Gute Nacht Geschichten für Erwachsene

Alice im Wunderland (10 min)

Alice im Wunderland:
Das Croquetfeld der Königin

Lesezeit: 10 min

Alice lernt die Herzkönigin und ihre Diener, die Spielkarten, kennen…

 

Ein großer hochstämmiger Rosenstrauch stand nahe bei’m Eingang; die Rosen, die darauf wuchsen, waren weiß, aber drei Gärtner waren damit beschäftigt, sie rot zu malen. Alice kam dies wunderbar vor, und da sie näher hinzutrat, um ihnen zuzusehen, hörte sie einen von ihnen sagen: »nimm dich in Acht, Fünf! Bespritze mich nicht so mit Farbe!«

»Ich konnte nicht dafür,« sagte Fünf in verdrießlichem Tone; »Sieben hat mich an den Ellbogen gestoßen.«

Worauf Sieben aufsah und sagte: »Recht so Fünf! Schiebe immer die Schuld auf andre Leute!«

»Du sei nur ganz still!« sagte Fünf. »Gestern erst hörte ich die Königin sagen, du verdientest geköpft zu werden!«

»Wofür?« fragte der, welcher zuerst gesprochen hatte.

»Das geht dich nichts an, Zwei!« sagte Sieben.

»Ja, es geht ihn an!« sagte Fünf, »und ich werde es ihm sagen – dafür, dass er dem Koch Tulpenzwiebeln statt Küchenzwiebeln gebracht hat.«

Sieben warf seinen Pinsel hin und hatte eben angefangen: »Ist je eine ungerechtere Anschuldigung –« als sein Auge zufällig auf Alice fiel, die ihnen zuhörte; er hielt plötzlich inne, die andern sahen sich auch um, und sie verbeugten sich Alle tief.

»Wollen Sie so gut sein, mir zu sagen,« sprach Alice etwas furchtsam, »warum Sie diese Rosen malen?«

Fünf und Sieben antworteten nichts, sahen aber Zwei an. Zwei fing mit leiser Stimme an: »Die Wahrheit zu gestehen, Fräulein, dies hätte hier ein roter Rosenstrauch sein sollen, und wir haben aus Versehen einen weißen gepflanzt, und wenn die Königin es gewahr würde, würden wir Alle geköpft werden, müssen Sie wissen. So, sehen Sie Fräulein, versuchen wir, so gut es geht, ehe sie kommt –« In dem Augenblick rief Fünf, der ängstlich tiefer in den Garten hinein gesehen hatte: »Die Königin! die Königin!« und die drei Gärtner warfen sich sogleich flach auf’s Gesicht. Es entstand ein Geräusch von vielen Schritten, und Alice blickte neugierig hin, die Königin zu sehen.

Zuerst kamen zehn Soldaten, mit Keulen bewaffnet, sie hatten alle dieselbe Gestalt wie die Gärtner, rechteckig und flach, und an den vier Ecken die Hände und Füße; danach kamen zehn Herren vom Hofe, sie waren über und über mit Diamanten bedeckt und gingen paarweise, wie die Soldaten. Nach diesen kamen die königlichen Kinder, es waren ihrer zehn, und die lieben Kleinen kamen lustig gesprungen Hand in Hand paarweise, sie waren ganz mit Herzen geschmückt. Darauf kamen die Gäste, meist Könige und Königinnen, und unter ihnen erkannte Alice das weiße Kaninchen; es unterhielt sich in etwas eiliger und aufgeregter Weise, lächelte bei Allem, was gesagt wurde und ging vorbei, ohne sie zu bemerken. Darauf folgte der Coeur-Bube, der die königliche Krone auf einem roten Sammetkissen trug, und zuletzt in diesem großartigen Zuge kamen der Herzenskönig und die Herzenskönigin.

Alice wusste nicht recht, ob sie sich nicht flach auf’s Gesicht legen müsse, wie die drei Gärtner; aber sie konnte sich nicht erinnern, je von einer solchen Sitte bei Festzügen gehört zu haben. »Und außerdem, wozu gäbe es überhaupt Aufzüge,« dachte sie, »wenn alle Leute flach auf dem Gesichte liegen müssten, so dass sie sie nicht sehen könnten?« Sie blieb also stehen, wo sie war, und wartete.

Als der Zug bei ihr angekommen war, blieben Alle stehen und sahen sie an, und die Königin fragte strenge: »Wer ist das?« Sie hatte den Coeur-Buben gefragt, der statt aller Antwort nur lächelte und Kratzfüße machte.

»Schafskopf!« sagte die Königin, den Kopf ungeduldig zurückwerfend; und zu Alice gewandt fuhr sie fort: »Wie heißt du, Kind?«

»Mein Name ist Alice, Euer Majestät zu dienen!« sagte Alice sehr höflich; aber sie dachte bei sich: »Ach was, es ist ja nur ein Pack Karten. Ich brauche mich nicht vor ihnen zu fürchten!«

»Und wer sind diese drei?« fuhr die Königin fort, indem sie auf die drei Gärtner zeigte, die um den Rosenstrauch lagen; denn natürlich, da sie auf dem Gesichte lagen und das Muster auf ihrer Rückseite dasselbe war wie für das ganze Pack, so konnte sie nicht wissen, ob es Gärtner oder Soldaten oder Herren vom Hofe oder drei von ihren eigenen Kindern waren.

»Woher soll ich das wissen?« sagte Alice, indem sie sich selbst über ihren Mut wunderte. »Es ist nicht meines Amtes.«

Die Königin wurde purpurrot vor Wut, und nachdem sie sie einen Augenblick wie ein wildes Tier angestarrt hatte, fing sie an zu brüllen: »Ihren Kopf ab! ihren Kopf –«

»Unsinn!« sagte Alice sehr laut und bestimmt, und die Königin war still.

Der König legte seine Hand auf ihren Arm und sagte milde: »Bedenke, meine Liebe, es ist nur ein Kind!«

Die Königin wandte sich ärgerlich von ihm ab und sagte zu dem Buben: »Dreh‘ sie um!«

Der Bube tat es, sehr sorgfältig, mit einem Fuße.

»Steht auf!« schrie die Königin mit durchdringender Stimme, und die drei Gärtner sprangen sogleich auf und fingen an sich zu verneigen vor dem König, der Königin, den königlichen Kindern, und Jedermann.

»Lasst das sein!« eiferte die Königin. »Ihr macht mich schwindlig.« Und dann, sich nach dem Rosenstrauch umdrehend, fuhr sie fort: »Was habt ihr hier getan?«

»Euer Majestät zu dienen,« sagte Zwei in sehr demütigem Tone und sich auf ein Knie niederlassend, »wir haben versucht –«

»Ich sehe!« sagte die Königin, die unterdessen die Rosen untersucht hatte. »Ihre Köpfe ab!« und der Zug bewegte sich fort, während drei von den Soldaten zurückblieben um die unglücklichen Gärtner zu enthaupten, welche zu Alice liefen und sie um Schutz baten.

»Ihr sollt nicht getötet werden!« sagte Alice, und damit steckte sie sie in einen großen Blumentopf, der in der Nähe stand. Die drei Soldaten gingen ein Weilchen hier- und dorthin, um sie zu suchen, und dann schlossen sie sich ruhig wieder den Andern an.

»Sind ihre Köpfe gefallen?« schrie die Königin sie an.

»Ihre Köpfe sind fort, zu Euer Majestät Befehl!« schrien die Soldaten als Antwort.

»Das ist gut!« schrie die Königin. »Kannst du Croquet spielen?«

Die Soldaten waren still und sahen Alice an, da die Frage augenscheinlich an sie gerichtet war.

»Ja!« schrie Alice.

»Dann komm mit!« brüllte die Königin, und Alice schloss sich dem Zuge an, sehr neugierig, was nun geschehen werde.

»Es ist – es ist ein sehr schöner Tag!« sagte eine schüchterne Stimme neben ihr. Sie ging neben dem weißen Kaninchen, das ihr ängstlich in’s Gesicht sah.

»Sehr,« sagte Alice; – »wo ist die Herzogin?«

»Still! still!« sagte das Kaninchen in einem leisen, schnellen Tone. Es sah dabei ängstlich über seine Schulter, stellte sich dann auf die Zehen, hielt den Mund dicht an Alice’s Ohr und wisperte: »Sie ist zum Tode verurteilt.«

»Wofür?« frage diese.

»Sagtest du: wie Schade?« fragte das Kaninchen.

»Nein, das sagte ich nicht,« sagte Alice, »ich finde gar nicht, dass es Schade ist. Ich sagte: wofür?«

»Sie hat der Königin eine Ohrfeige gegeben –« fing das Kaninchen an. Alice lachte hörbar. »Oh still!« flüsterte das Kaninchen in sehr erschrecktem Tone. »Die Königin wird dich hören! Sie kam nämlich etwas spät und die Königin sagte –«

»Macht, dass ihr an eure Plätze kommt!« donnerte die Königin, und Alle fingen an in allen Richtungen durcheinander zu laufen, wobei sie Einer über die Andern stolperten; jedoch nach ein bis zwei Minuten waren sie in Ordnung, und das Spiel fing an.

Alice dachte bei sich, ein so merkwürdiges Croquet-Feld habe sie in ihrem Leben nicht gesehen; es war voller Erhöhungen und Furchen, die Kugeln waren lebendige Igel, und die Schlägel lebendige Flamingos, und die Soldaten mussten sich umbiegen und auf Händen und Füßen stehen, um die Bogen zu bilden.

Die Hauptschwierigkeit, die Alice zuerst fand, war, den Flamingo zu handhaben; sie konnte zwar ziemlich bequem seinen Körper unter ihrem Arme festhalten, so dass die Füße herunterhingen, aber wenn sie eben seinen Hals schön ausgestreckt hatte, und dem Igel nun einen Schlag mit seinem Kopf geben wollte, so richtete er sich auf und sah ihr mit einem so verdutzten Ausdruck in’s Gesicht, dass sie sich nicht enthalten konnte laut zu lachen. Wenn sie nun seinen Kopf herunter gebogen hatte und eben wieder anfangen wollte zu spielen, so fand sie zu ihrem großen Verdruss, dass der Igel sich aufgerollt hatte und eben fortkroch; außerdem war gewöhnlich eine Erhöhung oder eine Furche gerade da im Wege, wo sie den Igel hinrollen wollte, und da die umgebogenen Soldaten fortwährend aufstanden und an eine andere Stelle des Grasplatzes gingen, so kam Alice bald zu der Überzeugung, dass es wirklich ein sehr schweres Spiel sei.

Die Spieler spielten Alle zugleich, ohne zu warten, bis sie an der Reihe waren; dabei stritten sie sich immerfort und zankten um die Igel, und in sehr kurzer Zeit war die Königin in der heftigsten Wut, stampfte mit den Füßen und schrie: »Schlagt ihm den Kopf ab!« oder: »Schlagt ihr den Kopf ab!« ungefähr ein Mal jede Minute.

Alice fing an sich sehr unbehaglich zu fühlen, sie hatte zwar noch keinen Streit mit der Königin gehabt, aber sie wusste, dass sie keinen Augenblick sicher davor war, »und was,« dachte sie, »würde dann aus mir werden? die Leute hier scheinen schrecklich gern zu köpfen; es ist das größte Wunder, dass überhaupt noch welche am Leben geblieben sind!« Sie sah sich nach einem Ausgange um und überlegte, ob sie sich wohl ohne gesehen zu werden, fortschleichen könne, als sie eine merkwürdige Erscheinung in der Luft wahrnahm: sie schien ihr zuerst ganz rätselhaft, aber nachdem sie sie ein Paar Minuten beobachtet hatte, erkannte sie, dass es ein Grinsen war, und sagte bei sich: »Es ist die Grinse-Katze; jetzt werde ich Jemand haben, mit dem ich sprechen kann.«

»Wie geht es dir?« sagte die Katze, sobald Mund genug da war, um damit zu sprechen.

Alice wartete, bis die Augen erschienen, und nickte ihr zu. »Es nützt nichts mit ihr zu reden,« dachte sie, »bis ihre Ohren gekommen sind, oder wenigstens eins.« Den nächsten Augenblick erschien der ganze Kopf; da setzte Alice ihren Flamingo nieder und fing ihren Bericht von dem Spiele an, sehr froh, dass sie Jemand zum Zuhören hatte. Die Katze schien zu glauben, dass jetzt genug von ihr sichtbar sei, und es erschien weiter nichts.

»Ich glaube, sie spielen gar nicht gerecht,« fing Alice in etwas klagendem Tone an, »und sie zanken sich Alle so entsetzlich, dass man sein eigenes Wort nicht hören kann – und dann haben sie gar keine Spielregeln, wenigstens wenn sie welche haben, so beobachtet sie Niemand – und du hast keine Idee, wie es Einen verwirrt, dass alle Croquet-Sachen lebendig sind; zum Beispiel da ist der Bogen, durch den ich das nächste Mal spielen muss, und geht am andern Ende des Grasplatzes spazieren – und ich hätte den Igel der Königin noch eben treffen können, nur dass er fortrannte, als er meinen kommen sah!«

»Wie gefällt dir die Königin?« fragte die Katze leise.

»Ganz und gar nicht,« sagte Alice, »sie hat so sehr viel –« da bemerkte sie eben, dass die Königin dicht hinter ihr war und zuhörte, also setzte sie hinzu: »Aussicht zu gewinnen, dass es kaum der Mühe wert ist, das Spiel auszuspielen.«

Die Königin lächelte und ging weiter.

»Mit wem redest du da?« sagte der König, indem er an Alice herantrat und mit großer Neugierde den Katzenkopf ansah.

»Es ist einer meiner Freunde – ein Grinse-Kater,« sagte Alice; »erlauben Eure Majestät, dass ich ihn Ihnen vorstelle.«

»Sein Aussehen gefällt mir gar nicht,« sagte der König; »er mag mir jedoch die Hand küssen, wenn er will.«

»O, lieber nicht!« versetzte der Kater.

»Sei nicht so impertinent,« sagte der König, »und sieh mich nicht so an!« Er stellte sich hinter Alice, als er dies sagte.

»Der Kater sieht den König an, der König sieht den Kater an,« sagte Alice, »das habe ich irgendwo gelesen, ich weiß nur nicht mehr wo.«

»Fort muss er,« sagte der König sehr entschieden, und rief der Königin zu, die gerade vorbeiging: »Meine Liebe! ich wollte, du ließest diesen Kater fortschaffen!«

Die Königin kannte nur eine Art, alle Schwierigkeiten, große und kleine, zu beseitigen. »Schlagt ihm den Kopf ab!« sagte sie, ohne sich einmal umzusehen.

»Ich werde den Henker selbst holen,« sagte der König eifrig und eilte fort.

Alice dachte, sie wollte lieber zurück gehen und sehen, wie es mit dem Spiele stehe, da sie in der Entfernung die Stimme der Königin hörte, die vor Wut außer sich war. Sie hatte sie schon drei Spieler zum Tode verurteilen hören, weil sie ihre Reihe verfehlt hatten, und der Stand der Dinge behagte ihr gar nicht, da das Spiel in solcher Verwirrung war, dass sie nie wusste, ob sie an der Reihe sei oder nicht. Sie ging also, sich nach ihrem Igel umzusehen.

Der Igel war im Kampfe mit einem andern Igel, was Alice eine vortreffliche Gelegenheit schien, einen mit dem andern zu treffen; die einzige Schwierigkeit war, dass ihr Flamingo nach dem andern Ende des Gartens gegangen war, wo Alice eben noch sehen konnte, wie er höchst ungeschickt versuchte, auf einen Baum zu fliegen.

Als sie den Flamingo gefangen und zurückgebracht hatte, war der Kampf vorüber und die beiden Igel nirgends zu sehen. »Aber es kommt nicht drauf an,« dachte Alice, »da alle Bogen auf dieser Seite des Grasplatzes fortgegangen sind.« Sie steckte also ihren Flamingo unter den Arm, damit er nicht wieder fortliefe, und ging zurück, um mit ihrem Freunde weiter zu schwatzen.

Als sie zum Cheshire-Kater zurück kam, war sie sehr erstaunt, einen großen Auflauf um ihn versammelt zu sehen: es fand ein großer Wortwechsel statt zwischen dem Henker, dem Könige und der Königin, welche alle drei zugleich sprachen, während die Übrigen ganz still waren und sehr ängstlich aussahen.

Sobald Alice erschien, wurde sie von allen dreien aufgefordert, den streitigen Punkt zu entscheiden, und sie wiederholten ihr ihre Beweisgründe, obgleich, da alle zugleich sprachen, man kaum verstehen konnte, was jeder Einzelne sagte.

Der Henker behauptete, dass man keinen Kopf abschneiden könne, wo kein Körper sei, von dem man ihn abschneiden könne; dass er so etwas noch nie getan habe, und jetzt über die Jahre hinaus sei, wo man etwas Neues lerne.

Der König behauptete, dass Alles, was einen Kopf habe, geköpft werden könne, und dass man nicht so viel Unsinn schwatzen solle.

Die Königin behauptete, dass wenn nicht in weniger als keiner Frist etwas geschehe, sie die ganze Gesellschaft würde köpfen lassen. (Diese letztere Bemerkung hatte der Versammlung ein so ernstes und ängstliches Aussehen gegeben.)

Alice wusste nichts Besseres zu sagen als: »Er gehört der Herzogin, es wäre am besten sie zu fragen.«

»Sie ist im Gefängnis,« sagte die Königin zum Henker, »hole sie her.« Und der Henker lief davon wie ein Pfeil.

Da wurde der Kopf des Katers undeutlicher und undeutlicher; und gerade in dem Augenblick, als der Henker mit der Herzogin zurück kam, verschwand er gänzlich; der König und der Henker liefen ganz wild umher, ihn zu suchen, während die übrige Gesellschaft zum Spiele zurückging.

 

Quelle: nach Lewis Carroll, Alice im Wunderland (Kapitel 8)

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