Kategorien
Kurz Sonstiges

Vier Tiere im Menschen (1 min)

animal-1867180_1920

Vier Tiere im Menschen

Lesezeit: 1 min

Als Noah nach der Sinnflut die Weinrebe fand und sie anbaute, da machte er vier Gruben. In die eine schüttete er Affenblut, in die andere Saublut, in die dritte Schafblut und in die vierte Löwenblut. Dieser Tiere Eigenschaften haben die betrunkenen Leute an sich. 

Die einen sind wie die Affen, sie springen und sind guter Dinge, und wenn sich einer eine Rippe im Leibe entzwei fällt, so merkt er es nicht eher bis am Morgen, wenn er wieder nüchtern ist. Das sind Affen, und alles, was sie tun sehen, das wollen sie auch tun.

Die anderen sind Säue, wenn sie betrunken sind, so schreien sie und speien und liegen mehr unter der Bank als auf der Bank und bleiben im Miste liegen, wie es auch sonst die Säue tun. 

Die dritten sind die Schäflein. Wenn sie voll sind, so sind sie am frömmsten, reden von der Beichte und von der Hölle, beweinen ihre Sünden – sie haben das trunkene Elend – wollen alle Welt reformieren – und morgens wissen sie nichts mehr davon. 

Die vierten sind wie die Löwen. Sie wollen fechten, stechen und hauen und alle Welt tot haben. 

Nun nehme jeder ein Exempel, welchem Tier er gleich sei!

 

Quelle: Hans Ostwald, Vergnügte Tiere

Das könnte dich auch interessieren!

 
  Die neusten Gute                Nacht Geschichten          für Erwachsene:
  Die beliebtesten Gute      Nacht Geschichten          für Erwachsene
  Kurze Gute Nacht              Geschichten für                Erwachsene 
 
Kategorien
Sonstiges

Der kleine Tuk (6 min)

ian-cYtZf8M8nuI-unsplash

Der kleine Tuk

Lesezeit: 6 min

Ja, das war der kleine Tuk; er hieß eigentlich nicht Tuk, aber zu der Zeit, als er noch nicht richtig sprechen konnte, da nannte er sich selbst Tuk; das soll Karl bedeuten, und es ist gut, wenn man das weiß.

Er sollte auf seine Schwester Marie achtgeben, die noch viel kleiner als er war, und dann sollte er auch seine Aufgabe lernen, aber beides war nicht gleichzeitig möglich.

Der Knabe saß mit seiner kleinen Schwester auf dem Schoß und sang alle die Lieder, die er wußte. Zwischendurch schielten die Augen nach dem Geographiebuch, das offen vor ihm lag. Er sollte bis morgen alle Städte von Seeland mit ihren Merkwürdigkeiten aufsagen können.

Nun kam seine Mutter nach Hause und nahm die kleine Marie. Tuk lief sofort an’s Fenster und las, dass er sich fast die Augen ausgelesen hätte, denn es wurde schon dunkel, aber die Mutter hatte nicht die Mittel, Licht zu kaufen.

»Da geht die alte Waschfrau drüben aus der Gasse!« sagte die Mutter, als sie aus dem Fenster blickte. »Sie kann sich kaum selbst schleppen und doch muss sie den Eimer vom Brunnen tragen. Spring‘ hinaus, kleiner Tuk, sei ein guter Junge und hilf der alten Frau!«

Tuk lief sogleich hin und half. Als er aber wieder zurückkam, war es ganz finster geworden. Nun sollte er ins Bett, das war eine alte Schlafbank. In dieser lag er und dachte an seine Geographieaufgabe und an alles, was der Lehrer erzählt hatte. Es hätte natürlich gelesen werden müssen, aber das konnte er nun doch nicht.Das Geographiebuch steckte er unter das Kopfkissen, denn er hatte gehört, dass das bedeutend helfe, um seine Aufgabe zu behalten; aber darauf kann man sich nicht verlassen.

Da lag er nun und dachte nach. Auf einmal war es ihm, als wenn ihn jemand auf Augen und Mund küsste; er schlief und schlief doch auch nicht.

Es war, als ob die alte Waschfrau ihn mit ihren sanften Augen anblickte und zu ihm sagte: »Es würde eine große Schande sein, wenn Du Deine Aufgabe nicht gelernt hättest! Du hast mir geholfen, jetzt werde ich Dir helfen, und der liebe Gott wird es immer tun.«

Und mit einem Mal kribbelte und krabbelte das Buch unter dem Kopf des kleinen Tuk.

»Kikeriki! putput!« das war eine Henne und die kam aus Kjöge. »Ich bin eins von den Hühnern aus Kjöge!« Und dann sagte sie, wie viele Einwohner dort seien, und sprach von der Schlacht, die dort geliefert worden sei, und die war gar nicht der Rede wert.

»Kribbel, krabbel, bums!« da fiel einer; das war ein hölzerner Vogel, der jetzt ankam. Es war der Papagei vom Vogelschießen in Prästo. Der sagte, dass dort eben soviel Einwohner seien, als er Nägel im Leibe habe; und er war recht stolz: »Thorwaldsen hat bei mir an der Ecke gewohnt. Bums! Ich liege herrlich!«

Aber der kleine Tuk lachte nicht. Er ritt auf einmal im Galopp. Ein prächtig gekleideter Ritter mit glänzendem Helm und wallendem Federbusch hatte ihn vor sich auf dem Pferd, und sie ritten durch den Wald zu der alten Stadt Vordingborg.

Diese war eine große lebhafte Stadt. Hohe Türme prangten auf der Königsburg und die Lichter leuchteten weit durch die Fenster hinaus; drinnen war Gesang und Tanz! König Waldemar und geputzte junge Hoffräulein tanzten mit einander.

Es wurde Morgen und sowie die Sonne erschien, sank die Stadt und das Schloß des Königs zusammen. Ein Turm nach dem andern, zuletzt stand nur noch ein einziger auf dem Hügel, wo das Schloss gestanden hatte, und die Stadt war klein und arm. Die Schulknaben kamen mit ihren Büchern unter dem Arm und sagten: »Zweitausend Einwohner,« aber das war nicht wahr, so viele waren da nicht.Und der kleine Tuk lag in seinem Bett, es war ihm, als ob er träumte und doch wieder nicht; aber es war jemand dicht neben ihm.

»Kleiner Tuk, kleiner Tuk!« sprach es; das war ein Seemann, eine ganz kleine Figur, als wenn es ein Kadett wäre. »Ich soll vielmals grüßen von Corsör. Das ist eine Stadt, welche im Aufblühen ist. Es ist eine lebhafte Stadt, sie hat Dampfschiffe und Postwagen; früher wurde sie immer hässlich genannt, aber das war eine veraltete Ansicht.«

»Ich liege am Meer,« sagte Corsör; »ich besitze Landstraßen und Lufthaine, und ich habe einen Dichter geboren, der belustigend war, und das sind sie nicht alle. Ich habe ein Schiff zur Fahrt rings um die Erde aussenden wollen. Ich tat es nicht, hätte es aber tun können. Außerdem dufte ich herrlich, dicht am Tor blühen die schönsten Rosen!«

Der kleine Tuk sah dieselben, es wurde ihm rot und grün vor den Augen. Als aber Ruhe in das Farbenspiel kam, da erkannte er einen großen, waldbewachsenen Abhang dicht bei der klaren Meeresbucht; und hoch oben lag eine prächtige, alte Kirche mit zwei hohen, spitzen Kirchtürmen.

Aus dem Abhang sprangen die Quellen in dicken Wasserstrahlen hervor, sodass es plätscherte und dicht daneben stand ein alter König mit einer goldenen Krone auf seinem langen Haar.

Das war der König Hroar bei den Quellen, bei der Stadt Roeskilde (Roesquelle), wie man sie jetzt nennt. Und über den Abhang hin gingen alle Könige und Königinnen Dänemarks Hand in Hand, alle mit den goldenen Kronen auf dem Kopfe, in die alte Kirche, und die Orgel spielte und die Quellen rieselten.

Der kleine Tuk sah alles, hörte alles. »Vergiß die Stände nicht!« sagte der König Hroar.Auf einmal war alles wieder fort; ja, wo war es geblieben? Es war gerade, als ob man ein Blatt in einem Buche umschlägt.

Und nun stand eine alte Frau da. Es war eine Jäterin, sie kam von Sorö, wo Gras auf dem Markt wächst. Sie hatte ihre graue Leinwandschürze nass über den Kopf und den Rücken hinabhängen – es musste geregnet haben.

»Ja, geregnet hat es!« sagte sie und dann erzählte sie manches belustigende aus Holbergs Komödien und wusste von Waldemar und Absalon.

Aber auf einmal schrumpfte sie zusammen und wackelte mit dem Kopf; es war gerade, als ob sie springen wollte. »Koax!« sagte sie, »es ist nass, es ist Totenstille in Sorö!«

Sie war auf einmal ein Frosch, »Koax!« und dann war sie wieder die alte Frau. »Man muss sich nach der Witterung kleiden!« sagte sie. »Es ist nass, es ist nass!

Meine Stadt ist wie eine Flasche; beim Pfropfen muss man hinein, und da muss man auch wieder hinaus! Ich habe früher Fische gehabt, und jetzt habe ich frische, rotwangige Knaben auf dem Boden der Flasche; da lernen sie Weisheit: Griechisch! Griechisch! Koax!«

Das klang gerade, als ob die Frösche quakten oder als ob man mit großen Stiefeln im Moorwasser geht. Es war immer derselbe Laut, so einförmig, so langweilig, so ermüdend, daß der kleine Tuk fest einschlief und das tat ihm gut.Aber auch in diesem Schlaf kam ein Traum, oder was es sonst war. Seine kleine Schwester Marie mit den blauen Augen und den gelben, gelockten Haaren war auf einmal ein erwachsenes schönes Mädchen, und ohne Flügel zu haben, konnte sie fliegen. Und sie flogen über Seeland, über die grünen Wälder und die blauen Gewässer dahin.

»Hörst Du die Hühner krähen, kleiner Tuk? Kikeriki! Die Hühner fliegen aus der Stadt Kjöge auf! Du bekommst einen Hühnerhof, Du wirst weder Hunger noch Not leiden!

Den Vogel wirst Du abschießen, wie man sagt. Du wirst ein reicher und glücklicher Mann werden!

Dein Haus wird stolz prangen wie der Turm Waldemars, und reich wird es gebaut werden mit Statuen von Marmor, gleich denen von Prästo.

Dein Name wird mit Ruhm weit durch die Welt fliegen, wie das Schiff, welches von Corsör hätte ausgehen sollen, und in der Stadt Roeskilde da wirst Du gut und klug sprechen, kleiner Tuk, und wenn Du dann einst in Dein Grab kommst, dann sollst Du so ruhig schlummern«.

»Als ob ich in Sorö läge!« sagte Tuk, und dann erwachte er. Es war heller Morgen und er konnte sich nicht auch nur ein kleines bisschen an seinen Traum erinnern, aber das sollte er auch nicht, denn man darf nicht wissen, was geschehen wird.

Er sprang aus dem Bette und las in seinem Buch, und da wusste er seine Aufgabe sogleich. Die alte Waschfrau steckte den Kopf zur Tür herein und sagte:

»Schönen Dank für Deine Hilfe gestern, Du liebes Kind! Der liebe Gott lasse Deinen besten Traum in Erfüllung gehen!«

Der kleine Tuk wusste gar nicht, was er geträumt hatte, aber der liebe Gott wusste es.

 

 

Quelle: Hans Christian Andersen,  Sämmtliche Märchen

 

 

 

Das könnte dich auch interessieren!

 
  Die neusten Gute                Nacht Geschichten          für Erwachsene:
  Die beliebtesten Gute      Nacht Geschichten          für Erwachsene
  Kurze Gute Nacht              Geschichten für                Erwachsene 
 
Kategorien
Märchen

Des Märchens Geburt (6 min)

dreams-2904682

Des Märchens Geburt

Lesezeit: 6 min

Es war einmal eine Zeit, da gab es noch keine Märchen, und die war betrübend für die Kinder, denn es fehlte in ihrem Jugendparadiese der schönste Schmetterling. Und da waren auch zwei Königskinder, die spielten miteinander in dem prächtigen Garten ihres Vaters.

Der Garten war voll herrlicher Blumen, seine Pfade waren mit bunten Steinen und Goldkies bestreut und glänzten wetteifernd mit dem Taugefunkel auf den Blumenbeeten. Es gab in dem Garten kühle Grotten mit plätschernden Quellen, hoch zum Himmel aufrauschende Fontänen, schöne Marmorbildsäulen, liebliche Ruhebänke. In den Wasserbecken schwammen Gold- und Silberfische; in goldenen großen Vogelhäusern flatterten die schönsten Vögel, und andere Vögel hüpften und flogen frei umher und sangen mit lieblichen Stimmen ihre Lieder.

Die beiden Königskinder aber hatten und sahen das alle Tage, und so waren sie müde des Glanzes der Steine, des Duftes der Blumen, der Springbrunnen und der Fische, welche so stumm waren, und der Vögel, deren Lieder sie nicht verstanden.

Die Kinder saßen still beisammen und waren traurig; sie hatten alles, was nur ein Kind sich wünschen mag: gute Eltern, die kostbarsten Spielsachen, die schönsten Kleider, wohlschmeckende Speisen und Getränke, und durften tagtäglich in dem schönen Garten spielen – sie waren traurig, obschon sie nicht wußten, warum, und nicht wußten, was ihnen fehle.

Da trat zu ihnen ihre Mutter, die Königin, eine schöne hohe Frau mit mildfreundlichen Zügen, und sie bekümmerte sich darüber, daß ihre Kinder so traurig waren und sie nur wehmütig anlächelten, statt mit Jauchzen ihr entgegen zu fliegen; sie betrübte sich, daß ihre Kinder nicht glücklich waren, wie doch Kinder sein sollen und sein können, weil sie noch keine Sorgen kennen und der Himmel der Jugend meist ein wolkenloser ist.

Die Königin setzte sich zu ihren beiden Kindern, die ein Knabe und ein Mädchen waren, und schlang um jedes derselben einen ihrer vollen weißen Arme, welche goldne Spangen schmückten, und fragte gar mütterlich und liebreich: »Was fehlt euch, meine lleben Kinder?«

»Wir wissen es nicht, teure Mutter!« sprach der Knabe. »Wir sind so taurig!« sprach das Mädchen.

»Es ist so schön hier in diesem Garten, und ihr habt alles, was euch Freude machen kann; macht es euch denn keine Freude?« fragte die Königin, und eine Träne trat in ihr Auge, aus dem eine Seele voll Güte lächelte.

»Nicht genug Freude macht uns, was wir haben«, antwortete dieser Frage das Mädchen. »Wir wünschen uns was und wissen nicht, was!« setzte der Knabe hinzu.

Die Mutter schwieg bekümmert und überlegte, was die Kinder sich wohl wünschen könnten, das sie mehr erfreue als die Pracht des Gartens, der Schmuck der Kleider, die Menge der Spielsachen, der Genuss edler Speisen und Getränke, aber sie fand nicht, was ihre Gedanken suchten.

»O wäre ich nur selbst wieder ein Kind!« sprach die Königin still zu sich, mit einem leisen Seufzer, »dann fiele mir wohl bei, was Kinder froh macht.

Um Kindeswünsche zu begreifen, muß man selbst ein Kind sein. Aber ich bin schon zu weit gewandert aus dem Jugendlande, wo die goldnen Vögel durch die Bäume des Paradieses fliegen, jene Vögel, die keine Füße haben, weil die Nimmermüden irdischer Ruhe nicht bedürfen. O käme doch ein solcher Vogel her und brächte meinen teuern Kindern, was sie glücklich macht!«

Siehe, wie die Königin also wünschte, da wiegte sich plötzlich über ihr in den blauen Lüften ein wunderherrlicher Vogel, von dem ein Glanz ausging, wie Goldflammen und Edelsteinblitze, der schwebte tiefer und tiefer, und es sah ihn die Königin, es sahen ihn die Kinder. Diese riefen nur: »Ah! ah!« und Staunen ließ sie keine anderen Worte finden.

Der Vogel war überaus herrlich anzusehen, wie er, immer tiefer schwebend, sich niedersenkte, so schimmernd, so glänzend, im Regenbogenfarbengefunkel, fast das Auge blendend und doch immer wieder das Auge fesselnd.

Er war so schön, daß die Königin und die Kinder vor Freude leise schauerten, zumal sie jetzt das Wehen seiner Flügel fühlten. Und ehe sie es ahnten, so hatte sich der Wundervogel niedergelassen in den Schoß der Königin, der Mutter, und sah aus Augen, die wie freundliche Kinderaugen gestaltet waren, die Kinder an, und doch war etwas in diesen Augen, das die Kinder nicht begriffen, etwas Fremdartiges, Schauerhaftes, und sie wagten darum nicht, den Vogel zu berühren, auch sahen sie jetzt, daß der seltsame, überirdisch schöne Vogel unter seinen glänzendbunten Federn auch einige tiefschwarze Federn hatte, die man aber von weitem nicht gewahrte.

Indes blieb den Kindern zu näherer Betrachtung des schönen Wundervogels kaum so lange Zeit, als nötig war, dies zu erwähnen, denn alsbald hob sich der Vogel wieder empor, der Paradiesvogel ohne Füße, schwebte, schimmerte, flog immer höher, bis er nur eine im Äther schwimmende bunte Feder zu sein schien, dann nur noch ein goldener Streif, und dann entschwand – so lange aber, bis das geschah, sahen ihm auch die Königin und die Kinder mit Staunen nach.

Aber O Wunder! Als Mutter und Kinder wieder niederblickten, wie staunten sie da aufs neue! Auf dem Schoße der Mutter lag ein goldnes Ei, das hatte der Vogel gelegt, O und das schimmerte auch so grüngolden und goldblau wie der köstlichste Labradorstein und die schönste Perlenmuschel der Meerestiefen.

Und die Königskinder riefen aus einem Munde: »Ei, das schöne Ei!« Die Mutter aber lächelte selig und ahnte voll Dankgefühl, das müsse der Edelstein sein, der noch zum Glück ihrer Kinder fehle, das Ei müsse in seiner zauberfarbigschillernden Schale ein Gut enthalten, das den Kindern gewähre, was dem Alter versagt ist, Zufriedenheit, und das ihre Sehnsucht, ihre kindische Trauer stille.

Die Kinder aber konnten sich nicht satt sehen an dem prächtigen Ei und vergaßen bald über dem Ei den Vogel, der es brachte; erst wagten sie nicht, es zu berühren, endlich aber legte das Mädchen doch eines seiner rosigen Fingerchen daran und rief plötzlich, indem sein unschuldvolles Gesichtchen sich mit Purpur übergoß: »Das Ei ist warm!«

Nun tippte auch der Knabe vorsichtig und leise an das Ei, um zu fühlen, ob die Schwester wahr gesprochen. Endlich legte auch die Mutter ihre zarte weiße Hand auf das köstllche Ei, und siehe, was begab sich da?

Die Schale fiel in zwei Hälften auseinander, und aus dem Ei kam ein Wesen hervor, wunderbar anzusehen. Es hatte Flügel und war nicht Vogel, nicht Schmetterling, Biene nicht und nicht Libelle, und doch von allen diesen etwas, aber nicht zu beschreiben; mit einem Wort, es war das buntgeflügelte, farbenschillernde Kinderglück, selbst ein Kind, nämlich des Wundervogels Phantasie, das Märchen.

Und nun sah die Mutter ihre Kinder nicht mehr traurig, denn das Märchen blieb fortan immer bei den Kindern, und sie wurden seiner nicht müde, solange sie Kinder blieben, und seit sie das Märchen hatten, wurden ihnen Garten und Blumen, Lauben und Grotten, Wälder und Haine erst recht lieb, denn das Märchen belebte alles zur Lust der Kinder; das Märchen lieh selbst den Kindern seine Flügel, da flogen sie weit umher in der unermeßlichen Welt und waren doch immer gleich wieder daheim, sobald sie nur wollten.

Jene Königskinder – das waren die Menschen in ihrem Jugendparadiese, und die Natur war ihre schöne mildfreundliche Mutter. Sie wünschte den Wundervogel Phantasie vom Himmel nieder, der so prächtige Goldfedern und auch einige tiefdunkle hat, und er legte in ihren Schoß das goldne Märchenei.

Und wie die Kinder das Märchen innig lieb gewannen, das ihre Kindheitstage verschönte, in tausenderlei Gestaltungen und Verwandlungen sie ergötzte und über alle Häuser und Hütten, über alle Schlösser und Paläste flog, so war des Märchens Art auch diese, daß es selbst den Erwachsenen gefiel und sie sich seiner freuten, wenn sie nur etwas aus dem Garten der Kindheit mit herübergetragen in das reifere Alter, nämlich die Kindlichkeit des Herzens.

Quelle: Ludwig Bechstein,  Deutsches Märchenbuch

Das könnte dich auch interessieren!

 
  Die neusten Gute                Nacht Geschichten          für Erwachsene:
  Die beliebtesten Gute      Nacht Geschichten          für Erwachsene
  Kurze Gute Nacht              Geschichten für                Erwachsene