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Fliedermütterchen (8 min)

Fliedermütterchen (8 min)

Fliedermütterchen

Lesezeit: 8 min
Der Junge mit den nassen Füßen

Es war einmal ein kleiner Knabe, der hatte sich erkältet; er war ausgegangen und hatte nasse Füße erhalten, niemand konnte begreifen, woher er sie erhalten hatte, denn es war ganz trockenes Wetter. Nun entkleidete ihn seine Mutter, brachte ihn zu Bette und ließ die Teemaschine hereinbringen, um ihm eine gute Tasse Fliedertee zu bereiten, denn der Tee erwärmt. Zu gleicher Zeit kam auch der alte, freundliche Mann zur Thür herein, der ganz oben im Hause wohnte und allein lebte; denn er hatte weder Frau noch Kinder, liebte aber die Kinder und wusste so viel Märchen und Geschichten zu erzählen, dass es eine Lust war.

»Nun trinkst Du Deinen Tee,« sagte die Mutter, »vielleicht bekommst Du dann ein Märchen zu hören.«

»Ja, wenn ich nur ein neues wüsste!« sagte der alte Mann und nickte freundlich. »Wo hat der Kleine die nassen Füße bekommen?« fragte er.

»Ja, wie das geschehen ist,« sagte die Mutter, »das kann niemand begreifen.«

»Erzählen sie ein Märchen?« fragte der Knabe.

»Kannst Du mir genau sagen, denn das muss ich zuerst wissen, wie tief der Rinnstein in der kleinen Straße ist, wo Du in die Schule gehst?«

»Gerade bis mitten auf die Schäfte,« sagte der Knabe, »aber dann muss ich in das tiefe Loch gehen!«

»Sieh, davon hast Du die nassen Füße!« sagte der Alte. »Nun soll ich freilich ein Märchen erzählen, aber ich weiß keines mehr!«

»Sie können ein neues machen!« sagte der kleine Knabe. »Die Mutter sagt, dass Sie aus allem, was Sie betrachten, ein Märchen machen können, und von allem, was sie berühren, könne Sie eine Geschichte erzählen!«

»Ja, aber die Märchen und Geschichten taugen nichts! Die ordentlichen kommen von selbst, die klopfen mir gegen die Stirn und sagen: hier bin ich!«

»Klopft es nicht bald?« fragte der kleine Knabe; die Mutter lachte, tat Fliedertee in die Kanne und goß kochendes Wasser darüber.

»Erzählen Sie etwas!«

Ein neues Märchen

»Ja, wenn ein Märchen von selbst kommen möchte, aber sie sind vornehm, sie kommen nur, wenn sie Lust haben! – Warte!« sagte er auf einmal. »Da haben wir eines! Gieb acht, nun ist eins in der Teekanne!«

Der kleine Knabe sah nach der Teekanne hin, der Deckel hob sich mehr und mehr, und die Fliederblumen kamen frisch und weiß daraus hervor, sie schossen große, lange Zweige, selbst aus der Leinwand verbreiteten sie sich nach allen Seiten und wurden größer und größer.

Es war der herrlichste Fliederbusch, ein ganzer Baum, er ragte in das Bett hinein und schob die Vorhänge zur Seite. Wie das blühte und duftete, und mitten im Baume saß eine alte, freundliche Frau mit einem sonderbaren Kleide, es war ganz grün, gleich den Blättern des Fliederbaumes, und mit großen, weißen Fliederblumen besetzt. Man konnte nicht so gleich erkennen, ob es Zeug oder lebendiges Grün und Blumen waren.

»Wie heißt die Frau?« fragte der kleine Knabe.

Das Fliedermütterchen

»Ja, die Römer und Griechen,« sagte der alte Mann, »die nannten sie eine Dryade, aber das verstehen wir nicht. Draußen in der Vorstadt haben wir einen besseren Namen für dieselbe, da wird sie ›Fliedermütterchen‹ genannt, und sie ist es, auf die Du acht geben musst. Horch‘ nur auf, und betrachte den herrlichen Fliederbaum. Gerade so ein großer, blühender Baum steht da draußen; er wuchs in einem Winkel eines kleinen, ärmlichen Hofes. Unter diesem Baum saßen eines Mittags im schönsten Sonnenschein zwei alte Leute, es wär ein alter, alter Seemann und seine alte, alte Frau; sie waren Urgroßeltern und sollten bald ihre goldene Hochzeit halten, aber sie konnten sich des Hochzeitstages nicht recht entsinnen; die Fliedermutter saß im Baum und sah ebenso vergnügt aus; wie hier. ›Ich weiß wohl, wann Eure goldene Hochzeit ist!‹ sagte sie, aber die beiden Alten hörten es nicht, sie sprachen von vergangenen Zeiten.«

»Ja, entsinnest Du Dich?« sagte der alte Seemann, »damals als wir noch klein waren und herumliefen und spielten, es war in demselben Hofe, wo wir nun sitzen, und wir pflanzten kleine Stecken in den Hof und machten einen Garten.«

»Ja,« sagte die alte Frau, »dessen erinnere ich mich recht gut, und wir begossen die Stecken, und einer derselben war ein Fliederzweig, der schlug Wurzeln, schoss grüne Zweige und ist ein großer, stattlicher Baum geworden, unter dem wir alten Leute nun sitzen.«

»Ja, richtig,« sagte er; »und dort in der Ecke stand ein Wasserkübel, dort schwamm mein Fahrzeug, ich hatte es selbst ausgeschnitten, wie das segeln konnte! Aber ich musste freilich bald anders wohin segeln.«

Schule und lange Reisen

»Ja, aber zuerst gingen wir in die Schule und lernten etwas,« sagte sie, »und dann wurden wir eingesegnet. Wir weinten beide; aber des Nachmittags gingen wir Hand in Hand auf den runden Turm und sahen in die Welt hinaus über Kopenhagen und das Wasser, dann gingen wir hinaus nach Friedrichsburg, wo der König und die Königin in ihrem prächtigen Bote auf den Kanälen herumfuhren.«

»Aber ich musste bald anderswo herumfahren und viele Jahre lang reisen!«

»Ja, ich weinte oft Deinetwegen!« sagte sie. »Ich glaubte, Du seiest tot und lägest dort unten im Wasser. Manche Nacht stand ich auf und sah, ob der Wetterhahn sich drehte, ja, er drehte sich wohl, aber Du kamst nicht! Ich erinnere mich deutlich, wie es eines Tages in Strömen vom Himmel goß, der Kehrichtwagen hielt vor der Thür, wo ich diente, ich ging mit dem Kehrichtfasse hinunter und blieb vor der Thür stehen; – was war das für ein abscheuliches Wetter! Und als ich dastand, war der Briefträger mir zur Seite und gab mir einen Brief, der war von Dir! Ja, wie der herumgereist war! Ich riss ihn auf und las; ich lachte und weinte, ich war so froh! Da stand, dass Du in den warmen Ländern seiest, wo die Kaffeebohnen wachsen. Was muss das für ein wunderbares, herrliches Land sein! Du erzähltest viel, und ich sah das alles, während der Regen herniedergoss, und ich mit dem Kehrichtfasse dastand. Da war einer, der mich um den Leib nahm – –.«

Die Heimkehr

»Ja, aber Du gabst ihm einen tüchtigen Schlag auf das Ohr, dass es klatschte.«

»Ich wusste auch nicht, dass Du es warst. Du warst ebenso geschwind als Dein Brief gekommen, und Du warst so schön – das bist Du noch. Du hattest ein langes, gelbes, seidenes Tuch in der Tasche und einen neuen Hut auf, Du warst so fein. Gott, was war das für ein abscheuliches Wetter, und wie sah die Straße aus!«

»Dann heirateten wir uns,« sagte er, »entsinnst Du Dich? Und dann, als wir den ersten kleinen Knaben und dann Marie und Jakob und Peter und Hans und Christian bekamen!«

»Ja, und wie die alle herangewachsen und ordentliche Menschen geworden sind, die ein jeder gern hat.«

»Und ihre Kinder haben wieder Kleine bekommen,« sagte der alte Matrose, »ja das sind Kindeskindeskinder, da ist Kern darin! – War es nicht gerade um diese Zeit des Jahres, dass wir Hochzeit hielten?«

Der Hochzeitstag und die Familie

»Ja, eben heute ist der goldene Hochzeitstag!« sagte die Fliedermutter und steckte den Kopf gerade zwischen die beiden Alten hinunter, und sie glaubten, es sei die Nachbarin, die da nickte. Sie sahen einander an und hielten sich an den Händen. Bald darauf kamen die Kinder und Kindeskinder, denn sie wussten wohl, dass es der goldene Hochzeitstag sei, sie hatten schon des Morgens gratuliert, aber die Alten hatten es vergessen, während sie sich gut an alles erinnerten, was vor vielen Jahren geschehen war. Der Fliederbaum duftete stark, und die Sonne, die im Untergehen begriffen war, schien den beiden Alten gerade in das Antlitz, sie sahen beide rotwangig aus, und das kleinste der Kindeskinder tanzte um sie herum und rief ganz glücklich, dass diesen Abend große Pracht herrschen werde, sie sollten warme Kartoffeln haben; und die Fliedermutter nickte im Baum und rief mit all‘ den andern: »Hurra!«

»Aber das war ja kein Märchen!« sagte der kleine Knabe, der es erzählen hörte.

»Ja, das musst Du verstehen,« sagte der Alte, der erzählte; »aber lass uns Fliedermütterchen danach fragen!«

»Das war kein Märchen,« sagte die Fliedermutter, »aber nun kommt es! Aus der Wirklichkeit wächst eben das sonderbarste Märchen heraus, sonst könnte ja mein schöner Fliederbusch nicht aus der Teekanne hervorgesprossen sein!« Und dann nahm sie den kleinen Knaben aus dem Bette, legte ihn an ihre Brust, und die Fliederzweige voller Blumen schlugen um sie zusammen, sie saßen wie in der dichtesten Laube, und diese flog mit ihnen durch die Luft, es war unaussprechlich schön!

Der Flug mit dem Fliedermütterchen

Fliedermütterchen war auf einmal ein niedliches, junges Mädchen geworden, aber das Kleid war noch von demselben grünen weißgeblümten Zeuge, wie es Fliedermütterchen getragen hatte. Am Busen hatte sie eine wirkliche Fliederblume und im ihr gelbes, gelocktes Haar einen ganzen Kranz von Fliederblumen; ihre Augen waren blau, o, sie war herrlich anzuschauen! Sie und der Knabe küssten sich, und dann waren sie im gleichen Alter und fühlten gleiche Freuden.

Sie gingen nun Hand in Hand aus der Laube, und standen auf einmal im schönen Blumengarten der Heimat; bei dem frischen Grasplatz war des Vaters Stock an einen Pflock angebunden. Für die Kleinen war Leben im Stock; sobald sie sich quer über denselben setzten, verwandelte sich der blanke Knopf zu einem prächtig wiehernden Kopf, die lange, schwarze Mähne flatterte, vier schlanke, starke Beine schossen hervor; das Tier war stark und mutig. Im Galopp fuhren sie um den Grasplatz herum, hussa! – »Nun reiten wir viele Meilen weit fort,« sagte der Knabe; »wir reiten nach dem Gut, wo wir im vorigen Jahre waren!« Und sie ritten und ritten um den Rasenplatz herum, und immer rief das kleine Mädchen, die, wie wir wissen, keine andere als die Fliedermutter war: »Nun sind wir auf dem Lande, siehst Du das Bauernhaus mit dem großen Backofen, der wie ein riesengroßes Ei aus der Mauer nach dem Weg heraus erscheint? Der Fliederbaum breitet seine Zweige darüber hin, und der Hahn geht und kratzt für die Hühner. Sieh, wie er sich brüstet! – Nun sind wir bei der Kirche, die liegt hoch auf dem Hügel unter den großen Eichbäumen, wovon der eine halb abgestorben ist! – Nun kommen wir zu der Schmiede, wo das Feuer brennt und die Männer mit den Hämmern schlagen, daß die Funken weit umhersprühen. Fort, fort nach dem prächtigen Gut!« Und alles, was das kleine Mädchen, die hinten auf dem Stock saß, sagte, das flog auch vorbei, der Knabe sah es, und doch kamen sie nur um den Grasplatz herum. Dann spielten sie im Seitengange und ritzten in der Erde einen kleinen Garten, und sie nahm Fliederblumen aus ihrem Haar, pflanzte sie, und sie wuchsen, so, wie bei den Alten damals, als sie noch klein waren, und wie früher erzählt worden ist. Sie gingen Hand in Hand, wie die alten Leute es als Kinder gemacht hatten, aber nicht auf den runden Turm hinauf, oder nach dem Friedrichsburger Garten, nein, das kleine Mädchen fasste den Knaben um den Leib, und dann flogen sie weit herum im ganzen Lande, und es war Frühjahr, und es wurde Sommer, und es war Erntezeit, und es wurde Winter, und tausende von Bildern spiegelten sich in des Knaben Augen und Herzen ab, und immer sang das kleine Mädchen ihm vor: »Das wirst Du nie vergessen!«

Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter

Auf dem ganzen Fluge duftete der Fliederbaum süß und herrlich. Der Knabe bemerkte wohl die Rosen und die frischen Buchen, aber der Fliederbaum duftete noch stärker, denn seine Blumen hingen an des kleinen Mädchens Herzen, und daran lehnte er oft im Fluge sein Haupt.

»Hier ist es schön im Frühjahr!« sagte das junge Mädchen, und sie standen in dem frisch ausgeschlagenen Buchenwalde, wo der grüne Klee zu ihren Füßen duftete, und in dem Grünen sahen die blassroten Anemonen lieblich aus. »O, wäre es immer Frühjahr in dem duftenden Buchenwalde!«

»Hier ist es herrlich im Sommer!« sagte sie und sie fuhren an alten Schlössern aus der Ritterzeit vorbei, wo sich die roten Mauern und gezackten Giebel in den Kanälen spiegelten, wo die Schwäne schwammen und in die alten kühlen Alleen hinauf sahen. Auf dem Felde wogte das Korn, gleich einem See, in den Gräben standen rote und gelbe Blumen, und auf den Gehegen wilder Hopfen und blühende Winden. Am Abend stieg der Mond rund und groß empor, die Heuhaufen auf den Wiesen dufteten süß. »Das vergisst sich nie!«

»Hier ist es herrlich im Herbst!« sagte das kleine Mädchen, und die Luft war doppelt so hoch und blau, der Wald bekam die schönsten Farben von Rot, Gelb und Grün. Jagdhunde jagten davon, ganze Scharen Vogelwild flogen schreiend über die Hünengräber hin, auf denen Brombeerranken sich um die alten Steine schlangen. Das Meer war schwarzblau mit weißen Seglern bedeckt und in der Tenne saßen alte Frauen, Mädchen und Kinder, und pflückten Hopfen in ein großes Gefäß; die Jungen sangen Lieder, aber die Alten erzählten Märchen von Kobolden und bösen Zauberern. Besser konnte es nirgends sein.

»Hier ist es schön im Winter!« sagte das kleine Mädchen, und alle Bäume waren mit Reif bedeckt, sodass sie wie weiße Korallen aussahen, der Schnee knarrte unter den Füßen, als hätte man immer neue Stiefel an, und vom Himmel fiel eine Sternschnuppe nach der andern. Im Zimmer wurde der Weihnachtsbaum angezündet, da gab es Geschenke und gute Laune; auf dem Lande ertönte in der Bauernstube die Violine, um Äpfelschnitte wurde gespielt; selbst das ärmste Kind sagte: »Es ist doch schön im Winter!«

Ja, es war schön; und das kleine Mädchen zeigte dem Knaben alles, und immer duftete der Fliederbaum und immer wehte die rote Flagge, unter welcher der alte Seemann gesegelt hatte.

Die Blume im Gesangsbuch

Der Knabe wurde zum Jüngling und sollte in die weite Welt hinaus, weit fort nach den warmen Ländern, wo der Kaffee wächst; aber beim Abschied nahm das kleine Mädchen eine Fliederblume von ihrer Brust und gab sie ihm aufzubewahren. Sie wurde sorgfältig in das Gesangbuch gelegt, und im fremden Lande, wenn er das Buch öffnete, geschah es immer an der Stelle, wo die Erinnerungsblume lag, und je mehr er dieselbe betrachtete, desto frischer wurde sie, sodass er gleichsam einen Duft von den heimatlichen Wäldern einatmete, und deutlich erblickte er das kleine Mädchen, wie sie mit ihren klaren, blauen Augen zwischen den Blumenblättern hervorsah, und dann flüsterte: »Hier ist es schön im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter!« und Hunderte von Bildern glitten durch seine Gedanken.

So verstrichen viele Jahre, und er war nun ein alter Mann und saß mit seiner alten Frau unter einem blühenden Fliederbaume. Sie hielten einander an den Händen, wie der Urgroßvater und die Urgroßmutter es draußen getan hatten, und sie sprachen ebenso wie diese von den alten Zeiten und von der goldenen Hochzeit. Das kleine Mädchen mit den blauen Augen und mit den Fliederblumen im Haar saß oben im Baum, nickte beiden zu und sagte: »Heute ist der goldene Hochzeitstag!« Dann nahm sie zwei Blumen aus ihrem Kranze, küsste sie, und sie glänzten zuerst wie Silber, dann wie Gold, und als sie diese auf die Häupter der Alten legte, wurde jede Blume zu einer Goldkrone. Da saßen sie beide, einem König und einer Königin gleich, unter dem duftenden Baume, der ganz und gar wie ein Fliederbaum aussah, und er erzählte seiner alten Frau die Geschichte von dem Fliedermütterchen, so wie sie ihm erzählt worden war, als er noch ein kleiner Knabe gewesen, und sie meinten beide, dass die Geschichte vieles enthalte, was ihrer eigenen gleiche, und das was ähnlich war, gefiel ihnen am besten.

Erinnerung

»Ja, so ist es!« sagte das kleine Mädchen im Baum. »Einige nennen mich Fliedermütterchen, andere nennen mich Dryade, aber eigentlich heiße ich Erinnerung; ich bin es, die im Baume sitzt, welcher wächst und wächst, ich kann zurückdenken, ich kann erzählen! Lass sehen, ob Du Deine Blume noch hast.«

Und der alte Mann öffnete sein Gesangbuch, da lag die Fliederblume, so frisch, als wäre sie erst kürzlich hineingelegt, und die Erinnerung nickte, und die beiden Alten mit den Goldkronen auf dem Haupte saßen in der roten Abendsonne. Sie schlossen die Augen und – und – ja, da war das Märchen aus!

Der kleine Knabe lag in seinem Bette, er wusste nicht, ob er geträumt oder ob er es erzählen gehört habe. Die Teekanne stand auf dem Tisch, aber es wuchs kein Fliederbaum daraus hervor, und der alte Mann, der erzählt hatte, war eben im Begriff, zur Thür hinauszugehen, und das tat er auch.

»Wie schön war das!« sagte der kleine Knabe. »Mutter, ich bin in den warmen Ländern gewesen!«

»Ja, das glaube ich wohl,« sagte die Mutter, »wenn man zwei volle Tassen Fliedertee zu sich nimmt, dann kommt man wohl nach den warmen Ländern!« – Und sie deckte ihn zu, damit er sich nicht wieder erkälte. »Du hast wohl geschlafen, während ich mich mit dem alten Manne darüber stritt, ob es eine Geschichte oder ein Märchen sei!«

»Und wo ist die Fliedermutter?« fragte der Knabe.

»Sie ist in der Teekanne,« sagte die Mutter, »und dort kann sie bleiben!«

 

 

Quelle: nach Andersen, Hans Christian, Sämmtliche Märchen

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Der Froschkönig (5 min)

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Der Froschkönig

Lesezeit: 5 min
Die schöne Königstochter

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen; wenn nun der Tag sehr heiß war, so ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens, und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk.

Der helfende Frosch

Nun trug es sich einmal zu, dass die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hineinrollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so tief, dass man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu: »Was hast du vor, Königstochter, du schreist ja, dass sich ein Stein erbarmen möchte.« Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken hässlichen Kopf aus dem Wasser streckte. »Ach, du bist’s, alter Wasserpatscher,« sagte sie, »ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinabgefallen ist.« »Sei still und weine nicht,« antwortete der Frosch, »ich kann wohl Rat schaffen, aber was giebst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraushole?«

Der Pakt

»Was du haben willst, lieber Frosch,« sagte sie, »meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage.« Der Frosch antwortete: »Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine, und deine goldene Krone, die mag ich nicht; aber wenn du mich lieb haben willst und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, so will ich hinuntersteigen und dir die goldene Kugel wieder herausholen.« »Ach ja,« sagte sie, »ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wieder bringst.« Sie dachte aber: »Was der einfältige Frosch schwätzt, der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt, und kann keines Menschen Geselle sein.«

Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab und über ein Weilchen kam er wieder heraufgerudert; hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder erblickte, hob es auf und sprang damit fort. »Warte, warte,« rief der Frosch, »nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du.« Aber was half ihm, dass er ihr sein quak quak so laut nachschrie als er konnte; sie hörte nicht darauf, eilte nach Haus und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinabsteigen musste.

Der Frosch im Königshaus 

Am anderen Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten sich zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe heraufgekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an der Thür und rief: »Königstochter, jüngste, mach mir auf.« Sie lief und wollte sehen wer draußen wäre, als sie aber aufmachte, so saß der Frosch davor. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und war ihr ganz angst. Der König sah wohl, dass ihr das Herz gewaltig klopfte und sprach: »Mein Kind, was fürchtest du dich, steht etwa ein Riese vor der Thür und will dich holen?« »Ach nein,« antwortete sie, »es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.« »Was will der Frosch von dir?« »Ach lieber Vater, als ich gestern im Walde bei dem Brunnen saß und spielte, da fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt, und weil er es durchaus verlangte, so versprach ich ihm, er sollte mein Geselle werden, ich dachte aber nimmermehr, dass er aus seinem Wasser heraus könnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein.« Indem klopfte es zum zweitenmal und rief:

»Königstochter, jüngste,
mach mir auf,
weißt du nicht, was gestern
du zu mir gesagt
bei dem kühlen Brunnenwasser?
Königstochter, jüngste,
mach mir auf.«

Versprochen ist versprochen, …

Da sagte der König: »Was du versprochen hast, das musst du auch halten; geh nur und mach ihm auf.« Sie ging und öffnete die Thür, da hüpfte der Frosch herein, ihr immer auf dem Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief: »Heb mich herauf zu dir.« Sie zauderte, bis es endlich der König befahl. Als der Frosch erst auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, und als er da saß, sprach er: »Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen.« Das tat sie zwar, aber man sah wohl, dass sie’s nicht gerne tat. Der Frosch ließ sich’s gut schmecken, aber ihr blieb fast jedes Bisslein im Halse. Endlich sprach er: »Ich habe mich satt gegessen, und bin müde, nun grat mich in dein Kämmerlein und mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen.« Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie sich nicht anzurühren getraute, und der nun in ihrem schönen reinen Bettlein schlafen sollte. Der König aber ward zornig und sprach: »Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du hernach nicht verachten.« Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Als sie aber im Bette lag, kam er gekrochen und sprach: »Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du; heb mich herauf, oder ich sag’s deinem Vater.« Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand: »Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.«

Die Verwandlung zum Königssohn

Als er aber herab fiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da erzählte er ihr, er wäre von einer bösen Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen. Dann schliefen sie ein, und am anderen Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußenfedern auf dem Kopf, und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, dass er drei eiserne Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber sollte den jungen König in sein Reich abholen; der treue Heinrich hob beide hinein, stellte sich wieder hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. Und als sie ein Stück Weges gefahren waren, hörte der Königssohn, dass es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief:

»Heinrich, der Wagen bricht.«
»Nein, Herr, der Wagen nicht,
es ist ein Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als ihr in dem Brunnen saßt,
als ihr ein Frosch wart.«

Doch einmal und noch einmal krachte es auf dem Wege, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.

 

Quelle: nach Gebrüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen 

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Rapunzel (5 min)

Rapunzel (5 min)

Rapunzel

Lesezeit: 5 min
Die Gelüste nach dem Rapunzel 

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung, der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhause ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward. Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war: und sie sahen so frisch und grün aus, dass sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wusste, dass sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blass und elend aus. Da erschrak der Mann und fragte: »Was fehlt dir, liebe Frau?« »Ach,« antwortete sie, »wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserem Hause zu essen kriege, so sterbe ich.« Der Mann, der sie lieb hatte, dachte: »Ehe du deine Frau sterben lässt, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten was es will.« In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Hand voll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat daraus und aß sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr aber so gut, so gut geschmeckt, dass sie den anderen Tag noch dreimal so viel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so musste der Mann noch einmal in den Garten steigen.

Der Pakt 

Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder hinab, als er aber die Mauer hinabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich stehen. »Wie kannst du es wagen,« sprach sie mit zornigem Blick, »in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen.« »Ach,« antwortete er, »lasst Gnade für Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen: meine Frau hat Euere Rapunzeln aus dem Fenster erblickt, und empfindet ein so großes Gelüsten, dass sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme.« Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: »Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst, allein ich mache eine Bedingung: du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter.« Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.

Der Turm

Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre alt war, schloss es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde lag und weder Treppe noch Thür hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten hin und rief:

»Rapunzel, Rapunzel,
lass mir dein Haar herunter.«

Rapunzel hatte lange prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.

Der Königssohn

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, dass der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam. Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, dass er still hielt und horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre süße Stimme erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte nach einer Thür des Turmes, aber es war keine zu finden. Er ritt heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, dass er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte. Als er einmal so hinter einem Baume stand, sah er, dass eine Zauberin herankam und hörte wie sie hinaufrief:

»Rapunzel, Rapunzel,
lass dein Haar herunter.«

Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab und die Zauberin stieg zu ihr hinauf. »Ist das die Leiter, auf welcher man hinaufkommt, so will ich auch einmal mein Glück versuchen.« Und den folgenden Tag, als es anfing dunkel zu werden, ging er zu dem Turm und rief

»Rapunzel, Rapunzel,
lass dein Haar herunter.«

Alsbald fielen die Haare herab und der Königssohn stieg hinauf.

Das erste Treffen 

Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Königssohn fing an ganz freundlich mit ihr zu reden und erzählte ihr, dass von ihrem Gesange sein Herz so sehr sei bewegt worden, dass es ihm keine Ruhe gelassen, und er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte, ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und sie sah, dass er jung und schön war, so dachte sie: »Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel,« und sagte ja, und legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach: »Ich will gern mit dir gehen, aber ich weiß nicht wie ich herabkommen kann. Wenn du kommst, so bring jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten und wenn die fertig ist, so steige ich herunter und du nimmst mich auf dein Pferd.« Sie verabredeten, dass er bis dahin alle Abend zu ihr kommen sollte, denn bei Tage kam die Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfing und zu ihr sagte: »Sag sie mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir.« »Ach, du gottloses Kind,« rief die Zauberin, »was muss ich von dir hören, ich dachte, ich hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!« In ihrem Zorne packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paarmal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der rechten, und ritsch, ratsch waren sie abgeschnitten, und die schönen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig, dass sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben musste.

Zusammentreffen mit der Zauberin

Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als der Königssohn kam und rief:

»Rapunzel, Rapunzel,
lass dein Haar herunter.«

so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. »Aha,« rief sie höhnisch, »du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken.« Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerzen, und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab; das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen.

Und wenn sie nicht gestorben sind …

Da irrte er blind im Walde umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren, und tat nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie erschien ihm so bekannt: da ging er darauf zu, und wie er herankam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.

 

Quelle: nach Gebrüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen 

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Gone with the Wind (7 min)

Gone with the Wind (7 min)

Titel

Lesezeit: 7 min

Scarlett has just found out that Ashley, the man she loves, is engaged to another woman… 

The Road

Her eyes followed the winding road, blood-red now after the morning rain. In her thought she traced its course as it ran down the hill to the sluggish Flint River, through the tangled swampy bottoms and up the next hill to Twelve Oaks where Ashley lived. That was all the road meant now–a road to Ashley and the beautiful white-columned house that crowned the hill like a Greek Temple.

„Oh, Ashley! Ashley!“ she thought, and her heart beat faster.

Some of the cold sense of bewilderment and disaster that had weighted her down since the Tarleton boys told her their gossip was pushed into the background of her mind, and in its place crept the fever that had possessed her for two years.

The Beginning of Love

It seemed strange now that when she was growing up Ashley had never seemed so very attractive to her. In childhood days, she had seen him come and go and never given him a thought. But since that day two years ago when Ashley, newly home from his three years‘ Grand Tour in Europe, had called to pay his respects, she had loved him. It was as simple as that.

She had been on the front porch and he had ridden up the long avenue, dressed in gray broadcloth with a wide black cravat setting off his frilled shirt to perfection. Even now, she could recall each detail of his dress, how brightly his boots shone, the head of a Medusa in cameo on his cravat pin, the wide Panama hat that was instantly in his hand when he saw her. He had alighted and tossed his bridle reins to a pickaninny and stood looking up at her, his drowsy gray eyes wide with a smile and the sun so bright on his blond hair that it seemed like a cap of shining silver. And he said, „So you’ve grown up, Scarlett.“ And, coming lightly up the steps, he had kissed her hand. And his voice! She would never forget the leap of her heart as she heard it, as if for the first time, drawling, resonant, musical.

She had wanted him, in that first instant, wanted him as simply and unreasoningly as she wanted food to eat, horses to ride and a soft bed on which to lay herself.

For two years he had squired her about the County, to balls, fish fries, picnics and court days, never so often as the Tarleton twins or Cade Calvert, never so importunate as the younger Fontaine boys, but, still, never the week went by that Ashley did not come calling at Tara.

Things she did not understand 

True, he never made love to her, nor did the clear gray eyes ever glow with that hot light Scarlett knew so well in other men. And yet–and yet–she knew he loved her. She could not be mistaken about it. Instinct stronger than reason and knowledge born of experience told her that he loved her. Too often she had surprised him when his eyes were neither drowsy nor remote, when he looked at her with a yearning and a sadness which puzzled her. She KNEW he loved her. Why did he not tell her so? That she could not understand. But there were so many things about him that she did not understand.

He was courteous always, but aloof, remote. No one could ever tell what he was thinking about, Scarlett least of all. In a neighborhood where everyone said exactly what he thought as soon as he thought it, Ashley’s quality of reserve was exasperating. He was as proficient as any of the other young men in the usual County diversions, hunting, gambling, dancing and politics, and was the best rider of them all; but he differed from all the rest in that these pleasant activities were not the end and aim of life to him. And he stood alone in his interest in books and music and his fondness for writing poetry.

Oh, why was he so handsomely blond, so courteously aloof, so maddeningly boring with his talk about Europe and books and music and poetry and things that interested her not at all–and yet so desirable? Night after night, when Scarlett went to bed after sitting on the front porch in the semi-darkness with him, she tossed restlessly for hours and comforted herself only with the thought that the very next time he saw her he certainly would propose. But the next time came and went, and the result was nothing–nothing except that the fever possessing her rose higher and hotter.

A complex Nature 

She loved him and she wanted him and she did not understand him. She was as forthright and simple as the winds that blew over Tara and the yellow river that wound about it, and to the end of her days she would never be able to understand a complexity. And now, for the first time in her life, she was facing a complex nature.

For Ashley was born of a line of men who used their leisure for thinking, not doing, for spinning brightly colored dreams that had in them no touch of reality. He moved in an inner world that was more beautiful than Georgia and came back to reality with reluctance. He looked on people, and he neither liked nor disliked them. He looked on life and was neither heartened nor saddened. He accepted the universe and his place in it for what they were and, shrugging, turned to his music and books and his better world.

Why he should have captivated Scarlett when his mind was a stranger to hers she did not know. The very mystery of him excited her curiosity like a door that had neither lock nor key. The things about him which she could not understand only made her love him more, and his odd, restrained courtship only served to increase her determination to have him for her own. That he would propose some day she had never doubted, for she was too young and too spoiled ever to have known defeat. And now, like a thunderclap, had come this horrible news. Ashley to marry Melanie! It couldn’t be true!

Events of last Week

Why, only last week, when they were riding home at twilight from Fairhill, he had said: „Scarlett, I have something so important to tell you that I hardly know how to say it.“

She had cast down her eyes demurely, her heart beating with wild pleasure, thinking the happy moment had come. Then he had said: „Not now! We’re nearly home and there isn’t time. Oh, Scarlett, what a coward I am!“ And putting spurs to his horse, he had raced her up the hill to Tara.

Scarlett, sitting on the stump, thought of those words which had made her so happy, and suddenly they took on another meaning, a hideous meaning. Suppose it was the news of his engagement he had intended to tell her!

 

Source: Margaret Mitchell, Gone With The Wind (Chapter 2)

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The War of the Worlds (10 min)

The War of the Worlds (10 min)

The War of the Worlds

Lesezeit: 10 min

A meteor lands in Woking, Surrey. But people fastly discover the object isn’t what that they thought it was… It’s an artificial cylinder that opens, disgorging Martians… 

 

THE CYLINDER OPENS

When I returned to the common the sun was setting. Scattered groups were hurrying from the direction of Woking, and one or two persons were returning. The crowd about the pit had increased, and stood out black against the lemon yellow of the sky—a couple of hundred people, perhaps. There were raised voices, and some sort of struggle appeared to be going on about the pit. Strange imaginings passed through my mind. As I drew nearer I heard Stent’s voice:

„Keep back! Keep back!“

A boy came running towards me.

„It’s a-movin‘,“ he said to me as he passed; „a-screwin‘ and a-screwin‘ out. I don’t like it. I’m a-goin‘ ‚ome, I am.“

I went on to the crowd. There were really, I should think, two or three hundred people elbowing and jostling one another, the one or two ladies there being by no means the least active.

„He’s fallen in the pit!“ cried some one.

„Keep back!“ said several.

The crowd swayed a little, and I elbowed my way through. Every one seemed greatly excited. I heard a peculiar humming sound from the pit.

„I say!“ said Ogilvy; „help keep these idiots back. We don’t know what’s in the confounded thing, you know!“

I saw a young man, a shop assistant in Woking I believe he was, standing on the cylinder and trying to scramble out of the hole again. The crowd had pushed him in.

The end of the cylinder was being screwed out from within. Nearly two feet of shining screw projected. Somebody blundered against me, and I narrowly missed being pitched onto the top of the screw. I turned, and as I did so the screw must have come out, for the lid of the cylinder fell upon the gravel with a ringing concussion. I stuck my elbow into the person behind me, and turned my head towards the Thing again. For a moment that circular cavity seemed perfectly black. I had the sunset in my eyes.

I think everyone expected to see a man emerge—possibly something a little unlike us terrestrial men, but in all essentials a man. I know I did. But, looking, I presently saw something stirring within the shadow: greyish billowy movements, one above another, and then two luminous disks—like eyes. Then something resembling a little grey snake, about the thickness of a walking stick, coiled up out of the writhing middle, and wriggled in the air towards me—and then another.

The first Martian emerges from the cylinder.

A sudden chill came over me. There was a loud shriek from a woman behind. I half turned, keeping my eyes fixed upon the cylinder still, from which other tentacles were now projecting, and began pushing my way back from the edge of the pit. I saw astonishment giving place to horror on the faces of the people about me. I heard inarticulate exclamations on all sides. There was a general movement backwards. I saw the shopman struggling still on the edge of the pit. I found myself alone, and saw the people on the other side of the pit running off, Stent among them. I looked again at the cylinder, and ungovernable terror gripped me. I stood petrified and staring.

Illustration

A big greyish rounded bulk, the size, perhaps, of a bear, was rising slowly and painfully out of the cylinder. As it bulged up and caught the light, it glistened like wet leather.

Two large dark-coloured eyes were regarding me steadfastly. The mass that framed them, the head of the thing, was rounded, and had, one might say, a face. There was a mouth under the eyes, the lipless brim of which quivered and panted, and dropped saliva. The whole creature heaved and pulsated convulsively. A lank tentacular appendage gripped the edge of the cylinder, another swayed in the air.

Those who have never seen a living Martian can scarcely imagine the strange horror of its appearance. The peculiar V-shaped mouth with its pointed upper lip, the absence of brow ridges, the absence of a chin beneath the wedgelike lower lip, the incessant quivering of this mouth, the Gorgon groups of tentacles, the tumultuous breathing of the lungs in a strange atmosphere, the evident heaviness and painfulness of movement due to the greater gravitational energy of the earth—above all, the extraordinary intensity of the immense eyes—were at once vital, intense, inhuman, crippled and monstrous. There was something fungoid in the oily brown skin, something in the clumsy deliberation of the tedious movements unspeakably nasty. Even at this first encounter, this first glimpse, I was overcome with disgust and dread.

Suddenly the monster vanished. It had toppled over the brim of the cylinder and fallen into the pit, with a thud like the fall of a great mass of leather. I heard it give a peculiar thick cry, and forthwith another of these creatures appeared darkly in the deep shadow of the aperture.

I turned and, running madly, made for the first group of trees, perhaps a hundred yards away; but I ran slantingly and stumbling, for I could not avert my face from these things.

There, among some young pine trees and furze bushes, I stopped, panting, and waited further developments. The common round the sand pits was dotted with people, standing like myself in a half-fascinated terror, staring at these creatures, or rather at the heaped gravel at the edge of the pit in which they lay. And then, with a renewed horror, I saw a round, black object bobbing up and down on the edge of the pit. It was the head of the shopman who had fallen in, but showing as a little black object against the hot western sun. Now he got his shoulder and knee up, and again he seemed to slip back until only his head was visible. Suddenly he vanished, and I could have fancied a faint shriek had reached me. I had a momentary impulse to go back and help him that my fears overruled.

Everything was then quite invisible, hidden by the deep pit and the heap of sand that the fall of the cylinder had made. Anyone coming along the road from Chobham or Woking would have been amazed at the sight—a dwindling multitude of perhaps a hundred people or more standing in a great irregular circle, in ditches, behind bushes, behind gates and hedges, saying little to one another and that in short, excited shouts, and staring, staring hard at a few heaps of sand. The barrow of ginger beer stood, a queer derelict, black against the burning sky, and in the sand pits was a row of deserted vehicles with their horses feeding out of nosebags or pawing the ground.

 

The mounted policeman came galloping through the confusion...
THE HEAT-RAY

After the glimpse I had had of the Martians emerging from the cylinder in which they had come to the earth from their planet, a kind of fascination paralysed my actions. I remained standing knee-deep in the heather, staring at the mound that hid them. I was a battleground of fear and curiosity.

I did not dare to go back towards the pit, but I felt a passionate longing to peer into it. I began walking, therefore, in a big curve, seeking some point of vantage and continually looking at the sand heaps that hid these new-comers to our earth. Once a leash of thin black whips, like the arms of an octopus, flashed across the sunset and was immediately withdrawn, and afterwards a thin rod rose up, joint by joint, bearing at its apex a circular disk that spun with a wobbling motion. What could be going on there?

Most of the spectators had gathered in one or two groups—one a little crowd towards Woking, the other a knot of people in the direction of Chobham. Evidently they shared my mental conflict. There were few near me. One man I approached—he was, I perceived, a neighbour of mine, though I did not know his name—and accosted. But it was scarcely a time for articulate conversation.

Illustration

„What ugly brutes!“ he said. „Good God! What ugly brutes!“ He repeated this over and over again.

„Did you see a man in the pit?“ I said; but he made no answer to that. We became silent, and stood watching for a time side by side, deriving, I fancy, a certain comfort in one another’s company. Then I shifted my position to a little knoll that gave me the advantage of a yard or more of elevation and when I looked for him presently he was walking towards Woking.

The sunset faded to twilight before anything further happened. The crowd far away on the left, towards Woking, seemed to grow, and I heard now a faint murmur from it. The little knot of people towards Chobham dispersed. There was scarcely an intimation of movement from the pit.

It was this, as much as anything, that gave people courage, and I suppose the new arrivals from Woking also helped to restore confidence. At any rate, as the dusk came on a slow, intermittent movement upon the sand pits began, a movement that seemed to gather force as the stillness of the evening about the cylinder remained unbroken. Vertical black figures in twos and threes would advance, stop, watch, and advance again, spreading out as they did so in a thin irregular crescent that promised to enclose the pit in its attenuated horns. I, too, on my side began to move towards the pit.

Then I saw some cabmen and others had walked boldly into the sand pits, and heard the clatter of hoofs and the gride of wheels. I saw a lad trundling off the barrow of apples. And then, within thirty yards of the pit, advancing from the direction of Horsell, I noted a little black knot of men, the foremost of whom was waving a white flag.

This was the Deputation. There had been a hasty consultation, and since the Martians were evidently, in spite of their repulsive forms, intelligent creatures, it had been resolved to show them, by approaching them with signals, that we too were intelligent.

Flutter, flutter, went the flag, first to the right, then to the left. It was too far for me to recognise anyone there, but afterwards I learned that Ogilvy, Stent, and Henderson were with others in this attempt at communication. This little group had in its advance dragged inward, so to speak, the circumference of the now almost complete circle of people, and a number of dim black figures followed it at discreet distances.

Suddenly there was a flash of light, and a quantity of luminous greenish smoke came out of the pit in three distinct puffs, which drove up, one after the other, straight into the still air.

This smoke (or flame, perhaps, would be the better word for it) was so bright that the deep blue sky overhead and the hazy stretches of brown common towards Chertsey, set with black pine trees, seemed to darken abruptly as these puffs arose, and to remain the darker after their dispersal. At the same time a faint hissing sound became audible.

Beyond the pit stood the little wedge of people with the white flag at its apex, arrested by these phenomena, a little knot of small vertical black shapes upon the black ground. As the green smoke arose, their faces flashed out pallid green, and faded again as it vanished. Then slowly the hissing passed into a humming, into a long, loud, droning noise. Slowly a humped shape rose out of the pit, and the ghost of a beam of light seemed to flicker out from it.

Forthwith flashes of actual flame, a bright glare leaping from one to another, sprang from the scattered group of men. It was as if some invisible jet impinged upon them and flashed into white flame. It was as if each man were suddenly and momentarily turned to fire.

Then, by the light of their own destruction, I saw them staggering and falling, and their supporters turning to run.

The Martian's heat-ray disperses the crowd.

I stood staring, not as yet realising that this was death leaping from man to man in that little distant crowd. All I felt was that it was something very strange. An almost noiseless and blinding flash of light, and a man fell headlong and lay still; and as the unseen shaft of heat passed over them, pine trees burst into fire, and every dry furze bush became with one dull thud a mass of flames. And far away towards Knaphill I saw the flashes of trees and hedges and wooden buildings suddenly set alight.

The death seemed leaping from man to man.

It was sweeping round swiftly and steadily, this flaming death, this invisible, inevitable sword of heat. I perceived it coming towards me by the flashing bushes it touched, and was too astounded and stupefied to stir. I heard the crackle of fire in the sand pits and the sudden squeal of a horse that was as suddenly stilled. Then it was as if an invisible yet intensely heated finger were drawn through the heather between me and the Martians, and all along a curving line beyond the sand pits the dark ground smoked and crackled. Something fell with a crash far away to the left where the road from Woking station opens out on the common. Forthwith the hissing and humming ceased, and the black, dome-like object sank slowly out of sight into the pit.

Illustration

All this had happened with such swiftness that I had stood motionless, dumbfounded and dazzled by the flashes of light. Had that death swept through a full circle, it must inevitably have slain me in my surprise. But it passed and spared me, and left the night about me suddenly dark and unfamiliar.

The undulating common seemed now dark almost to blackness, except where its roadways lay grey and pale under the deep blue sky of the early night. It was dark, and suddenly void of men. Overhead the stars were mustering, and in the west the sky was still a pale, bright, almost greenish blue. The tops of the pine trees and the roofs of Horsell came out sharp and black against the western afterglow. The Martians and their appliances were altogether invisible, save for that thin mast upon which their restless mirror wobbled. Patches of bush and isolated trees here and there smoked and glowed still, and the houses towards Woking station were sending up spires of flame into the stillness of the evening air.

The first victims of the Martian heat-ray.

 

Nothing was changed save for that and a terrible astonishment. The little group of black specks with the flag of white had been swept out of existence, and the stillness of the evening, so it seemed to me, had scarcely been broken.

It came to me that I was upon this dark common, helpless, unprotected, and alone. Suddenly, like a thing falling upon me from without, came—fear.

With an effort I turned and began a stumbling run through the heather.

Illustration

The fear I felt was no rational fear, but a panic terror not only of the Martians, but of the dusk and stillness all about me. Such an extraordinary effect in unmanning me it had that I ran weeping silently as a child might do. Once I had turned, I did not dare to look back.

I remember I felt an extraordinary persuasion that I was being played with, that presently, when I was upon the very verge of safety, this mysterious death—as swift as the passage of light—would leap after me from the pit about the cylinder and strike me down.

 

Source: H. G. Wells, The War of the Worlds (Chapters 4&5)

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The Pearl of Love (10 min)

The Pearl of Love (10 min)

The Pearl of Love

Lesezeit: 10 min
Introduction

The pearl is lovelier than the most brilliant of crystalline stones, the moralist declares, because it is made through the suffering of a living creature. About that I can say nothing because I feel none of the fascination of pearls. Their cloudy lustre moves me not at all. Nor can I decide for myself upon that age-long dispute whether the Pearl of Love is the cruellest of stories or only a gracious fable of the immortality of beauty.

Both the story and the controversy will be familiar to students of mediaeval Persian prose. The story is a short one, though the commentary upon it is a respectable part of the literature of that period. They have treated it as a poetic invention and they have treated it as an allegory meaning this, that, or the other thing. Theologians have had their copious way with it, dealing with it particularly as concerning the restoration of the body after death, and it has been greatly used as a parable by those who write about aesthetics. And many have held it to be the statement of a fact, simply and baldly true.

The story beginns 
Endless love 

The story is laid in North India, which is the most fruitful soil for sublime love stories of all the lands in the world. It was in a country of sunshine and lakes and rich forests and hills and fertile valleys; and far away the great mountains hung in the sky, peaks, crests, ridges of inaccessible and eternal snow. There was a young prince, lord of all the land; and he found a maiden of indescribable beauty and delightfulness and he made her his queen and laid his heart at her feet. Love was theirs, full of joys and sweetness, full of hope, exquisite, brave and marvellous love, beyond anything you have ever dreamt of love. It was theirs for a year and part of a year, and then suddenly, because of some venomous sting that came to her in a thicket, she died.

The death 

She died and for a while the prince was utterly prostrated. He was silent and motionless with grief. They feared he might kill himself, and he had neither sons nor brothers to succeed him. For two days and nights he lay upon his face, fasting, across the foot of the couch which bore her calm and lovely body. Then he arose and ate, and went about very quietly like one who has taken a great resolution. He caused her body to be put in a coffin of lead mixed with silver, and for that he had an outer coffin made of the most precious and scented woods wrought with gold, and about that there was to be a sarcophagus of alabaster, inlaid with precious stones. And while these things were being done he spent his time for the most part by the pools and in the garden-houses and pavilions and groves and in those chambers in the palace where they two had been most together, brooding upon her loveliness. He did not rend his garments nor defile himself with ashes and sackcloth as the custom was, for his love was too great for such extravagances. At last he came forth again among his councillors and before the people, and told them what he had a mind to do.

The plan 

He said he could never more touch woman, he could never more think of them, and so he would find a seemly youth to adopt for his heir and train him to his task, and that he would do his princely duties as became him; but that for the rest of it, he would give himself with all his power and all his strength and all his wealth, all that he could command, to make a monument worthy of his incomparable, dear, lost mistress. A building it should be of perfect grace and beauty, more marvellous than any other building had ever been or could ever be, so that to the end of time it should be a wonder, and men would treasure it and speak of it and desire to see it and come from all lands of the earth to visit and recall the name and memory of his queen. And this building he said was to be called the Pearl of Love.

And this his councillors and people permitted him to do, and so he did.

The pearl of love

Year followed year, and all the years he devoted himself to building and adorning the Pearl of Love. A great foundation was hewn out of the living rock in a place whence one seemed to be looking at the snowy wilderness of the great mountains across the valley of the world. Villages and hills there were, a winding river, and very far away three great cities. Here they put the sarcophagus of alabaster beneath a pavilion of cunning workmanship; and about it there were set pillars of strange and lovely stone and wrought and fretted walls, and a great casket of masonry bearing a dome and pinnacles and cupolas, as exquisite as a jewel. At first the design of Pearl of Love was less bold and subtle than it became later. At first it was smaller and more wrought and encrusted; there were many pierced screens and delicate clusters of rosy-hued pillars, and the sarcophagus lay like a child that sleeps among flowers. The first dome was covered with green tiles, framed and held together by silver, but this was taken away again because it seemed close, because it did not soar grandly enough for the broadening imagination of the prince.

The miracles that love can do 

For by this time he was no longer the graceful youth who had loved the girl queen. He was now a man, grave and intent, wholly set upon the building of the Pearl of Love. With every year of effort he had learnt new possibilities in arch and wall and buttress; he had acquired greater power over the material he had to use and he had learnt of a hundred stones and hues and effects that he could never have thought of in the beginning. His sense of colour had grown finer and colder; he cared no more for the enamelled gold-lined brightness that had pleased him first, the brightness of an illuminated missal; he sought now for blue colouring like the sky and for the subtle hues of great distances, for recondite shadows and sudden broads floods of purple opalescence and for grandeur and space. He wearied altogether of carvings and pictures and inlaid ornamentation and all the little careful work of men. „Those were pretty things,“ he said of his earlier decorations; and had them put aside into subordinate buildings where they would not hamper his main design. Greater and greater grew his artistry. With awe and amazement people saw the Pearl of Love sweeping up from its first beginnings to a superhuman breadth and height and magnificence. They did not know clearly what they had expected, but never had they expected so sublime a thing as this. „Wonderful are the miracles,“ they whispered, „that love can do,“ and all the women in the world, whatever other loves they had, loved the prince for the splendour of his devotion.

Before the task is done…

Through the middle of the building ran a great aisle, a vista, that the prince came to care for more and more. From the inner entrance of the building he looked along the length of an immense pillared gallery and across the central area from which the rose-hued columns had long since vanished, over the top the pavilion under which lay the sarcophagus, through a marvellously designed opening, to the snowy wilderness of the great mountain, the lord of all mountains, two hundred miles away. The pillars and arches and buttresses and galleries soared and floated on either side, perfect yet unobtrusive, like great archangels waiting in the shadows about the presence of God. When men saw that austere beauty for the first time they were exalted, and then they shivered and their hearts bowed down. Very often would the prince come to stand there and look at that vista, deeply moved and not yet fully satisfied. The Pearl of Love had still something for him to do, he felt, before his task was done. Always he would order some little alteration to be made or some recent alteration to be put back again. And one day he said that the sarcophagus would be clearer and simpler without the pavilion; and after regarding it very steadfastly for a long time, he had the pavilion dismantled and removed.

Perfection

The next day he came and said nothing, and the next day and the next. Then for two days he stayed away altogether. Then he returned, bringing with him an architect and two master craftsmen and a small retinue.

All looked, standing together silently in a little group, amidst the serene vastness of their achievement. No trace of toil remained in its perfection. It was as if God of nature’s beauty had taken over their offspring to himself.

Only one thing there was to mar the absolute harmony. There was a certain disproportion about the sarcophagus. It had never been enlarged, and indeed how could it have been enlarged since the early days? It challenged the eye; it nicked the streaming lines. In that sarcophagus was the casket of lead and silver, and in the casket of lead and silver was the queen, the dear immortal cause of all this beauty. But now that sarcophagus seemed no more than a little dark oblong that lay incongruously in the great vista of the Pearl of Love. It was as if someone had dropped a small valise upon the crystal sea of heaven.

Long the prince mused, but no one knew the thoughts that passed through his mind.

At last he spoke. He pointed.

„Take that thing away,“ he said.

 

Quelle: H.G. Wells, The Short Stories of H.G. Wells 

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Kurz Psychologische/ Weise Geschichten

Zwei Engel auf Reisen (1-2 min)

Zwei Engel auf Reisen (1-2 min)

Zwei Engel auf Reisen

Lesezeit: 1-2 min
Die Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen. Auch Ereignisse, die wir für negativ halten, können letztendlich einen positiven Einfluss auf unser Leben haben…
 

Zwei reisende Engel machten Halt, um die Nacht im Hause einer wohlhabenden Familie zu verbringen. Die Familie war unhöflich und verweigerte den Engeln im Gästezimmer des Haupthauses auszuruhen.
Anstelle dessen bekamen sie einen kleinen Platz im kalten Keller. Als sie sich auf dem harten Boden ausstreckten, sah der ältere Engel ein Loch in der Wand und reparierte es.

In der nächsten Nacht rasteten die beiden im Haus eines sehr armen, aber gastfreundlichen Bauern und seiner Frau. Nachdem sie das wenige Essen, das sie hatten, mit ihnen geteilt hatten, ließen sie die Engel sogar in ihrem Bett schlafen und übernachteten selber im Stall. 
Bei Sonnenaufgang fanden die Engel den Bauern und seine Frau in Tränen. Ihre Kuh, deren Milch ihr einziges Einkommen gewesen war, lag tot auf dem Feld. Der jüngere Engel wurde wütend und fragte den älteren Engel, wie er das habe geschehen lassen können? 

„Der erste Mann hatte alles, trotzdem halfst du ihm“, meinte er anklagend. „Die zweite Familie hatte wenig, und du lässt die Kuh sterben.“ 
„Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen“, sagte der ältere Engel. „Als wir im kalten Keller des Haupthauses ruhten, bemerkte ich, dass Gold in diesem Loch in der Wand steckte. Weil der Eigentümer so von Gier besessen war und sein glückliches Schicksal nicht teilen wollte, versiegelte ich die Wand, sodass er es nicht finden konnte. Als wir dann in der letzten Nacht im Bett des Bauern schliefen, kam der Engel des Todes, um seine Frau zu holen. Ich gab ihm die Kuh anstatt dessen. Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen.“



Quelle: Verfasser unbekannt 

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Kurz Psychologische/ Weise Geschichten

Mal sehen – denn wer weiß? (2 min)

Mal sehen - denn wer weiß? (2 min)

Mal sehen - denn wer weiß?

Lesezeit: 2 min

Es war einmal ein alter Mann, der zur Zeit Lao Tses in einem kleinen chinesischen Dorf lebte. Der Mann lebte zusammen mit seinem einzigen Sohn in einer kleinen Hütte am Rande des Dorfes. Ihr einziger Besitz war ein wunderschöner Hengst, um den sie von allen im Dorf beneidet wurden. Es gab schon unzählige Kaufangebote, diese wurden jedoch immer strickt abgelehnt. Das Pferd wurde bei der Erntearbeit gebraucht und es gehörte zur Familie, fast wie ein Freund.

Eines Tages war der Hengst verschwunden. Nachbarn kamen und sagten: „Du Dummkopf, warum hast du das Pferd nicht verkauft? Nun ist es weg, die Ernte ist einzubringen und du hast gar nichts mehr, weder Pferd noch Geld für einen Helfer. Was für ein Unglück!“ Der alte Mann schaute sie an und sagte nur: „Unglück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.“

Das Leben musste jetzt ohne Pferd weitergehen und da gerade Erntezeit war, bedeutete das unheimliche Anstrengungen für Vater und Sohn. Es war fraglich ob sie es schaffen würden, die ganze Ernte einzubringen.

Ein paar Tage später, war der Hengst wieder da und mit ihm war ein Wildpferd gekommen, das sich dem Hengst angeschlossen hatte. Jetzt waren die Leute im Dorf begeistert. „Du hast Recht gehabt“, sagten sie zu dem alten Mann. Das Unglück war in Wirklichkeit ein Glück. Dieses herrliche Wildpferd als Geschenk des Himmels, nun bist du ein reicher Mann…“ Der Alte sagte nur: „Glück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.“

Die Dorfbewohner schüttelten den Kopf über den wunderlichen Alten. Warum konnte er nicht sehen, was für ein unglaubliches Glück ihm widerfahren war? Am nächsten Tag begann der Sohn des alten Mannes, das neue Wildpferd zu zähmen und zuzureiten. Beim ersten Ausritt warf ihn dieses so heftig ab, dass er sich beide Beine brach. Die Nachbarn im Dorf versammelten sich und sagten zu dem alten Mann: „Du hast Recht gehabt. Das Glück hat sich als Unglück erwiesen, dein einziger Sohn ist jetzt ein Krüppel. Und wer soll nun auf deine alten Tage für dich sorgen?‘ Aber der Alte blieb gelassen und sagte zu den Leuten im Dorf: „Unglück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.“

Es war jetzt alleine am alten Mann die restliche Ernte einzubringen. Zumindest war das neue Pferd soweit gezähmt, dass er es als zweites Zugtier für den Pflug nutzen konnte. Mit viel Schweiß und Arbeit bis in die Dunkelheit, sicherte er das Auskommen für sich und seinen Sohn.

Ein paar Wochen später begann ein Krieg. Der König brauchte Soldaten, und alle wehrpflichtigen jungen Männer im Dorf wurden in die Armee gezwungen. Nur den Sohn des alten Mannes holten sie nicht ab, denn den konnten sie an seinen Krücken nicht gebrauchen. „Ach, was hast du wieder für ein Glück gehabt!“‚ riefen die Leute im Dorf. Der Alte sagte: “ Mal sehen, denn wer weiß? Aber ich vertraue darauf, dass das Glück am Ende bei dem ist, der vertrauen kann.“

 

Quelle: Geschichte aus China, Verfasser unbekannt

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Sonstiges

Der große Schmuckdiebstahl (20 min)

Der große Schmuckdiebstahl (20 min)

Der große Schmuckdiebstahl

Lesezeit: 20 min
Das verunglückte Diner 

Ein vollständig verunglücktes Diner. Und es hätte so hübsch werden können und sollen. Andreas Grumbach, der verdienstvolle Präsident des Klubs der Industriellen, hatte für nachmittags drei Uhr den Vorstand und den Ausschuss des Klubs zu einer Sitzung in seiner Wohnung geladen. Es gab Wichtiges zu besprechen, da die Generalversammlung vor der Türe stand. Die Klubräumlichkeiten selbst wurden gerade einer einschneidenden baulichen Veränderung unterzogen, und so wurde die Sitzung ausnahmsweise in der Wohnung des Präsidenten abgehalten.

Das Hans Grumbach hatte seinen bewährten Ruf als Pflegestätte seiner Geselligkeit und liberaler Gastfreundschaft, und der Hausherr hatte sich die Ehre gegeben, auch diesmal die gebotene Gelegenheit zu benützen. Da er die Herren einmal so schön beisammen hatte, wollte er sie auch bei sich behalten. Das war schon auf der Einladung zur Sitzung vermerkt, damit sich die Herren darauf einrichten konnten. Das machte sich ganz ungezwungen und natürlich. Die Sitzung dauerte voraussichtlich zwei, drei Stunden, und dann war es Essenszeit geworden im Hause Grumbach. Zur Essenszeit schickt man aber im Hause Grumbach die Leute nicht weg, sondern behält sie da.

Der gesamte Vorstand und Ausschuss war auch vollzählig erschienen, zehn Mann hoch. Dazu dann noch der Präsident und last, sicherlich nicht least, die bezaubernd liebenswürdige Herrin des Hauses, Frau Violet; das gab die richtige Tafelrunde von zwölf Gedecken.

Herr Dagobert Trostler

Ein Mitglied der Verwaltung, Herr Dagobert Trostler, hatte an der Sitzung allerdings nicht teilgenommen. Er war für sie zu spät, fürs Diner aber noch rechtzeitig gekommen. Er als alter Hausfreund durfte sich das erlauben. Auch ohne ausdrückliche Entschuldigung von seiner Seite konnte man sich seine Abhaltungen vorstellen. Man kannte seine Schwäche, die zugleich seine Stärke war. Er war ein passionabler Amateur-Detektiv und fortwährend in allerlei seltsame Geschichten verwickelt, die ihn eigentlich gar nichts angingen. Seine Freunde machten allerlei gute und böse Witze über seine große Passion, aber sie hatten im ganzen doch Respekt vor seinen Leistungen. Denn sie wussten von einigen seiner Erfolge, die in der Tat aller Achtung wert waren.

So war er auch diesmal um die Wege gewesen. Man wusste, dass es ein falscher Silbergulden sei, der ihn beschäftige. Man hatte ihm irgendwo beim Herausgeben einen falschen Silbergulden angehängt. Nicht etwa, dass man ihn damit betrogen hätte. Dagobert Trostler betrügt man nicht. Er hatte das Falsifikat sofort erkannt und wortlos angenommen. Nun hatte er wieder seine Aufgabe, eine Spur, die er zurückverfolgen wollte.

Gegen seine Gewohnheit hatte er von dieser seiner Absicht einigen Freunden Mitteilung gemacht, während er sonst, wenn er eine Fährte verfolgte, sich grundsätzlich in ein unverbrüchliches Schweigen hüllte. Nun bekam er die Folgen seiner ausnahmsweisen Mitteilsamkeit zu verspüren. Man empfing ihn mit den ungereimtesten Fragen, mit losen Witzen und Neckereien, die er in evangelischer Milde hinnahm als von Leuten, die es eben nicht besser verstanden. Die evangelische Milde ließ auch dem Manne mit dem Petrusschöpfchen ganz wohl, obschon sie eigentlich mehr als starkes Selbstbewußtsein anzusprechen war, denn als Milde.

Die Sitzung war also geraume Zeit schon zu Ende, als Dagobert eintraf, und während man sich unterhielt, wartete man eigentlich nur noch auf das Signal, das zu Tische rufen sollte. Das sollte von der Hausfrau gegeben werden, die sich aber noch nicht hatte blicken lassen. Endlich trat auch sie bei den Herren ein; strahlend, liebenswürdig, heiter, kurz entzückend wie immer. Nach der Begründung brachte sie sofort ihre Entschuldigungen vor. Das sprudelte nur so hervor: »Ich habe mich vielleicht etwas verspätet, meine Herren, und Sie werden mich für eine schlechte Hausfrau halten. Damit würden Sie aber eine schwere Ungerechtigkeit begehen. Denn gerade weil ich eine gute Hausfrau sein wollte, habe ich mich ein wenig verspätet. Ich war selber noch rasch ausgefahren, um unser Giardinetto zu vervollständigen. Die Auswahl des Obstes vertraue ich niemandem an. Das muss ich immer selber besorgen. und nun bitte ich nur noch um knappe fünf Minuten zum Ablegen und dann werde ich die Herren bitten.«

Aus den fünf Minuten wurden reichlich fünfzehn. Man hörte Türen hastig öffnen und schließen; es gab ein geheimnisvolles Herumschießen im Hause, und einmal steckte Frau Violet sogar den Kopf bei der Türe herein und ließ ein verstörtes Antlitz erblicken. Es war, als wolle sie den Gemahl herausrufen, und dann verschwand sie doch wieder plötzlich, als habe sie es sich anders überlegt.

Frau Violets Schmuck 

Nach einer längeren Pause erschien sie dann doch, um die Gesellschaft zu Tische zu bitten. Wie gewöhnlich war Dagobert zu ihrem Kavalier und Tischnachbarn ausersehen. Er reichte ihr den Arm und führte sie in das Speisezimmer.

»Gnädigste haben eine Unannehmlichkeit gehabt,« fragte er leise, während sie sich am Tische niederließen. »Sollte am Ende gar – es wäre entsetzlich – die Suppe versalzen oder der Braten angebrannt sein?«

Frau Violet schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Sie würgte nur, um die Tränen zurückzuhalten. Das ging eine Weile, aber nicht lange. Plötzlich brach sie doch in Tränen aus und begann herzbrechend zu schluchzen.

Dagobert machte ein sehr erschrockenes Gesicht und suchte sie zu beruhigen. Der Hausherr steckte eine strenge Miene auf, blickte zu seiner Gattin hinüber und sagte kategorisch: »Aber Violet! Was soll das? Was gibt’s denn?«

Die ganze Tafelrunde war in sichtlicher Verlegenheit und Bestürzung. Frau Violet bat tausendmal um Verzeihung, beteuerte, dass es nichts, wirklich nichts sei – nur die Nerven! Und schließlich kam es nach langem Nötigen und Parlamentieren doch heraus: während ihrer kurzen Abwesenheit war ihr ihre Schmuckkassette mit dem ganzen kostbaren Inhalt abhanden gekommen. Sie hatte sie nicht erst wieder versperrt, da sie ja doch höchstens eine halbe Stunde wegbleiben wollte. So habe sie sie denn in ihrem Boudoir auf dem Toilettetischchen liegen lassen. Daran erinnere sie sich mit vollster Bestimmtheit, und nun sei die Kassette verschwunden, gestohlen. Die Dienerschaft sei von erprobter Verlässlichkeit –

»Sind alle noch vollzählig im Hause?« unterbrach Dagobert.

»Es fehlt niemand,« erwiderte Frau Violet noch immer schluchzend, »und alle erklären auf das Bestimmteste, dass in der Zwischenzeit kein Fremder die Wohnung betreten habe.«

Dagobert erhob sich.

»Wir dürfen keinen Augenblick verlieren.«

»Ich bitte um Ruhe!« rief da der Hansherr mit großer Bestimmtheit. »Wir sind jetzt bei Tische und bleiben bei Tische. Ein kleines häusliches Missgeschick darf sich nicht auf Kosten unserer lieben Gäste vollziehen. Es wird meine Sache sein, meiner Gattin den Schaden zu ersetzen, und damit ist die Sache für uns und vorläufig erledigt.«

Dagobert blickte scharf nach seinem Freunde hin und setzte sich dann wieder ruhig nieder.

Eigentlich war es ein großer Moment. Der Schmuck der Frau Violet Grumbach, der Gattin des Präsidenten des Klubs der Industriellen, das war doch keine Kleinigkeit. Das wusste die ganze Stadt. Der stellte einen Wert vor von vielen, vielen Tausenden. Der wird gestohlen, und da der Hausherr das erfährt, erklärt er kaltblütig, dass ihm und seinen Gästen das Mittagessen nicht gestört werden dürfe. Ein feierlicher Moment. So ungefähr wie in der französischen Kammer, als in ihr eine Bombe explodierte und der Präsident darauf gelassen verkündigte: Die Sitzung dauert fort!

Das Mahl nahm also seinen Fortgang, und Frau Violet gab sich alle Mühe, ihren Kummer zu unterdrücken. Es gelang ihr aber schlecht. Immer wenn man schon geglaubt hatte, sie habe sich gefasst, stürzten die Tränen doch wieder hervor. An dem Schmuck hatte ihr Herz gehangen. Nicht nur der Kostbarkeit wegen. An jedes einzelne Stück knüpfte sich eine liebe Erinnerung, und jedes einzelne Juwel war ein Stück Lebensinhalt geworden. Der Verlobungsring, das Brautgeschmeide – die Rivière aus Saphiren und Brillanten hatte sie nach der Geburt ihres Töchterchens erhalten, des einzigen Kindes, das bald darauf starb – das Diamanten-Diadem, als sie zum erstenmal als Frau Präsidentin zu repräsentieren hatte, das Perlenhalsband nach glücklich überstandener schwerer Krankheit – es war nicht nur der materielle Wert, an allem hing ein Stück Herz, und das und die Erinnerungen, die waren auch im Falle des Ersatzes beim Hofjuwelier nicht zu kaufen.

Frau Violet blieb also während der ganzen Mahlzeit tief bekümmert und weinte viel, so sehr sie sich auch bemühte, schon um der Gäste willen ihre Haltung zu bewahren. Diese nahmen die Sache natürlich etwas leichter, obschon sie mit dem Ausdruck ihrer Teilnahme nicht kargten. Sie trösteten nach Kräften und sprachen die feste Zuversicht aus, dass es doch gelingen werde, den Schmuck wieder zur Stelle zu bringen. So nach und nach gewannen ihre Tröstungen sogar einen Stich ins Humoristische. Man habe ja das Glück einen so ausgezeichneten Amateur-Detektiv, wie Dagobert, zur Gesellschaft zu zählen. Der habe da doch eine wunderschöne Gelegenheit, seine Kunst zu zeigen, und es sei kein Zweifel, dass er auch dieses Mal die hohe Meinung, die allgemein über seine Fähigkeiten gehegt werde, bestätigen und rechtfertigen werde. Frau Violet nahm auch hier die Sache vollkommen ernst. Sie hatte wirklich Vertrauen zu Dagobert. Sie wusste von seinen Taten und ihr selbst hatte er durch seine Kunst schon einen unschätzbaren Dienst geleistet, als ihr Leben durch eine Flut von schmählichen anonymen Briefen förmlich vergiftet worden war. Sie ergriff mit wahrer Empfindung seine Hände und bat ihn, ihr auch jetzt beizustehen. Baron Eichstedt, das Vorstandsmitglied, stieß heimlich den Hausherrn an, dieser blickte bedeutsam zu dem Ausschussmitglied Baron Friese hinüber; es ging ein leichtes Schmunzeln durch die Gesellschaft: Dagobert hat wieder seine Aufgabe!

»Ich glaube, Violet,« ließ sich der Hausherr vernehmen, »dass du dir wirklich keine übertriebenen Sorgen machen sollst. Vielleicht hast du die Schatulle doch nur verlegt, und sollte sie wirklich entwendet worden sein, so wird uns ja Dagobert sicher seinen bewährten Beistand leihen.«

»Ich bin in der Tat sehr begierig,« warf Baron Friese dazwischen, »ob Herr Dagobert auch da das Korpusdelikti entdecken wird.«

Frau Violet war durchaus nicht geneigt, auf den leichten Ton der Unterhaltung einzugehen. Sie sagte nichts mehr und hob, als es Zeit war, mit einem schweren Seufzer die Tafel auf. So vortrefflich auch das Menü war – eine Selbstverständlichkeit im Hause Grumbach – so war das Mahl doch ein durchaus verunglücktes. Als ihr Dagobert Mahlzeit bot – der Wiener sagt »Speis z’am« – »Ich wünsche wohl gespeist zu haben,« – und ihr die Hand küsste, traten ihr wieder die Tränen in die Augen, und aufs neue richtete sie in tiefer Bekümmernis die Bitte an ihn, ihr in ihrem Unglück doch ja helfen zu wollen.

»Ich werde tun, was ich kann, Gnädigste,« lautete seine Antwort.

»Wie wollen Sie das aber anfangen?«

»Anfangen – selbstverständlich mit der Aufnahme des Lokalaugenscheines.«

Die Ermittlungen beginnen 

Frau Violet führte ihn in ihr Boudoir, ein Wunderwerk in blassblauer und altrosa Seide, von zarten Spitzen und schwellenden Teppichen. Dagobert ließ einen prüfenden Blick durch den duftigen Raum gleiten und bemerkte dann: »Seit mehr als zehn Jahren bin ich der Freund und regelmäßige Gast des Hauses und doch habe ich diesen Raum noch niemals zuvor betreten.«

»Das ist doch nicht besonders wunderbar, Dagobert. Ich fürchte nur, dass Sie da schwerlich etwas entdecken werden, was Sie auf eine Spur bringen könnte.«

»Das Wichtigste habe ich schon entdeckt, Frau Violet. Das Zimmer hat nur einen Eingang – den, den wir benutzt haben. Ich werde hier nun meine Studien machen. Dazu muss ich allein und ganz ungestört sein. Bitte also, meine Gnädigste, sich in Ihren weiteren Hausfrauenpflichten nicht stören zu lassen.«

Die Herren hatten sich inzwischen ins Rauchzimmer zurückgezogen. Auch Frau Violet begab sich nun dahin und machte weiter die Honneurs, während der schwarze Kaffee und die Liköre serviert und die Zigarren und Zigaretten herumgereicht wurden.

Dagobert nahm, als er sich allein sah, ein Abendblatt aus der Seitentasche seines Frackes und legte sich der Länge nach hin auf die einladende, mit altrosa Seite überzogene Chaiselongue und begann zu lesen. Er las nur wenige Minuten; dann entsank das Blatt seinen Händen, und er verfiel in ein wohltuendes, gesundheitförderndes Mittagsschläfchen.

Etwa ein halbes Stündchen mochte er geschlafen haben, als er geweckt wurde. Freiherr v. Friese als der jüngste in der Gesellschaft war delegiert worden, ihn einzuholen. Ob er denn noch immer nicht fertig sei mit seiner Lokalaugenscheinaufnahme!

»O ja, ich bin schon fertig,« entgegnete Dagobert, sich rasch ermunternd und ließ sich ohne weiteres zur Gesellschaft hinüber geleiten. Bevor er noch das Rauchzimmer betreten hatte, konnte er zu seiner Befriedigung wahrnehmen, dass die allgemeine Stimmung sich wesentlich gebessert habe. Denn es klang aus dem Rauchzimmer ein volltöniges Lachen heraus. Man ward aber sofort wieder ernster, als er eintrat. Der Hausherr fragte ihn mit besorgter Miene, ob er irgendwelche Anhaltspunkte gefunden habe, und auch die anderen bestürmten ihn mit Fragen ähnlichen Inhalts.

Dagobert beschäftigte sich mit dem ihm nachservierten Schwarzen und bat sich dazu ein Gläschen grüner Chartreuse aus. Dann wühlte er sich mit kundigem Blick unter den zahlreichen Havannakistchen seine gewohnte Sorte heraus, schnitt umständlich die Spitze der Zigarre ab und nahm sich endlich Feuer. Und erst als er sich überzeugt hatte, daß die Zigarre guten Zug habe, ließ er sich herbei zu bemerken, dass er wohl glaube, der Sache auf den Grund kommen zu können. Frau Violet klatschte in die Hände.

»Wenn Dagobert das sagt – ich kenne ihn – dann kriege ich meinen Schmuck wieder!«

»Meine Gnädigste,« erwiderte Dagobert, »eben sowenig wie im Sport gibt es bei meinem Handwerk tote Gewissheiten. Die Aussichten auf den Erfolg drücken sich in den Odds aus. Sie wissen doch, was ›Odds‹ sind, Gnädigste?«

»Ja, Dagobert. Dazu war ich oft genug auf dem Turf, um auch das zu erfahren. Odds drücken das Verhältnis der Wetten oder, wenn Sie wollen, ihre Kurse aus.«

»Nun denn, ich glaube, unsere Chancen stehen so, dass Sie nur noch ›Auf‹-Wetten legen könnten, und dabei ist nicht viel zu verdienen.«

»Ich will keine Wetten, Dagobert, ich will meinen Schmuck!«

»Wir werden sehen, was sich für Sie tun lässt, meine Gnädigste.«

»Kann ich irgendwie mithelfen, Dagobert?«

»O gewiss, meine Gnädigste, ich rechne sehr stark auf Sie!«

»Dann befehlen Sie!«

Der Plan

»Wir werden so, wie wir sind, morgen wieder bei Ihnen dinieren. Sie brauchen nicht so ein erschrockenes Gesicht zu machen, meine Gnädigste –«

»Dagobert, Sie sind ein abscheulicher Mensch! Ich habe gar kein erschrockenes Gesicht gemacht – im Gegenteil! Ich freue mich darauf, und die Herren sind hiermit höflichst eingeladen.«

»Nicht doch. Gnädigste. Ein kleines Missverständnis. Vor allen Dingen leiste ich also amende honorable und nehme das ›erschrockene Gesicht‹ feierlich zurück. Im übrigen habe ich es aber gar nicht so gemeint, wie Sie es nun gedreht haben, meine Gnädigste.«

»Dagobert, ich habe gar nichts ›gedreht‹; meine Gäste sind mir immer herzlich willkommen.«

»Daran ist kein Zweifel gestattet. Wir werden also morgen bei Ihnen dinieren. Das erfordert der Gang der Untersuchung. Er erfordert aber nicht, dass wir Ihnen Scherereien bereiten.«

»Mischen Sie sich nicht in meine Hausfrauensorgen, Dagobert!«

»Ich beschäftige mich lediglich mit meinen Untersuchungssorgen. Sie werden also die Güte haben, keinen Finger zu rühren. Ebenso ist es von Wichtigkeit, dass Ihre Dienerschaft nicht herumgehetzt und ihr keine außergewöhnliche Arbeit aufgebürdet wird. Das Diner wird Ihnen fertig ins Haus gebracht.«

»Das kann gut werden!«

»Verlassen Sie sich auf mich, Frau Violet. Ich verstehe, zu essen. Und ein wenig können Sie sich auch auf die Firma Sacher verlassen, die die teuerste Küche in Wien führt, aber, wie man sagt und ich glaube mit Recht, die beste. Ich werde auch nicht knausern. Ich weiß, was ich Ihrem Hause schuldig bin.«

»Ich als Hausherr,« warf Herr Grumbach dazwischen, »bitte dich sogar ernst und ausdrücklich, nicht zu knausern.«

»Dich, lieber Freund, geht die Geschichte vorläufig gar nichts an, und auch ich bitte dich ernst und ausdrücklich, dich in den Gang der Untersuchung nicht einzumengen. Ich habe jetzt mit deiner verehrten Frau Gemahlin Wirtschaftssachen zu besprechen, und da möchten wir ungestört bleiben. Also, meine Gnädigste, die Sache wird so sein: das Diner wird fertig beigestellt, und nicht nur das, sondern auch die Bedienungsmannschaft, das ganze Tafelzeug, Silber, Tischwäsche, Tafelaufsätze, Blumen, Porzellan und Glasservice. Sie werden sich nur zu Tische zu setzen haben. Das soll Ihre ganze Mühe sein. Eine Stunde nach dem Mahle muss der ganze Spuk wieder spurlos aus dem Hause verschwunden sein. Das alles wird glatt erledigt werden. Die Feststellung des Menüs überlassen Sie ruhig mir. Sie wissen, in der Gourmandise bin ich ein wenig Fachmann.«

»Ich weiß, Dagobert, Sie sind Kenner. Worin wären Sie es nicht?«

»Ich werde auch dafür Sorge tragen, dass zu jedem Gang die richtige Weinsorte serviert wird. Meine einschlägigen, sehr gewissenhaften Studien werden mich auch in diesem Punkte vor jedem Missgriff bewahren. Die Komposition des Menüs habe ich im Kopfe schon fertig. Wünschen Sie, es kennen zu lernen?« Die Gäste protestierten. Sie wollten sich überraschen lassen.

»Gut,« erwiderte Dagobert, »und nun, Frau Violet, habe ich nur noch eine Bitte an Sie. Sie müssen mir gestatten, einen Gast mitzubringen.«

»Darf man seinen Namen erfahren?«

»Es ist mein Freund, Oberkommissär Doktor Weinlich, wie Sie wissen, einer unserer tüchtigsten Kriminalisten. Sie müssen sich erinnern, Gnädigste, dass wir nicht sowohl ein Festessen, als ein Zweckessen veranstalten wollen. Wir wollen dem Schmuckdiebstahl auf den Grund kommen. Vielleicht kann uns da der erfahrene Kriminalkommisär von Nutzen sein.«

»Es fällt mir auf,« nahm nun der Freiherr v. Friese das Wort, »dass Freund Dagobert hier polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen glaubt. Das ist sonst nicht seine Art und würde auch in diesem Falle seinen Detektivruhm nicht erhöhen.«

»Was meinen Ruf, wenn Sie wollen, meinen Ruhm anbelangt – ich widersetze mich nicht – so können Sie die Sorge dafür ruhig mir überlassen, lieber Baron. Hier handelt es sich nicht um meinen Ruhm, sondern darum, dass der gestohlene Schmuck wieder zur Stelle gebracht wird. Ich glaube, wir werden den Dieb ermitteln, Herr Baron, und wenn dann eine Verhaftung vom Fleck weg sich als nötig erweisen sollte, dann würden meine privaten Machtmittel am Ende nicht ausreichen. Sie sehen also, dass unter Umständen der Gast uns ganz nützlich werden könnte.«

Der nächste Tag

Am nächsten Tage erschienen die Gäste vollzählig zur festgesetzten Zeit. Frau Violet empfing sie mit vollendeter Liebenswürdigkeit. Sie hatte ihre Haltung wieder gewonnen, und nichts deutete auf den schweren Kummer, der sie am Tage vorher noch bei Tische so niedergedrückt und um alle Fassung gebracht hatte.

Dagobert hatte auch seine kulinarische Mission glänzend erfüllt. Es war ein tadelloses und erstklassiges Mahl, das den Herrschaften vorgesetzt wurde. Während man bei Tische war, wurde der eigentliche Gegenstand der Tagesordnung nicht berührt. Dagobert hatte es abgelehnt, auch nur mit einer Bemerkung auf die Sache einzugehen, solange die aufwartende Mannschaft ihres Dienstes waltete. Erst als die Gesellschaft nach aufgehobener Tafel sich ins Rauchzimmer zurückgezogen, sich’s dort bequem eingerichtet hatte, mit Kaffee, den feinen Schnäpsen und Zigarren versorgt und eine weitere Störung durch Bedienungsmannschaft nicht zu gewärtigen war, erklärte sich Dagobert bereit, auf den vorliegenden Fall einzugehen. Er saß auf seinem gewohnten Platze Frau Violet gegenüber, die in ihrer traditionellen Kaminecke mit Spannung der Dinge harrte, die nun kommen sollten.

Freiherr v. Friese war der erste, der den Stein ins Rollen brachte. Er deklamierte mit komischem, falschem Pathos wie folgt: »Achtung, meine verehrten Herrschaften – nur hereinspaziert! Soeben beginnt die große Vorstellung: der weltberühmte Matador Herr Dagobert wird die Ehre haben, auf dem gespannten Drahtseil seiner hohen Detektivkunst einem hohen Adel und dem sonstigen verehrungswürdigen Publiko eine Probe seiner unübertrefflichen Geschicklichkeit zu bieten. Anerkennungsschreiben liegen vor. Kinder und das Militär vom Feldwebel abwärts zahlen die Hälfte. Nur immer hereinspaziert, meine Herrschaften!«

»Sagen Sie mal, lieber Baron,« fragte hierauf Dagobert ruhig von unten herauf, »genießen Sie das unschätzbare Glück, noch eine Großmama zu haben?«

»Bedaure lebhaft, nicht mehr aufwarten zu können.«

»Schade!«

»Warum?«

»Ich hätte Ihnen sonst den freundschaftlichen Rat erteilt, es doch vielleicht erst mit ihr zu versuchen und lieber Ihre geschätzte Großmutter zum besten halten zu wollen, als einen Dagobert Trostler, wenn er auf dem Kriegspfade wandelt. Vielleicht hätten Sie da mehr Glück, übrigens danke ich Ihnen auch für diesen Scherz, der für meine Untersuchung nicht ganz wertlos gewesen ist.«

»Kommen wir zur Sache!« mahnte der Hausherr beschwichtigend.

»Jawohl,« fügte die Hausfrau hinzu, ängstlich geworden, dass da ein Streit entstehen könnte, »wir haben Wichtigeres vor, als einem Wortgeplänkel der Herren zu lauschen.«

»Das Wichtigste, Frau Violet,« lenkte Dagobert sofort ein, »ist, dass wir den gestohlenen Schmuck zur Stelle schaffen. Ich denke, das wird sehr bald erledigt sein. – Lieber Freund Grumbach, würdest du wohl so freundlich sein, mir deine Kassaschlüssel auf eine Minute anzuvertrauen?«

Verdutzte Gesichter. Der Hausherr griff unter sichtlicher Verlegenheit in die Tasche und folgte die Schlüssel aus. Die Kasse stand in einer Ecke des Rauchzimmers. Sie war von zierlichen Dimensionen. Es war ja nur die Hauskasse. Die großen und gewichtigen standen in den Geschäftsbureaus.

»Ich bitte, mir nur genau auf die Finger zu sehen, meine Herrschaften,« sagte Dagobert, während er öffnete. »Denn wenn hinterher eine kleine Million fehlen sollte, dann möchte ich’s nicht gewesen sein!«

Er zog die schwere Türe vollends auf, nahm die Schmuckkassette heraus und überreichte sie der Hausfrau. – »Bitte, überzeugen Sie sich. Gnädigste,« bemerkte er dazu, »ob auch nichts fehlt. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass für jeden etwaigen Abgang der Herr Gemahl haftpflichtig ist.«

»Es fehlt nichts, Dagobert!« erwiderte Frau Violet lachend und blickte bewundernd zu Dagobert auf.

»Ich mache Sie weiter darauf aufmerksam, Gnädigste,« fuhr Dagobert fort, »dass der Herr Gemahl Ihnen eine Entschädigung schuldig ist für den ausgestandenen Schrecken, und daß diese Entschädigung am zweckmäßigsten erfolgen wird durch eine fachgemäße Vervollständigung des Inhalts dieser Kassette.«

»Bewilligt!« sagte Herr Grumbach sofort, aber er sagte es nicht eben in sehr freundlichem Tone. Er war ärgerlich. Nicht dass er da zu einer größeren Ausgabe gepresst ward – seiner Frau eine Freude zu bereiten, war ihm immer ein Vergnügen – aber wieder die alte Geschichte, dass keine Vereinbarung etwas nützt, geplaudert wird doch immer! Er kannte das von den vertraulichen Sitzungen her. Immer war etwas davon doch in die Öffentlichkeit gedrungen. Die Leute können einmal ein Geheimnis nicht bewahren. Das war seine Meinung, und mit dieser hielt er auch jetzt nicht hinter dem Berge. Eine so einmütige Opposition hatte aber der Herr Präsident in seinem ganzen Leben noch nicht gefunden, wie in diesem Falle. Jeder einzelne überschüttete ihn mit Beteuerungen, dass er geschwiegen habe wie das Grab, und auch Dagobert gab die bündige Versicherung ab, dass kein Verrat geübt worden sei. Es sei in diesem so einfachen Falle doch wahrhaftig auch nicht nötig gewesen.

»Wie konntest du sonst darauf kommen?« fragte Grumbach.

»Durch eine einfache Kombination, ohne die bei meinem Sport überhaupt nichts zu erreichen ist.«

»Dagobert,« bat die Hausfrau, »Sie müssen uns genau erzählen, wie Sie das herausgebracht haben.«

»Aber mit Vergnügen, meine Gnädigste! Freilich wäre es vorsichtiger, wenn ich mich nun mit dem Resultat begnügte, das doch einen positiven Erfolg vorstellt, während ich mich noch immer blamieren kann, wenn ich die Methode und den Weg aufzeige, die mich zu dem Schlussergebnis geführt haben. Auch mir ist aber – nach berühmten Mustern – das Suchen und Forschen nach Wahrheit interessanter und wichtiger als die Wahrheit selbst. Darum will ich also gern verraten, wie ich zu dem Schlüsse gekommen bin.«

»Nicht so viele Reflexionen!« erklang es aus der Korona heraus. »Wir wollen Tatsachen. Dagobert soll erzählen, nicht philosophieren!«

»Nur nicht ungeduldig, meine Herren, Sie werden’s noch früh genug erfahren. Bevor ich beginne, muss ich doch noch eine schmerzliche Betrachtung anstellen. Meine Herren! All unser Wissen ist Stückwerk. Ich war lediglich auf meine Kombination angewiesen, die ich Ihnen nun entwickeln will, und Sie werden meine Richter sein. Ihr Amt ist kein schwieriges, denn Sie sind ja genau eingeweiht, ich aber kann mich leicht blamieren, und dann werden Sie mich auslachen.«

»Die Hauptsache hast du ja doch herausgebracht!« tröstete der Hausherr.

»Deshalb könnten mir aber in der Kombination doch Irrtümer unterlaufen sein. Sollten es wesentliche Irrtümer sein, dann muss ich die Buße auf mich nehmen. Dann werde ich das heutige Festmahl bezahlen.«

»Sonst?« fragte Freiherr von Friese.

Des Rätsels Lösung

»Sonst, lieber Baron, wird ein anderer bluten müssen. Ich beginne also. Die Situation, die ich vorfand, war folgende: Wenige Minuten nachdem ich eingetreten war, begrüßte uns die verehrte Hausfrau heiter und rosig, wie immer. Eine Viertelstunde später bittet sie uns zu Tische und ist bleich und verstört, und wieder einige Minuten später bricht sie in Tränen aus. Wir erfahren auch den Grund. Sie hat in der kurzen Zwischenzeit des Toilettenwechsels für das Diner die Entdeckung gemacht, dass ihre Schmuckkassette abhanden gekommen sei. Ich erhebe mich, ich steige wie das alte Schlachtross beim Klang der Kriegsdrommete. Das war ja ein Fall für mich. Es wird Ihnen aufgefallen sein, und um so leichter werden Sie sich daran erinnern, dass ich mich so rasch beruhigte und wieder niedersetzte. Ich bedauere, es sagen zu müssen, denn es wird Ihrer Eigenliebe nicht sehr schmeicheln, meine Herren: ich hatte da Ihr Spiel schon durchschaut.«

»Das kann man jetzt leicht sagen!« warf Baron Friese dazwischen.

»Sie können mich ja dann dementieren, Herr Baron, wenn meine Folgerungen sich als falsch erweisen sollten. Was mich zunächst stutzig machte, war das: der Kummer unserer lieben Hausfrau war echt; der Ihrige, meine Herren, war falsch, war schlecht gespielt. Schämen Sie sich! Auch der Hausherr spielte seine Rolle nicht gut. Mein lieber Grumbach, allen Respekt vor deiner etwaigen Seelengröße im Unglück, aber wenn man ein noch so großer Held ist, man benimmt sich doch etwas anders, wenn man, den Suppenlöffel in der Hand, mit der angenehmen Botschaft niedergerannt wird, dass der Gattin für hunderttausend Gulden Schmuck gestohlen worden ist.«

»Deshalb wäre die Welt noch nicht untergegangen!«

»Ich vermute; aber man benimmt sich doch anders! Ich versuchte, mir die Lage klar zu machen. Da war etwas abgekartet, die Hausfrau aber nicht ins Vertrauen gezogen worden. Man hatte sich nicht gescheut, im Interesse der eigenen Unterhaltung der Hausfrau einen ernsten Schrecken und einen wirklichen Kummer zu bereiten. Das verdient Strafe, und es wird, verlassen Sie sich darauf, nicht ungestraft bleiben. Ich bin übrigens nicht der Mann, der sich etwaigen Milderungsgründen verschließt. Vielleicht hielt man es zum Gelingen des Komplotts für nötig, die Hausfrau nicht einzuweihen. Das würde ich als keine genügende Entschuldigung für die begangene Grausamkeit betrachten. Wohl aber wäre es noch möglich, dass man keine Zeit gefunden hatte, sie einzuweihen. Also ein Komplott! Gegen wen? Kein Zweifel, es war auf mich abgesehen.«

»Wie mag es zustande gekommen sein? Ich konstruierte, rekonstruierte mir den Sachverhalt wie folgt: die Sitzung, an der ich nicht teilnehmen konnte, war vorbei, und es folgte die zwanglose Unterhaltung vor Tisch. Dabei kam die Rede auch auf Dagobert und sein berühmtes Steckenpferd. Man sollte ihn zur allgemeinen Erheiterung einmal ordentlich hineinlegen, meinte der eine. Das wird nicht so leicht gehen. Der fällt uns nicht herein, hatte ein anderer die Güte, mir die Ehre anzutun. Ich vermute, dass dieser wahrhaft edle ›andre‹ mein Freund Grumbach gewesen ist.«

»Bravo, Dagobert,« rief der Hausherr, »so war es!«

»Ich kenne meine Pappenheimer. Es käme auf einen Versuch an, meinte wieder der eine. Und nun wurde die großartige Idee ausgeheckt. Die Gelegenheit war günstig. Die Hausfrau nicht zu Hause. Sie wird zwar sehr erschrecken, aber dann ihre Rolle nur um so glaubwürdiger spielen. Hier steckt der Frevel, der bestraft werden muss und bestraft werden wird. Vielleicht hätte sie Freund Grumbach übrigens doch noch verständigt, aber es fand sich dazu die unauffällige Gelegenheit nicht mehr.

»Der Diebstahl wurde also vollführt. Eine solche Beute kann man nicht unter dem Tisch verstecken. Um sie aus dem Hause zu schaffen, fehlte die Zeit und auch jede nötigende Veranlassung. Da gab es nur einen sicheren Versteck – die feuer- und einbruchsichere Kasse des Hausherrn, darauf wird Dagobert doch in seinem Leben nicht verfallen! Wie Sie gesehen haben, hatte ich die Ehre, sie dort vorzufinden. Also ein schwieriger Fall war das wahrhaftig nicht, und ich bin es meiner Reputation schuldig, Sie zu bitten, meine Herrschaften, wenn Sie wieder einmal die Neigung verspüren sollten, mir eine Falle aufzurichten, doch mit etwas mehr Schläue vorzugehen und nur nicht eine Aufgabe zu stellen, die so kinderleicht ist. Ich kann Ihnen meine fachmännische Kritik nicht vorenthalten, dass Sie Ihre Sache nicht gut gemacht haben. Nicht ich, wohl aber Sie selbst tappen gutmütig und willig in die erste beste Falle hinein, die man Ihnen stellt, und mag sie noch so plump sein. Ich habe mich gestern nach Tisch zurückgezogen – um den Lokalaugenschein aufzunehmen, wie Sie meinten. Ist mir gar nicht eingefallen. Ich habe drüben ruhig geschlafen. Ich wollte Ihnen nur Zeit gönnen, unsere verehrte Hausfrau einzuweihen und sie zu beruhigen. Letzteres ist Ihnen gelungen, das ist aber auch Ihr ganzer Erfolg, der allerdings nicht viel Findigkeit zur Voraussetzung hatte. Mir aber die kolossale Dummheit zuzutrauen, dass ich den Umschwung in der Stimmung bei der Gnädigen auch bei gutgespielter Mitwirkung nicht bemerken würde, dazu gehörte eine Naivität, die Ihnen selbst nach der mildesten Auffassung nicht verziehen werden kann. Damit, meine Herren, bin ich zu Ende.«

»Noch eine Aufklärung geben Sie den Herren,« bat darauf Frau Violet, und aus ihren Augen leuchtete dabei ein Strahl des Triumphes. Sie hatte niemals an seiner Kunst gezweifelt, und nun war sie stolz darauf, dass er ihr Vertrauen wieder so glänzend gerechtfertigt hatte. »Ihr Freund und nun auch unser Freund, der Herr Oberkommissar Weinlich, ist uns heute ein lieber und werter Gast und wird es in aller Zukunft sein, aber er hatte bei dieser Affäre nichts zu tun, und doch sagten Sie, daß Ihnen seine Mitwirkung unentbehrlich sei.«

»Die hätte nötig werden können, meine Gnädigste. Ich konnte nicht wissen, wie die Wetten auf und gegen mich abgeschlossen worden sind. Die Propositionen waren mir unbekannt. Nun hätte es geschehen können, dass ich zu dem Endresultat überhaupt nicht gelangen konnte. Ihr Herr Gemahl brauchte nur nach irgendeiner Proposition der Wette oder weil dieser oder jener mir den Erfolg nicht gönnte, mir die Ausfolgung der Kassaschlüssel zu verweigern. Man muss alles bedenken. Für diesen Fall hätten wir ihn dazu gezwungen. Ein großer Diebstahl war begangen worden. Hier musste entweder die Wahrheit bekannt oder es durften der Untersuchung, die ich auf eine Spur geleitet halte, keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Mein Freund Herr Doktor Weinlich hat einen ordnungsgemäß ausgestellten amtlichen Hausdurchsuchungsbefehl in der Tasche, und nichts hätte uns gehindert, davon Gebrauch zu machen.«

»Donnerwetter!« rief der Hausherr lachend, »das heiße ich eine Sache scharf durchführen!«

»Mein Künstlerruhm stand auf dem Spiele,« entschuldigte sich Dagobert, »und dann hat ja die Sache nicht nur ihre strafrechtliche, sondern auch ihre zivilrechtliche Seite. Vergessen Sie nicht, meine Herren – das heutige Diner – es freut mich, dass es Ihnen so wohl geschmeckt hat – habe ich bestellt. War meine Kombination falsch, so sollte es meine Strafe sein, dass ich es bezahlte. Sie war aber richtig, und nun muss ein anderer heran – der, der die ganze Geschichte angezettelt, der unsere liebe Hausfrau in Schrecken gejagt, der – die schlimmste Todsünde! – an meiner Kunst gezweifelt, gegen sie gewettet hat – der muss nun heran und der muss berappen. Herr Baron v. Friese – ich habe die Rechnung bereits in der Tasche, und ich habe sie der Einfachheit halber gleich auf Ihren Namen ausstellen lassen. Darf ich sie Ihnen hochachtungsvollst und ergebenst überreichen?«

»Herr Dagobert,« erwiderte der Baron ein wenig elegisch, »mein Kompliment! Ich bitte um die Rechnung.«


Quelle: nach Balduin Groller, Detektiv Dagoberts Taten und Abenteuer 

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Liebes Tagebuch… (4 min)

Liebes Tagebuch... (4 min)

Liebes Tagebuch

Lesezeit: 4 min
Mittwoch, 24. Juni 1942

Liebe Kitty,

Gestern Morgen ist mir etwas Schönes passiert; ich ging am Fahrradständer vorbei, als jemand nach mir rief. Ich wandte mich um und sah einen netten Jungen hinter mir stehen, den ich am Abend zuvor bei Wilma kennengelernt hatte. Er kam ein wenig verlegen näher und stellte sich als Hello Silberberg vor. Ich war ein bisschen erstaunt und wusste nicht genau, was er wollte, aber das stellte sich bald heraus. Hello wollte meine Gesellschaft genießen und mich zur Schule bringen. »Wenn du sowieso in dieselbe Richtung musst, gehe ich gerne mit«, antwortete ich, und so gingen wir zusammen. Hello ist schon sechzehn und kann über allerlei Dinge nett erzählen; heute Morgen hat er wieder auf mich gewartet, und in Zukunft wird das nun wohl so bleiben.
Anne

Mittwoch, 1. Juli 1942

Liebe Kitty,
bis heute habe ich wirklich keine Zeit finden können, wieder zu schreiben. Am Donnerstag war ich den ganzen Nachmittag bei Bekannten, am Freitag hatten wir Besuch, und so ging es immer weiter bis heute. Hello und ich haben einander in dieser Woche gut kennengelernt, er hat mir viel über sein Leben erzählt; er kommt aus Gelsenkirchen und ist ohne seine Eltern bei seinen Großeltern hier in den Niederlanden. Seine Eltern sind in Belgien; für ihn gibt es keine Möglichkeit, auch dort hinzukommen. Hello hatte ein Mädchen namens Ursula, ich kenne sie sogar; ein Muster an Sanftheit und Langeweile; seit er mich getroffen hat, ist Hello zu der Erkenntnis gekommen, dass er an Ursulas Seite einschläft. Ich bin also eine Art Wachhaltemittel für ihn; ein Mensch weiß nie, wozu er im Leben gebraucht wird! Am Montagabend war Hello bei uns zu Hause, um Vater und Mutter kennenzulernen; ich hatte Torte und Süßigkeiten geholt, Tee und Kekse, alles gab es, aber weder Hello noch ich hatten Lust dazu, so nebeneinander auf einem Stuhl zu sitzen; wir sind spazieren gegangen, und erst um zehn nach acht wurde ich daheim abgeliefert. Vater war sehr böse, fand es keine Art, dass ich zu spät zu Hause war; ich musste versprechen, in Zukunft schon um zehn vor acht drinnen zu sein. Am kommenden Samstag bin ich bei ihm eingeladen. Meine Freundin Jacque zieht mich immer mit Hello auf; ich bin aber wirklich nicht verliebt; oh nein, ich darf doch wohl Freunde haben, niemand findet da etwas dabei.
Deine Anne

 

Anmerkung: Dies ist ein Ausschnitt aus dem Tagebuch der Anne Frank. Hättest du das gedacht? 

 

 

Quelle: nach Tagebuch der Anne Frank, Anne Frank

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