, die Sie damals in die ferne Welt trugen? Sind Ihnen alle geblieben, unverletzt, oder sind Ihnen einige gestorben, dahingewelkt? Oder hat man sie Ihnen nicht am Ende gewaltsam aus der Brust gerissen und in den Kot geschleudert, wo die Tausende von Rädern, deren Wagen zum Lebensziele strebten, sie zermalmt haben? Oder haben Sie keine verloren?«

Er nickt trübe und schweigt.

Und plötzlich führt er ihre Hand zu den Lippen, küsst sie stumm. Dann sagt er mit herzlicher Stimme:

»Leben Sie wohl!«

Sie erwidert es ihm kräftig und ehrlich. Sie fühlt keine Scham, dass sie einem Menschen, dem sie durch Jahre fremd war, ihr tiefstes Geheimnis entschleiert und ihre Seele gezeigt. Lächelnd sieht sie ihm nach und denkt an die Worte, die er von der Liebe gesprochen, und die Vergangenheit stellt sich wieder mit leisen, unhörbaren Schritten zwischen sie und die Gegenwart. Und plötzlich denkt sie, dass jener ihr Leben hätte leiten können, und die Gedanken malen in Farben diesen bizarren Einfall aus.

Und langsam, langsam, ganz unmerklich, stirbt das Lächeln auf ihren träumenden Lippen …

 

Quelle: Neun Novellen und Erzählungen, Stefan Zweig

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Kurz Psychologische/ Weise Geschichten

Die Welle -Therapeutische Geschichte (3 min)

Die Welle - Therapeutische Geschichte (3 min)

Die Welle (Therapeutische Geschichte)

Lesezeit: 3 min

Inspiriert durch Jessica Thormann

Ich war schon immer „Wassermann“. Einerseits bin ich in diesem Sternzeichen geboren, andererseits habe ich schon immer eine besondere Verbindung zum Wasser. Schon als Baby wollte ich im und am Wasser spielen. Später entdeckte ich das Tauchen und Surfen für mich. „Wasser spendet Leben“, sagt man. Für mich spendet es auch Ruhe und Frieden. Es zeigt mir die sanfte Kraft von Ausdauer, Beharrlichkeit und fließender Bewegung – im Fluss sein. Wenn ich mich ihm anvertraue, trägt es mich und bringt mich weiter.

Eins zu werden mit dem Wasser, seine weiche und doch kraftvolle Energie zu spüren und eine neue Welt zu erleben – das hat mich immer fasziniert und begeistert. Beim Tauchen konnte ich in eine neue, fremde und beeindruckende Welt ‘eintauchen’ und mich schwerelos bewegen. Die Unter­wasserwelt bietet so viele Eindrücke an farbenfrohen und eigenartigen Pflanzen und Lebewesen, so dass man auch nach einigen Tauchgängen nicht genug bekommt. Wie viel Kraft Wasser hat, weiß jeder, der schon einmal von einer Welle erfasst wurde. Als junger Mann bin ich bei Wellengang -um einer Frau zu imponieren- ins Wasser gegangen. Beim Rausgehen spülte mir eine zurückfließende Welle am Ufer den Boden unter den Füssen weg und eine zweite, vom Meer kommende ,ließ mich -unfreiwillig- einen Salto ins Kiesbett machen.

Beim Surfen kann man die Kraft des Wassers ebenso spüren und für sich nutzen. Gleichgewicht, Körperspannung und -beherrschung sind erforderlich, um auf den Wellen zu reiten und durch das Wasser zu gleiten. Vor einigen Jahren hatte ich einen Unfall beim Surfen, der mir einen mehr­tägigen Krankenhausaufenthalt und eine Narbe am rechten Bein bescherte. Auch wenn ich schon einige Erfahrungen hatte, kann man das Wasser nie 100%ig beherrschen. Eine solche Naturgewalt kann einen Demut lehren und Grenzen zeigen. Ich hatte sie für einen Moment unterschätzt.

Seit jenem Tag hatte ich einen neuen Begleiter an meiner Seite, wenn ich im Wasser war – meine Angst, mich nochmals zu verletzen und eine Narbe, die mich daran erinnerte. Ich nannte die Angst „Vorsicht“ und suchte mir nur noch ungefährliche Surfspots, wo ich zwar nicht mehr dieses groß­artige Gefühl von Freiheit, Verbindung zur Natur und Flow fand, aber mich sicher fühlte. Meine Angst wollte mich beschützen, schränkte mich aber auch ein. Ich verlor ein Stück Freiheit.

Eines Tages saß ich auf einer Bank an einem See und sah, wie ein Mädchen mit einem Welpen und „seinem“ Ball spielte. Bei einem etwas zu kräftigen Wurf fiel der Ball ins Wasser und trieb fort. Der Welpe lief an das Seeufer und ich konnte ihm ansehen, dass das Wasser ihm Unbehagen bereitete. Ich kann nicht sagen, ob es neu für ihn war oder er eine schlechte Erfahrung gemacht hatte, aber es zog ihn zum Ball. Doch so bald seine Pfoten das Wasser berührten, schreckte er zurück. Das Hin und Her sah fast wie ein Tanz aus. Das Mädchen sah es, schritt jedoch nicht ein.

Der Welpe fiepte und jaulte eine Weile. Doch dann sprang er in den See und wie von allein paddelte er – paddelte auf den Ball zu, schnappte ihn und kam zurück. Erst wedelte nur der Schwanz – dann der ganze Hund. Er schüttelte sich trocken und mich nass. Das Mädchen lobte ihn und hatte wohl meinen fragenden Blick bemerkt – “…er sollte von sich aus die Erfahrung machen, dass Wasser für ihn kein Hindernis ist“, sagte sie. Der Welpe stand mit dem Ball im Maul vor dem Mädchen und schaute immer wieder auf den See. Diesmal warf das Mädchen den Ball bewusst ein paar Meter in den See und der Welpe sprang sofort hinterher. Er schien Gefallen daran gefunden zu haben.

Mir wurde in dem Moment bewusst, was der Welpe mich gelehrt und ich zu tun hatte. Am nächsten Wochenende besuchte ich eine Surfschule, sprach mit dem Trainer und schilderte ihm meinen Unfall. Wir erarbeiteten, wie es -voraussichtlich- dazu gekommen war und übten die schwierigeren Manöver, die ich lange vermieden hatte. Zu meinem Glück hatte der Trainer auch einige Erfahrungen in Mentaltraining aus seiner „aktiven“ Surferzeit. So lernte ich Achtsamkeit, Vorsicht und Angst zu unterscheiden und mich auf das zu konzentrieren, was ich will – anstelle dessen, was ich nicht will.

Bei meinem nächsten Urlaub war es dann so weit. Ich wollte wieder erleben, was mir Spaß machte und stieg auf das Board.

Und dann sah ich sie … meine Welle. Es war wie eine Einladung des Wassers und eine Versöhnung mit meiner Angst.


Quelle: © Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, aus “Herzgeschichten für kleine Glücksmomente“, Lehmanns Verlag (2017), ISBN 978-3-86541-940-8

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Die kleine Biene – Therapeutische Geschichte (3 min)

Die kleine Biene - Therapeutische Geschichte (3 min)

Die kleine Biene
(Therapeutische Geschichte)

Lesezeit: 3 min

-gewidmet Jakob und Johann-

Eine kleine Biene flog emsig jeden Tag aufs Neue über Wiesen und Felder und von Blüte zu Blüte. Sie hatte nie darüber nachgedacht, was oder warum sie das gerade tat. Sie flog, sammelte Pollen, brachte ihn in den Bienenstock und flog wieder los. Einer ihrer Flügel war etwas kleiner, deshalb flog sie manchmal etwas langsamer als die anderen Bienen. Dennoch brachte sie meistens nicht weniger Pollen als die anderen.

Eines Tages begegnete sie einem Fisch, der in einem kleinen Teich dicht unter der Wasser­oberfläche schwamm. „Oh, wie wunderbar muss es sein, schwimmen und unter Wasser atmen zu können, bis in die Tiefen hinab zu tauchen – so schwerelos“, dachte sich die kleine Biene und flog weiter.

Dann sah sie eine Ameisenstraße und dachte sich plötzlich: „Wie wundervoll muss es sein, so stark zu sein und so schwere Dinge transportieren zu können. Ameisen sind toll und können auch so schnell auf dem Boden krabbeln“ und flog weiter.

Wiederum etwas später entdeckte sie eine Katze, die zwischen den Blumen spielte. „Katzen sind soo groß und geschmeidig und können herumspielen. Es muss so wunderbar sein, wenn man eine Katze ist.“

Als sie in den Bienenstock zurückkehrte, war die kleine Biene traurig und aufgeregt und ein bisschen durcheinander. Die anderen Bienen bemerkten dies und sprachen mit ihr. Sie erzählte von dem Fisch und den Ameisen und der Katze, die ihr begegnet waren und wie wundervoll sie es fände, wie diese Tiere zu sein.

Unter den Bienen brach eine Unruhe aus. Es bildeten sich Gruppen und man diskutierte, welches der Tiere zu sein wohl nun am erstrebenswertesten wäre und warum. Es summte und brummte an diesem Abend im Bienenstock. Da kam die weise Königin aus ihrer Stube und fragte, was ihr Volk so sehr beschäftigen würde.

Aufgeregt versuchten alle Bienen zu berichten und zu erklären, welches Tier zu sein nun von Vorteil wäre. Die Bienenkönigin fragte, wie sie auf die Diskussion gekommen waren. Dann sollte die kleine Biene erzählen, was ihr an dem Tag passiert war. Die Königin hörte aufmerksam zu und fragte dann: „Wer von Euch sammelt gerne Pollen für den Honig ein?“. Alle Sammlerbienen hoben den Flügel. „Wer von Euch fliegt gerne durch die Luft von Blüte zu Blüte?“. Wieder hoben alle Sammlerbienen die Flügel. „Und wer von Euch lebt gerne in unserem Bienenvolk?“ Alle Bienen hoben ihre Flügel.

Die Königin lächelte. „Ein Fisch kann das nicht. Eine Katze ebenso wenig und auch die Ameisen können all dies nicht.“ Sie schaute gütig auf ihre Bienen, „Jedes Tier hat Fähigkeiten, die es zum Leben braucht und trägt damit seinen Teil in dieser Welt bei. Fische könnten außerhalb des Wassers nicht leben, Ameisen können nicht von Blüte zu Blüte fliegen und Katzen haben noch nie die Welt aus der Luft heraus betrachten können. Freut Euch an der Vielfalt des Lebens … und seid dankbar für das, was Euch das Leben geschenkt hat.“

Am nächsten Tag flog die kleine Biene wieder los, um Pollen zu sammeln. Doch diesmal flog sie mit einem Lächeln. Sie freute sich und war dankbar, eine Biene zu sein. Auch die anderen Bienen kamen mit Freude, Dankbarkeit und Stolz in den Bienenstock zurück. Und am Abend sprachen sie miteinander, wie schön es ist, eine Biene zu sein.

Und im Bienenstock war ein einzigartiges Summen zu hören …

Quelle: © Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, aus “Herzgeschichten für kleine Glücksmomente“, Lehmanns Verlag (2017), ISBN 978-3-86541-940-8

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Kurz Psychologische/ Weise Geschichten

Der Zuhörer -Therapeutische Geschichte (2 min)

Der Zuhörer - Therapeutische Geschichte (2 min)

Der Zuhörer
(Therapeutische Geschichte)

Lesezeit: 2 min

Eines Tages stand ich an einer Bushaltestelle. Etwas neben mir auf der Bank saß ein älterer Mann. Eine junge Frau setzte sich daneben. An ihrem Gesicht -besonders den Augen- und ihrer Körper­haltung war gut erkennbar, dass es ihr gerade nicht gut ging.

Der alte Mann sah sie an, lächelte und nickte. Erst blickte sie vorsichtig zurück, aber irgendetwas in seinem Blick schien in ihr etwas zu verändern. Er wandte sich ihr zu und nickte wieder mit einem wohlwollenden Lächeln. Plötzlich liefen ihr die Tränen herunter und sie begann zu erzählen von ihrem Freund, dem Streit, den sie hatten und dem Studium, was sie gerade belastete und dass ihr ihre Familie oft fehlte. Der Mann hörte aufmerksam zu, nickte und ich meine von Zeit zu Zeit ein „hmm“ zu hören. Je mehr sie erzählte und die Tränen geflossen waren, desto mehr hatte ich den Eindruck, hellte sich ihr Gesicht wieder auf und der Traurigkeit folgte eine Erleichterung.

Es kam ein Bus und ein zweiter, aber ich war so gebannt von diesem Erlebnis, dass ich dabei blieb. Auch die Frau schien völlig in ihren Bericht vertieft und bemerkte vermutlich nicht einmal die Busse. Es war für mich, als ob eine tiefe Verbundenheit die beiden einhüllte, von der eine große Wärme ausging. Obwohl er gar nichts sagte, hatte sie immer wieder Ideen … dass sie vielleicht doch etwas heftig auf ihren Freund reagiert hatte und sich mit ihm aussprechen wird und dass sie ja eigentlich durch ihre Lerngruppe doch ganz gut vorbereitet war und noch heute Abend zuhause anrufen wird.

Nach einer Weile lächelte sie und stand mit einem Gesichtsausdruck großer Erleichterung und ich meine sogar etwas Freude auf. Und auch der alte Mann stand auf. Sie ging auf ihn zu und drückte ihn herzlich und bedankte sich mehrfach. Es war ein ergreifendes Bild für mich. Der alte Mann lächelte freudig und nickte. Kurz danach kam ein Bus und die junge Frau stieg beschwingt ein, drehte sich nochmal um und winkte ihm im Wegfahren zu.

Neben mir stand wohl schon eine Weile eine Frau. Sie setzte sich neben den alten Mann und begrüßte ihn mit einem Winken. Ganz offensichtlich kannten sich die beiden. Was dann geschah … war unglaublich. Sie sah ihn fragend an und bewegte ihre Hände und er schüttelte mehrfach den Kopf. Mir fiel auf, dass sie wild mit den Händen gestikulierte und der Mann, der die ganze Zeit ruhig dagesessen hatte, bewegte ebenfalls heftig seine Hände.

Auch wenn ich in diesem Moment eine Träne im Auge hatte und die Gebärdensprache nicht beherrsche, wusste ich genau, was die Frau ihn gefragt hatte. Ich war tief bewegt und habe gelernt, dass man zum Zuhören und für einfühlsames Verständnis kein Gehör braucht, sondern ein Herz.

Quelle: © Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, aus “Herzgeschichten für kleine Glücksmomente“, Lehmanns Verlag (2017), ISBN 978-3-86541-940-8

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Klassiker der Kindheit (70er/80er/90er) Kurz

Der kleine Prinz und der Fuchs (5 min)

Der kleine Prinz und der Fuchs (5 min)

Der kleine Prinz und der Fuchs

Lesezeit: 5 min

Der kleine Prinz kommt von seinem Planeten auf die Erde. Dort hat er seine Freundin, die Rose, zurückgelassen…

Der Rosengarten

Aber nachdem der kleine Prinz lange über den Sand, die Felsen und den Schnee gewandert war, geschah es, dass er endlich eine Straße entdeckte. Und die Straßen führen zu Menschen.

»Guten Tag«, sagte er.

Da war ein blühender Rosengarten.

»Guten Tag«, sagten die Rosen.

Der kleine Prinz sah sie an. Sie glichen alle seiner Blume.

»Wer seid ihr?« fragte er sie höchst erstaunt.

»Wir sind Rosen«, sagten die Rosen.

»Ach!« sagte der kleine Prinz…

Und er fühlte sich sehr unglücklich. Seine Blume hatte ihm erzählt, dass sie auf der ganzen Welt einzig in ihrer Art sei. Und siehe!, da waren fünftausend davon, alle gleich, in einem einzigen Garten!

Sie wäre sehr böse, wenn sie das sähe, sagte er sich… Sie würde fürchterlich husten und so tun, als stürbe sie, um der Lächerlichkeit zu entgehen. Und ich müsste wohl so tun, als pflegte ich sie, denn sonst ließe ich sie wirklich sterben, um auch mich zu beschämen…

Dann sagte er sich noch: Ich glaubte, ich sei reich durch eine einzigartige Blume, und ich besitze nur eine gewöhnliche Rose. Sie und meine drei Vulkane, die mir bis ans Knie reichen und von denen einer vielleicht für immer verloschen ist, das macht aus mir keinen sehr großen Prinzen… Und er warf sich ins Gras und weinte.

Der Fuchs

In diesem Augenblick erschien der Fuchs:

»Guten Tag«, sagte der Fuchs.

»Guten Tag«, antwortete höflich der kleine Prinz, der sich umdrehte, aber nichts sah.

»Ich bin da«, sagte die Stimme, »unter dem Apfelbaum…«

»Wer bist du?« sagte der kleine Prinz. »Du bist sehr hübsch…«

»Ich bin ein Fuchs«, sagte der Fuchs.

»Komm und spiel mit mir«, schlug ihm der kleine Prinz vor. »Ich bin so traurig…«

»Ich kann nicht mit dir spielen«, sagte der Fuchs. »Ich bin noch nicht gezähmt!«

»Ah, Verzeihung!« sagte der kleine Prinz.

Aber nach einiger Überlegung fügte er hinzu:

»Was bedeutet das: ‚zähmen‘?«

»Du bist nicht von hier«, sagte der Fuchs, »was suchst du?«

»Ich suche die Menschen«, sagte der kleine Prinz. »Was bedeutet ‚zähmen‘?«

»Die Menschen«, sagte der Fuchs, »die haben Gewehre und schießen. Das ist sehr lästig. Sie ziehen auch Hühner auf. Das ist ihr einziges Interesse. Du suchst Hühner?«

»Nein«, sagte der kleine Prinz, »ich suche Freunde. Was heißt ‚zähmen‘?«

»Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache«, sagte der Fuchs. »Es bedeutet: sich ‚vertraut machen‘.«

»Vertraut machen?«

»Gewiss«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich noch nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben völlig gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebensowenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt…«

»Ich beginne zu verstehen«, sagte der kleine Prinz. »Es gibt eine Blume… ich glaube, sie hat mich gezähmt…«

»Das ist möglich«, sagte der Fuchs. »Man trifft auf der Erde alle möglichen Dinge…«

»Oh, das ist nicht auf der Erde«, sagte der kleine Prinz.

Der Fuchs schien sehr aufgeregt:

»Auf einem anderen Planeten?«

»Ja.«

»Gibt es Jäger auf diesem Planeten?«

»Nein.«

»Das ist interessant! Und Hühner?«

»Nein.«

»Nichts ist vollkommen!« seufzte der Fuchs.

Aber der Fuchs kam auf seinen Gedanken zurück:

»Mein Leben ist eintönig. Ich jage Hühner, die Menschen jagen mich. Alle Hühner gleichen einander, und alle Menschen gleichen einander. Ich langweile mich also ein wenig. Aber wenn du mich zähmst, wird mein Leben wie durchsonnt sein. Ich werde den Klang deines Schrittes kennen, der sich von allen andern unterscheidet. Die anderen Schritte jagen mich unter die Erde. Der deine wird mich wie Musik aus dem Bau locken. Und dann schau! Du siehst da drüben die Weizenfelder? Ich esse kein Brot. Für mich ist der Weizen zwecklos. Die Weizenfelder erinnern mich an nichts. Und das ist traurig. Aber du hast weizenblondes Haar. Oh, es wird wunderbar sein, wenn du mich einmal gezähmt hast! Das Gold der Weizenfelder wird mich an dich erinnern. Und ich werde das Rauschen des Windes im Getreide liebgewinnen.«

Die Zähmung des Fuchses

Der Fuchs verstummte und schaute den Prinzen lange an:

»Bitte… zähme mich!« sagte er.

»Ich möchte wohl«, antwortete der kleine Prinz, »aber ich habe nicht viel Zeit. Ich muss Freunde finden und viele Dinge kennenlernen.«

»Man kennt nur die Dinge, die man zähmt«, sagte der Fuchs. »Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgend etwas kennenzulernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund willst, so zähme mich!«

»Was muss ich da tun?« sagte der kleine Prinz.

»Du musst sehr geduldig sein«, antwortete der Fuchs. »Du setzt dich zuerst ein wenig abseits von mir ins Gras. Ich werde dich so verstohlen, so aus dem Augenwinkel anschauen, und du wirst nichts sagen. Die Sprache ist die Quelle der Mißverständnisse. Aber jeden Tag wirst du dich ein bisschen näher setzen können…«

Am nächsten Morgen kam der kleine Prinz zurück.

»Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen«, sagte der Fuchs. »Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll… Es muss feste Bräuche geben.«

»Was heißt ‚fester Brauch‘?«, sagte der kleine Prinz.

»Auch etwas in Vergessenheit Geratenes«, sagte der Fuchs. »Es ist das, was einen Tag vom andern unterscheidet, eine Stunde von den andern Stunden. Es gibt zum Beispiel einen Brauch bei meinen Jägern. Sie tanzen am Donnerstag mit dem Mädchen des Dorfes. Daher ist der Donnerstag der wunderbare Tag. Ich gehe bis zum Weinberg spazieren. Wenn die Jäger irgendwann einmal zum Tanze gingen, wären die Tage alle gleich und ich hätte niemals Ferien.«

So machte denn der kleine Prinz den Fuchs mit sich vertraut. Und als die Stunde des Abschieds nahe war:

»Ach!« sagte der Fuchs, »ich werde weinen.«

»Das ist deine Schuld«, sagte der kleine Prinz, »ich wünschte dir nichts Übles, aber du hast gewollt, dass ich dich zähme…«

»Gewiss«, sagte der Fuchs.

»Aber nun wirst du weinen!« sagte der kleine Prinz.

»Bestimmt«, sagte der Fuchs.

»So hast du nichts gewonnen!«

»Ich habe«, sagte der Fuchs, »die Farbe des Weizens gewonnen.«

Erneutes Treffen mit den Rosen

Dann fügte er hinzu:

»Geh die Rosen wieder anschauen. Du wirst begreifen, dass die deine einzig ist in der Welt.

Du wirst wiederkommen und mir adieu sagen, und ich werde dir ein Geheimnis schenken.«

Der kleine Prinz ging, die Rosen wieder zu sehen:

»Ihr gleicht meiner Rose gar nicht, ihr seid noch nichts«, sagte er zu ihnen. »Niemand hat sich euch vertraut gemacht und auch ihr habt euch niemandem vertraut gemacht. Ihr seid, wie mein Fuchs war. Der war nichts als ein Fuchs wie hunderttausend andere. Aber ich habe ihn zu meinem Freund gemacht, und jetzt ist er einzig in der Welt.«

Und die Rosen waren sehr beschämt.

»Ihr seid schön, aber ihr sein leer«, sagte er noch. »Man kann für euch nicht sterben. Gewiss, ein Irgendwer, der vorübergeht, könnte glauben, meine Rose ähnle euch. Aber in sich selbst ist sie wichtiger als ihr alle, da sie es ist, die ich begossen habe. Da sie es ist, die ich unter den Glassturz gestellt habe. Da sie es ist, die ich mit dem Wandschirm geschützt habe. Da sie es ist, deren Raupen ich getötet habe (außer den zwei oder drei um der Schmetterlinge willen). Da sie es ist, die ich klagen oder sich rühmen gehört habe oder auch manchmal schweigen. Da es meine Rose ist.«

Das Geheimnis des Fuchses

Und er kam zum Fuchs zurück:

»Adieu«, sagte er…

»Adieu«, sagte der Fuchs. »Hier mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.«

»Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

»Die Zeit, die du für deine Rose verloren hast, sie macht deine Rose so wichtig.«

»Die Zeit, die ich für meine Rose verloren habe…«, sagte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

»Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen«, sagte der Fuchs. »Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich…«

»Ich bin für meine Rose verantwortlich…«, wiederholte der kleine Prinz, um es sich zu merken.

 

Quelle: nach Antoine de Saint-Exupery, Der kleine Prinz (Kapitel 20 & 21)

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Klassiker der Kindheit (70er/80er/90er)

Alice im Wunderland (10 min)

Alice im Wunderland (10 min)

Alice im Wunderland:
Das Croquetfeld der Königin

Lesezeit: 10 min

Alice lernt die Herzkönigin und ihre Diener, die Spielkarten, kennen…

 

Ein großer hochstämmiger Rosenstrauch stand nahe bei’m Eingang; die Rosen, die darauf wuchsen, waren weiß, aber drei Gärtner waren damit beschäftigt, sie rot zu malen. Alice kam dies wunderbar vor, und da sie näher hinzutrat, um ihnen zuzusehen, hörte sie einen von ihnen sagen: »nimm dich in Acht, Fünf! Bespritze mich nicht so mit Farbe!«

»Ich konnte nicht dafür,« sagte Fünf in verdrießlichem Tone; »Sieben hat mich an den Ellbogen gestoßen.«

Worauf Sieben aufsah und sagte: »Recht so Fünf! Schiebe immer die Schuld auf andre Leute!«

»Du sei nur ganz still!« sagte Fünf. »Gestern erst hörte ich die Königin sagen, du verdientest geköpft zu werden!«

»Wofür?« fragte der, welcher zuerst gesprochen hatte.

»Das geht dich nichts an, Zwei!« sagte Sieben.

»Ja, es geht ihn an!« sagte Fünf, »und ich werde es ihm sagen – dafür, dass er dem Koch Tulpenzwiebeln statt Küchenzwiebeln gebracht hat.«

Sieben warf seinen Pinsel hin und hatte eben angefangen: »Ist je eine ungerechtere Anschuldigung –« als sein Auge zufällig auf Alice fiel, die ihnen zuhörte; er hielt plötzlich inne, die andern sahen sich auch um, und sie verbeugten sich Alle tief.

»Wollen Sie so gut sein, mir zu sagen,« sprach Alice etwas furchtsam, »warum Sie diese Rosen malen?«

Fünf und Sieben antworteten nichts, sahen aber Zwei an. Zwei fing mit leiser Stimme an: »Die Wahrheit zu gestehen, Fräulein, dies hätte hier ein roter Rosenstrauch sein sollen, und wir haben aus Versehen einen weißen gepflanzt, und wenn die Königin es gewahr würde, würden wir Alle geköpft werden, müssen Sie wissen. So, sehen Sie Fräulein, versuchen wir, so gut es geht, ehe sie kommt –« In dem Augenblick rief Fünf, der ängstlich tiefer in den Garten hinein gesehen hatte: »Die Königin! die Königin!« und die drei Gärtner warfen sich sogleich flach auf’s Gesicht. Es entstand ein Geräusch von vielen Schritten, und Alice blickte neugierig hin, die Königin zu sehen.

Zuerst kamen zehn Soldaten, mit Keulen bewaffnet, sie hatten alle dieselbe Gestalt wie die Gärtner, rechteckig und flach, und an den vier Ecken die Hände und Füße; danach kamen zehn Herren vom Hofe, sie waren über und über mit Diamanten bedeckt und gingen paarweise, wie die Soldaten. Nach diesen kamen die königlichen Kinder, es waren ihrer zehn, und die lieben Kleinen kamen lustig gesprungen Hand in Hand paarweise, sie waren ganz mit Herzen geschmückt. Darauf kamen die Gäste, meist Könige und Königinnen, und unter ihnen erkannte Alice das weiße Kaninchen; es unterhielt sich in etwas eiliger und aufgeregter Weise, lächelte bei Allem, was gesagt wurde und ging vorbei, ohne sie zu bemerken. Darauf folgte der Coeur-Bube, der die königliche Krone auf einem roten Sammetkissen trug, und zuletzt in diesem großartigen Zuge kamen der Herzenskönig und die Herzenskönigin.

Alice wusste nicht recht, ob sie sich nicht flach auf’s Gesicht legen müsse, wie die drei Gärtner; aber sie konnte sich nicht erinnern, je von einer solchen Sitte bei Festzügen gehört zu haben. »Und außerdem, wozu gäbe es überhaupt Aufzüge,« dachte sie, »wenn alle Leute flach auf dem Gesichte liegen müssten, so dass sie sie nicht sehen könnten?« Sie blieb also stehen, wo sie war, und wartete.

Als der Zug bei ihr angekommen war, blieben Alle stehen und sahen sie an, und die Königin fragte strenge: »Wer ist das?« Sie hatte den Coeur-Buben gefragt, der statt aller Antwort nur lächelte und Kratzfüße machte.

»Schafskopf!« sagte die Königin, den Kopf ungeduldig zurückwerfend; und zu Alice gewandt fuhr sie fort: »Wie heißt du, Kind?«

»Mein Name ist Alice, Euer Majestät zu dienen!« sagte Alice sehr höflich; aber sie dachte bei sich: »Ach was, es ist ja nur ein Pack Karten. Ich brauche mich nicht vor ihnen zu fürchten!«

»Und wer sind diese drei?« fuhr die Königin fort, indem sie auf die drei Gärtner zeigte, die um den Rosenstrauch lagen; denn natürlich, da sie auf dem Gesichte lagen und das Muster auf ihrer Rückseite dasselbe war wie für das ganze Pack, so konnte sie nicht wissen, ob es Gärtner oder Soldaten oder Herren vom Hofe oder drei von ihren eigenen Kindern waren.

»Woher soll ich das wissen?« sagte Alice, indem sie sich selbst über ihren Mut wunderte. »Es ist nicht meines Amtes.«

Die Königin wurde purpurrot vor Wut, und nachdem sie sie einen Augenblick wie ein wildes Tier angestarrt hatte, fing sie an zu brüllen: »Ihren Kopf ab! ihren Kopf –«

»Unsinn!« sagte Alice sehr laut und bestimmt, und die Königin war still.

Der König legte seine Hand auf ihren Arm und sagte milde: »Bedenke, meine Liebe, es ist nur ein Kind!«

Die Königin wandte sich ärgerlich von ihm ab und sagte zu dem Buben: »Dreh‘ sie um!«

Der Bube tat es, sehr sorgfältig, mit einem Fuße.

»Steht auf!« schrie die Königin mit durchdringender Stimme, und die drei Gärtner sprangen sogleich auf und fingen an sich zu verneigen vor dem König, der Königin, den königlichen Kindern, und Jedermann.

»Lasst das sein!« eiferte die Königin. »Ihr macht mich schwindlig.« Und dann, sich nach dem Rosenstrauch umdrehend, fuhr sie fort: »Was habt ihr hier getan?«

»Euer Majestät zu dienen,« sagte Zwei in sehr demütigem Tone und sich auf ein Knie niederlassend, »wir haben versucht –«

»Ich sehe!« sagte die Königin, die unterdessen die Rosen untersucht hatte. »Ihre Köpfe ab!« und der Zug bewegte sich fort, während drei von den Soldaten zurückblieben um die unglücklichen Gärtner zu enthaupten, welche zu Alice liefen und sie um Schutz baten.

»Ihr sollt nicht getötet werden!« sagte Alice, und damit steckte sie sie in einen großen Blumentopf, der in der Nähe stand. Die drei Soldaten gingen ein Weilchen hier- und dorthin, um sie zu suchen, und dann schlossen sie sich ruhig wieder den Andern an.

»Sind ihre Köpfe gefallen?« schrie die Königin sie an.

»Ihre Köpfe sind fort, zu Euer Majestät Befehl!« schrien die Soldaten als Antwort.

»Das ist gut!« schrie die Königin. »Kannst du Croquet spielen?«

Die Soldaten waren still und sahen Alice an, da die Frage augenscheinlich an sie gerichtet war.

»Ja!« schrie Alice.

»Dann komm mit!« brüllte die Königin, und Alice schloss sich dem Zuge an, sehr neugierig, was nun geschehen werde.

»Es ist – es ist ein sehr schöner Tag!« sagte eine schüchterne Stimme neben ihr. Sie ging neben dem weißen Kaninchen, das ihr ängstlich in’s Gesicht sah.

»Sehr,« sagte Alice; – »wo ist die Herzogin?«

»Still! still!« sagte das Kaninchen in einem leisen, schnellen Tone. Es sah dabei ängstlich über seine Schulter, stellte sich dann auf die Zehen, hielt den Mund dicht an Alice’s Ohr und wisperte: »Sie ist zum Tode verurteilt.«

»Wofür?« frage diese.

»Sagtest du: wie Schade?« fragte das Kaninchen.

»Nein, das sagte ich nicht,« sagte Alice, »ich finde gar nicht, dass es Schade ist. Ich sagte: wofür?«

»Sie hat der Königin eine Ohrfeige gegeben –« fing das Kaninchen an. Alice lachte hörbar. »Oh still!« flüsterte das Kaninchen in sehr erschrecktem Tone. »Die Königin wird dich hören! Sie kam nämlich etwas spät und die Königin sagte –«

»Macht, dass ihr an eure Plätze kommt!« donnerte die Königin, und Alle fingen an in allen Richtungen durcheinander zu laufen, wobei sie Einer über die Andern stolperten; jedoch nach ein bis zwei Minuten waren sie in Ordnung, und das Spiel fing an.

Alice dachte bei sich, ein so merkwürdiges Croquet-Feld habe sie in ihrem Leben nicht gesehen; es war voller Erhöhungen und Furchen, die Kugeln waren lebendige Igel, und die Schlägel lebendige Flamingos, und die Soldaten mussten sich umbiegen und auf Händen und Füßen stehen, um die Bogen zu bilden.

Die Hauptschwierigkeit, die Alice zuerst fand, war, den Flamingo zu handhaben; sie konnte zwar ziemlich bequem seinen Körper unter ihrem Arme festhalten, so dass die Füße herunterhingen, aber wenn sie eben seinen Hals schön ausgestreckt hatte, und dem Igel nun einen Schlag mit seinem Kopf geben wollte, so richtete er sich auf und sah ihr mit einem so verdutzten Ausdruck in’s Gesicht, dass sie sich nicht enthalten konnte laut zu lachen. Wenn sie nun seinen Kopf herunter gebogen hatte und eben wieder anfangen wollte zu spielen, so fand sie zu ihrem großen Verdruss, dass der Igel sich aufgerollt hatte und eben fortkroch; außerdem war gewöhnlich eine Erhöhung oder eine Furche gerade da im Wege, wo sie den Igel hinrollen wollte, und da die umgebogenen Soldaten fortwährend aufstanden und an eine andere Stelle des Grasplatzes gingen, so kam Alice bald zu der Überzeugung, dass es wirklich ein sehr schweres Spiel sei.

Die Spieler spielten Alle zugleich, ohne zu warten, bis sie an der Reihe waren; dabei stritten sie sich immerfort und zankten um die Igel, und in sehr kurzer Zeit war die Königin in der heftigsten Wut, stampfte mit den Füßen und schrie: »Schlagt ihm den Kopf ab!« oder: »Schlagt ihr den Kopf ab!« ungefähr ein Mal jede Minute.

Alice fing an sich sehr unbehaglich zu fühlen, sie hatte zwar noch keinen Streit mit der Königin gehabt, aber sie wusste, dass sie keinen Augenblick sicher davor war, »und was,« dachte sie, »würde dann aus mir werden? die Leute hier scheinen schrecklich gern zu köpfen; es ist das größte Wunder, dass überhaupt noch welche am Leben geblieben sind!« Sie sah sich nach einem Ausgange um und überlegte, ob sie sich wohl ohne gesehen zu werden, fortschleichen könne, als sie eine merkwürdige Erscheinung in der Luft wahrnahm: sie schien ihr zuerst ganz rätselhaft, aber nachdem sie sie ein Paar Minuten beobachtet hatte, erkannte sie, dass es ein Grinsen war, und sagte bei sich: »Es ist die Grinse-Katze; jetzt werde ich Jemand haben, mit dem ich sprechen kann.«

»Wie geht es dir?« sagte die Katze, sobald Mund genug da war, um damit zu sprechen.

Alice wartete, bis die Augen erschienen, und nickte ihr zu. »Es nützt nichts mit ihr zu reden,« dachte sie, »bis ihre Ohren gekommen sind, oder wenigstens eins.« Den nächsten Augenblick erschien der ganze Kopf; da setzte Alice ihren Flamingo nieder und fing ihren Bericht von dem Spiele an, sehr froh, dass sie Jemand zum Zuhören hatte. Die Katze schien zu glauben, dass jetzt genug von ihr sichtbar sei, und es erschien weiter nichts.

»Ich glaube, sie spielen gar nicht gerecht,« fing Alice in etwas klagendem Tone an, »und sie zanken sich Alle so entsetzlich, dass man sein eigenes Wort nicht hören kann – und dann haben sie gar keine Spielregeln, wenigstens wenn sie welche haben, so beobachtet sie Niemand – und du hast keine Idee, wie es Einen verwirrt, dass alle Croquet-Sachen lebendig sind; zum Beispiel da ist der Bogen, durch den ich das nächste Mal spielen muss, und geht am andern Ende des Grasplatzes spazieren – und ich hätte den Igel der Königin noch eben treffen können, nur dass er fortrannte, als er meinen kommen sah!«

»Wie gefällt dir die Königin?« fragte die Katze leise.

»Ganz und gar nicht,« sagte Alice, »sie hat so sehr viel –« da bemerkte sie eben, dass die Königin dicht hinter ihr war und zuhörte, also setzte sie hinzu: »Aussicht zu gewinnen, dass es kaum der Mühe wert ist, das Spiel auszuspielen.«

Die Königin lächelte und ging weiter.

»Mit wem redest du da?« sagte der König, indem er an Alice herantrat und mit großer Neugierde den Katzenkopf ansah.

»Es ist einer meiner Freunde – ein Grinse-Kater,« sagte Alice; »erlauben Eure Majestät, dass ich ihn Ihnen vorstelle.«

»Sein Aussehen gefällt mir gar nicht,« sagte der König; »er mag mir jedoch die Hand küssen, wenn er will.«

»O, lieber nicht!« versetzte der Kater.

»Sei nicht so impertinent,« sagte der König, »und sieh mich nicht so an!« Er stellte sich hinter Alice, als er dies sagte.

»Der Kater sieht den König an, der König sieht den Kater an,« sagte Alice, »das habe ich irgendwo gelesen, ich weiß nur nicht mehr wo.«

»Fort muss er,« sagte der König sehr entschieden, und rief der Königin zu, die gerade vorbeiging: »Meine Liebe! ich wollte, du ließest diesen Kater fortschaffen!«

Die Königin kannte nur eine Art, alle Schwierigkeiten, große und kleine, zu beseitigen. »Schlagt ihm den Kopf ab!« sagte sie, ohne sich einmal umzusehen.

»Ich werde den Henker selbst holen,« sagte der König eifrig und eilte fort.

Alice dachte, sie wollte lieber zurück gehen und sehen, wie es mit dem Spiele stehe, da sie in der Entfernung die Stimme der Königin hörte, die vor Wut außer sich war. Sie hatte sie schon drei Spieler zum Tode verurteilen hören, weil sie ihre Reihe verfehlt hatten, und der Stand der Dinge behagte ihr gar nicht, da das Spiel in solcher Verwirrung war, dass sie nie wusste, ob sie an der Reihe sei oder nicht. Sie ging also, sich nach ihrem Igel umzusehen.

Der Igel war im Kampfe mit einem andern Igel, was Alice eine vortreffliche Gelegenheit schien, einen mit dem andern zu treffen; die einzige Schwierigkeit war, dass ihr Flamingo nach dem andern Ende des Gartens gegangen war, wo Alice eben noch sehen konnte, wie er höchst ungeschickt versuchte, auf einen Baum zu fliegen.

Als sie den Flamingo gefangen und zurückgebracht hatte, war der Kampf vorüber und die beiden Igel nirgends zu sehen. »Aber es kommt nicht drauf an,« dachte Alice, »da alle Bogen auf dieser Seite des Grasplatzes fortgegangen sind.« Sie steckte also ihren Flamingo unter den Arm, damit er nicht wieder fortliefe, und ging zurück, um mit ihrem Freunde weiter zu schwatzen.

Als sie zum Cheshire-Kater zurück kam, war sie sehr erstaunt, einen großen Auflauf um ihn versammelt zu sehen: es fand ein großer Wortwechsel statt zwischen dem Henker, dem Könige und der Königin, welche alle drei zugleich sprachen, während die Übrigen ganz still waren und sehr ängstlich aussahen.

Sobald Alice erschien, wurde sie von allen dreien aufgefordert, den streitigen Punkt zu entscheiden, und sie wiederholten ihr ihre Beweisgründe, obgleich, da alle zugleich sprachen, man kaum verstehen konnte, was jeder Einzelne sagte.

Der Henker behauptete, dass man keinen Kopf abschneiden könne, wo kein Körper sei, von dem man ihn abschneiden könne; dass er so etwas noch nie getan habe, und jetzt über die Jahre hinaus sei, wo man etwas Neues lerne.

Der König behauptete, dass Alles, was einen Kopf habe, geköpft werden könne, und dass man nicht so viel Unsinn schwatzen solle.

Die Königin behauptete, dass wenn nicht in weniger als keiner Frist etwas geschehe, sie die ganze Gesellschaft würde köpfen lassen. (Diese letztere Bemerkung hatte der Versammlung ein so ernstes und ängstliches Aussehen gegeben.)

Alice wusste nichts Besseres zu sagen als: »Er gehört der Herzogin, es wäre am besten sie zu fragen.«

»Sie ist im Gefängnis,« sagte die Königin zum Henker, »hole sie her.« Und der Henker lief davon wie ein Pfeil.

Da wurde der Kopf des Katers undeutlicher und undeutlicher; und gerade in dem Augenblick, als der Henker mit der Herzogin zurück kam, verschwand er gänzlich; der König und der Henker liefen ganz wild umher, ihn zu suchen, während die übrige Gesellschaft zum Spiele zurückging.

 

Quelle: nach Lewis Carroll, Alice im Wunderland (Kapitel 8)

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Der Hund von Baskerville – Sherlock Holmes (15 min)

Der Hund von Baskerville - Sherlock Holmes (15 min)

Der Hund von Baskerville

(Sherlock Holmes)

Lesezeit: 15 min

»Ich habe ein Manuskript in meiner Tasche,« sagte Doktor James Mortimer.

»Ich bemerkte es, als Sie das Zimmer betraten,« antwortete Holmes.

»Es ist eine alte Handschrift.«

»Vom Anfang des achtzehnten Jahrhunderts – falls nicht etwa eine Fälschung vorliegt.«

»Wie können Sie das so bestimmt sagen?«

»Sie haben mich die ganze Zeit über ein paar Zollbreit davon sehen lassen, so dass ich es prüfen konnte. Das wäre ein armseliger Sachverständiger, der nicht auf ein Jahrzehnt oder so das Datum eines Dokuments bestimmen könnte. Vielleicht haben Sie meine Abhandlung über dieses Thema gelesen. Ich schätze, dass das Manuskript um das Jahr 1730 geschrieben ist.«

»Die genaue Jahreszahl ist 1742.«

Dr. Mortimer zog das Manuskript aus der Brusttasche hervor und fuhr fort:

»Dieses Familienpapier wurde mir von Sir Charles Baskerville anvertraut, dessen plötzlicher, tragischer Tod vor etwa drei Monaten in der Grafschaft Devon so großes Aufsehen erregte. Ich darf wohl sagen, dass ich nicht nur sein ärztlicher Berater, sondern auch sein persönlicher Freund war. Er war ein starkgeistiger Mann, schlau, weltklug und so wenig zu Einbildungen geneigt, wie ich selber. Trotzdem nahm er es mit diesem Schriftstück sehr ernst, und er war innerlich auf genau so einen Tod vorbereitet, wie er ihn schließlich erlitt.«

Holmes streckte die Hand nach dem Manuskript aus und breitete es auf seinem Knie aus.

»Du wirst bemerken, Watson, dass der Buchstabe s abwechselnd lang oder kurz geschrieben ist. Das ist eine von mehreren Indikationen, die es mir ermöglichen, die Entstehungszeit zu bestimmen.«

Ich betrachtete über seine Schulter hinweg das vergilbte Papier und die verblasste Schrift. Am Kopfende stand geschrieben: »Baskerville Hall« und unten in großen kritzeligen Zahlen: »1742«.

»Es scheint so eine Art von Erzählung zu sein.«

»Ja, es ist die Erzählung einer Legende über die Familie Baskerville.«

»Aber ich verstehe Sie doch recht – Sie wünschen mich doch in einer etwas moderneren Angelegenheit des wirklichen Lebens um Rat zu fragen?«

»In einer höchst modernen. Und in einer sehr dringlichen Angelegenheit, die binnen vierundzwanzig Stunden zur Entscheidung gebracht werden muß. Aber das Manuskript ist nur kurz und steht in engem Zusammenhang mit der Geschichte. Mit Ihrer Erlaubnis will ich’s Ihnen vorlesen.«

Holmes lehnte sich in seinen Stuhl zurück, faltete die Hände und schloss die Augen mit der Miene eines Mannes, der sich in sein Schicksal ergibt. Dr. Mortimer hielt das Manuskript so, dass er gutes Licht hatte, und las mit lauter, piepsiger Stimme die nachstehende Geschichte aus alter Zeit:

»Von dem Ursprung des Hundes der Baskervilles hat man gar vielerlei erzählt, aber da ich in gerader Linie von Hugo Baskerville abstamme, und da ich die Geschichte von meinem Vater habe, dem sie von dem seinigen überliefert wurde, so habe ich sie hier niedergeschrieben und bin des festen Glaubens, sie hat sich so zugetragen, wie ich nunmehr berichten will. Und ich bitte Euch, meine Söhne, Ihr wollet glauben, dass eben dieselbige Gerechtigkeit, so die Sünde bestrafet, wohl auch in überreicher Gnade sie vergeben möge, und daß kein Fluch so schwer sei, er könne nicht durch Gebet und Reue gesühnet werden. Entnehmet also aus dieser Geschichte die Lehre, dass ihr Euch nicht fürchtet, die Verbrechen der Vergangenheit möchten für Euch schlimme Früchte zeitigen, sondern dass Ihr vielmehr inskünftig wollet recht bedachtsam sein, auf dass die verruchten Leidenschaften, die unserer Familie so schweren Harm zugefüget, nicht abermals zu unserem Schaden mögen entfesselt werden.

Wisset also, dass zu den Zeiten der großen Revolution – deren Geschichte, wie der gelehrte Lord Clarendon sie beschrieben, ich Euch recht angelegentlich zum Lesen empfehle – dieses Herrenhaus Baskerville bewohnt wurde von Herrn Hugo desselbigen Namens; und es kann nicht verschwiegen werden, dass er ein sehr wilder, verruchter und gottloser Mann war. Dieses hätten nun wohl seine Nachbarn ihm verzeihen mögen, sintemalen in hiesiger Gegend Heilige niemals haben gedeihen wollen; aber es war an seiner Wildheit ein gewisser mutwilliger und grausamer Humor, und dadurch wurde sein Name im ganzen Westen bekannt. Nun begab es sich, dass dieser Hugo zu der Tochter eines Landmanns, der an der Grenze der Baskervilleschen Güter seinen Bauernhof hatte, in Liebe entbrannte – wenn man eine so finstere Leidenschaft wie die seinige mit einem so leuchtenden Worte bezeichnen darf. Aber die junge Maid, die züchtig und von gutem Rufe war, wich ihm stets aus, denn sie fürchtete seinen bösen Namen.

Es begab sich aber, dass am Michaelistag dieser Hugo nebst fünf oder sechs von den verruchten Genossen seiner Schwelgereien sich in das Bauernhaus schlich und das Mädchen entführte; ihr Vater aber und ihre Brüder waren nicht zu Hause, wie er sehr wohl wusste.

Und sie brachten sie ins Schloss, und die Jungfrau wurde in ein Zimmer im obersten Stockwerk eingeschlossen; Hugo aber und seine Freunde saßen nieder zu einem langen Zechgelage, wie sie allnächtlich zu tun pflegten. Da mochten wohl der armen Dirne da oben die Sinne schwinden, als sie das Singen und Toben und fürchterliche Fluchen hörte, das von unten heraufscholl – denn man sagt, solche Worte, wie Hugo Baskerville sie im Weinrausch äußerte, die brächten den Mann, der sie spräche, sicherlich in die Hölle.

Und zuletzt tat sie in der Verzweiflung ihrer Angst etwas, wovor wohl der tapferste und gewandteste Mann möchte zurückgeschaudert sein; denn mit Hilfe der Efeuranken, die die Mauer bedeckten – und noch bedecken – klomm sie von der Höhe dicht unter dem Dache hinunter zum festen Boden, und dann rannte sie nach Hause quer über das Moor. Der Weg aber von dem Schloss bis zu ihres Vaters Hof war drei Stunden weit.

Und es begab sich, dass kurze Zeit darauf Hugo seine Gäste verließ, um seiner Gefangenen Speise und Trank zu bringen – und vielleicht wollte er noch Schlimmeres –, und dass er den Käfig leer und den Vogel entflohen fand. Da war es gleich, als käme der Teufel über ihn, denn er lief die Treppen hinunter in den Speisesaal und sprang auf den großen Tisch, dass Flaschen und Teller herunterfielen, und schrie laut vor der ganzen Gesellschaft, er wolle noch in selbiger Nacht Leib und Seele den bösen Mächten zu eigen geben, wenn er nur die Dirne wieder einholte. Entsetzt starrten die Zechbrüder auf den rasenden Mann, einer aber, der noch verruchter oder vielleicht auch nur trunkener war als die anderen, rief, sie sollten die Hunde auf sie hetzen. Und Hugo lief aus dem Hause und rief seinen Stallknechten zu, sie sollten seine Stute satteln und die Hunde aus dem Zwinger lassen; er zeigte diesen ein Halstuch des Mädchens, und mit lautem Gekläff ging es im Mondschein über das Moor.

Eine Zeit lang waren die Zechkumpane ganz starr vor Verblüffung; sie vermochten die Vorgänge, die sich mit solcher Schnelligkeit abgespielt hatten, nicht zu begreifen. Aber allmählich dämmerte ihnen in ihren umnebelten Schädeln eine Ahnung auf, was wohl auf dem Moor sich begeben würde. Und es erhob sich ein gewaltiger Lärm, die einen riefen nach ihren Pistolen, andere nach ihren Pferden, noch wieder andere schrien, es sollten neue Weinflaschen gebracht werden. Endlich jedoch wurden sie etwas vernünftiger, und die ganze Gesellschaft, dreizehn an der Zahl, stieg zu Pferde und ritt Herrn Hugo nach. Der Mond schien klar über ihren Häuptern, und sie sprengten in schnellem Lauf den Weg entlang, den das Mädchen genommen haben mußte, um ihr Haus zu erreichen.

Sie waren eine oder zwei Meilen geritten, als sie einem jener Hirten begegneten, die nachts ihre Schafe über das Moor treiben; und sie riefen ihm zu, ob er den Reiter mit den Hunden gesehen hätte. Und der Mann, so berichtet die Überlieferung, war so von Furcht gelähmt, dass er kaum sprechen konnte; schließlich aber sagte er, er habe wirklich die unglückliche Jungfrau gesehen, und die Hunde seien ihr auf der Spur gewesen. »Aber ich habe noch mehr gesehen als das,« sagte er. »Denn Hugo Baskerville ritt an mir vorüber auf seiner schwarzen Stute, und hinter ihm rannte stumm solch ein Höllenhund, wie Gott ihn niemals mir auf die Fersen hetzen wolle!«

Die trunkenen Herren aber fluchten auf den Schäfer und ritten weiter. Bald jedoch ging es ihnen kalt über die Haut, denn es galoppierte etwas über das Moor herüber, und die schwarze Stute raste, mit weißem Schaum bedeckt, mit schleifendem Zügel und leerem Sattel an ihnen vorüber. Da drängten die Zechbrüder sich eng aneinander, denn eine große Angst kam über sie; trotzdem ritten sie noch weiter, obwohl jeder von ihnen, wäre er allein gewesen, herzlich gern sein Pferd würde herumgeworfen haben. Langsam weiter reitend, trafen sie schließlich die Hunde. Diese lagen, obwohl berühmt wegen ihres edlen Geblüts und ihrer Tapferkeit, winselnd zu einem Klumpen zusammengedrängt am Eingang einer tiefen Schlucht; einige von ihnen schlichen sich gar zur Seite, die anderen starrten mit gesträubten Haaren und stieren Augen in das schmale Tal hinein, das vor ihnen lag.

Die Gesellschaft hatte Halt gemacht; die Herren waren, wie Ihr Euch denken könnt, jetzt nüchterner als beim Fortreiten. Die Meisten wollten durchaus nicht weiter, aber drei von ihnen, die Kühnsten – oder auch die Betrunkensten – ritten in die Schlucht hinein. Diese öffnete sich allmählich zu einem breiten Raum, wo zwei große Steine standen; sie stehen auch jetzo noch dorten und sind von Menschen gesetzt worden, deren Gedenken seit langen Zeiten verschollen ist. Der Mond schien hell auf den freien Platz, und in der Mitte lag das Mädchen auf der Stelle, wo sie vor Angst und Ermattung tot hingesunken war.

Doch nicht der Anblick ihres Leichnams, auch nicht der Anblick des Leichnams von Hugo Baskerville war es, was diesen drei gottlosen Wüstlingen das Haar emporsträubte. Aber über Hugo, dessen Kehle zerfleischend, stand ein grausiges Wesen, eine große schwarze Bestie von der Gestalt eines Hundes, nur viel größer als jeder Hund, den je eines Sterblichen Auge erschaut hat. Und vor ihren entsetzten Augen riss das Tier dem Hugo Baskerville die Kehle auf, dann sah es mit triefenden Lefzen und glühenden Augen auf die Reiter; diese aber stießen ein gellendes Geschrei aus und sprengten, als gälte es das Leben, fortwährend schreiend über das Moor zurück. Einer, so erzählt man, starb noch in selbiger Nacht von dem Anblick, die anderen zwo aber waren gebrochene Männer für den Rest ihrer Tage.

Dieses ist, meine Söhne, die Geschichte von der Herkunft des Hundes, der, wie man sagt, seitdem unsere Familie so grimmig verfolgt hat. Ich habe sie aber niedergeschrieben, weil etwas Bekanntes offenbarlich weniger Grauen einflößt als etwas, was nur mit Winken und Andeutungen einem zugetragen wird. Es lässt sich freilich nicht leugnen, dass mancher von unserer Familie eines unseligen Todes gestorben ist, dass viele plötzlich geheimnisvoll und auf eine blutige Art verschieden sind. Und doch mögen wir uns der unendlichen Güte der Vorsehung ruhig hingeben; sie wird niemals die Unschuldigen bestrafen über das dritte oder vierte Glied hinaus, wie die Drohung in der Heiligen Schrift lautet.

Dieser Vorsehung, meine Söhne, empfehle ich Euch hiermit, und ich rate Euch, vorsichtig zu sein und dem Moor fern zu bleiben in jenen finsteren Stunden, da die bösen Mächte ihr Spiel treiben.

Dies schrieb Hugo Baskerville für seine Söhne Rodger und John. Und sie sollen ihrer Schwester Elisabeth nichts davon sagen.«

Dr. Mortimer war mit dem Vorlesen der seltsamen Geschichte fertig; er schob seine Brille auf die Stirn hinauf und warf einen erwartungsvollen Blick auf Sherlock Holmes. Dieser gähnte, warf das Stümpfchen seiner Zigarette ins Feuer und sagte:

»Nun?«

»Finden Sie die Geschichte nicht interessant?«

»O ja, für einen Märchensammler.«

Dr. Mortimer zog ein zusammengelegtes Zeitungsblatt aus der Tasche und sagte:

»Nun, Herr Holmes, so wollen wir Ihnen jetzt etwas Moderneres vorlegen. Dies hier ist die ›Devon Country Chronicle‹ vom 14. Mai dieses Jahres. Sie enthält einen kurzen Bericht über den etliche Tage vorher eingetretenen Tod Sir Charles Baskervilles.«

Mein Freund beugte sich ein wenig vor, und seine Züge nahmen einen Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit an. Unser Besucher schob seine Brille zurecht und begann:

»Der soeben erfolgte plötzliche Tod Sir Charles Baskervilles, von dem als vermutlichen Kandidaten der liberalen Partei für Mitteldevon bei der nächsten Wahl die Rede war, ist ein trauriges Ereignis für die ganze Grafschaft. Wenngleich Sir Charles erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit Baskerville Hall bewohnte, so hatten ihm doch sein liebenswürdiger Charakter und seine außerordentliche Freigebigkeit die Zuneigung und Achtung aller gewonnen, die mit ihm in Berührung kamen. In unseren Tagen reicher Emporkömmlinge freut man sich, wenn es einmal dem Sprössling einer altansässigen Familie gelungen ist, aus eigener Kraft ein Vermögen zu erwerben und damit den verblichenen Glanz seines durch böse Zeitläufte gegangenen Geschlechtes wieder aufzufrischen. Wie wohl allgemein bekannt ist, gewann Sir Charles große Summen durch Spekulationen in Südafrika. Er war weise genug, nicht so lange zu warten, bis das Glück sich gegen ihn kehrte, sondern machte seinen Gewinn zu Geld und kehrte damit nach England zurück. Es sind erst zwei Jahre vergangen, seit er wieder Baskerville Hall bezog, und die von ihm geplanten großen Neubauten und Verbesserungen bildeten bekanntlich das allgemeine Gespräch in der ganzen Gegend; nun sind sie durch seinen Tod unterbrochen worden. Da er selbst keine Kinder hatte, so war es sein offen ausgesprochener Wunsch, die ganze Gegend solle an dem ihm beschieden Glück einen Anteil haben. Gar mancher wird daher ganz persönliche Veranlassung haben, den vorzeitigen Tod des Wohltäters zu beweinen. Von seinen hochherzigen Schenkungen zu milden Zwecken ist in unseren Spalten oft die Rede gewesen.

Die Umstände, unter denen der Tod erfolgt ist, sind freilich durch die Untersuchung nicht gänzlich aufgeklärt worden, doch ist immerhin genug festgestellt, um gewissen Gerüchten entgegenzutreten, die durch den Aberglauben der Bevölkerung in Umlauf gesetzt sind. Nicht der geringste Grund spricht für ein Verbrechen oder lässt darauf schließen, dass übernatürliche Mächte im Spiel sein könnten. Sir Charles war Witwer und galt in manchen Dingen als etwas exzentrisch. Trotz seines beträchtlichen Reichtums war er einfach in seinen Lebensgewohnheiten, und die im Haus selbst wohnende Dienerschaft von Baskerville Hall bestand nur aus dem Ehepaar Barrymore. Ihre Aussage, die durch das Zeugnis mehrerer Freunde des Verstorbenen bestätigt wird, lautet dahin, dass Sir Charles schon seit einiger Zeit bei schwacher Gesundheit gewesen sei und besonders an einer Herzkrankheit gelitten habe, die sich in plötzlichen Veränderungen der Gesichtsfarbe, in Atemnot und in Anfällen von Gemütsverstimmung zeigte. Dr. Mortimer, der Freund und ärztliche Berater des Verstorbenen, hat in demselben Sinn ausgesagt.

Die Tatsachen des Falles sind einfach. Sir Charles Baskerville hatte die Angewohnheit, jede Nacht vor dem Zubettgehen noch einen Spaziergang in der berühmten Taxusallee von Baskerville Hall zu machen. Dies geht aus dem Zeugnis der Barrymores hervor. Am 4. Mai hatte Sir Charles die Absicht ausgesprochen, am nächsten Tag nach London zu fahren und hatte Barrymore beauftragt, sein Gepäck zurecht zu machen. Am Abend ging er wie immer aus, um seiner Gewohnheit gemäß auf seinem nächtlichen Spaziergang eine Zigarre zu rauchen. Er kam nicht wieder zurück. Um 12 Uhr fand Barrymore die Haustür noch offen, wurde unruhig und ging mit einer brennenden Laterne auf die Suche nach seinem Herrn. Es hatte tagsüber geregnet, und Sir Charles‘ Fußspuren waren leicht die Taxusallee hinunter zu verfolgen. Auf halbem Weg befindet sich eine Pforte, die zum Moor hinausführt. Aus gewissen Anzeichen lässt sich schließen, dass Sir Charles dort eine Zeit lang verweilt hat. Dann hatte er seinen Weg die Allee hinunter fortgesetzt, und an dem äußersten Ende dieser Allee wurde seine Leiche aufgefunden.

Noch ungeklärt ist der von Barrymore bezeugte Umstand, dass sich die Fußspuren von der Heckenpforte an änderten, und dass er augenscheinlich von dieser Stelle an auf den Fußspitzen weitergegangen war. Ein Pferdehändler Namens Murphy war um jene Stunde nicht weit davon auf dem Moor, jedoch in etwas angetrunkenem Zustand, wie er selber angibt. Er erklärt, er habe mehrere Schreie gehört, könne aber nicht sagen, aus welcher Richtung diese gekommen seien. Zeichen von Gewalt waren an Sir Charles‘ Leiche nicht zu entdecken; allerdings waren nach Aussage des Arztes seine Gesichtszüge auf fast unglaubliche Weise verzerrt – Doktor Mortimer wollte anfangs gar nicht glauben, dass es sein Freund und Klient war, der da als Leiche vor ihm lag – indessen ist dies ein Symptom, das man an Toten, die an Herzschlag gestorben sind, nicht selten beobachtet. Diese Erklärung wurde bestätigt durch den Sektionsbefund, der eine weit vorgeschrittene, langjährige Erkrankung des Herzens ergab. Die zur Leichenschau berufenen Geschworenen entschieden daher in Übereinstimmung mit der Meinung des Arztes. Dies ist gut so; denn selbstverständlich ist es von allergrößter Wichtigkeit, dass auch Sir Charles‘ Erbe sich auf Baskerville Hall niederlässt und die so traurig unterbrochene nutzbringende Arbeit wieder aufnimmt. Hätte der sachliche Befund der Leichenschau nicht die von Ohr zu Ohr geflüsterten romantischen Geschichten endgültig zum Schweigen gebracht, so möchte es wohl schwer gehalten haben, einen neuen Bewohner nach Baskerville Hall zu bringen. Wie wir vernehmen, ist der nächste Verwandte Herr Henry Baskerville, – falls er noch am Leben ist – der Sohn von Sir Charles‘ jüngerem Bruder. Der junge Herr befand sich nach den letzten Nachrichten in Amerika; es sind bereits Nachforschungen nach ihm angestellt, um ihn von der ihm zugefallenen Erbschaft in Kenntnis zu setzen.«

Doktor Mortimer faltete seine Zeitung zusammen und steckte sie wieder in die Tasche.

»Dies, Herr Holmes, sind die öffentlich feststehenden Tatsachen in Bezug auf den Tod Sir Charles Baskervilles.«

»Ich muss Ihnen meinen Dank aussprechen,« sagte Sherlock Holmes, »dass Sie meine Aufmerksamkeit auf einen Fall gelenkt haben, der sicherlich manche interessante Aspekte darbietet. Mir waren seinerzeit bereits einige Zeitungsartikel über diese Sache aufgefallen, aber gerade damals beschäftigte mich ganz außerordentlich der kleine Fall mit den vatikanischen Kameen, und in meinem Eifer, dem Papst gefällig zu sein, verlor ich die Fühlung mit verschiedenen interessanten englischen Fällen. Sie sagten doch, dieser Artikel enthalte alle öffentlich bekannten Tatsachen?«

»Ja.«

»Dann lassen Sie mich wissen, welches die geheimen Tatsachen sind.«

Damit lehnte Holmes sich zurück, faltete wieder seine Hände und nahm die unbeweglichen Gesichtszüge an, die bei ihm ein Zeichen waren, dass er seine ganze Urteilskraft anspannte. Dr. Mortimer war augenscheinlich von einer starken Erregung ergriffen; endlich sagte er:

»Ich will es tun; aber ich sage Ihnen damit etwas, was ich bisher keinem Menschen anvertraut habe. Ich habe es vor den Geschworenen der Leichenschau verschwiegen, – das tat ich, weil ein Mann der Wissenschaft davor zurückscheut, den Anschein zu erwecken, als ob er einen Volksaberglauben unterstützen wolle. Ferner hatte ich den Grund, dass, wie auch die Zeitung bemerkt, Baskerville Hall ganz gewiss keine neuen Bewohner erhalten würde, wenn der ohnehin schon grausige Ruf, worin das Haus steht, noch verschlimmert würde. Aus diesen beiden Gründen glaubte ich ein Recht zu haben, nicht alles zu sagen, was ich wusste; denn irgend ein Nutzen war dabei nicht zu erreichen. Aber Ihnen gegenüber habe ich keine Ursache, nicht vollständig offen zu sein.

»Das Moor ist sehr dünn besiedelt; die Nachbarn sind daher sehr aufeinander angewiesen. So verkehrte ich denn auch sehr viel mit Sir Charles Baskerville. Mit Ausnahme von Herrn Frankland auf Lafter Hall und einem Naturforscher, Herrn Stapleton, gibt es auf Meilen im Umkreis keine wissenschaftlich gebildeten Männer. Sir Charles suchte die Zurückgezogenheit; aber seine Krankheit brachte uns zusammen, und da wir gemeinsame wissenschaftliche Interessen hatten, so wurde unser Verkehr ein dauernder. Er hatte viele wissenschaftliche Kenntnisse aus Südafrika mitgebracht, und manchen köstlichen Abend verlebten wir zusammen in Gesprächen über die anatomischen Eigentümlichkeiten der Buschmänner und der Hottentotten.

»In den letzten Monaten verstärkte sich immer mehr meine Überzeugung, dass Sir Charles‘ Nerven bis zum Zerreißen angespannt waren. Er nahm die Sage, die ich Ihnen vorlas, außerordentlich ernst; dies ging so weit, dass er unter keinen Umständen nachts das Moor betrat, obwohl es zu seinem eigenen Grund und Boden gehörte. Es mag Ihnen unglaublich erscheinen, Herr Holmes, aber er war allen Ernstes überzeugt, dass ein grausiges Verhängnis über seinem Geschlecht schwebte, und allerdings klang, was er von seinen Vorfahren zu erzählen wusste, nicht gerade ermutigend. Der Gedanke, von irgendwelchen bösen Geistern umgeben zu sein, verfolgte ihn beständig, und mehr als einmal fragte er mich, ob ich nicht auf den nächtlichen Fahrten, die mein Beruf nötig machte, eine seltsame Erscheinung gesehen oder Hundegebell gehört hätte. Diese letztere Frage richtete er mehrmals an mich, und stets zitterte dabei seine Stimme vor Erregung.

»Eines Abends – ich erinnere mich des Vorfalls noch sehr gut; es war ungefähr drei Wochen vor dem traurigen Ereignis – fuhr ich bei seinem Haus vor. Er stand zufällig vor seiner Tür. Ich war von meinem Wagen abgestiegen und stand vor ihm; plötzlich sah ich, wie seine Augen in furchtbarstem Entsetzen über meine Schulter hinwegstarrten.

Ich drehte mich um und konnte gerade noch am Ende des Weges eine Gestalt bemerken, die ich für ein großes schwarzes Kalb hielt. Er war so entsetzlich aufgeregt, dass ich zu der Stelle, wo das Tier gewesen war, hingehen und Umschau halten musste. Es war jedoch verschwunden. Die Erscheinung hatte augenscheinlich einen sehr schlimmen Eindruck auf ihn gemacht. Ich blieb den ganzen Abend bei ihm, und bei dieser Gelegenheit gab er mir, um mir seine Aufregung zu erklären, die geschriebene Erzählung, die ich Ihnen vorhin vorlas. Ich erwähne diesen kleinen Vorfall, weil er durch die darauffolgende Tragödie eine gewisse Bedeutung gewonnen hat; aber damals war ich überzeugt, die Erscheinung würde eine sehr natürliche Ursache haben, und seine Aufregung sei völlig unbegründet.

»Zu der Reise nach London entschloss Sir Charles sich auf mein Anraten. Ich kannte seinen gefährlichen Herzfehler; die beständige Aufregung, in der er lebte, griff offenbar in ernstlicher Weise seine Gesundheit an, mochten es auch reine Hirngespinste sein. Ich dachte, ein paar Monate unter den Zerstreuungen der Großstadt würden einen neuen Menschen aus ihm machen. Unser gemeinsamer Freund Stapleton, der sich ebenfalls große Sorge um Sir Charles‘ Gesundheit machte, teilte meine Ansicht. Im letzten Augenblick vor der Reise trat das traurige Ereignis ein.

»In der Todesnacht schickte Barrymore, der den Leichnam auffand, den Stallknecht Perkins als reitenden Boten zu mir, und da ich trotz der späten Stunde noch auf war, so war es mir möglich, binnen einer Stunde nach Barrymores Entdeckung auf Baskerville Hall einzutreffen. Ich stellte alle bei der Untersuchung vorgebrachten Einzelheiten fest. Ich verfolgte die Fußspuren in der Taxusallee, ich sah die Stelle an der Moorpforte, wo er gewartet zu haben schien, ich bemerkte die Veränderung der Fußspuren von jener Stelle an, ich stellte fest, dass auf dem weichen Boden keine anderen Spuren vorhanden waren als die von Barrymore hinterlassenen. Endlich untersuchte ich sorgfältig den Leichnam, der bis zu meiner Ankunft unberührt liegen geblieben war. Sir Charles lag mit dem Gesicht nach unten, die Finger in das Erdreich eingekrallt, und seine Züge waren von einer ungeheuren Erregung so furchtbar verzerrt, dass ich kaum darauf hätte schwören können, es sei wirklich mein Freund. Ganz bestimmt war keine körperliche Verletzung irgend welcher Art vorhanden. Aber eine falsche Angabe hat Barrymore vor der Jury gemacht. Er behauptete, es seien auf dem Boden in der Nähe der Leiche keine Spuren vorhanden gewesen. Er bemerkte allerdings keine. Aber ich sah welche – ein kleines Stück entfernt, aber frisch und deutlich.«

»Fußspuren?«

»Fußspuren.«

»Von einem Mann oder von einer Frau?«

Dr. Mortimer sah uns einen Augenblick lang mit sonderbarem Ausdruck an; dann sagte er leise, fast flüsternd:

»Herr Holmes, es waren die Spuren eines riesengroßen Hundes.«

 

Quelle: nach Der Hund von Baskerville, Arthur Conan Doyle (Kapitel 2)

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