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Der Buchweizen (2 min)

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Der Buchweizen

Lesezeit: 2 Minuten

Häufig wenn man nach einem Gewitter an einem Acker vorübergeht, auf dem Buchweizen wächst, sieht man, dass er ganz schwarz geworden und abgesengt ist; es ist gerade, als ob eine Feuerflamme über denselben hingefahren wäre, und der Landmann sagt dann: »Das hat er vom Blitze bekommen!«

Aber warum bekam er das? Ich will erzählen, was der Sperling mir gesagt hat und der Sperling hat es von einem alten Weidenbaum gehört, welcher bei einem Buchweizenfeld steht.

Es ist ein ehrwürdiger, großer Weidenbaum, aber verkrüppelt und alt; in der Mitte geborsten und es wachsen Gras und Brombeerranken aus der Spalte hervor. Der Baum neigt sich vorn über und die Zweige hängen ganz auf die Erde hinunter, gerade als ob sie ein langes, grünes Haar bildeten.

 

Auf allen Feldern rings umher wuchs Korn, sowohl Roggen und Gerste wie Hafer, ja der herrliche Hafer, der, wenn er reif ist, wie eine Menge kleiner, gelber Kanarienvögel auf einem Zweig aussieht. Das Korn stand gesegnet und je schwerer es war, desto tiefer neigte es sich in frommer Demut.

Aber da war auch ein Feld mit Buchweizen, und dieses Feld war dem alten Weidenbaum gerade gegenüber. Der Buchweizen neigte sich nicht wie das übrige Korn, sondern prangte stolz und steif.

»Ich bin wohl so reich wie die Ähre,« sagte er; »überdies bin ich weit hübscher; meine Blumen sind schön wie die Blüten des Apfelbaums; es ist eine Freude, auf mich und die meinigen zu blicken! Kennst Du etwas Prächtigeres als uns, Du alter Weidenbaum?«

Der Weidenbaum nickte mit dem Kopf, gerade als ob er damit sagen wollte: »Ja freilich!« Aber der Buchweizen spreizte sich aus lauter Hochmut und sagte: »Der dumme Baum, er ist so alt, dass ihm Gras im Leibe wächst!«

 

Nun zog ein schrecklich böses Gewitter auf; alle Feldblumen falteten ihre Blätter zusammen oder neigten ihre kleinen Köpfe herab, während der Sturm über sie dahinfuhr; aber der Buchweizen prangte in seinem Stolz.

»Neige Dein Haupt wie wir!« sagten die Blumen.

»Das ist durchaus nicht nötig,« erwiderte der Buchweizen.

»Senke Dein Haupt wie wir!« rief das Korn. »Nun kommt der Engel des Sturmes geflogen! Er hat Schwingen, die oben von den Wolken bis gerade herunter zur Erde reichen, und er schlägt Dich mittendurch, bevor Du bitten kannst, er möge Dir gnädig sein!«

»Aber ich will mich nicht beugen!« sagte der Buchweizen.

»Schließe Deine Blumen und neige Deine Blätter!« sagte der alte Weidenbaum. »Sieh nicht zum Blitz empor, wenn die Wolke berstet; selbst die Menschen dürfen das nicht, denn im Blitz kann man in Gottes Himmel hineinsehen; aber dieser Anblick kann selbst die Menschen blenden. Was würde erst uns, den Gewächsen der Erde, geschehen, wenn wir es wagten, wir, die doch weit geringer sind!«

»Weit geringer?« sagte der Buchweizen. »Nun will ich gerade in Gottes Himmel hineinsehen!« Und er tat es in seinem Übermut und Stolz. Es war, als ob die ganze Welt in Flammen stände, so blitzte es.

 

Als das böse Wetter vorbei war, standen die Blumen und das Korn in der stillen, reinen Luft erfrischt vom Regen, aber der Buchweizen war vom Blitz kohlschwarz gebrannt; er war nun ein totes Unkraut auf dem Feld.

Der alte Weidenbaum bewegte seine Zweige im Wind und es fielen große Wassertropfen von den grünen Blättern, gerade als ob der Baum weine, und die Sperlinge fragten: »Weshalb weinst Du? Hier ist es ja so gesegnet! Sieh, wie die Sonne scheint, sieh, wie die Wolken ziehen! Kannst Du den Duft von Blumen und Büschen bemerken? Warum weinst Du, alter Weidenbaum?«

Und der Weidenbaum erzählte vom Stolz des Buchweizens, von seinem Übermut und der Strafe, die immer darauf folgt. Ich, der die Geschichte erzählte, habe sie von den Sperlingen gehört. Sie erzählten sie mir eines Abends, als ich sie um ein Märchen bat.

 

Quelle: Hans Christian Andersen,  Sämmtliche Märchen

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Psychologische/ Weise Geschichten Sonstiges

Der Flachs (6 min)

Lesezeit: 5 Minuten

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Der Flachs

Lesezeit: 6 Minuten

Der Flachs blühte. Er hat schöne, blaue Blumen, die so zart wie die Flügel einer Motte, und noch viel feiner sind! – Die Sonne beschien den Flachs, und die Regenwolken begossen ihn und das tut ihm ebenso wohl, wie es kleinen Kindern tut, wenn sie gewaschen werden, und dann einen Kuss von der Mutter bekommen, sie werden ja viel schöner davon und das wurde der Flachs auch.

»Die Leute sagen, dass ich ausgezeichnet gut stehe,« sagte der Flachs, »und dass ich schön lang werde, es wird ein prächtiges Stück Leinwand aus mir werden! Wieglücklich bin ich doch! Ich bin gewiss der Glücklichste von allen! Ich habe es gut, und es wird etwas aus mir werden! Wie der Sonnenschein belebt und wie der Regen schmeckt und erfrischt! Ich bin ganz überglücklich, ich bin der Allerglücklichste!«

»Ja, ja, ja!« sagten die Zaunpfähle, »Ihr kennt die Welt nicht, aber wir, wir haben Knorren in uns;« und dann knarrten sie ganz jämmerlich:

»Schnipp-Schnapp-Schnurre,
Baselurre,
Aus ist das Lied!«

»Nein, das ist es nicht!« sagte der Flachs. »Die Sonne scheint am Morgen, der Regen tut wohl, ich kann hören, wie ich wachse, ich kann fühlen, dass ich blühe! Ich bin der Allerglücklichste.«

Aber eines Tages kamen Leute, die den Flachs beim Schopfe fassten und mit der Wurzel herausrissen, das tat weh; er wurde in Wasser gelegt, als ob er ersäuft werden sollte, und dann kam er über Feuer, als ob er gebraten werden sollte, das war greulich!

»Es kann einem nicht immer gut ergehen!« sagte der Flachs. »Man muss etwas durchmachen, dann weiß man etwas!«Aber es wurde allerdings sehr schlimm. Der Flachs wurde gerissen und gebrochen, gedörrt und gehechelt, ja, das wusste er, wie das alles hieß; er kam auf den Rocken: schnurre nur! Da war es nicht möglich, die Gedanken beisammen zu behalten.

»Ich bin außerordentlich glücklich gewesen!« dachte er bei aller seiner Pein. »Man muss froh sein über das Gute, was man genossen hat. Froh, froh, oh!« – und das sagte er noch, als er auf den Webstuhl kam, und so wurde er zu einem herrlichen, großen Stück Leinwand. Aller Flachs, jeder einzelne Stängel kam in das eine Stück.

»Aber das ist ja ganz außerordentlich! Das hätte ich nie geglaubt! Nein, wie das Glück mir doch wohl will! Ja, die Zaunpfähle wussten wahrlich gut Bescheid mit ihrem:

›Schnipp-Schnapp-Schnurre,
Baselurre!‹

Das Lied ist keineswegs aus! Nun fängt es erst recht an! Es ist herrlich! Ja, ich habe gelitten, aber jetzt ist dafür auch etwas aus mir geworden; ich bin der Glücklichste von allen! – Ich bin so stark und so weich, so weiß und so lang! Das ist ganz etwas anderes, als nur Pflanze zu sein, selbst wenn man Blumen trägt! Man wird nicht gepflegt, und bekommt nur Wasser, wenn es regnet! Jetzt habe ich Aufwartung! Das Mädchen wendet mich jeden Morgen und mit der Gießkanne erhalte ich jeden Abend ein Regenbad. Ja, die Frau Pastorin hat selbst eine Rede über mich gehalten und gesagt, dass ich das beste Stück im ganzen Kirchspiel sei. Glücklicher kann ich gar nicht werden!«

Nun kam die Leinwand ins Haus, dann kam sie unter die Schere. Wie man schnitt, wie man mit der Nähnadel hineinstach! Das war wahrlich kein Vergnügen. Aber aus der Leinwand wurden zwölf Stück Wäsche von der Art, die man nicht gern nennt, die aber alle Menschen haben müssen; es waren zwölf Stück davon.

»Ei sieh, jetzt ist erst etwas aus mir geworden! Das war also meine Bestimmung! Das ist ja herrlich; nun schaffe ich Nutzen in der Welt, und das ist es, was man soll, das ist das wahre Vergnügen. Wir sind zwölfe geworden, aber wir sind doch alle eins und dasselbe, wir sind ein Dutzend! Was ist das für ein erstaunliches Glück!«Jahre verstrichen, – dann konnten sie nicht länger halten.
»Einmal muss es ja doch vorbei sein!« sagte jedes Stück. »Ich hätte gern noch länger halten mögen, aber man darf nichts Unmögliches verlangen!« Dann wurden sie in Stücke und Fetzen zerrissen, sodass sie glaubten, nun sei es ganz vorbei, denn sie wurden zerhackt und zerquetscht und zerkocht, ja sie wussten selbst nicht, wie ihnen geschah – und dann wurden sie schönes, feines, weißes Papier!

 

»Nein, das ist eine Überraschung! Und eine herrliche Überraschung!« sagte das Papier. »Nun bin ich feiner als zuvor, und nun werde ich beschrieben werden! Was kann nicht alles geschrieben werden! Das ist doch ein außerordentliches Glück!« Es wurden die allerschönsten Geschichten darauf geschrieben, und die Leute hörten, was darauf stand, und es war richtig und gut, es machte die Menschen weit klüger und besser, als sie bisher waren, es war ein wahrer Segen, der dem Papier in den Worten gegeben war.

»Das ist mehr als ich mir träumen ließ, als ich noch eine kleine, blaue Blume auf dem Felde war! Wie konnte es mir einfallen, dass ich dazu gelangen werde, Freude und Kenntnisse unter die Menschen zu bringen! Ich kann es selbst noch nicht begreifen! Aber es ist nun einmal wirklich so! Der liebe Gott weiß, dass ich selbst durchaus nichts dazu getan habe, als ich nach schwachem Vermögen für mein Dasein tun musste! Und doch gewährt er mir eine Freude nach der andern; jedes Mal wenn ich denke: ›Aus ist das Lied!‹ dann geht es gerade zu etwas Höherem und Besserem über. Nun werde ich gewiss auf Reisen in der ganzen Welt herum gesandt werden, damit alle Menschen mich lesen können! Das ist das Wahrscheinlichste! Früher trug ich blaue Blumen, jetzt habe ich für jede Blume die schönsten Gedanken! Ich bin der Allerglücklichste!«

Aber das Papier kam nicht auf Reisen, es kam zum Buchdrucker und da wurde alles, was darauf geschrieben stand, zum Druck zu einem Buche gesetzt, ja zu vielen hundert Büchern, denn so konnten unendlich viel Leute mehr Nutzen und Freude davon haben, als wenn das einzige Papier, auf dem das Geschriebene stand, die ganze Welt durchlaufen hätte und auf dem halben Wege schon abgenutzt worden wäre.

»Ja, das ist freilich das allervernünftigste!« dachte das beschriebene Papier. »Das fiel mir gar nicht ein! Ich bleibe zu Hause und werde in Ehren gehalten, wie ein alter Großvater! Ich bin es, der beschrieben worden ist, die Worte flossen aus der Feder gerade in mich hinein. Ich bleibe, und die Bücher laufen herum! Nun kann ordentlich was ausgerichtet werden! Nein, wie bin ich froh, wie bin ich glücklich!«

Dann wurde das Papier in ein Päckchen gesammelt und in ein Fach gelegt. »Nach vollbrachter Tat ist gut ruhen!« sagte das Papier. »Es ist ganz in Ordnung, dass man sich sammelt und über das nachdenkt, was in einem wohnt. 

Jetzt weiß ich erst recht, was in mir enthalten ist! Und sich selbst kennen, das ist erst der wahre Fortschritt. Was nun wohl kommen wird? Irgendein Fortschritt geschieht, es geht immer vorwärts!« –Eines Tages wurde alles Papier auf den Feuerherd gelegt, denn es sollte verbrannt und nicht an Höker verkauft werden, die Butter und Zucker darin einwickeln. Alle Kinder im Hause standen rings herum, sie wollten es auflodern sehen, sie wollten die vielen roten Feuerfunken in der Asche sehen, die gleichsam davon laufen und erlöschen, einer immer nach dem andern, ganz geschwind – das sind die Kinder, die aus der Schule kommen, und der allerletzte Funke ist der Schulmeister; oft glaubt man, dass er schon fort ist, aber dann kommt er auf einmal noch hinterher.

Und alles Papier lag in einem Bündel auf dem Feuer. Uh, wie flammte es empor! »Uh!« sagte es, und gleichzeitig war da alles eine Flamme; die ging höher empor, als der Flachs je seine kleine, blaue Blume hatte erheben können, und glänzte, wie die weiße Leinwand nie hatte glänzen können. Alle die geschriebenen Buchstaben wurden augenblicklich ganz rot und alle Worte und Gedanken gingen in Flammen auf.

»Nun gehe ich gerade zur Sonne hinauf!« sprach es in der Flamme, und es war, als ob tausend Stimmen das mit einem Munde sagten, und die Flamme schlug durch den Schornstein oben hinaus. – Feiner als die Flammen, dem menschlichen Auge ganz unsichtbar, schwebten ganz kleine Wesen, an Zahl den Blumen, die der Flachs getragen hatte, gleich. Sie waren noch leichter, als die Flamme, welche sie führte, und als diese erlosch und von dem Papier nur noch die schwarze Asche übrig war, tanzten sie noch einmal darüber hin, und wo sie dieselbe berührten, erblickte man ihre Fußtapfen, das waren die roten Funken. »Die Kinder kamen aus der Schule und der Schulmeister war der Allerletzte!« Das war eine Freude mit anzusehen, die Kinder des Hauses standen und sangen bei der toten Asche:

»Schnipp-Schnapp-Schnurre!
Baselurre,
Aus ist das Lied!«

Aber die kleinen, unsichtbaren Wesen sagten alle: »Das Lied ist nie aus, das ist das Schönste von allem! Ich weiß es, und deswegen bin ich der Allerglücklichste!«

Aber das konnten die Kinder weder hören, noch verstehen und das sollten sie auch nicht, denn Kinder brauchen nicht alles zu wissen.

 

Quelle: Hans Christian Andersen,  Sämmtliche Märchen

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Märchen Psychologische/ Weise Geschichten

Fliedermütterchen (8 min)

Fliedermütterchen (8 min)

Fliedermütterchen

Lesezeit: 8 min
Der Junge mit den nassen Füßen

Es war einmal ein kleiner Knabe, der hatte sich erkältet; er war ausgegangen und hatte nasse Füße erhalten, niemand konnte begreifen, woher er sie erhalten hatte, denn es war ganz trockenes Wetter. Nun entkleidete ihn seine Mutter, brachte ihn zu Bette und ließ die Teemaschine hereinbringen, um ihm eine gute Tasse Fliedertee zu bereiten, denn der Tee erwärmt. Zu gleicher Zeit kam auch der alte, freundliche Mann zur Thür herein, der ganz oben im Hause wohnte und allein lebte; denn er hatte weder Frau noch Kinder, liebte aber die Kinder und wusste so viel Märchen und Geschichten zu erzählen, dass es eine Lust war.

»Nun trinkst Du Deinen Tee,« sagte die Mutter, »vielleicht bekommst Du dann ein Märchen zu hören.«

»Ja, wenn ich nur ein neues wüsste!« sagte der alte Mann und nickte freundlich. »Wo hat der Kleine die nassen Füße bekommen?« fragte er.

»Ja, wie das geschehen ist,« sagte die Mutter, »das kann niemand begreifen.«

»Erzählen sie ein Märchen?« fragte der Knabe.

»Kannst Du mir genau sagen, denn das muss ich zuerst wissen, wie tief der Rinnstein in der kleinen Straße ist, wo Du in die Schule gehst?«

»Gerade bis mitten auf die Schäfte,« sagte der Knabe, »aber dann muss ich in das tiefe Loch gehen!«

»Sieh, davon hast Du die nassen Füße!« sagte der Alte. »Nun soll ich freilich ein Märchen erzählen, aber ich weiß keines mehr!«

»Sie können ein neues machen!« sagte der kleine Knabe. »Die Mutter sagt, dass Sie aus allem, was Sie betrachten, ein Märchen machen können, und von allem, was sie berühren, könne Sie eine Geschichte erzählen!«

»Ja, aber die Märchen und Geschichten taugen nichts! Die ordentlichen kommen von selbst, die klopfen mir gegen die Stirn und sagen: hier bin ich!«

»Klopft es nicht bald?« fragte der kleine Knabe; die Mutter lachte, tat Fliedertee in die Kanne und goß kochendes Wasser darüber.

»Erzählen Sie etwas!«

Ein neues Märchen

»Ja, wenn ein Märchen von selbst kommen möchte, aber sie sind vornehm, sie kommen nur, wenn sie Lust haben! – Warte!« sagte er auf einmal. »Da haben wir eines! Gieb acht, nun ist eins in der Teekanne!«

Der kleine Knabe sah nach der Teekanne hin, der Deckel hob sich mehr und mehr, und die Fliederblumen kamen frisch und weiß daraus hervor, sie schossen große, lange Zweige, selbst aus der Leinwand verbreiteten sie sich nach allen Seiten und wurden größer und größer.

Es war der herrlichste Fliederbusch, ein ganzer Baum, er ragte in das Bett hinein und schob die Vorhänge zur Seite. Wie das blühte und duftete, und mitten im Baume saß eine alte, freundliche Frau mit einem sonderbaren Kleide, es war ganz grün, gleich den Blättern des Fliederbaumes, und mit großen, weißen Fliederblumen besetzt. Man konnte nicht so gleich erkennen, ob es Zeug oder lebendiges Grün und Blumen waren.

»Wie heißt die Frau?« fragte der kleine Knabe.

Das Fliedermütterchen

»Ja, die Römer und Griechen,« sagte der alte Mann, »die nannten sie eine Dryade, aber das verstehen wir nicht. Draußen in der Vorstadt haben wir einen besseren Namen für dieselbe, da wird sie ›Fliedermütterchen‹ genannt, und sie ist es, auf die Du acht geben musst. Horch‘ nur auf, und betrachte den herrlichen Fliederbaum. Gerade so ein großer, blühender Baum steht da draußen; er wuchs in einem Winkel eines kleinen, ärmlichen Hofes. Unter diesem Baum saßen eines Mittags im schönsten Sonnenschein zwei alte Leute, es wär ein alter, alter Seemann und seine alte, alte Frau; sie waren Urgroßeltern und sollten bald ihre goldene Hochzeit halten, aber sie konnten sich des Hochzeitstages nicht recht entsinnen; die Fliedermutter saß im Baum und sah ebenso vergnügt aus; wie hier. ›Ich weiß wohl, wann Eure goldene Hochzeit ist!‹ sagte sie, aber die beiden Alten hörten es nicht, sie sprachen von vergangenen Zeiten.«

»Ja, entsinnest Du Dich?« sagte der alte Seemann, »damals als wir noch klein waren und herumliefen und spielten, es war in demselben Hofe, wo wir nun sitzen, und wir pflanzten kleine Stecken in den Hof und machten einen Garten.«

»Ja,« sagte die alte Frau, »dessen erinnere ich mich recht gut, und wir begossen die Stecken, und einer derselben war ein Fliederzweig, der schlug Wurzeln, schoss grüne Zweige und ist ein großer, stattlicher Baum geworden, unter dem wir alten Leute nun sitzen.«

»Ja, richtig,« sagte er; »und dort in der Ecke stand ein Wasserkübel, dort schwamm mein Fahrzeug, ich hatte es selbst ausgeschnitten, wie das segeln konnte! Aber ich musste freilich bald anders wohin segeln.«

Schule und lange Reisen

»Ja, aber zuerst gingen wir in die Schule und lernten etwas,« sagte sie, »und dann wurden wir eingesegnet. Wir weinten beide; aber des Nachmittags gingen wir Hand in Hand auf den runden Turm und sahen in die Welt hinaus über Kopenhagen und das Wasser, dann gingen wir hinaus nach Friedrichsburg, wo der König und die Königin in ihrem prächtigen Bote auf den Kanälen herumfuhren.«

»Aber ich musste bald anderswo herumfahren und viele Jahre lang reisen!«

»Ja, ich weinte oft Deinetwegen!« sagte sie. »Ich glaubte, Du seiest tot und lägest dort unten im Wasser. Manche Nacht stand ich auf und sah, ob der Wetterhahn sich drehte, ja, er drehte sich wohl, aber Du kamst nicht! Ich erinnere mich deutlich, wie es eines Tages in Strömen vom Himmel goß, der Kehrichtwagen hielt vor der Thür, wo ich diente, ich ging mit dem Kehrichtfasse hinunter und blieb vor der Thür stehen; – was war das für ein abscheuliches Wetter! Und als ich dastand, war der Briefträger mir zur Seite und gab mir einen Brief, der war von Dir! Ja, wie der herumgereist war! Ich riss ihn auf und las; ich lachte und weinte, ich war so froh! Da stand, dass Du in den warmen Ländern seiest, wo die Kaffeebohnen wachsen. Was muss das für ein wunderbares, herrliches Land sein! Du erzähltest viel, und ich sah das alles, während der Regen herniedergoss, und ich mit dem Kehrichtfasse dastand. Da war einer, der mich um den Leib nahm – –.«

Die Heimkehr

»Ja, aber Du gabst ihm einen tüchtigen Schlag auf das Ohr, dass es klatschte.«

»Ich wusste auch nicht, dass Du es warst. Du warst ebenso geschwind als Dein Brief gekommen, und Du warst so schön – das bist Du noch. Du hattest ein langes, gelbes, seidenes Tuch in der Tasche und einen neuen Hut auf, Du warst so fein. Gott, was war das für ein abscheuliches Wetter, und wie sah die Straße aus!«

»Dann heirateten wir uns,« sagte er, »entsinnst Du Dich? Und dann, als wir den ersten kleinen Knaben und dann Marie und Jakob und Peter und Hans und Christian bekamen!«

»Ja, und wie die alle herangewachsen und ordentliche Menschen geworden sind, die ein jeder gern hat.«

»Und ihre Kinder haben wieder Kleine bekommen,« sagte der alte Matrose, »ja das sind Kindeskindeskinder, da ist Kern darin! – War es nicht gerade um diese Zeit des Jahres, dass wir Hochzeit hielten?«

Der Hochzeitstag und die Familie

»Ja, eben heute ist der goldene Hochzeitstag!« sagte die Fliedermutter und steckte den Kopf gerade zwischen die beiden Alten hinunter, und sie glaubten, es sei die Nachbarin, die da nickte. Sie sahen einander an und hielten sich an den Händen. Bald darauf kamen die Kinder und Kindeskinder, denn sie wussten wohl, dass es der goldene Hochzeitstag sei, sie hatten schon des Morgens gratuliert, aber die Alten hatten es vergessen, während sie sich gut an alles erinnerten, was vor vielen Jahren geschehen war. Der Fliederbaum duftete stark, und die Sonne, die im Untergehen begriffen war, schien den beiden Alten gerade in das Antlitz, sie sahen beide rotwangig aus, und das kleinste der Kindeskinder tanzte um sie herum und rief ganz glücklich, dass diesen Abend große Pracht herrschen werde, sie sollten warme Kartoffeln haben; und die Fliedermutter nickte im Baum und rief mit all‘ den andern: »Hurra!«

»Aber das war ja kein Märchen!« sagte der kleine Knabe, der es erzählen hörte.

»Ja, das musst Du verstehen,« sagte der Alte, der erzählte; »aber lass uns Fliedermütterchen danach fragen!«

»Das war kein Märchen,« sagte die Fliedermutter, »aber nun kommt es! Aus der Wirklichkeit wächst eben das sonderbarste Märchen heraus, sonst könnte ja mein schöner Fliederbusch nicht aus der Teekanne hervorgesprossen sein!« Und dann nahm sie den kleinen Knaben aus dem Bette, legte ihn an ihre Brust, und die Fliederzweige voller Blumen schlugen um sie zusammen, sie saßen wie in der dichtesten Laube, und diese flog mit ihnen durch die Luft, es war unaussprechlich schön!

Der Flug mit dem Fliedermütterchen

Fliedermütterchen war auf einmal ein niedliches, junges Mädchen geworden, aber das Kleid war noch von demselben grünen weißgeblümten Zeuge, wie es Fliedermütterchen getragen hatte. Am Busen hatte sie eine wirkliche Fliederblume und im ihr gelbes, gelocktes Haar einen ganzen Kranz von Fliederblumen; ihre Augen waren blau, o, sie war herrlich anzuschauen! Sie und der Knabe küssten sich, und dann waren sie im gleichen Alter und fühlten gleiche Freuden.

Sie gingen nun Hand in Hand aus der Laube, und standen auf einmal im schönen Blumengarten der Heimat; bei dem frischen Grasplatz war des Vaters Stock an einen Pflock angebunden. Für die Kleinen war Leben im Stock; sobald sie sich quer über denselben setzten, verwandelte sich der blanke Knopf zu einem prächtig wiehernden Kopf, die lange, schwarze Mähne flatterte, vier schlanke, starke Beine schossen hervor; das Tier war stark und mutig. Im Galopp fuhren sie um den Grasplatz herum, hussa! – »Nun reiten wir viele Meilen weit fort,« sagte der Knabe; »wir reiten nach dem Gut, wo wir im vorigen Jahre waren!« Und sie ritten und ritten um den Rasenplatz herum, und immer rief das kleine Mädchen, die, wie wir wissen, keine andere als die Fliedermutter war: »Nun sind wir auf dem Lande, siehst Du das Bauernhaus mit dem großen Backofen, der wie ein riesengroßes Ei aus der Mauer nach dem Weg heraus erscheint? Der Fliederbaum breitet seine Zweige darüber hin, und der Hahn geht und kratzt für die Hühner. Sieh, wie er sich brüstet! – Nun sind wir bei der Kirche, die liegt hoch auf dem Hügel unter den großen Eichbäumen, wovon der eine halb abgestorben ist! – Nun kommen wir zu der Schmiede, wo das Feuer brennt und die Männer mit den Hämmern schlagen, daß die Funken weit umhersprühen. Fort, fort nach dem prächtigen Gut!« Und alles, was das kleine Mädchen, die hinten auf dem Stock saß, sagte, das flog auch vorbei, der Knabe sah es, und doch kamen sie nur um den Grasplatz herum. Dann spielten sie im Seitengange und ritzten in der Erde einen kleinen Garten, und sie nahm Fliederblumen aus ihrem Haar, pflanzte sie, und sie wuchsen, so, wie bei den Alten damals, als sie noch klein waren, und wie früher erzählt worden ist. Sie gingen Hand in Hand, wie die alten Leute es als Kinder gemacht hatten, aber nicht auf den runden Turm hinauf, oder nach dem Friedrichsburger Garten, nein, das kleine Mädchen fasste den Knaben um den Leib, und dann flogen sie weit herum im ganzen Lande, und es war Frühjahr, und es wurde Sommer, und es war Erntezeit, und es wurde Winter, und tausende von Bildern spiegelten sich in des Knaben Augen und Herzen ab, und immer sang das kleine Mädchen ihm vor: »Das wirst Du nie vergessen!«

Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter

Auf dem ganzen Fluge duftete der Fliederbaum süß und herrlich. Der Knabe bemerkte wohl die Rosen und die frischen Buchen, aber der Fliederbaum duftete noch stärker, denn seine Blumen hingen an des kleinen Mädchens Herzen, und daran lehnte er oft im Fluge sein Haupt.

»Hier ist es schön im Frühjahr!« sagte das junge Mädchen, und sie standen in dem frisch ausgeschlagenen Buchenwalde, wo der grüne Klee zu ihren Füßen duftete, und in dem Grünen sahen die blassroten Anemonen lieblich aus. »O, wäre es immer Frühjahr in dem duftenden Buchenwalde!«

»Hier ist es herrlich im Sommer!« sagte sie und sie fuhren an alten Schlössern aus der Ritterzeit vorbei, wo sich die roten Mauern und gezackten Giebel in den Kanälen spiegelten, wo die Schwäne schwammen und in die alten kühlen Alleen hinauf sahen. Auf dem Felde wogte das Korn, gleich einem See, in den Gräben standen rote und gelbe Blumen, und auf den Gehegen wilder Hopfen und blühende Winden. Am Abend stieg der Mond rund und groß empor, die Heuhaufen auf den Wiesen dufteten süß. »Das vergisst sich nie!«

»Hier ist es herrlich im Herbst!« sagte das kleine Mädchen, und die Luft war doppelt so hoch und blau, der Wald bekam die schönsten Farben von Rot, Gelb und Grün. Jagdhunde jagten davon, ganze Scharen Vogelwild flogen schreiend über die Hünengräber hin, auf denen Brombeerranken sich um die alten Steine schlangen. Das Meer war schwarzblau mit weißen Seglern bedeckt und in der Tenne saßen alte Frauen, Mädchen und Kinder, und pflückten Hopfen in ein großes Gefäß; die Jungen sangen Lieder, aber die Alten erzählten Märchen von Kobolden und bösen Zauberern. Besser konnte es nirgends sein.

»Hier ist es schön im Winter!« sagte das kleine Mädchen, und alle Bäume waren mit Reif bedeckt, sodass sie wie weiße Korallen aussahen, der Schnee knarrte unter den Füßen, als hätte man immer neue Stiefel an, und vom Himmel fiel eine Sternschnuppe nach der andern. Im Zimmer wurde der Weihnachtsbaum angezündet, da gab es Geschenke und gute Laune; auf dem Lande ertönte in der Bauernstube die Violine, um Äpfelschnitte wurde gespielt; selbst das ärmste Kind sagte: »Es ist doch schön im Winter!«

Ja, es war schön; und das kleine Mädchen zeigte dem Knaben alles, und immer duftete der Fliederbaum und immer wehte die rote Flagge, unter welcher der alte Seemann gesegelt hatte.

Die Blume im Gesangsbuch

Der Knabe wurde zum Jüngling und sollte in die weite Welt hinaus, weit fort nach den warmen Ländern, wo der Kaffee wächst; aber beim Abschied nahm das kleine Mädchen eine Fliederblume von ihrer Brust und gab sie ihm aufzubewahren. Sie wurde sorgfältig in das Gesangbuch gelegt, und im fremden Lande, wenn er das Buch öffnete, geschah es immer an der Stelle, wo die Erinnerungsblume lag, und je mehr er dieselbe betrachtete, desto frischer wurde sie, sodass er gleichsam einen Duft von den heimatlichen Wäldern einatmete, und deutlich erblickte er das kleine Mädchen, wie sie mit ihren klaren, blauen Augen zwischen den Blumenblättern hervorsah, und dann flüsterte: »Hier ist es schön im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter!« und Hunderte von Bildern glitten durch seine Gedanken.

So verstrichen viele Jahre, und er war nun ein alter Mann und saß mit seiner alten Frau unter einem blühenden Fliederbaume. Sie hielten einander an den Händen, wie der Urgroßvater und die Urgroßmutter es draußen getan hatten, und sie sprachen ebenso wie diese von den alten Zeiten und von der goldenen Hochzeit. Das kleine Mädchen mit den blauen Augen und mit den Fliederblumen im Haar saß oben im Baum, nickte beiden zu und sagte: »Heute ist der goldene Hochzeitstag!« Dann nahm sie zwei Blumen aus ihrem Kranze, küsste sie, und sie glänzten zuerst wie Silber, dann wie Gold, und als sie diese auf die Häupter der Alten legte, wurde jede Blume zu einer Goldkrone. Da saßen sie beide, einem König und einer Königin gleich, unter dem duftenden Baume, der ganz und gar wie ein Fliederbaum aussah, und er erzählte seiner alten Frau die Geschichte von dem Fliedermütterchen, so wie sie ihm erzählt worden war, als er noch ein kleiner Knabe gewesen, und sie meinten beide, dass die Geschichte vieles enthalte, was ihrer eigenen gleiche, und das was ähnlich war, gefiel ihnen am besten.

Erinnerung

»Ja, so ist es!« sagte das kleine Mädchen im Baum. »Einige nennen mich Fliedermütterchen, andere nennen mich Dryade, aber eigentlich heiße ich Erinnerung; ich bin es, die im Baume sitzt, welcher wächst und wächst, ich kann zurückdenken, ich kann erzählen! Lass sehen, ob Du Deine Blume noch hast.«

Und der alte Mann öffnete sein Gesangbuch, da lag die Fliederblume, so frisch, als wäre sie erst kürzlich hineingelegt, und die Erinnerung nickte, und die beiden Alten mit den Goldkronen auf dem Haupte saßen in der roten Abendsonne. Sie schlossen die Augen und – und – ja, da war das Märchen aus!

Der kleine Knabe lag in seinem Bette, er wusste nicht, ob er geträumt oder ob er es erzählen gehört habe. Die Teekanne stand auf dem Tisch, aber es wuchs kein Fliederbaum daraus hervor, und der alte Mann, der erzählt hatte, war eben im Begriff, zur Thür hinauszugehen, und das tat er auch.

»Wie schön war das!« sagte der kleine Knabe. »Mutter, ich bin in den warmen Ländern gewesen!«

»Ja, das glaube ich wohl,« sagte die Mutter, »wenn man zwei volle Tassen Fliedertee zu sich nimmt, dann kommt man wohl nach den warmen Ländern!« – Und sie deckte ihn zu, damit er sich nicht wieder erkälte. »Du hast wohl geschlafen, während ich mich mit dem alten Manne darüber stritt, ob es eine Geschichte oder ein Märchen sei!«

»Und wo ist die Fliedermutter?« fragte der Knabe.

»Sie ist in der Teekanne,« sagte die Mutter, »und dort kann sie bleiben!«

 

 

Quelle: nach Andersen, Hans Christian, Sämmtliche Märchen

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Der Froschkönig (5 min)

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Die schöne Königstochter

In den alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön, aber die jüngste war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hat, sich verwunderte, so oft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein großer dunkler Wald, und in dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen; wenn nun der Tag sehr heiß war, so ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens, und wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk.

Der helfende Frosch

Nun trug es sich einmal zu, dass die goldene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern vorbei auf die Erde schlug und geradezu ins Wasser hineinrollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so tief, dass man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu: »Was hast du vor, Königstochter, du schreist ja, dass sich ein Stein erbarmen möchte.« Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken hässlichen Kopf aus dem Wasser streckte. »Ach, du bist’s, alter Wasserpatscher,« sagte sie, »ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinabgefallen ist.« »Sei still und weine nicht,« antwortete der Frosch, »ich kann wohl Rat schaffen, aber was giebst du mir, wenn ich dein Spielwerk wieder heraushole?«

Der Pakt

»Was du haben willst, lieber Frosch,« sagte sie, »meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, auch noch die goldene Krone, die ich trage.« Der Frosch antwortete: »Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine, und deine goldene Krone, die mag ich nicht; aber wenn du mich lieb haben willst und ich soll dein Geselle und Spielkamerad sein, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken, in deinem Bettlein schlafen: wenn du mir das versprichst, so will ich hinuntersteigen und dir die goldene Kugel wieder herausholen.« »Ach ja,« sagte sie, »ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wieder bringst.« Sie dachte aber: »Was der einfältige Frosch schwätzt, der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt, und kann keines Menschen Geselle sein.«

Der Frosch, als er die Zusage erhalten hatte, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab und über ein Weilchen kam er wieder heraufgerudert; hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spielwerk wieder erblickte, hob es auf und sprang damit fort. »Warte, warte,« rief der Frosch, »nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du.« Aber was half ihm, dass er ihr sein quak quak so laut nachschrie als er konnte; sie hörte nicht darauf, eilte nach Haus und hatte bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinabsteigen musste.

Der Frosch im Königshaus 

Am anderen Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten sich zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe heraufgekrochen, und als es oben angelangt war, klopfte es an der Thür und rief: »Königstochter, jüngste, mach mir auf.« Sie lief und wollte sehen wer draußen wäre, als sie aber aufmachte, so saß der Frosch davor. Da warf sie die Tür hastig zu, setzte sich wieder an den Tisch, und war ihr ganz angst. Der König sah wohl, dass ihr das Herz gewaltig klopfte und sprach: »Mein Kind, was fürchtest du dich, steht etwa ein Riese vor der Thür und will dich holen?« »Ach nein,« antwortete sie, »es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.« »Was will der Frosch von dir?« »Ach lieber Vater, als ich gestern im Walde bei dem Brunnen saß und spielte, da fiel meine goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt, und weil er es durchaus verlangte, so versprach ich ihm, er sollte mein Geselle werden, ich dachte aber nimmermehr, dass er aus seinem Wasser heraus könnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein.« Indem klopfte es zum zweitenmal und rief:

»Königstochter, jüngste,
mach mir auf,
weißt du nicht, was gestern
du zu mir gesagt
bei dem kühlen Brunnenwasser?
Königstochter, jüngste,
mach mir auf.«

Versprochen ist versprochen, …

Da sagte der König: »Was du versprochen hast, das musst du auch halten; geh nur und mach ihm auf.« Sie ging und öffnete die Thür, da hüpfte der Frosch herein, ihr immer auf dem Fuße nach, bis zu ihrem Stuhl. Da saß er und rief: »Heb mich herauf zu dir.« Sie zauderte, bis es endlich der König befahl. Als der Frosch erst auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, und als er da saß, sprach er: »Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen.« Das tat sie zwar, aber man sah wohl, dass sie’s nicht gerne tat. Der Frosch ließ sich’s gut schmecken, aber ihr blieb fast jedes Bisslein im Halse. Endlich sprach er: »Ich habe mich satt gegessen, und bin müde, nun grat mich in dein Kämmerlein und mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen.« Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie sich nicht anzurühren getraute, und der nun in ihrem schönen reinen Bettlein schlafen sollte. Der König aber ward zornig und sprach: »Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du hernach nicht verachten.« Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Als sie aber im Bette lag, kam er gekrochen und sprach: »Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du; heb mich herauf, oder ich sag’s deinem Vater.« Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand: »Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.«

Die Verwandlung zum Königssohn

Als er aber herab fiel, war er kein Frosch, sondern ein Königssohn mit schönen freundlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da erzählte er ihr, er wäre von einer bösen Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein, und morgen wollten sie zusammen in sein Reich gehen. Dann schliefen sie ein, und am anderen Morgen, als die Sonne sie aufweckte, kam ein Wagen herangefahren mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußenfedern auf dem Kopf, und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr war in einen Frosch verwandelt worden, dass er drei eiserne Bande hatte um sein Herz legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber sollte den jungen König in sein Reich abholen; der treue Heinrich hob beide hinein, stellte sich wieder hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. Und als sie ein Stück Weges gefahren waren, hörte der Königssohn, dass es hinter ihm krachte, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief:

»Heinrich, der Wagen bricht.«
»Nein, Herr, der Wagen nicht,
es ist ein Band von meinem Herzen,
das da lag in großen Schmerzen,
als ihr in dem Brunnen saßt,
als ihr ein Frosch wart.«

Doch einmal und noch einmal krachte es auf dem Wege, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.

 

Quelle: nach Gebrüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen 

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Rapunzel (5 min)

Rapunzel (5 min)

Rapunzel

Lesezeit: 5 min
Die Gelüste nach dem Rapunzel 

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung, der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhause ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war aber von einer hohen Mauer umgeben und niemand wagte hineinzugehen, weil er einer Zauberin gehörte, die große Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward. Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war: und sie sahen so frisch und grün aus, dass sie lüstern ward und das größte Verlangen empfand, von den Rapunzeln zu essen. Das Verlangen nahm jeden Tag zu, und da sie wusste, dass sie keine davon bekommen konnte, so fiel sie ganz ab, sah blass und elend aus. Da erschrak der Mann und fragte: »Was fehlt dir, liebe Frau?« »Ach,« antwortete sie, »wenn ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserem Hause zu essen kriege, so sterbe ich.« Der Mann, der sie lieb hatte, dachte: »Ehe du deine Frau sterben lässt, holst du ihr von den Rapunzeln, es mag kosten was es will.« In der Abenddämmerung stieg er also über die Mauer in den Garten der Zauberin, stach in aller Eile eine Hand voll Rapunzeln und brachte sie seiner Frau. Sie machte sich sogleich Salat daraus und aß sie in voller Begierde auf. Sie hatten ihr aber so gut, so gut geschmeckt, dass sie den anderen Tag noch dreimal so viel Lust bekam. Sollte sie Ruhe haben, so musste der Mann noch einmal in den Garten steigen.

Der Pakt 

Er machte sich also in der Abenddämmerung wieder hinab, als er aber die Mauer hinabgeklettert war, erschrak er gewaltig, denn er sah die Zauberin vor sich stehen. »Wie kannst du es wagen,« sprach sie mit zornigem Blick, »in meinen Garten zu steigen und wie ein Dieb mir meine Rapunzeln zu stehlen? Das soll dir schlecht bekommen.« »Ach,« antwortete er, »lasst Gnade für Recht ergehen, ich habe mich nur aus Not dazu entschlossen: meine Frau hat Euere Rapunzeln aus dem Fenster erblickt, und empfindet ein so großes Gelüsten, dass sie sterben würde, wenn sie nicht davon zu essen bekäme.« Da ließ die Zauberin in ihrem Zorne nach und sprach zu ihm: »Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich dir gestatten, Rapunzeln mitzunehmen, soviel du willst, allein ich mache eine Bedingung: du musst mir das Kind geben, das deine Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen, und ich will für es sorgen wie eine Mutter.« Der Mann sagte in der Angst alles zu, und als die Frau in Wochen kam, so erschien sogleich die Zauberin, gab dem Kinde den Namen Rapunzel und nahm es mit sich fort.

Der Turm

Rapunzel ward das schönste Kind unter der Sonne. Als es zwölf Jahre alt war, schloss es die Zauberin in einen Turm, der in einem Walde lag und weder Treppe noch Thür hatte, nur ganz oben war ein kleines Fensterchen. Wenn die Zauberin hinein wollte, so stellte sie sich unten hin und rief:

»Rapunzel, Rapunzel,
lass mir dein Haar herunter.«

Rapunzel hatte lange prächtige Haare, fein wie gesponnen Gold. Wenn sie nun die Stimme der Zauberin vernahm, so band sie ihre Zöpfe los, wickelte sie oben um einen Fensterhaken und dann fielen die Haare zwanzig Ellen tief herunter, und die Zauberin stieg daran hinauf.

Der Königssohn

Nach ein paar Jahren trug es sich zu, dass der Sohn des Königs durch den Wald ritt und an dem Turm vorüberkam. Da hörte er einen Gesang, der war so lieblich, dass er still hielt und horchte. Das war Rapunzel, die in ihrer Einsamkeit sich die Zeit damit vertrieb, ihre süße Stimme erschallen zu lassen. Der Königssohn wollte zu ihr hinaufsteigen und suchte nach einer Thür des Turmes, aber es war keine zu finden. Er ritt heim, doch der Gesang hatte ihm so sehr das Herz gerührt, dass er jeden Tag hinaus in den Wald ging und zuhörte. Als er einmal so hinter einem Baume stand, sah er, dass eine Zauberin herankam und hörte wie sie hinaufrief:

»Rapunzel, Rapunzel,
lass dein Haar herunter.«

Da ließ Rapunzel die Haarflechten herab und die Zauberin stieg zu ihr hinauf. »Ist das die Leiter, auf welcher man hinaufkommt, so will ich auch einmal mein Glück versuchen.« Und den folgenden Tag, als es anfing dunkel zu werden, ging er zu dem Turm und rief

»Rapunzel, Rapunzel,
lass dein Haar herunter.«

Alsbald fielen die Haare herab und der Königssohn stieg hinauf.

Das erste Treffen 

Anfangs erschrak Rapunzel gewaltig, als ein Mann zu ihr hereinkam, wie ihre Augen noch nie einen erblickt hatten, doch der Königssohn fing an ganz freundlich mit ihr zu reden und erzählte ihr, dass von ihrem Gesange sein Herz so sehr sei bewegt worden, dass es ihm keine Ruhe gelassen, und er sie selbst habe sehen müssen. Da verlor Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte, ob sie ihn zum Manne nehmen wollte, und sie sah, dass er jung und schön war, so dachte sie: »Der wird mich lieber haben als die alte Frau Gothel,« und sagte ja, und legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach: »Ich will gern mit dir gehen, aber ich weiß nicht wie ich herabkommen kann. Wenn du kommst, so bring jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten und wenn die fertig ist, so steige ich herunter und du nimmst mich auf dein Pferd.« Sie verabredeten, dass er bis dahin alle Abend zu ihr kommen sollte, denn bei Tage kam die Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfing und zu ihr sagte: »Sag sie mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als der junge Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir.« »Ach, du gottloses Kind,« rief die Zauberin, »was muss ich von dir hören, ich dachte, ich hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!« In ihrem Zorne packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paarmal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der rechten, und ritsch, ratsch waren sie abgeschnitten, und die schönen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig, dass sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben musste.

Zusammentreffen mit der Zauberin

Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte abends die Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als der Königssohn kam und rief:

»Rapunzel, Rapunzel,
lass dein Haar herunter.«

so ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen und giftigen Blicken ansah. »Aha,« rief sie höhnisch, »du willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch die Augen auskratzen. Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie wieder erblicken.« Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerzen, und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab; das Leben brachte er davon, aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen.

Und wenn sie nicht gestorben sind …

Da irrte er blind im Walde umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren, und tat nichts als jammern und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau. So wanderte er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei, wo Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und Mädchen, kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie erschien ihm so bekannt: da ging er darauf zu, und wie er herankam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm um den Hals und weinte. Zwei von ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er konnte damit sehen wie sonst. Er führte sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt.

 

Quelle: nach Gebrüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen 

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