Gute Nacht Geschichten für Erwachsene

Der große Schmuckdiebstahl (20 min)

Der große Schmuckdiebstahl

Lesezeit: 20 min
Das verunglückte Diner 

Ein vollständig verunglücktes Diner. Und es hätte so hübsch werden können und sollen. Andreas Grumbach, der verdienstvolle Präsident des Klubs der Industriellen, hatte für nachmittags drei Uhr den Vorstand und den Ausschuss des Klubs zu einer Sitzung in seiner Wohnung geladen. Es gab Wichtiges zu besprechen, da die Generalversammlung vor der Türe stand. Die Klubräumlichkeiten selbst wurden gerade einer einschneidenden baulichen Veränderung unterzogen, und so wurde die Sitzung ausnahmsweise in der Wohnung des Präsidenten abgehalten.

Das Hans Grumbach hatte seinen bewährten Ruf als Pflegestätte seiner Geselligkeit und liberaler Gastfreundschaft, und der Hausherr hatte sich die Ehre gegeben, auch diesmal die gebotene Gelegenheit zu benützen. Da er die Herren einmal so schön beisammen hatte, wollte er sie auch bei sich behalten. Das war schon auf der Einladung zur Sitzung vermerkt, damit sich die Herren darauf einrichten konnten. Das machte sich ganz ungezwungen und natürlich. Die Sitzung dauerte voraussichtlich zwei, drei Stunden, und dann war es Essenszeit geworden im Hause Grumbach. Zur Essenszeit schickt man aber im Hause Grumbach die Leute nicht weg, sondern behält sie da.

Der gesamte Vorstand und Ausschuss war auch vollzählig erschienen, zehn Mann hoch. Dazu dann noch der Präsident und last, sicherlich nicht least, die bezaubernd liebenswürdige Herrin des Hauses, Frau Violet; das gab die richtige Tafelrunde von zwölf Gedecken.

Herr Dagobert Trostler

Ein Mitglied der Verwaltung, Herr Dagobert Trostler, hatte an der Sitzung allerdings nicht teilgenommen. Er war für sie zu spät, fürs Diner aber noch rechtzeitig gekommen. Er als alter Hausfreund durfte sich das erlauben. Auch ohne ausdrückliche Entschuldigung von seiner Seite konnte man sich seine Abhaltungen vorstellen. Man kannte seine Schwäche, die zugleich seine Stärke war. Er war ein passionabler Amateur-Detektiv und fortwährend in allerlei seltsame Geschichten verwickelt, die ihn eigentlich gar nichts angingen. Seine Freunde machten allerlei gute und böse Witze über seine große Passion, aber sie hatten im ganzen doch Respekt vor seinen Leistungen. Denn sie wussten von einigen seiner Erfolge, die in der Tat aller Achtung wert waren.

So war er auch diesmal um die Wege gewesen. Man wusste, dass es ein falscher Silbergulden sei, der ihn beschäftige. Man hatte ihm irgendwo beim Herausgeben einen falschen Silbergulden angehängt. Nicht etwa, dass man ihn damit betrogen hätte. Dagobert Trostler betrügt man nicht. Er hatte das Falsifikat sofort erkannt und wortlos angenommen. Nun hatte er wieder seine Aufgabe, eine Spur, die er zurückverfolgen wollte.

Gegen seine Gewohnheit hatte er von dieser seiner Absicht einigen Freunden Mitteilung gemacht, während er sonst, wenn er eine Fährte verfolgte, sich grundsätzlich in ein unverbrüchliches Schweigen hüllte. Nun bekam er die Folgen seiner ausnahmsweisen Mitteilsamkeit zu verspüren. Man empfing ihn mit den ungereimtesten Fragen, mit losen Witzen und Neckereien, die er in evangelischer Milde hinnahm als von Leuten, die es eben nicht besser verstanden. Die evangelische Milde ließ auch dem Manne mit dem Petrusschöpfchen ganz wohl, obschon sie eigentlich mehr als starkes Selbstbewußtsein anzusprechen war, denn als Milde.

Die Sitzung war also geraume Zeit schon zu Ende, als Dagobert eintraf, und während man sich unterhielt, wartete man eigentlich nur noch auf das Signal, das zu Tische rufen sollte. Das sollte von der Hausfrau gegeben werden, die sich aber noch nicht hatte blicken lassen. Endlich trat auch sie bei den Herren ein; strahlend, liebenswürdig, heiter, kurz entzückend wie immer. Nach der Begründung brachte sie sofort ihre Entschuldigungen vor. Das sprudelte nur so hervor: »Ich habe mich vielleicht etwas verspätet, meine Herren, und Sie werden mich für eine schlechte Hausfrau halten. Damit würden Sie aber eine schwere Ungerechtigkeit begehen. Denn gerade weil ich eine gute Hausfrau sein wollte, habe ich mich ein wenig verspätet. Ich war selber noch rasch ausgefahren, um unser Giardinetto zu vervollständigen. Die Auswahl des Obstes vertraue ich niemandem an. Das muss ich immer selber besorgen. und nun bitte ich nur noch um knappe fünf Minuten zum Ablegen und dann werde ich die Herren bitten.«

Aus den fünf Minuten wurden reichlich fünfzehn. Man hörte Türen hastig öffnen und schließen; es gab ein geheimnisvolles Herumschießen im Hause, und einmal steckte Frau Violet sogar den Kopf bei der Türe herein und ließ ein verstörtes Antlitz erblicken. Es war, als wolle sie den Gemahl herausrufen, und dann verschwand sie doch wieder plötzlich, als habe sie es sich anders überlegt.

Frau Violets Schmuck 

Nach einer längeren Pause erschien sie dann doch, um die Gesellschaft zu Tische zu bitten. Wie gewöhnlich war Dagobert zu ihrem Kavalier und Tischnachbarn ausersehen. Er reichte ihr den Arm und führte sie in das Speisezimmer.

»Gnädigste haben eine Unannehmlichkeit gehabt,« fragte er leise, während sie sich am Tische niederließen. »Sollte am Ende gar – es wäre entsetzlich – die Suppe versalzen oder der Braten angebrannt sein?«

Frau Violet schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Sie würgte nur, um die Tränen zurückzuhalten. Das ging eine Weile, aber nicht lange. Plötzlich brach sie doch in Tränen aus und begann herzbrechend zu schluchzen.

Dagobert machte ein sehr erschrockenes Gesicht und suchte sie zu beruhigen. Der Hausherr steckte eine strenge Miene auf, blickte zu seiner Gattin hinüber und sagte kategorisch: »Aber Violet! Was soll das? Was gibt’s denn?«

Die ganze Tafelrunde war in sichtlicher Verlegenheit und Bestürzung. Frau Violet bat tausendmal um Verzeihung, beteuerte, dass es nichts, wirklich nichts sei – nur die Nerven! Und schließlich kam es nach langem Nötigen und Parlamentieren doch heraus: während ihrer kurzen Abwesenheit war ihr ihre Schmuckkassette mit dem ganzen kostbaren Inhalt abhanden gekommen. Sie hatte sie nicht erst wieder versperrt, da sie ja doch höchstens eine halbe Stunde wegbleiben wollte. So habe sie sie denn in ihrem Boudoir auf dem Toilettetischchen liegen lassen. Daran erinnere sie sich mit vollster Bestimmtheit, und nun sei die Kassette verschwunden, gestohlen. Die Dienerschaft sei von erprobter Verlässlichkeit –

»Sind alle noch vollzählig im Hause?« unterbrach Dagobert.

»Es fehlt niemand,« erwiderte Frau Violet noch immer schluchzend, »und alle erklären auf das Bestimmteste, dass in der Zwischenzeit kein Fremder die Wohnung betreten habe.«

Dagobert erhob sich.

»Wir dürfen keinen Augenblick verlieren.«

»Ich bitte um Ruhe!« rief da der Hansherr mit großer Bestimmtheit. »Wir sind jetzt bei Tische und bleiben bei Tische. Ein kleines häusliches Missgeschick darf sich nicht auf Kosten unserer lieben Gäste vollziehen. Es wird meine Sache sein, meiner Gattin den Schaden zu ersetzen, und damit ist die Sache für uns und vorläufig erledigt.«

Dagobert blickte scharf nach seinem Freunde hin und setzte sich dann wieder ruhig nieder.

Eigentlich war es ein großer Moment. Der Schmuck der Frau Violet Grumbach, der Gattin des Präsidenten des Klubs der Industriellen, das war doch keine Kleinigkeit. Das wusste die ganze Stadt. Der stellte einen Wert vor von vielen, vielen Tausenden. Der wird gestohlen, und da der Hausherr das erfährt, erklärt er kaltblütig, dass ihm und seinen Gästen das Mittagessen nicht gestört werden dürfe. Ein feierlicher Moment. So ungefähr wie in der französischen Kammer, als in ihr eine Bombe explodierte und der Präsident darauf gelassen verkündigte: Die Sitzung dauert fort!

Das Mahl nahm also seinen Fortgang, und Frau Violet gab sich alle Mühe, ihren Kummer zu unterdrücken. Es gelang ihr aber schlecht. Immer wenn man schon geglaubt hatte, sie habe sich gefasst, stürzten die Tränen doch wieder hervor. An dem Schmuck hatte ihr Herz gehangen. Nicht nur der Kostbarkeit wegen. An jedes einzelne Stück knüpfte sich eine liebe Erinnerung, und jedes einzelne Juwel war ein Stück Lebensinhalt geworden. Der Verlobungsring, das Brautgeschmeide – die Rivière aus Saphiren und Brillanten hatte sie nach der Geburt ihres Töchterchens erhalten, des einzigen Kindes, das bald darauf starb – das Diamanten-Diadem, als sie zum erstenmal als Frau Präsidentin zu repräsentieren hatte, das Perlenhalsband nach glücklich überstandener schwerer Krankheit – es war nicht nur der materielle Wert, an allem hing ein Stück Herz, und das und die Erinnerungen, die waren auch im Falle des Ersatzes beim Hofjuwelier nicht zu kaufen.

Frau Violet blieb also während der ganzen Mahlzeit tief bekümmert und weinte viel, so sehr sie sich auch bemühte, schon um der Gäste willen ihre Haltung zu bewahren. Diese nahmen die Sache natürlich etwas leichter, obschon sie mit dem Ausdruck ihrer Teilnahme nicht kargten. Sie trösteten nach Kräften und sprachen die feste Zuversicht aus, dass es doch gelingen werde, den Schmuck wieder zur Stelle zu bringen. So nach und nach gewannen ihre Tröstungen sogar einen Stich ins Humoristische. Man habe ja das Glück einen so ausgezeichneten Amateur-Detektiv, wie Dagobert, zur Gesellschaft zu zählen. Der habe da doch eine wunderschöne Gelegenheit, seine Kunst zu zeigen, und es sei kein Zweifel, dass er auch dieses Mal die hohe Meinung, die allgemein über seine Fähigkeiten gehegt werde, bestätigen und rechtfertigen werde. Frau Violet nahm auch hier die Sache vollkommen ernst. Sie hatte wirklich Vertrauen zu Dagobert. Sie wusste von seinen Taten und ihr selbst hatte er durch seine Kunst schon einen unschätzbaren Dienst geleistet, als ihr Leben durch eine Flut von schmählichen anonymen Briefen förmlich vergiftet worden war. Sie ergriff mit wahrer Empfindung seine Hände und bat ihn, ihr auch jetzt beizustehen. Baron Eichstedt, das Vorstandsmitglied, stieß heimlich den Hausherrn an, dieser blickte bedeutsam zu dem Ausschussmitglied Baron Friese hinüber; es ging ein leichtes Schmunzeln durch die Gesellschaft: Dagobert hat wieder seine Aufgabe!

»Ich glaube, Violet,« ließ sich der Hausherr vernehmen, »dass du dir wirklich keine übertriebenen Sorgen machen sollst. Vielleicht hast du die Schatulle doch nur verlegt, und sollte sie wirklich entwendet worden sein, so wird uns ja Dagobert sicher seinen bewährten Beistand leihen.«

»Ich bin in der Tat sehr begierig,« warf Baron Friese dazwischen, »ob Herr Dagobert auch da das Korpusdelikti entdecken wird.«

Frau Violet war durchaus nicht geneigt, auf den leichten Ton der Unterhaltung einzugehen. Sie sagte nichts mehr und hob, als es Zeit war, mit einem schweren Seufzer die Tafel auf. So vortrefflich auch das Menü war – eine Selbstverständlichkeit im Hause Grumbach – so war das Mahl doch ein durchaus verunglücktes. Als ihr Dagobert Mahlzeit bot – der Wiener sagt »Speis z’am« – »Ich wünsche wohl gespeist zu haben,« – und ihr die Hand küsste, traten ihr wieder die Tränen in die Augen, und aufs neue richtete sie in tiefer Bekümmernis die Bitte an ihn, ihr in ihrem Unglück doch ja helfen zu wollen.

»Ich werde tun, was ich kann, Gnädigste,« lautete seine Antwort.

»Wie wollen Sie das aber anfangen?«

»Anfangen – selbstverständlich mit der Aufnahme des Lokalaugenscheines.«

Die Ermittlungen beginnen 

Frau Violet führte ihn in ihr Boudoir, ein Wunderwerk in blassblauer und altrosa Seide, von zarten Spitzen und schwellenden Teppichen. Dagobert ließ einen prüfenden Blick durch den duftigen Raum gleiten und bemerkte dann: »Seit mehr als zehn Jahren bin ich der Freund und regelmäßige Gast des Hauses und doch habe ich diesen Raum noch niemals zuvor betreten.«

»Das ist doch nicht besonders wunderbar, Dagobert. Ich fürchte nur, dass Sie da schwerlich etwas entdecken werden, was Sie auf eine Spur bringen könnte.«

»Das Wichtigste habe ich schon entdeckt, Frau Violet. Das Zimmer hat nur einen Eingang – den, den wir benutzt haben. Ich werde hier nun meine Studien machen. Dazu muss ich allein und ganz ungestört sein. Bitte also, meine Gnädigste, sich in Ihren weiteren Hausfrauenpflichten nicht stören zu lassen.«

Die Herren hatten sich inzwischen ins Rauchzimmer zurückgezogen. Auch Frau Violet begab sich nun dahin und machte weiter die Honneurs, während der schwarze Kaffee und die Liköre serviert und die Zigarren und Zigaretten herumgereicht wurden.

Dagobert nahm, als er sich allein sah, ein Abendblatt aus der Seitentasche seines Frackes und legte sich der Länge nach hin auf die einladende, mit altrosa Seite überzogene Chaiselongue und begann zu lesen. Er las nur wenige Minuten; dann entsank das Blatt seinen Händen, und er verfiel in ein wohltuendes, gesundheitförderndes Mittagsschläfchen.

Etwa ein halbes Stündchen mochte er geschlafen haben, als er geweckt wurde. Freiherr v. Friese als der jüngste in der Gesellschaft war delegiert worden, ihn einzuholen. Ob er denn noch immer nicht fertig sei mit seiner Lokalaugenscheinaufnahme!

»O ja, ich bin schon fertig,« entgegnete Dagobert, sich rasch ermunternd und ließ sich ohne weiteres zur Gesellschaft hinüber geleiten. Bevor er noch das Rauchzimmer betreten hatte, konnte er zu seiner Befriedigung wahrnehmen, dass die allgemeine Stimmung sich wesentlich gebessert habe. Denn es klang aus dem Rauchzimmer ein volltöniges Lachen heraus. Man ward aber sofort wieder ernster, als er eintrat. Der Hausherr fragte ihn mit besorgter Miene, ob er irgendwelche Anhaltspunkte gefunden habe, und auch die anderen bestürmten ihn mit Fragen ähnlichen Inhalts.

Dagobert beschäftigte sich mit dem ihm nachservierten Schwarzen und bat sich dazu ein Gläschen grüner Chartreuse aus. Dann wühlte er sich mit kundigem Blick unter den zahlreichen Havannakistchen seine gewohnte Sorte heraus, schnitt umständlich die Spitze der Zigarre ab und nahm sich endlich Feuer. Und erst als er sich überzeugt hatte, daß die Zigarre guten Zug habe, ließ er sich herbei zu bemerken, dass er wohl glaube, der Sache auf den Grund kommen zu können. Frau Violet klatschte in die Hände.

»Wenn Dagobert das sagt – ich kenne ihn – dann kriege ich meinen Schmuck wieder!«

»Meine Gnädigste,« erwiderte Dagobert, »eben sowenig wie im Sport gibt es bei meinem Handwerk tote Gewissheiten. Die Aussichten auf den Erfolg drücken sich in den Odds aus. Sie wissen doch, was ›Odds‹ sind, Gnädigste?«

»Ja, Dagobert. Dazu war ich oft genug auf dem Turf, um auch das zu erfahren. Odds drücken das Verhältnis der Wetten oder, wenn Sie wollen, ihre Kurse aus.«

»Nun denn, ich glaube, unsere Chancen stehen so, dass Sie nur noch ›Auf‹-Wetten legen könnten, und dabei ist nicht viel zu verdienen.«

»Ich will keine Wetten, Dagobert, ich will meinen Schmuck!«

»Wir werden sehen, was sich für Sie tun lässt, meine Gnädigste.«

»Kann ich irgendwie mithelfen, Dagobert?«

»O gewiss, meine Gnädigste, ich rechne sehr stark auf Sie!«

»Dann befehlen Sie!«

Der Plan

»Wir werden so, wie wir sind, morgen wieder bei Ihnen dinieren. Sie brauchen nicht so ein erschrockenes Gesicht zu machen, meine Gnädigste –«

»Dagobert, Sie sind ein abscheulicher Mensch! Ich habe gar kein erschrockenes Gesicht gemacht – im Gegenteil! Ich freue mich darauf, und die Herren sind hiermit höflichst eingeladen.«

»Nicht doch. Gnädigste. Ein kleines Missverständnis. Vor allen Dingen leiste ich also amende honorable und nehme das ›erschrockene Gesicht‹ feierlich zurück. Im übrigen habe ich es aber gar nicht so gemeint, wie Sie es nun gedreht haben, meine Gnädigste.«

»Dagobert, ich habe gar nichts ›gedreht‹; meine Gäste sind mir immer herzlich willkommen.«

»Daran ist kein Zweifel gestattet. Wir werden also morgen bei Ihnen dinieren. Das erfordert der Gang der Untersuchung. Er erfordert aber nicht, dass wir Ihnen Scherereien bereiten.«

»Mischen Sie sich nicht in meine Hausfrauensorgen, Dagobert!«

»Ich beschäftige mich lediglich mit meinen Untersuchungssorgen. Sie werden also die Güte haben, keinen Finger zu rühren. Ebenso ist es von Wichtigkeit, dass Ihre Dienerschaft nicht herumgehetzt und ihr keine außergewöhnliche Arbeit aufgebürdet wird. Das Diner wird Ihnen fertig ins Haus gebracht.«

»Das kann gut werden!«

»Verlassen Sie sich auf mich, Frau Violet. Ich verstehe, zu essen. Und ein wenig können Sie sich auch auf die Firma Sacher verlassen, die die teuerste Küche in Wien führt, aber, wie man sagt und ich glaube mit Recht, die beste. Ich werde auch nicht knausern. Ich weiß, was ich Ihrem Hause schuldig bin.«

»Ich als Hausherr,« warf Herr Grumbach dazwischen, »bitte dich sogar ernst und ausdrücklich, nicht zu knausern.«

»Dich, lieber Freund, geht die Geschichte vorläufig gar nichts an, und auch ich bitte dich ernst und ausdrücklich, dich in den Gang der Untersuchung nicht einzumengen. Ich habe jetzt mit deiner verehrten Frau Gemahlin Wirtschaftssachen zu besprechen, und da möchten wir ungestört bleiben. Also, meine Gnädigste, die Sache wird so sein: das Diner wird fertig beigestellt, und nicht nur das, sondern auch die Bedienungsmannschaft, das ganze Tafelzeug, Silber, Tischwäsche, Tafelaufsätze, Blumen, Porzellan und Glasservice. Sie werden sich nur zu Tische zu setzen haben. Das soll Ihre ganze Mühe sein. Eine Stunde nach dem Mahle muss der ganze Spuk wieder spurlos aus dem Hause verschwunden sein. Das alles wird glatt erledigt werden. Die Feststellung des Menüs überlassen Sie ruhig mir. Sie wissen, in der Gourmandise bin ich ein wenig Fachmann.«

»Ich weiß, Dagobert, Sie sind Kenner. Worin wären Sie es nicht?«

»Ich werde auch dafür Sorge tragen, dass zu jedem Gang die richtige Weinsorte serviert wird. Meine einschlägigen, sehr gewissenhaften Studien werden mich auch in diesem Punkte vor jedem Missgriff bewahren. Die Komposition des Menüs habe ich im Kopfe schon fertig. Wünschen Sie, es kennen zu lernen?« Die Gäste protestierten. Sie wollten sich überraschen lassen.

»Gut,« erwiderte Dagobert, »und nun, Frau Violet, habe ich nur noch eine Bitte an Sie. Sie müssen mir gestatten, einen Gast mitzubringen.«

»Darf man seinen Namen erfahren?«

»Es ist mein Freund, Oberkommissär Doktor Weinlich, wie Sie wissen, einer unserer tüchtigsten Kriminalisten. Sie müssen sich erinnern, Gnädigste, dass wir nicht sowohl ein Festessen, als ein Zweckessen veranstalten wollen. Wir wollen dem Schmuckdiebstahl auf den Grund kommen. Vielleicht kann uns da der erfahrene Kriminalkommisär von Nutzen sein.«

»Es fällt mir auf,« nahm nun der Freiherr v. Friese das Wort, »dass Freund Dagobert hier polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen glaubt. Das ist sonst nicht seine Art und würde auch in diesem Falle seinen Detektivruhm nicht erhöhen.«

»Was meinen Ruf, wenn Sie wollen, meinen Ruhm anbelangt – ich widersetze mich nicht – so können Sie die Sorge dafür ruhig mir überlassen, lieber Baron. Hier handelt es sich nicht um meinen Ruhm, sondern darum, dass der gestohlene Schmuck wieder zur Stelle gebracht wird. Ich glaube, wir werden den Dieb ermitteln, Herr Baron, und wenn dann eine Verhaftung vom Fleck weg sich als nötig erweisen sollte, dann würden meine privaten Machtmittel am Ende nicht ausreichen. Sie sehen also, dass unter Umständen der Gast uns ganz nützlich werden könnte.«

Der nächste Tag

Am nächsten Tage erschienen die Gäste vollzählig zur festgesetzten Zeit. Frau Violet empfing sie mit vollendeter Liebenswürdigkeit. Sie hatte ihre Haltung wieder gewonnen, und nichts deutete auf den schweren Kummer, der sie am Tage vorher noch bei Tische so niedergedrückt und um alle Fassung gebracht hatte.

Dagobert hatte auch seine kulinarische Mission glänzend erfüllt. Es war ein tadelloses und erstklassiges Mahl, das den Herrschaften vorgesetzt wurde. Während man bei Tische war, wurde der eigentliche Gegenstand der Tagesordnung nicht berührt. Dagobert hatte es abgelehnt, auch nur mit einer Bemerkung auf die Sache einzugehen, solange die aufwartende Mannschaft ihres Dienstes waltete. Erst als die Gesellschaft nach aufgehobener Tafel sich ins Rauchzimmer zurückgezogen, sich’s dort bequem eingerichtet hatte, mit Kaffee, den feinen Schnäpsen und Zigarren versorgt und eine weitere Störung durch Bedienungsmannschaft nicht zu gewärtigen war, erklärte sich Dagobert bereit, auf den vorliegenden Fall einzugehen. Er saß auf seinem gewohnten Platze Frau Violet gegenüber, die in ihrer traditionellen Kaminecke mit Spannung der Dinge harrte, die nun kommen sollten.

Freiherr v. Friese war der erste, der den Stein ins Rollen brachte. Er deklamierte mit komischem, falschem Pathos wie folgt: »Achtung, meine verehrten Herrschaften – nur hereinspaziert! Soeben beginnt die große Vorstellung: der weltberühmte Matador Herr Dagobert wird die Ehre haben, auf dem gespannten Drahtseil seiner hohen Detektivkunst einem hohen Adel und dem sonstigen verehrungswürdigen Publiko eine Probe seiner unübertrefflichen Geschicklichkeit zu bieten. Anerkennungsschreiben liegen vor. Kinder und das Militär vom Feldwebel abwärts zahlen die Hälfte. Nur immer hereinspaziert, meine Herrschaften!«

»Sagen Sie mal, lieber Baron,« fragte hierauf Dagobert ruhig von unten herauf, »genießen Sie das unschätzbare Glück, noch eine Großmama zu haben?«

»Bedaure lebhaft, nicht mehr aufwarten zu können.«

»Schade!«

»Warum?«

»Ich hätte Ihnen sonst den freundschaftlichen Rat erteilt, es doch vielleicht erst mit ihr zu versuchen und lieber Ihre geschätzte Großmutter zum besten halten zu wollen, als einen Dagobert Trostler, wenn er auf dem Kriegspfade wandelt. Vielleicht hätten Sie da mehr Glück, übrigens danke ich Ihnen auch für diesen Scherz, der für meine Untersuchung nicht ganz wertlos gewesen ist.«

»Kommen wir zur Sache!« mahnte der Hausherr beschwichtigend.

»Jawohl,« fügte die Hausfrau hinzu, ängstlich geworden, dass da ein Streit entstehen könnte, »wir haben Wichtigeres vor, als einem Wortgeplänkel der Herren zu lauschen.«

»Das Wichtigste, Frau Violet,« lenkte Dagobert sofort ein, »ist, dass wir den gestohlenen Schmuck zur Stelle schaffen. Ich denke, das wird sehr bald erledigt sein. – Lieber Freund Grumbach, würdest du wohl so freundlich sein, mir deine Kassaschlüssel auf eine Minute anzuvertrauen?«

Verdutzte Gesichter. Der Hausherr griff unter sichtlicher Verlegenheit in die Tasche und folgte die Schlüssel aus. Die Kasse stand in einer Ecke des Rauchzimmers. Sie war von zierlichen Dimensionen. Es war ja nur die Hauskasse. Die großen und gewichtigen standen in den Geschäftsbureaus.

»Ich bitte, mir nur genau auf die Finger zu sehen, meine Herrschaften,« sagte Dagobert, während er öffnete. »Denn wenn hinterher eine kleine Million fehlen sollte, dann möchte ich’s nicht gewesen sein!«

Er zog die schwere Türe vollends auf, nahm die Schmuckkassette heraus und überreichte sie der Hausfrau. – »Bitte, überzeugen Sie sich. Gnädigste,« bemerkte er dazu, »ob auch nichts fehlt. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass für jeden etwaigen Abgang der Herr Gemahl haftpflichtig ist.«

»Es fehlt nichts, Dagobert!« erwiderte Frau Violet lachend und blickte bewundernd zu Dagobert auf.

»Ich mache Sie weiter darauf aufmerksam, Gnädigste,« fuhr Dagobert fort, »dass der Herr Gemahl Ihnen eine Entschädigung schuldig ist für den ausgestandenen Schrecken, und daß diese Entschädigung am zweckmäßigsten erfolgen wird durch eine fachgemäße Vervollständigung des Inhalts dieser Kassette.«

»Bewilligt!« sagte Herr Grumbach sofort, aber er sagte es nicht eben in sehr freundlichem Tone. Er war ärgerlich. Nicht dass er da zu einer größeren Ausgabe gepresst ward – seiner Frau eine Freude zu bereiten, war ihm immer ein Vergnügen – aber wieder die alte Geschichte, dass keine Vereinbarung etwas nützt, geplaudert wird doch immer! Er kannte das von den vertraulichen Sitzungen her. Immer war etwas davon doch in die Öffentlichkeit gedrungen. Die Leute können einmal ein Geheimnis nicht bewahren. Das war seine Meinung, und mit dieser hielt er auch jetzt nicht hinter dem Berge. Eine so einmütige Opposition hatte aber der Herr Präsident in seinem ganzen Leben noch nicht gefunden, wie in diesem Falle. Jeder einzelne überschüttete ihn mit Beteuerungen, dass er geschwiegen habe wie das Grab, und auch Dagobert gab die bündige Versicherung ab, dass kein Verrat geübt worden sei. Es sei in diesem so einfachen Falle doch wahrhaftig auch nicht nötig gewesen.

»Wie konntest du sonst darauf kommen?« fragte Grumbach.

»Durch eine einfache Kombination, ohne die bei meinem Sport überhaupt nichts zu erreichen ist.«

»Dagobert,« bat die Hausfrau, »Sie müssen uns genau erzählen, wie Sie das herausgebracht haben.«

»Aber mit Vergnügen, meine Gnädigste! Freilich wäre es vorsichtiger, wenn ich mich nun mit dem Resultat begnügte, das doch einen positiven Erfolg vorstellt, während ich mich noch immer blamieren kann, wenn ich die Methode und den Weg aufzeige, die mich zu dem Schlussergebnis geführt haben. Auch mir ist aber – nach berühmten Mustern – das Suchen und Forschen nach Wahrheit interessanter und wichtiger als die Wahrheit selbst. Darum will ich also gern verraten, wie ich zu dem Schlüsse gekommen bin.«

»Nicht so viele Reflexionen!« erklang es aus der Korona heraus. »Wir wollen Tatsachen. Dagobert soll erzählen, nicht philosophieren!«

»Nur nicht ungeduldig, meine Herren, Sie werden’s noch früh genug erfahren. Bevor ich beginne, muss ich doch noch eine schmerzliche Betrachtung anstellen. Meine Herren! All unser Wissen ist Stückwerk. Ich war lediglich auf meine Kombination angewiesen, die ich Ihnen nun entwickeln will, und Sie werden meine Richter sein. Ihr Amt ist kein schwieriges, denn Sie sind ja genau eingeweiht, ich aber kann mich leicht blamieren, und dann werden Sie mich auslachen.«

»Die Hauptsache hast du ja doch herausgebracht!« tröstete der Hausherr.

»Deshalb könnten mir aber in der Kombination doch Irrtümer unterlaufen sein. Sollten es wesentliche Irrtümer sein, dann muss ich die Buße auf mich nehmen. Dann werde ich das heutige Festmahl bezahlen.«

»Sonst?« fragte Freiherr von Friese.

Des Rätsels Lösung

»Sonst, lieber Baron, wird ein anderer bluten müssen. Ich beginne also. Die Situation, die ich vorfand, war folgende: Wenige Minuten nachdem ich eingetreten war, begrüßte uns die verehrte Hausfrau heiter und rosig, wie immer. Eine Viertelstunde später bittet sie uns zu Tische und ist bleich und verstört, und wieder einige Minuten später bricht sie in Tränen aus. Wir erfahren auch den Grund. Sie hat in der kurzen Zwischenzeit des Toilettenwechsels für das Diner die Entdeckung gemacht, dass ihre Schmuckkassette abhanden gekommen sei. Ich erhebe mich, ich steige wie das alte Schlachtross beim Klang der Kriegsdrommete. Das war ja ein Fall für mich. Es wird Ihnen aufgefallen sein, und um so leichter werden Sie sich daran erinnern, dass ich mich so rasch beruhigte und wieder niedersetzte. Ich bedauere, es sagen zu müssen, denn es wird Ihrer Eigenliebe nicht sehr schmeicheln, meine Herren: ich hatte da Ihr Spiel schon durchschaut.«

»Das kann man jetzt leicht sagen!« warf Baron Friese dazwischen.

»Sie können mich ja dann dementieren, Herr Baron, wenn meine Folgerungen sich als falsch erweisen sollten. Was mich zunächst stutzig machte, war das: der Kummer unserer lieben Hausfrau war echt; der Ihrige, meine Herren, war falsch, war schlecht gespielt. Schämen Sie sich! Auch der Hausherr spielte seine Rolle nicht gut. Mein lieber Grumbach, allen Respekt vor deiner etwaigen Seelengröße im Unglück, aber wenn man ein noch so großer Held ist, man benimmt sich doch etwas anders, wenn man, den Suppenlöffel in der Hand, mit der angenehmen Botschaft niedergerannt wird, dass der Gattin für hunderttausend Gulden Schmuck gestohlen worden ist.«

»Deshalb wäre die Welt noch nicht untergegangen!«

»Ich vermute; aber man benimmt sich doch anders! Ich versuchte, mir die Lage klar zu machen. Da war etwas abgekartet, die Hausfrau aber nicht ins Vertrauen gezogen worden. Man hatte sich nicht gescheut, im Interesse der eigenen Unterhaltung der Hausfrau einen ernsten Schrecken und einen wirklichen Kummer zu bereiten. Das verdient Strafe, und es wird, verlassen Sie sich darauf, nicht ungestraft bleiben. Ich bin übrigens nicht der Mann, der sich etwaigen Milderungsgründen verschließt. Vielleicht hielt man es zum Gelingen des Komplotts für nötig, die Hausfrau nicht einzuweihen. Das würde ich als keine genügende Entschuldigung für die begangene Grausamkeit betrachten. Wohl aber wäre es noch möglich, dass man keine Zeit gefunden hatte, sie einzuweihen. Also ein Komplott! Gegen wen? Kein Zweifel, es war auf mich abgesehen.«

»Wie mag es zustande gekommen sein? Ich konstruierte, rekonstruierte mir den Sachverhalt wie folgt: die Sitzung, an der ich nicht teilnehmen konnte, war vorbei, und es folgte die zwanglose Unterhaltung vor Tisch. Dabei kam die Rede auch auf Dagobert und sein berühmtes Steckenpferd. Man sollte ihn zur allgemeinen Erheiterung einmal ordentlich hineinlegen, meinte der eine. Das wird nicht so leicht gehen. Der fällt uns nicht herein, hatte ein anderer die Güte, mir die Ehre anzutun. Ich vermute, dass dieser wahrhaft edle ›andre‹ mein Freund Grumbach gewesen ist.«

»Bravo, Dagobert,« rief der Hausherr, »so war es!«

»Ich kenne meine Pappenheimer. Es käme auf einen Versuch an, meinte wieder der eine. Und nun wurde die großartige Idee ausgeheckt. Die Gelegenheit war günstig. Die Hausfrau nicht zu Hause. Sie wird zwar sehr erschrecken, aber dann ihre Rolle nur um so glaubwürdiger spielen. Hier steckt der Frevel, der bestraft werden muss und bestraft werden wird. Vielleicht hätte sie Freund Grumbach übrigens doch noch verständigt, aber es fand sich dazu die unauffällige Gelegenheit nicht mehr.

»Der Diebstahl wurde also vollführt. Eine solche Beute kann man nicht unter dem Tisch verstecken. Um sie aus dem Hause zu schaffen, fehlte die Zeit und auch jede nötigende Veranlassung. Da gab es nur einen sicheren Versteck – die feuer- und einbruchsichere Kasse des Hausherrn, darauf wird Dagobert doch in seinem Leben nicht verfallen! Wie Sie gesehen haben, hatte ich die Ehre, sie dort vorzufinden. Also ein schwieriger Fall war das wahrhaftig nicht, und ich bin es meiner Reputation schuldig, Sie zu bitten, meine Herrschaften, wenn Sie wieder einmal die Neigung verspüren sollten, mir eine Falle aufzurichten, doch mit etwas mehr Schläue vorzugehen und nur nicht eine Aufgabe zu stellen, die so kinderleicht ist. Ich kann Ihnen meine fachmännische Kritik nicht vorenthalten, dass Sie Ihre Sache nicht gut gemacht haben. Nicht ich, wohl aber Sie selbst tappen gutmütig und willig in die erste beste Falle hinein, die man Ihnen stellt, und mag sie noch so plump sein. Ich habe mich gestern nach Tisch zurückgezogen – um den Lokalaugenschein aufzunehmen, wie Sie meinten. Ist mir gar nicht eingefallen. Ich habe drüben ruhig geschlafen. Ich wollte Ihnen nur Zeit gönnen, unsere verehrte Hausfrau einzuweihen und sie zu beruhigen. Letzteres ist Ihnen gelungen, das ist aber auch Ihr ganzer Erfolg, der allerdings nicht viel Findigkeit zur Voraussetzung hatte. Mir aber die kolossale Dummheit zuzutrauen, dass ich den Umschwung in der Stimmung bei der Gnädigen auch bei gutgespielter Mitwirkung nicht bemerken würde, dazu gehörte eine Naivität, die Ihnen selbst nach der mildesten Auffassung nicht verziehen werden kann. Damit, meine Herren, bin ich zu Ende.«

»Noch eine Aufklärung geben Sie den Herren,« bat darauf Frau Violet, und aus ihren Augen leuchtete dabei ein Strahl des Triumphes. Sie hatte niemals an seiner Kunst gezweifelt, und nun war sie stolz darauf, dass er ihr Vertrauen wieder so glänzend gerechtfertigt hatte. »Ihr Freund und nun auch unser Freund, der Herr Oberkommissar Weinlich, ist uns heute ein lieber und werter Gast und wird es in aller Zukunft sein, aber er hatte bei dieser Affäre nichts zu tun, und doch sagten Sie, daß Ihnen seine Mitwirkung unentbehrlich sei.«

»Die hätte nötig werden können, meine Gnädigste. Ich konnte nicht wissen, wie die Wetten auf und gegen mich abgeschlossen worden sind. Die Propositionen waren mir unbekannt. Nun hätte es geschehen können, dass ich zu dem Endresultat überhaupt nicht gelangen konnte. Ihr Herr Gemahl brauchte nur nach irgendeiner Proposition der Wette oder weil dieser oder jener mir den Erfolg nicht gönnte, mir die Ausfolgung der Kassaschlüssel zu verweigern. Man muss alles bedenken. Für diesen Fall hätten wir ihn dazu gezwungen. Ein großer Diebstahl war begangen worden. Hier musste entweder die Wahrheit bekannt oder es durften der Untersuchung, die ich auf eine Spur geleitet halte, keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Mein Freund Herr Doktor Weinlich hat einen ordnungsgemäß ausgestellten amtlichen Hausdurchsuchungsbefehl in der Tasche, und nichts hätte uns gehindert, davon Gebrauch zu machen.«

»Donnerwetter!« rief der Hausherr lachend, »das heiße ich eine Sache scharf durchführen!«

»Mein Künstlerruhm stand auf dem Spiele,« entschuldigte sich Dagobert, »und dann hat ja die Sache nicht nur ihre strafrechtliche, sondern auch ihre zivilrechtliche Seite. Vergessen Sie nicht, meine Herren – das heutige Diner – es freut mich, dass es Ihnen so wohl geschmeckt hat – habe ich bestellt. War meine Kombination falsch, so sollte es meine Strafe sein, dass ich es bezahlte. Sie war aber richtig, und nun muss ein anderer heran – der, der die ganze Geschichte angezettelt, der unsere liebe Hausfrau in Schrecken gejagt, der – die schlimmste Todsünde! – an meiner Kunst gezweifelt, gegen sie gewettet hat – der muss nun heran und der muss berappen. Herr Baron v. Friese – ich habe die Rechnung bereits in der Tasche, und ich habe sie der Einfachheit halber gleich auf Ihren Namen ausstellen lassen. Darf ich sie Ihnen hochachtungsvollst und ergebenst überreichen?«

»Herr Dagobert,« erwiderte der Baron ein wenig elegisch, »mein Kompliment! Ich bitte um die Rechnung.«


Quelle: nach Balduin Groller, Detektiv Dagoberts Taten und Abenteuer 

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