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Kurz Psychologische/ Weise Geschichten

Zwei Engel auf Reisen (1-2 min)

Zwei Engel auf Reisen (1-2 min)

Zwei Engel auf Reisen

Lesezeit: 1-2 min
Die Dinge sind nicht immer so, wie sie scheinen. Auch Ereignisse, die wir für negativ halten, können letztendlich einen positiven Einfluss auf unser Leben haben…
 

Zwei reisende Engel machten Halt, um die Nacht im Hause einer wohlhabenden Familie zu verbringen. Die Familie war unhöflich und verweigerte den Engeln im Gästezimmer des Haupthauses auszuruhen.
Anstelle dessen bekamen sie einen kleinen Platz im kalten Keller. Als sie sich auf dem harten Boden ausstreckten, sah der ältere Engel ein Loch in der Wand und reparierte es.

In der nächsten Nacht rasteten die beiden im Haus eines sehr armen, aber gastfreundlichen Bauern und seiner Frau. Nachdem sie das wenige Essen, das sie hatten, mit ihnen geteilt hatten, ließen sie die Engel sogar in ihrem Bett schlafen und übernachteten selber im Stall. 
Bei Sonnenaufgang fanden die Engel den Bauern und seine Frau in Tränen. Ihre Kuh, deren Milch ihr einziges Einkommen gewesen war, lag tot auf dem Feld. Der jüngere Engel wurde wütend und fragte den älteren Engel, wie er das habe geschehen lassen können? 

„Der erste Mann hatte alles, trotzdem halfst du ihm“, meinte er anklagend. „Die zweite Familie hatte wenig, und du lässt die Kuh sterben.“ 
„Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen“, sagte der ältere Engel. „Als wir im kalten Keller des Haupthauses ruhten, bemerkte ich, dass Gold in diesem Loch in der Wand steckte. Weil der Eigentümer so von Gier besessen war und sein glückliches Schicksal nicht teilen wollte, versiegelte ich die Wand, sodass er es nicht finden konnte. Als wir dann in der letzten Nacht im Bett des Bauern schliefen, kam der Engel des Todes, um seine Frau zu holen. Ich gab ihm die Kuh anstatt dessen. Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen.“



Quelle: Verfasser unbekannt 

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Kurz Psychologische/ Weise Geschichten

Mal sehen – denn wer weiß? (2 min)

Mal sehen - denn wer weiß? (2 min)

Mal sehen - denn wer weiß?

Lesezeit: 2 min

Es war einmal ein alter Mann, der zur Zeit Lao Tses in einem kleinen chinesischen Dorf lebte. Der Mann lebte zusammen mit seinem einzigen Sohn in einer kleinen Hütte am Rande des Dorfes. Ihr einziger Besitz war ein wunderschöner Hengst, um den sie von allen im Dorf beneidet wurden. Es gab schon unzählige Kaufangebote, diese wurden jedoch immer strickt abgelehnt. Das Pferd wurde bei der Erntearbeit gebraucht und es gehörte zur Familie, fast wie ein Freund.

Eines Tages war der Hengst verschwunden. Nachbarn kamen und sagten: „Du Dummkopf, warum hast du das Pferd nicht verkauft? Nun ist es weg, die Ernte ist einzubringen und du hast gar nichts mehr, weder Pferd noch Geld für einen Helfer. Was für ein Unglück!“ Der alte Mann schaute sie an und sagte nur: „Unglück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.“

Das Leben musste jetzt ohne Pferd weitergehen und da gerade Erntezeit war, bedeutete das unheimliche Anstrengungen für Vater und Sohn. Es war fraglich ob sie es schaffen würden, die ganze Ernte einzubringen.

Ein paar Tage später, war der Hengst wieder da und mit ihm war ein Wildpferd gekommen, das sich dem Hengst angeschlossen hatte. Jetzt waren die Leute im Dorf begeistert. „Du hast Recht gehabt“, sagten sie zu dem alten Mann. Das Unglück war in Wirklichkeit ein Glück. Dieses herrliche Wildpferd als Geschenk des Himmels, nun bist du ein reicher Mann…“ Der Alte sagte nur: „Glück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.“

Die Dorfbewohner schüttelten den Kopf über den wunderlichen Alten. Warum konnte er nicht sehen, was für ein unglaubliches Glück ihm widerfahren war? Am nächsten Tag begann der Sohn des alten Mannes, das neue Wildpferd zu zähmen und zuzureiten. Beim ersten Ausritt warf ihn dieses so heftig ab, dass er sich beide Beine brach. Die Nachbarn im Dorf versammelten sich und sagten zu dem alten Mann: „Du hast Recht gehabt. Das Glück hat sich als Unglück erwiesen, dein einziger Sohn ist jetzt ein Krüppel. Und wer soll nun auf deine alten Tage für dich sorgen?‘ Aber der Alte blieb gelassen und sagte zu den Leuten im Dorf: „Unglück – Mal sehen, denn wer weiß? Das Leben geht seinen eigenen Weg, man soll nicht urteilen und kann nur vertrauen.“

Es war jetzt alleine am alten Mann die restliche Ernte einzubringen. Zumindest war das neue Pferd soweit gezähmt, dass er es als zweites Zugtier für den Pflug nutzen konnte. Mit viel Schweiß und Arbeit bis in die Dunkelheit, sicherte er das Auskommen für sich und seinen Sohn.

Ein paar Wochen später begann ein Krieg. Der König brauchte Soldaten, und alle wehrpflichtigen jungen Männer im Dorf wurden in die Armee gezwungen. Nur den Sohn des alten Mannes holten sie nicht ab, denn den konnten sie an seinen Krücken nicht gebrauchen. „Ach, was hast du wieder für ein Glück gehabt!“‚ riefen die Leute im Dorf. Der Alte sagte: “ Mal sehen, denn wer weiß? Aber ich vertraue darauf, dass das Glück am Ende bei dem ist, der vertrauen kann.“

 

Quelle: Geschichte aus China, Verfasser unbekannt

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Sonstiges

Der große Schmuckdiebstahl (20 min)

Der große Schmuckdiebstahl (20 min)

Der große Schmuckdiebstahl

Lesezeit: 20 min
Das verunglückte Diner 

Ein vollständig verunglücktes Diner. Und es hätte so hübsch werden können und sollen. Andreas Grumbach, der verdienstvolle Präsident des Klubs der Industriellen, hatte für nachmittags drei Uhr den Vorstand und den Ausschuss des Klubs zu einer Sitzung in seiner Wohnung geladen. Es gab Wichtiges zu besprechen, da die Generalversammlung vor der Türe stand. Die Klubräumlichkeiten selbst wurden gerade einer einschneidenden baulichen Veränderung unterzogen, und so wurde die Sitzung ausnahmsweise in der Wohnung des Präsidenten abgehalten.

Das Hans Grumbach hatte seinen bewährten Ruf als Pflegestätte seiner Geselligkeit und liberaler Gastfreundschaft, und der Hausherr hatte sich die Ehre gegeben, auch diesmal die gebotene Gelegenheit zu benützen. Da er die Herren einmal so schön beisammen hatte, wollte er sie auch bei sich behalten. Das war schon auf der Einladung zur Sitzung vermerkt, damit sich die Herren darauf einrichten konnten. Das machte sich ganz ungezwungen und natürlich. Die Sitzung dauerte voraussichtlich zwei, drei Stunden, und dann war es Essenszeit geworden im Hause Grumbach. Zur Essenszeit schickt man aber im Hause Grumbach die Leute nicht weg, sondern behält sie da.

Der gesamte Vorstand und Ausschuss war auch vollzählig erschienen, zehn Mann hoch. Dazu dann noch der Präsident und last, sicherlich nicht least, die bezaubernd liebenswürdige Herrin des Hauses, Frau Violet; das gab die richtige Tafelrunde von zwölf Gedecken.

Herr Dagobert Trostler

Ein Mitglied der Verwaltung, Herr Dagobert Trostler, hatte an der Sitzung allerdings nicht teilgenommen. Er war für sie zu spät, fürs Diner aber noch rechtzeitig gekommen. Er als alter Hausfreund durfte sich das erlauben. Auch ohne ausdrückliche Entschuldigung von seiner Seite konnte man sich seine Abhaltungen vorstellen. Man kannte seine Schwäche, die zugleich seine Stärke war. Er war ein passionabler Amateur-Detektiv und fortwährend in allerlei seltsame Geschichten verwickelt, die ihn eigentlich gar nichts angingen. Seine Freunde machten allerlei gute und böse Witze über seine große Passion, aber sie hatten im ganzen doch Respekt vor seinen Leistungen. Denn sie wussten von einigen seiner Erfolge, die in der Tat aller Achtung wert waren.

So war er auch diesmal um die Wege gewesen. Man wusste, dass es ein falscher Silbergulden sei, der ihn beschäftige. Man hatte ihm irgendwo beim Herausgeben einen falschen Silbergulden angehängt. Nicht etwa, dass man ihn damit betrogen hätte. Dagobert Trostler betrügt man nicht. Er hatte das Falsifikat sofort erkannt und wortlos angenommen. Nun hatte er wieder seine Aufgabe, eine Spur, die er zurückverfolgen wollte.

Gegen seine Gewohnheit hatte er von dieser seiner Absicht einigen Freunden Mitteilung gemacht, während er sonst, wenn er eine Fährte verfolgte, sich grundsätzlich in ein unverbrüchliches Schweigen hüllte. Nun bekam er die Folgen seiner ausnahmsweisen Mitteilsamkeit zu verspüren. Man empfing ihn mit den ungereimtesten Fragen, mit losen Witzen und Neckereien, die er in evangelischer Milde hinnahm als von Leuten, die es eben nicht besser verstanden. Die evangelische Milde ließ auch dem Manne mit dem Petrusschöpfchen ganz wohl, obschon sie eigentlich mehr als starkes Selbstbewußtsein anzusprechen war, denn als Milde.

Die Sitzung war also geraume Zeit schon zu Ende, als Dagobert eintraf, und während man sich unterhielt, wartete man eigentlich nur noch auf das Signal, das zu Tische rufen sollte. Das sollte von der Hausfrau gegeben werden, die sich aber noch nicht hatte blicken lassen. Endlich trat auch sie bei den Herren ein; strahlend, liebenswürdig, heiter, kurz entzückend wie immer. Nach der Begründung brachte sie sofort ihre Entschuldigungen vor. Das sprudelte nur so hervor: »Ich habe mich vielleicht etwas verspätet, meine Herren, und Sie werden mich für eine schlechte Hausfrau halten. Damit würden Sie aber eine schwere Ungerechtigkeit begehen. Denn gerade weil ich eine gute Hausfrau sein wollte, habe ich mich ein wenig verspätet. Ich war selber noch rasch ausgefahren, um unser Giardinetto zu vervollständigen. Die Auswahl des Obstes vertraue ich niemandem an. Das muss ich immer selber besorgen. und nun bitte ich nur noch um knappe fünf Minuten zum Ablegen und dann werde ich die Herren bitten.«

Aus den fünf Minuten wurden reichlich fünfzehn. Man hörte Türen hastig öffnen und schließen; es gab ein geheimnisvolles Herumschießen im Hause, und einmal steckte Frau Violet sogar den Kopf bei der Türe herein und ließ ein verstörtes Antlitz erblicken. Es war, als wolle sie den Gemahl herausrufen, und dann verschwand sie doch wieder plötzlich, als habe sie es sich anders überlegt.

Frau Violets Schmuck 

Nach einer längeren Pause erschien sie dann doch, um die Gesellschaft zu Tische zu bitten. Wie gewöhnlich war Dagobert zu ihrem Kavalier und Tischnachbarn ausersehen. Er reichte ihr den Arm und führte sie in das Speisezimmer.

»Gnädigste haben eine Unannehmlichkeit gehabt,« fragte er leise, während sie sich am Tische niederließen. »Sollte am Ende gar – es wäre entsetzlich – die Suppe versalzen oder der Braten angebrannt sein?«

Frau Violet schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Sie würgte nur, um die Tränen zurückzuhalten. Das ging eine Weile, aber nicht lange. Plötzlich brach sie doch in Tränen aus und begann herzbrechend zu schluchzen.

Dagobert machte ein sehr erschrockenes Gesicht und suchte sie zu beruhigen. Der Hausherr steckte eine strenge Miene auf, blickte zu seiner Gattin hinüber und sagte kategorisch: »Aber Violet! Was soll das? Was gibt’s denn?«

Die ganze Tafelrunde war in sichtlicher Verlegenheit und Bestürzung. Frau Violet bat tausendmal um Verzeihung, beteuerte, dass es nichts, wirklich nichts sei – nur die Nerven! Und schließlich kam es nach langem Nötigen und Parlamentieren doch heraus: während ihrer kurzen Abwesenheit war ihr ihre Schmuckkassette mit dem ganzen kostbaren Inhalt abhanden gekommen. Sie hatte sie nicht erst wieder versperrt, da sie ja doch höchstens eine halbe Stunde wegbleiben wollte. So habe sie sie denn in ihrem Boudoir auf dem Toilettetischchen liegen lassen. Daran erinnere sie sich mit vollster Bestimmtheit, und nun sei die Kassette verschwunden, gestohlen. Die Dienerschaft sei von erprobter Verlässlichkeit –

»Sind alle noch vollzählig im Hause?« unterbrach Dagobert.

»Es fehlt niemand,« erwiderte Frau Violet noch immer schluchzend, »und alle erklären auf das Bestimmteste, dass in der Zwischenzeit kein Fremder die Wohnung betreten habe.«

Dagobert erhob sich.

»Wir dürfen keinen Augenblick verlieren.«

»Ich bitte um Ruhe!« rief da der Hansherr mit großer Bestimmtheit. »Wir sind jetzt bei Tische und bleiben bei Tische. Ein kleines häusliches Missgeschick darf sich nicht auf Kosten unserer lieben Gäste vollziehen. Es wird meine Sache sein, meiner Gattin den Schaden zu ersetzen, und damit ist die Sache für uns und vorläufig erledigt.«

Dagobert blickte scharf nach seinem Freunde hin und setzte sich dann wieder ruhig nieder.

Eigentlich war es ein großer Moment. Der Schmuck der Frau Violet Grumbach, der Gattin des Präsidenten des Klubs der Industriellen, das war doch keine Kleinigkeit. Das wusste die ganze Stadt. Der stellte einen Wert vor von vielen, vielen Tausenden. Der wird gestohlen, und da der Hausherr das erfährt, erklärt er kaltblütig, dass ihm und seinen Gästen das Mittagessen nicht gestört werden dürfe. Ein feierlicher Moment. So ungefähr wie in der französischen Kammer, als in ihr eine Bombe explodierte und der Präsident darauf gelassen verkündigte: Die Sitzung dauert fort!

Das Mahl nahm also seinen Fortgang, und Frau Violet gab sich alle Mühe, ihren Kummer zu unterdrücken. Es gelang ihr aber schlecht. Immer wenn man schon geglaubt hatte, sie habe sich gefasst, stürzten die Tränen doch wieder hervor. An dem Schmuck hatte ihr Herz gehangen. Nicht nur der Kostbarkeit wegen. An jedes einzelne Stück knüpfte sich eine liebe Erinnerung, und jedes einzelne Juwel war ein Stück Lebensinhalt geworden. Der Verlobungsring, das Brautgeschmeide – die Rivière aus Saphiren und Brillanten hatte sie nach der Geburt ihres Töchterchens erhalten, des einzigen Kindes, das bald darauf starb – das Diamanten-Diadem, als sie zum erstenmal als Frau Präsidentin zu repräsentieren hatte, das Perlenhalsband nach glücklich überstandener schwerer Krankheit – es war nicht nur der materielle Wert, an allem hing ein Stück Herz, und das und die Erinnerungen, die waren auch im Falle des Ersatzes beim Hofjuwelier nicht zu kaufen.

Frau Violet blieb also während der ganzen Mahlzeit tief bekümmert und weinte viel, so sehr sie sich auch bemühte, schon um der Gäste willen ihre Haltung zu bewahren. Diese nahmen die Sache natürlich etwas leichter, obschon sie mit dem Ausdruck ihrer Teilnahme nicht kargten. Sie trösteten nach Kräften und sprachen die feste Zuversicht aus, dass es doch gelingen werde, den Schmuck wieder zur Stelle zu bringen. So nach und nach gewannen ihre Tröstungen sogar einen Stich ins Humoristische. Man habe ja das Glück einen so ausgezeichneten Amateur-Detektiv, wie Dagobert, zur Gesellschaft zu zählen. Der habe da doch eine wunderschöne Gelegenheit, seine Kunst zu zeigen, und es sei kein Zweifel, dass er auch dieses Mal die hohe Meinung, die allgemein über seine Fähigkeiten gehegt werde, bestätigen und rechtfertigen werde. Frau Violet nahm auch hier die Sache vollkommen ernst. Sie hatte wirklich Vertrauen zu Dagobert. Sie wusste von seinen Taten und ihr selbst hatte er durch seine Kunst schon einen unschätzbaren Dienst geleistet, als ihr Leben durch eine Flut von schmählichen anonymen Briefen förmlich vergiftet worden war. Sie ergriff mit wahrer Empfindung seine Hände und bat ihn, ihr auch jetzt beizustehen. Baron Eichstedt, das Vorstandsmitglied, stieß heimlich den Hausherrn an, dieser blickte bedeutsam zu dem Ausschussmitglied Baron Friese hinüber; es ging ein leichtes Schmunzeln durch die Gesellschaft: Dagobert hat wieder seine Aufgabe!

»Ich glaube, Violet,« ließ sich der Hausherr vernehmen, »dass du dir wirklich keine übertriebenen Sorgen machen sollst. Vielleicht hast du die Schatulle doch nur verlegt, und sollte sie wirklich entwendet worden sein, so wird uns ja Dagobert sicher seinen bewährten Beistand leihen.«

»Ich bin in der Tat sehr begierig,« warf Baron Friese dazwischen, »ob Herr Dagobert auch da das Korpusdelikti entdecken wird.«

Frau Violet war durchaus nicht geneigt, auf den leichten Ton der Unterhaltung einzugehen. Sie sagte nichts mehr und hob, als es Zeit war, mit einem schweren Seufzer die Tafel auf. So vortrefflich auch das Menü war – eine Selbstverständlichkeit im Hause Grumbach – so war das Mahl doch ein durchaus verunglücktes. Als ihr Dagobert Mahlzeit bot – der Wiener sagt »Speis z’am« – »Ich wünsche wohl gespeist zu haben,« – und ihr die Hand küsste, traten ihr wieder die Tränen in die Augen, und aufs neue richtete sie in tiefer Bekümmernis die Bitte an ihn, ihr in ihrem Unglück doch ja helfen zu wollen.

»Ich werde tun, was ich kann, Gnädigste,« lautete seine Antwort.

»Wie wollen Sie das aber anfangen?«

»Anfangen – selbstverständlich mit der Aufnahme des Lokalaugenscheines.«

Die Ermittlungen beginnen 

Frau Violet führte ihn in ihr Boudoir, ein Wunderwerk in blassblauer und altrosa Seide, von zarten Spitzen und schwellenden Teppichen. Dagobert ließ einen prüfenden Blick durch den duftigen Raum gleiten und bemerkte dann: »Seit mehr als zehn Jahren bin ich der Freund und regelmäßige Gast des Hauses und doch habe ich diesen Raum noch niemals zuvor betreten.«

»Das ist doch nicht besonders wunderbar, Dagobert. Ich fürchte nur, dass Sie da schwerlich etwas entdecken werden, was Sie auf eine Spur bringen könnte.«

»Das Wichtigste habe ich schon entdeckt, Frau Violet. Das Zimmer hat nur einen Eingang – den, den wir benutzt haben. Ich werde hier nun meine Studien machen. Dazu muss ich allein und ganz ungestört sein. Bitte also, meine Gnädigste, sich in Ihren weiteren Hausfrauenpflichten nicht stören zu lassen.«

Die Herren hatten sich inzwischen ins Rauchzimmer zurückgezogen. Auch Frau Violet begab sich nun dahin und machte weiter die Honneurs, während der schwarze Kaffee und die Liköre serviert und die Zigarren und Zigaretten herumgereicht wurden.

Dagobert nahm, als er sich allein sah, ein Abendblatt aus der Seitentasche seines Frackes und legte sich der Länge nach hin auf die einladende, mit altrosa Seite überzogene Chaiselongue und begann zu lesen. Er las nur wenige Minuten; dann entsank das Blatt seinen Händen, und er verfiel in ein wohltuendes, gesundheitförderndes Mittagsschläfchen.

Etwa ein halbes Stündchen mochte er geschlafen haben, als er geweckt wurde. Freiherr v. Friese als der jüngste in der Gesellschaft war delegiert worden, ihn einzuholen. Ob er denn noch immer nicht fertig sei mit seiner Lokalaugenscheinaufnahme!

»O ja, ich bin schon fertig,« entgegnete Dagobert, sich rasch ermunternd und ließ sich ohne weiteres zur Gesellschaft hinüber geleiten. Bevor er noch das Rauchzimmer betreten hatte, konnte er zu seiner Befriedigung wahrnehmen, dass die allgemeine Stimmung sich wesentlich gebessert habe. Denn es klang aus dem Rauchzimmer ein volltöniges Lachen heraus. Man ward aber sofort wieder ernster, als er eintrat. Der Hausherr fragte ihn mit besorgter Miene, ob er irgendwelche Anhaltspunkte gefunden habe, und auch die anderen bestürmten ihn mit Fragen ähnlichen Inhalts.

Dagobert beschäftigte sich mit dem ihm nachservierten Schwarzen und bat sich dazu ein Gläschen grüner Chartreuse aus. Dann wühlte er sich mit kundigem Blick unter den zahlreichen Havannakistchen seine gewohnte Sorte heraus, schnitt umständlich die Spitze der Zigarre ab und nahm sich endlich Feuer. Und erst als er sich überzeugt hatte, daß die Zigarre guten Zug habe, ließ er sich herbei zu bemerken, dass er wohl glaube, der Sache auf den Grund kommen zu können. Frau Violet klatschte in die Hände.

»Wenn Dagobert das sagt – ich kenne ihn – dann kriege ich meinen Schmuck wieder!«

»Meine Gnädigste,« erwiderte Dagobert, »eben sowenig wie im Sport gibt es bei meinem Handwerk tote Gewissheiten. Die Aussichten auf den Erfolg drücken sich in den Odds aus. Sie wissen doch, was ›Odds‹ sind, Gnädigste?«

»Ja, Dagobert. Dazu war ich oft genug auf dem Turf, um auch das zu erfahren. Odds drücken das Verhältnis der Wetten oder, wenn Sie wollen, ihre Kurse aus.«

»Nun denn, ich glaube, unsere Chancen stehen so, dass Sie nur noch ›Auf‹-Wetten legen könnten, und dabei ist nicht viel zu verdienen.«

»Ich will keine Wetten, Dagobert, ich will meinen Schmuck!«

»Wir werden sehen, was sich für Sie tun lässt, meine Gnädigste.«

»Kann ich irgendwie mithelfen, Dagobert?«

»O gewiss, meine Gnädigste, ich rechne sehr stark auf Sie!«

»Dann befehlen Sie!«

Der Plan

»Wir werden so, wie wir sind, morgen wieder bei Ihnen dinieren. Sie brauchen nicht so ein erschrockenes Gesicht zu machen, meine Gnädigste –«

»Dagobert, Sie sind ein abscheulicher Mensch! Ich habe gar kein erschrockenes Gesicht gemacht – im Gegenteil! Ich freue mich darauf, und die Herren sind hiermit höflichst eingeladen.«

»Nicht doch. Gnädigste. Ein kleines Missverständnis. Vor allen Dingen leiste ich also amende honorable und nehme das ›erschrockene Gesicht‹ feierlich zurück. Im übrigen habe ich es aber gar nicht so gemeint, wie Sie es nun gedreht haben, meine Gnädigste.«

»Dagobert, ich habe gar nichts ›gedreht‹; meine Gäste sind mir immer herzlich willkommen.«

»Daran ist kein Zweifel gestattet. Wir werden also morgen bei Ihnen dinieren. Das erfordert der Gang der Untersuchung. Er erfordert aber nicht, dass wir Ihnen Scherereien bereiten.«

»Mischen Sie sich nicht in meine Hausfrauensorgen, Dagobert!«

»Ich beschäftige mich lediglich mit meinen Untersuchungssorgen. Sie werden also die Güte haben, keinen Finger zu rühren. Ebenso ist es von Wichtigkeit, dass Ihre Dienerschaft nicht herumgehetzt und ihr keine außergewöhnliche Arbeit aufgebürdet wird. Das Diner wird Ihnen fertig ins Haus gebracht.«

»Das kann gut werden!«

»Verlassen Sie sich auf mich, Frau Violet. Ich verstehe, zu essen. Und ein wenig können Sie sich auch auf die Firma Sacher verlassen, die die teuerste Küche in Wien führt, aber, wie man sagt und ich glaube mit Recht, die beste. Ich werde auch nicht knausern. Ich weiß, was ich Ihrem Hause schuldig bin.«

»Ich als Hausherr,« warf Herr Grumbach dazwischen, »bitte dich sogar ernst und ausdrücklich, nicht zu knausern.«

»Dich, lieber Freund, geht die Geschichte vorläufig gar nichts an, und auch ich bitte dich ernst und ausdrücklich, dich in den Gang der Untersuchung nicht einzumengen. Ich habe jetzt mit deiner verehrten Frau Gemahlin Wirtschaftssachen zu besprechen, und da möchten wir ungestört bleiben. Also, meine Gnädigste, die Sache wird so sein: das Diner wird fertig beigestellt, und nicht nur das, sondern auch die Bedienungsmannschaft, das ganze Tafelzeug, Silber, Tischwäsche, Tafelaufsätze, Blumen, Porzellan und Glasservice. Sie werden sich nur zu Tische zu setzen haben. Das soll Ihre ganze Mühe sein. Eine Stunde nach dem Mahle muss der ganze Spuk wieder spurlos aus dem Hause verschwunden sein. Das alles wird glatt erledigt werden. Die Feststellung des Menüs überlassen Sie ruhig mir. Sie wissen, in der Gourmandise bin ich ein wenig Fachmann.«

»Ich weiß, Dagobert, Sie sind Kenner. Worin wären Sie es nicht?«

»Ich werde auch dafür Sorge tragen, dass zu jedem Gang die richtige Weinsorte serviert wird. Meine einschlägigen, sehr gewissenhaften Studien werden mich auch in diesem Punkte vor jedem Missgriff bewahren. Die Komposition des Menüs habe ich im Kopfe schon fertig. Wünschen Sie, es kennen zu lernen?« Die Gäste protestierten. Sie wollten sich überraschen lassen.

»Gut,« erwiderte Dagobert, »und nun, Frau Violet, habe ich nur noch eine Bitte an Sie. Sie müssen mir gestatten, einen Gast mitzubringen.«

»Darf man seinen Namen erfahren?«

»Es ist mein Freund, Oberkommissär Doktor Weinlich, wie Sie wissen, einer unserer tüchtigsten Kriminalisten. Sie müssen sich erinnern, Gnädigste, dass wir nicht sowohl ein Festessen, als ein Zweckessen veranstalten wollen. Wir wollen dem Schmuckdiebstahl auf den Grund kommen. Vielleicht kann uns da der erfahrene Kriminalkommisär von Nutzen sein.«

»Es fällt mir auf,« nahm nun der Freiherr v. Friese das Wort, »dass Freund Dagobert hier polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen glaubt. Das ist sonst nicht seine Art und würde auch in diesem Falle seinen Detektivruhm nicht erhöhen.«

»Was meinen Ruf, wenn Sie wollen, meinen Ruhm anbelangt – ich widersetze mich nicht – so können Sie die Sorge dafür ruhig mir überlassen, lieber Baron. Hier handelt es sich nicht um meinen Ruhm, sondern darum, dass der gestohlene Schmuck wieder zur Stelle gebracht wird. Ich glaube, wir werden den Dieb ermitteln, Herr Baron, und wenn dann eine Verhaftung vom Fleck weg sich als nötig erweisen sollte, dann würden meine privaten Machtmittel am Ende nicht ausreichen. Sie sehen also, dass unter Umständen der Gast uns ganz nützlich werden könnte.«

Der nächste Tag

Am nächsten Tage erschienen die Gäste vollzählig zur festgesetzten Zeit. Frau Violet empfing sie mit vollendeter Liebenswürdigkeit. Sie hatte ihre Haltung wieder gewonnen, und nichts deutete auf den schweren Kummer, der sie am Tage vorher noch bei Tische so niedergedrückt und um alle Fassung gebracht hatte.

Dagobert hatte auch seine kulinarische Mission glänzend erfüllt. Es war ein tadelloses und erstklassiges Mahl, das den Herrschaften vorgesetzt wurde. Während man bei Tische war, wurde der eigentliche Gegenstand der Tagesordnung nicht berührt. Dagobert hatte es abgelehnt, auch nur mit einer Bemerkung auf die Sache einzugehen, solange die aufwartende Mannschaft ihres Dienstes waltete. Erst als die Gesellschaft nach aufgehobener Tafel sich ins Rauchzimmer zurückgezogen, sich’s dort bequem eingerichtet hatte, mit Kaffee, den feinen Schnäpsen und Zigarren versorgt und eine weitere Störung durch Bedienungsmannschaft nicht zu gewärtigen war, erklärte sich Dagobert bereit, auf den vorliegenden Fall einzugehen. Er saß auf seinem gewohnten Platze Frau Violet gegenüber, die in ihrer traditionellen Kaminecke mit Spannung der Dinge harrte, die nun kommen sollten.

Freiherr v. Friese war der erste, der den Stein ins Rollen brachte. Er deklamierte mit komischem, falschem Pathos wie folgt: »Achtung, meine verehrten Herrschaften – nur hereinspaziert! Soeben beginnt die große Vorstellung: der weltberühmte Matador Herr Dagobert wird die Ehre haben, auf dem gespannten Drahtseil seiner hohen Detektivkunst einem hohen Adel und dem sonstigen verehrungswürdigen Publiko eine Probe seiner unübertrefflichen Geschicklichkeit zu bieten. Anerkennungsschreiben liegen vor. Kinder und das Militär vom Feldwebel abwärts zahlen die Hälfte. Nur immer hereinspaziert, meine Herrschaften!«

»Sagen Sie mal, lieber Baron,« fragte hierauf Dagobert ruhig von unten herauf, »genießen Sie das unschätzbare Glück, noch eine Großmama zu haben?«

»Bedaure lebhaft, nicht mehr aufwarten zu können.«

»Schade!«

»Warum?«

»Ich hätte Ihnen sonst den freundschaftlichen Rat erteilt, es doch vielleicht erst mit ihr zu versuchen und lieber Ihre geschätzte Großmutter zum besten halten zu wollen, als einen Dagobert Trostler, wenn er auf dem Kriegspfade wandelt. Vielleicht hätten Sie da mehr Glück, übrigens danke ich Ihnen auch für diesen Scherz, der für meine Untersuchung nicht ganz wertlos gewesen ist.«

»Kommen wir zur Sache!« mahnte der Hausherr beschwichtigend.

»Jawohl,« fügte die Hausfrau hinzu, ängstlich geworden, dass da ein Streit entstehen könnte, »wir haben Wichtigeres vor, als einem Wortgeplänkel der Herren zu lauschen.«

»Das Wichtigste, Frau Violet,« lenkte Dagobert sofort ein, »ist, dass wir den gestohlenen Schmuck zur Stelle schaffen. Ich denke, das wird sehr bald erledigt sein. – Lieber Freund Grumbach, würdest du wohl so freundlich sein, mir deine Kassaschlüssel auf eine Minute anzuvertrauen?«

Verdutzte Gesichter. Der Hausherr griff unter sichtlicher Verlegenheit in die Tasche und folgte die Schlüssel aus. Die Kasse stand in einer Ecke des Rauchzimmers. Sie war von zierlichen Dimensionen. Es war ja nur die Hauskasse. Die großen und gewichtigen standen in den Geschäftsbureaus.

»Ich bitte, mir nur genau auf die Finger zu sehen, meine Herrschaften,« sagte Dagobert, während er öffnete. »Denn wenn hinterher eine kleine Million fehlen sollte, dann möchte ich’s nicht gewesen sein!«

Er zog die schwere Türe vollends auf, nahm die Schmuckkassette heraus und überreichte sie der Hausfrau. – »Bitte, überzeugen Sie sich. Gnädigste,« bemerkte er dazu, »ob auch nichts fehlt. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass für jeden etwaigen Abgang der Herr Gemahl haftpflichtig ist.«

»Es fehlt nichts, Dagobert!« erwiderte Frau Violet lachend und blickte bewundernd zu Dagobert auf.

»Ich mache Sie weiter darauf aufmerksam, Gnädigste,« fuhr Dagobert fort, »dass der Herr Gemahl Ihnen eine Entschädigung schuldig ist für den ausgestandenen Schrecken, und daß diese Entschädigung am zweckmäßigsten erfolgen wird durch eine fachgemäße Vervollständigung des Inhalts dieser Kassette.«

»Bewilligt!« sagte Herr Grumbach sofort, aber er sagte es nicht eben in sehr freundlichem Tone. Er war ärgerlich. Nicht dass er da zu einer größeren Ausgabe gepresst ward – seiner Frau eine Freude zu bereiten, war ihm immer ein Vergnügen – aber wieder die alte Geschichte, dass keine Vereinbarung etwas nützt, geplaudert wird doch immer! Er kannte das von den vertraulichen Sitzungen her. Immer war etwas davon doch in die Öffentlichkeit gedrungen. Die Leute können einmal ein Geheimnis nicht bewahren. Das war seine Meinung, und mit dieser hielt er auch jetzt nicht hinter dem Berge. Eine so einmütige Opposition hatte aber der Herr Präsident in seinem ganzen Leben noch nicht gefunden, wie in diesem Falle. Jeder einzelne überschüttete ihn mit Beteuerungen, dass er geschwiegen habe wie das Grab, und auch Dagobert gab die bündige Versicherung ab, dass kein Verrat geübt worden sei. Es sei in diesem so einfachen Falle doch wahrhaftig auch nicht nötig gewesen.

»Wie konntest du sonst darauf kommen?« fragte Grumbach.

»Durch eine einfache Kombination, ohne die bei meinem Sport überhaupt nichts zu erreichen ist.«

»Dagobert,« bat die Hausfrau, »Sie müssen uns genau erzählen, wie Sie das herausgebracht haben.«

»Aber mit Vergnügen, meine Gnädigste! Freilich wäre es vorsichtiger, wenn ich mich nun mit dem Resultat begnügte, das doch einen positiven Erfolg vorstellt, während ich mich noch immer blamieren kann, wenn ich die Methode und den Weg aufzeige, die mich zu dem Schlussergebnis geführt haben. Auch mir ist aber – nach berühmten Mustern – das Suchen und Forschen nach Wahrheit interessanter und wichtiger als die Wahrheit selbst. Darum will ich also gern verraten, wie ich zu dem Schlüsse gekommen bin.«

»Nicht so viele Reflexionen!« erklang es aus der Korona heraus. »Wir wollen Tatsachen. Dagobert soll erzählen, nicht philosophieren!«

»Nur nicht ungeduldig, meine Herren, Sie werden’s noch früh genug erfahren. Bevor ich beginne, muss ich doch noch eine schmerzliche Betrachtung anstellen. Meine Herren! All unser Wissen ist Stückwerk. Ich war lediglich auf meine Kombination angewiesen, die ich Ihnen nun entwickeln will, und Sie werden meine Richter sein. Ihr Amt ist kein schwieriges, denn Sie sind ja genau eingeweiht, ich aber kann mich leicht blamieren, und dann werden Sie mich auslachen.«

»Die Hauptsache hast du ja doch herausgebracht!« tröstete der Hausherr.

»Deshalb könnten mir aber in der Kombination doch Irrtümer unterlaufen sein. Sollten es wesentliche Irrtümer sein, dann muss ich die Buße auf mich nehmen. Dann werde ich das heutige Festmahl bezahlen.«

»Sonst?« fragte Freiherr von Friese.

Des Rätsels Lösung

»Sonst, lieber Baron, wird ein anderer bluten müssen. Ich beginne also. Die Situation, die ich vorfand, war folgende: Wenige Minuten nachdem ich eingetreten war, begrüßte uns die verehrte Hausfrau heiter und rosig, wie immer. Eine Viertelstunde später bittet sie uns zu Tische und ist bleich und verstört, und wieder einige Minuten später bricht sie in Tränen aus. Wir erfahren auch den Grund. Sie hat in der kurzen Zwischenzeit des Toilettenwechsels für das Diner die Entdeckung gemacht, dass ihre Schmuckkassette abhanden gekommen sei. Ich erhebe mich, ich steige wie das alte Schlachtross beim Klang der Kriegsdrommete. Das war ja ein Fall für mich. Es wird Ihnen aufgefallen sein, und um so leichter werden Sie sich daran erinnern, dass ich mich so rasch beruhigte und wieder niedersetzte. Ich bedauere, es sagen zu müssen, denn es wird Ihrer Eigenliebe nicht sehr schmeicheln, meine Herren: ich hatte da Ihr Spiel schon durchschaut.«

»Das kann man jetzt leicht sagen!« warf Baron Friese dazwischen.

»Sie können mich ja dann dementieren, Herr Baron, wenn meine Folgerungen sich als falsch erweisen sollten. Was mich zunächst stutzig machte, war das: der Kummer unserer lieben Hausfrau war echt; der Ihrige, meine Herren, war falsch, war schlecht gespielt. Schämen Sie sich! Auch der Hausherr spielte seine Rolle nicht gut. Mein lieber Grumbach, allen Respekt vor deiner etwaigen Seelengröße im Unglück, aber wenn man ein noch so großer Held ist, man benimmt sich doch etwas anders, wenn man, den Suppenlöffel in der Hand, mit der angenehmen Botschaft niedergerannt wird, dass der Gattin für hunderttausend Gulden Schmuck gestohlen worden ist.«

»Deshalb wäre die Welt noch nicht untergegangen!«

»Ich vermute; aber man benimmt sich doch anders! Ich versuchte, mir die Lage klar zu machen. Da war etwas abgekartet, die Hausfrau aber nicht ins Vertrauen gezogen worden. Man hatte sich nicht gescheut, im Interesse der eigenen Unterhaltung der Hausfrau einen ernsten Schrecken und einen wirklichen Kummer zu bereiten. Das verdient Strafe, und es wird, verlassen Sie sich darauf, nicht ungestraft bleiben. Ich bin übrigens nicht der Mann, der sich etwaigen Milderungsgründen verschließt. Vielleicht hielt man es zum Gelingen des Komplotts für nötig, die Hausfrau nicht einzuweihen. Das würde ich als keine genügende Entschuldigung für die begangene Grausamkeit betrachten. Wohl aber wäre es noch möglich, dass man keine Zeit gefunden hatte, sie einzuweihen. Also ein Komplott! Gegen wen? Kein Zweifel, es war auf mich abgesehen.«

»Wie mag es zustande gekommen sein? Ich konstruierte, rekonstruierte mir den Sachverhalt wie folgt: die Sitzung, an der ich nicht teilnehmen konnte, war vorbei, und es folgte die zwanglose Unterhaltung vor Tisch. Dabei kam die Rede auch auf Dagobert und sein berühmtes Steckenpferd. Man sollte ihn zur allgemeinen Erheiterung einmal ordentlich hineinlegen, meinte der eine. Das wird nicht so leicht gehen. Der fällt uns nicht herein, hatte ein anderer die Güte, mir die Ehre anzutun. Ich vermute, dass dieser wahrhaft edle ›andre‹ mein Freund Grumbach gewesen ist.«

»Bravo, Dagobert,« rief der Hausherr, »so war es!«

»Ich kenne meine Pappenheimer. Es käme auf einen Versuch an, meinte wieder der eine. Und nun wurde die großartige Idee ausgeheckt. Die Gelegenheit war günstig. Die Hausfrau nicht zu Hause. Sie wird zwar sehr erschrecken, aber dann ihre Rolle nur um so glaubwürdiger spielen. Hier steckt der Frevel, der bestraft werden muss und bestraft werden wird. Vielleicht hätte sie Freund Grumbach übrigens doch noch verständigt, aber es fand sich dazu die unauffällige Gelegenheit nicht mehr.

»Der Diebstahl wurde also vollführt. Eine solche Beute kann man nicht unter dem Tisch verstecken. Um sie aus dem Hause zu schaffen, fehlte die Zeit und auch jede nötigende Veranlassung. Da gab es nur einen sicheren Versteck – die feuer- und einbruchsichere Kasse des Hausherrn, darauf wird Dagobert doch in seinem Leben nicht verfallen! Wie Sie gesehen haben, hatte ich die Ehre, sie dort vorzufinden. Also ein schwieriger Fall war das wahrhaftig nicht, und ich bin es meiner Reputation schuldig, Sie zu bitten, meine Herrschaften, wenn Sie wieder einmal die Neigung verspüren sollten, mir eine Falle aufzurichten, doch mit etwas mehr Schläue vorzugehen und nur nicht eine Aufgabe zu stellen, die so kinderleicht ist. Ich kann Ihnen meine fachmännische Kritik nicht vorenthalten, dass Sie Ihre Sache nicht gut gemacht haben. Nicht ich, wohl aber Sie selbst tappen gutmütig und willig in die erste beste Falle hinein, die man Ihnen stellt, und mag sie noch so plump sein. Ich habe mich gestern nach Tisch zurückgezogen – um den Lokalaugenschein aufzunehmen, wie Sie meinten. Ist mir gar nicht eingefallen. Ich habe drüben ruhig geschlafen. Ich wollte Ihnen nur Zeit gönnen, unsere verehrte Hausfrau einzuweihen und sie zu beruhigen. Letzteres ist Ihnen gelungen, das ist aber auch Ihr ganzer Erfolg, der allerdings nicht viel Findigkeit zur Voraussetzung hatte. Mir aber die kolossale Dummheit zuzutrauen, dass ich den Umschwung in der Stimmung bei der Gnädigen auch bei gutgespielter Mitwirkung nicht bemerken würde, dazu gehörte eine Naivität, die Ihnen selbst nach der mildesten Auffassung nicht verziehen werden kann. Damit, meine Herren, bin ich zu Ende.«

»Noch eine Aufklärung geben Sie den Herren,« bat darauf Frau Violet, und aus ihren Augen leuchtete dabei ein Strahl des Triumphes. Sie hatte niemals an seiner Kunst gezweifelt, und nun war sie stolz darauf, dass er ihr Vertrauen wieder so glänzend gerechtfertigt hatte. »Ihr Freund und nun auch unser Freund, der Herr Oberkommissar Weinlich, ist uns heute ein lieber und werter Gast und wird es in aller Zukunft sein, aber er hatte bei dieser Affäre nichts zu tun, und doch sagten Sie, daß Ihnen seine Mitwirkung unentbehrlich sei.«

»Die hätte nötig werden können, meine Gnädigste. Ich konnte nicht wissen, wie die Wetten auf und gegen mich abgeschlossen worden sind. Die Propositionen waren mir unbekannt. Nun hätte es geschehen können, dass ich zu dem Endresultat überhaupt nicht gelangen konnte. Ihr Herr Gemahl brauchte nur nach irgendeiner Proposition der Wette oder weil dieser oder jener mir den Erfolg nicht gönnte, mir die Ausfolgung der Kassaschlüssel zu verweigern. Man muss alles bedenken. Für diesen Fall hätten wir ihn dazu gezwungen. Ein großer Diebstahl war begangen worden. Hier musste entweder die Wahrheit bekannt oder es durften der Untersuchung, die ich auf eine Spur geleitet halte, keine Hindernisse in den Weg gelegt werden. Mein Freund Herr Doktor Weinlich hat einen ordnungsgemäß ausgestellten amtlichen Hausdurchsuchungsbefehl in der Tasche, und nichts hätte uns gehindert, davon Gebrauch zu machen.«

»Donnerwetter!« rief der Hausherr lachend, »das heiße ich eine Sache scharf durchführen!«

»Mein Künstlerruhm stand auf dem Spiele,« entschuldigte sich Dagobert, »und dann hat ja die Sache nicht nur ihre strafrechtliche, sondern auch ihre zivilrechtliche Seite. Vergessen Sie nicht, meine Herren – das heutige Diner – es freut mich, dass es Ihnen so wohl geschmeckt hat – habe ich bestellt. War meine Kombination falsch, so sollte es meine Strafe sein, dass ich es bezahlte. Sie war aber richtig, und nun muss ein anderer heran – der, der die ganze Geschichte angezettelt, der unsere liebe Hausfrau in Schrecken gejagt, der – die schlimmste Todsünde! – an meiner Kunst gezweifelt, gegen sie gewettet hat – der muss nun heran und der muss berappen. Herr Baron v. Friese – ich habe die Rechnung bereits in der Tasche, und ich habe sie der Einfachheit halber gleich auf Ihren Namen ausstellen lassen. Darf ich sie Ihnen hochachtungsvollst und ergebenst überreichen?«

»Herr Dagobert,« erwiderte der Baron ein wenig elegisch, »mein Kompliment! Ich bitte um die Rechnung.«


Quelle: nach Balduin Groller, Detektiv Dagoberts Taten und Abenteuer 

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Liebes Tagebuch… (4 min)

Liebes Tagebuch... (4 min)

Liebes Tagebuch

Lesezeit: 4 min
Mittwoch, 24. Juni 1942

Liebe Kitty,

Gestern Morgen ist mir etwas Schönes passiert; ich ging am Fahrradständer vorbei, als jemand nach mir rief. Ich wandte mich um und sah einen netten Jungen hinter mir stehen, den ich am Abend zuvor bei Wilma kennengelernt hatte. Er kam ein wenig verlegen näher und stellte sich als Hello Silberberg vor. Ich war ein bisschen erstaunt und wusste nicht genau, was er wollte, aber das stellte sich bald heraus. Hello wollte meine Gesellschaft genießen und mich zur Schule bringen. »Wenn du sowieso in dieselbe Richtung musst, gehe ich gerne mit«, antwortete ich, und so gingen wir zusammen. Hello ist schon sechzehn und kann über allerlei Dinge nett erzählen; heute Morgen hat er wieder auf mich gewartet, und in Zukunft wird das nun wohl so bleiben.
Anne

Mittwoch, 1. Juli 1942

Liebe Kitty,
bis heute habe ich wirklich keine Zeit finden können, wieder zu schreiben. Am Donnerstag war ich den ganzen Nachmittag bei Bekannten, am Freitag hatten wir Besuch, und so ging es immer weiter bis heute. Hello und ich haben einander in dieser Woche gut kennengelernt, er hat mir viel über sein Leben erzählt; er kommt aus Gelsenkirchen und ist ohne seine Eltern bei seinen Großeltern hier in den Niederlanden. Seine Eltern sind in Belgien; für ihn gibt es keine Möglichkeit, auch dort hinzukommen. Hello hatte ein Mädchen namens Ursula, ich kenne sie sogar; ein Muster an Sanftheit und Langeweile; seit er mich getroffen hat, ist Hello zu der Erkenntnis gekommen, dass er an Ursulas Seite einschläft. Ich bin also eine Art Wachhaltemittel für ihn; ein Mensch weiß nie, wozu er im Leben gebraucht wird! Am Montagabend war Hello bei uns zu Hause, um Vater und Mutter kennenzulernen; ich hatte Torte und Süßigkeiten geholt, Tee und Kekse, alles gab es, aber weder Hello noch ich hatten Lust dazu, so nebeneinander auf einem Stuhl zu sitzen; wir sind spazieren gegangen, und erst um zehn nach acht wurde ich daheim abgeliefert. Vater war sehr böse, fand es keine Art, dass ich zu spät zu Hause war; ich musste versprechen, in Zukunft schon um zehn vor acht drinnen zu sein. Am kommenden Samstag bin ich bei ihm eingeladen. Meine Freundin Jacque zieht mich immer mit Hello auf; ich bin aber wirklich nicht verliebt; oh nein, ich darf doch wohl Freunde haben, niemand findet da etwas dabei.
Deine Anne

 

Anmerkung: Dies ist ein Ausschnitt aus dem Tagebuch der Anne Frank. Hättest du das gedacht? 

 

 

Quelle: nach Tagebuch der Anne Frank, Anne Frank

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Portugiesische Liebesbriefe (6 min)

Portugiesische Liebesbriefe (6 min)

Portugiesische Liebesbriefe

Lesezeit: 6 min

Dies ist der erste von fünf Liebesbriefen, die die portugiesische Nonne Marianna dem Mann schickte, mit dem sie ein Verhältnis hatte… 

Schau, meine Liebe, wie über die Maßen du ohne Voraussicht warst. Unselige, du bist betrogen worden und hast mich durch täuschende Hoffnungen betrogen. Eine Leidenschaft, von der du so viel Glück erwartet hast, ist imstande, dir jetzt nichts als eine tödliche Hoffnungslosigkeit zu bereiten, die höchstens in der grausamen Abwesenheit ihresgleichen hat, von der sie verursacht ist. Wie? Dieses Fortgehn, dem mein Schmerz bei allen seinen Einfällen keinen genügend trostlosen Namen zu geben weiß, dieses Fortgehn will mir also für immer verbieten, die Augen anzuschauen, in denen ich so viel Liebe sah, denen ich Bewegtheiten verdanke, die mich mit Freude überfüllten, die mir alle Dinge ersetzten, die mir endlos Genüge waren? Ach, die meinen haben das einzige Licht verloren, das sie belebte, es bleiben ihnen nur Tränen, und ich habe sie zu nichts anderem gebraucht als zum Weinen, unaufhörlich, seit ich erfahren musste, dass dein Fortbleiben beschlossen sei, das ich nicht ertrage, das mich in kürzester Zeit töten wird. Doch mir scheint, ich habe eine Art Zuneigung zu dem Unglück, dessen einzige Ursache du bist. Mein Leben war dir zugefallen, im Augenblick, da ich dich sah, ich freue mich irgendwie, es dir zu opfern. Tausendmal schick ich meine Seufzer nach dir, sie suchen dich an allen Orten, und wenn sie mir wiederkommen, lohnen sie mir alle die ausgestandenen Beängstigungen, indem sie mir mit der allzu aufrichtigen Stimme meines bösen Loses, das nicht will, ich soll mich beruhigen, immer wieder sagen: Hör auf, hör auf, unselige Marianna, dich umsonst zu verzehren, hör auf, einen Liebhaber zu suchen, den du nie mehr sehen wirst, der über das Meer gegangen ist, um dich zu fliehen, der sich in Frankreich aufhält mitten in Vergnügungen, keinen Moment sich deiner Schmerzen erinnert und dir gerne diese Ausbrüche schenkt, für die er wenig Erkenntlichkeit haben kann. Doch nein, ich mag mich nicht entschließen, so schimpflich dich abzuurteilen, es ist nur zu sehr mein eigener Vorteil, wenn ich dich rechtfertige. Ich will mir nicht einbilden, dass du mich vergessen hast. Bin ich nicht schon unglücklich genug, ohne mich mit falschen Verdächtigungen zu quälen? Und warum soll ich mich anstrengen, nicht mehr von all der Müh zu wissen, die du dir gegeben hast, mir deine Liebe zu bezeugen? Ich bin so hingerissen gewesen von allen diesen Bemühungen, und ich wäre recht undankbar, dich nicht weiter mit demselben Ungestüm zu lieben, wie es meine Leidenschaft mir eingab, da sie noch die Beweise der deinen empfing. Wie kann es geschehen, dass die Erinnerungen so anmutiger Augenblicke so ins Grausame schlagen? Und muss es sein, dass sie, wider ihre eigene Natur, nun nur dazu dienen, mein Herz tyrannisch zu behandeln? Ach, dein letzter Brief hat es auf einen wunderlichen Zustand herabgesetzt: es geriet in so fühlbare Bewegung, dass es, glaub ich, Anstrengungen machte, sich von mir zu trennen, um zu dir zu gehn. Ich war so überwältigt von der Heftigkeit aller dieser Erregungen, dass ich mehr als drei Stunden ganz von Sinnen blieb. Ich sträubte mich zurückzukehren in ein Leben, das ich um deinetwillen verlieren muss, da ich es dir nicht erhalten darf. Gegen meinen Willen erblickte ich endlich wieder das Licht, es schmeichelte mir, zu fühlen, dass ich sterbe vor Liebe, und im übrigen wars mir recht, nicht länger dem Anblick meines Herzens ausgesetzt zu sein, das von dem Weh deines Fortseins zerrissen war. Nach diesen Anfällen habe ich die verschiedensten Zustände durchzumachen gehabt; aber wie sollte ich auch ohne Leiden bleiben, solange ich dich nicht sehe. Ich ertrage sie ohne Murren, denn sie kommen von dir. Sag, ist das dein Lohn dafür, dass ich dich so zärtlich geliebt habe? Aber es soll mir gleich sein, ich bin entschlossen, dich anzubeten mein ganzes Leben lang und keinen Menschen zu sehen. Und ich versichere dir, auch du wirst gut daran tun, niemanden zu lieben. Könntest du dich begnügen mit einer Leidenschaft, die nicht die Glut der meinen hätte? Du findest, möglicherweise, mehr Schönheit (obzwar du mir einst sagtest, ich sei eigentlich schön), aber nie, nie wirst du so viel Liebe finden, und auf das andere alles kommt es doch nicht an. Füll deine Briefe nicht mehr mit unnützen Dingen an und schreibe mir nicht mehr, ich solle an dich denken. Ich kann dich nicht vergessen und vergesse auch nicht, dass du mir Hoffnung gemacht hast, zu kommen und einige Zeit mit mir zu sein. Ach, warum willst du nicht, dass es das ganze Leben sei? Wenn ich herauskönnte aus diesem unseligen Kloster, so würde ich nicht hier in Portugal auf das Eintreffen deiner Versprechungen warten: ohne Rücksicht ginge ich hin, dich suchen, dir folgen und dich lieben durch die ganze Welt. Ich wage nicht, mich damit zu verwöhnen, dass dies möglich sei, ich will keine Hoffnung nähren, aus der mir gewiss einiges Wohltun käme, ich will nur noch für Schmerzen Empfindung haben. Zugeben will ich freilich, dass die Gelegenheit, dir zu schreiben, die mein Bruder mir verschafft hat, ein wenig Freude in mir aufrühren konnte, und dass sie die Trostlosigkeit, in der ich lebe, für einen Augenblick unterbrach. Ich beschwöre dich, mir zu sagen, warum du so darauf aus warst, mich einzunehmen, wie du es getan hast, wenn du doch wusstest, dass du mich wirst verlassen müssen? Warum diese Versessenheit, mich unglücklich zu machen? Was ließest du mich nicht in Frieden in meinem Kloster? Hatte ich dir irgendwas angetan? Aber verzeih, ich lege dir nichts zur Last; ich bin außerstand, an meine Rache zu denken; ich klage nur die Härte meines Schicksals an. Indem es uns trennt, fügt es uns, scheint mir, alles Unheil zu, das je zu fürchten war. Unsere Herzen wird es nicht zu trennen wissen. Die Liebe, die mächtiger ist als das Schicksal, hat sie vereint für unser ganzes Leben. Wenn du einigen Anteil an dem meinen nimmst, schreib mir oft. Ich verdiene das bisschen Müh, das es dich kostet, mich vom Stand deines Herzens und deiner Verhältnisse zu unterrichten. Und vor allem: komm. Adieu, ich mag mich nicht trennen von diesem Papier, es wird in deinen Händen sein. Ich wollte, mir stünde dieses Glück bevor. Ach, ich Unvernünftige, ich sehe wohl, dass das nicht möglich ist. Adieu, ich kann nicht mehr. Adieu, hab mich lieb, immer, und lass mich noch mehr Leiden aushalten.

 

Quelle: Portugiesische Briefe (Erster Brief)

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Sonstiges

Was wir aus den Hexenprozessen lernen können (10 min)

Was wir aus den Hexenprozessen lernen können (10 min)

Was wir aus den Hexenprozessen lernen können

Lesezeit: 10 min
Der Ursprung des Hexenglaubens

Zum ersten Mal habt ihr bei Hänsel und Gretel von Hexen gehört. Und was habt ihr euch dabei gedacht? Eine böse, gefährliche Waldfrau, die allein vor sich hinlebt und der man besser nicht in die Arme läuft. Sicher habt ihr euch nicht den Kopf zerbrochen, wie die Hexe zu dem Teufel oder dem lieben Gott steht, woher sie kommt, was sie tut und was sie nicht tut. Und genauso wie ihr haben die Menschen von den Hexen jahrhundertelang gedacht. Wie kleine Kinder Märchen glauben, so haben sie meist an die Hexen geglaubt. Aber so wenig Kinder, und seien sie noch so klein, ihr Leben nach dem Märchen einrichten, so wenig haben in jenen Jahrhunderten die Menschen daran gedacht, den Hexenglauben in ihr tägliches Leben zu übernehmen. Sie haben sich begnügt, mit einfachen Zeichen, mit einem Hufeisen über der Tür, einem Heiligenbild oder allenfalls einem Zauberspruch, den sie unterm Hemd auf der Brust trugen, sich vor ihnen zu schützen. So war es im Altertum, und als das Christentum kam, änderte sich daran nicht viel, jedenfalls nichts zum schlechteren. Denn das Christentum trat ja dem Glauben an die Macht des Bösen entgegen. Christus hatte den Teufel besiegt, er war in die Hölle hinabgestiegen, und seine Anhänger hatten nichts von den bösen Mächten zu fürchten. Das war wenigstens der älteste Christenglaube – gewiss kannte man auch damals verrufene Frauen, das waren aber vor allem Priesterinnen, heidnische Göttinnen, und ihrer Zauberkraft traute man nicht viel zu. Eher hatte man Mitleid mit ihnen, weil der Teufel sie so genarrt hatte, dass sie sich selber übernatürliche Kräfte zuschrieben. Wie nun dies alles unscheinbar im Laufe von wenigen Jahrzehnten, ungefähr um das Jahr 1300 nach Christus, sich völlig geändert hat, wird euch niemand so unbedingt sicher erklären können. Aber an der Tatsache ist kein Zweifel: nachdem der Glaube an Hexen jahrhundertelang mit allem anderen Aberglauben so mitgegangen war, nicht weniger, aber auch nicht mehr Schaden gestiftet hatte als andere, begann man um die Mitte des 14. Jahrhunderts, überall Hexen und Hexenwerk zu wittern und bald darauf beinahe überall Hexenverfolgungen anzustellen. Mit einem Male war eine förmliche Lehre vom Tun und Treiben der Hexen da. Plötzlich wollte jeder genau gewusst haben, was sie in ihren Versammlungen tun, über welche Zauberkraft sie verfügen und auf wen sie es abgesehen haben. Wie es dahin gekommen ist, wird man wie gesagt vielleicht niemals völlig durchschauen können. Um so erstaunlicher aber ist das wenige, was wir von den Ursachen wissen.

Die Wissenschaft un der Hexenglaube

Aberglaube ist für uns alle etwas, was am meisten bei den einfachen Leuten verbreitet ist und bei ihnen am festesten sitzt. Die Geschichte des Glaubens an Hexen zeigt uns, dass das durchaus nicht immer so war. Gerade das 14. Jahrhundert, in dem dieser Glaube seine starrste und gefährlichste Fratze zeigte, war die Zeit eines großen Aufschwungs der Wissenschaften. Die Kreuzzüge hatten begonnen; mit ihnen kamen die neuesten wissenschaftlichen, vor allem naturwissenschaftlichen Lehren, in denen damals Arabien den übrigen Ländern weit voraus war, nach Europa. Und so unwahrscheinlich es klingt, diese neue Naturwissenschaft beförderte mächtig den Hexenglauben. Das kam aber so: im Mittelalter war die rein berechnende oder beschreibende Naturwissenschaft, die wir heute die theoretische nennen, noch nicht von der angewandten, z.B. der Technik, getrennt. Diese angewandte Naturwissenschaft ihrerseits aber war nun damals dasselbe oder jedenfalls sehr benachbart der Zauberei. Man wusste von der Natur ja sehr wenig. Die Erforschung und Benutzung ihrer geheimen Kräfte sah man für Zauberei an. Diese Zauberei aber war erlaubt, wenn sie sich keine bösen Werke zum Ziel setzte, und man nannte sie zum Unterschied von der Schwarzen Kunst einfach die Weiße: die Weiße Magie. Was man also damals von der Natur Neues erfuhr, das kam schließlich unmittelbar oder auf Umwegen doch wieder dem Zauberglauben, dem Glauben an den Einfluss der Gestirne, an die Kunst, Gold zu machen und anderes, zugute. Mit der Teilnahme an der Weißen Magie steigerte sich nun aber auch das Interesse für die Schwarze.

Der Hexenhammer und seine Folgen 

Die Naturlehre aber war nicht allein unter den Wissenschaften am Werke, den schrecklichen Hexenglauben zu fördern. Aus dem Glauben an die Schwarze Magie und aus der Beschäftigung mit ihr folgten für die Philosophen der Zeit – das waren aber damals nur Geistliche – eine ganze Anzahl von Fragen, die wir heute nicht mehr so leicht verstehen und vor denen uns, wenn wir sie schließlich begriffen haben, die Haare zu Berge stehen. So wollte man vor allen Dingen klar und deutlich feststellen, worin sich denn die Zauberei, die die Hexen trieben, von anderer böser Zauberkunst unterscheide. Dass alle bösen Zauberer ohne Unterschied Ketzer seien, d.h. nicht oder nicht auf die rechte Weise an Gott glaubten, darüber war man sich längst klar, und die Päpste hatten es oft gelehrt. Nun aber wollte man wissen, wodurch sich Hexen und Hexenmeister von anderen Schwarzkünstlern unterschieden. Und zu diesem Zwecke haben nun die Gelehrten allerhand spintisiert, was vielleicht mehr ungereimt und kurios als schrecklich gewesen wäre, wenn nicht 100 Jahre später, als die Hexenprozesse ihren Höhepunkt erreicht hatten, zwei Männer gekommen wären, die all diese Hirngespinste bitterernst nahmen, sie sammelten, miteinander verglichen, Folgerungen daraus zogen und sie für eine Anweisung ausnutzten, wie man haarklein die Wahrheit von denen ermitteln sollte, welche der Hexerei würden beschuldigt werden. Dieses Buch ist der sogenannte »Hexenhammer«, und wahrscheinlich hat nichts Gedrucktes mehr Unglück über die Menschen gebracht als diese drei dicken Bände. Was hatte es also nach diesen Gelehrten mit den Hexen für eine Bewandtnis? Vor allem diese: sie hätten einen förmlichen Bund mit dem Teufel geschlossen. Sie hätten Gott abgeschworen und dem Teufel versprochen, ihm allen seinen Willen zu tun. Der Teufel wiederum hätte ihnen dafür alles mögliche Gute versprochen – für das irdische Leben natürlich – da er aber ein Lügengeist sei, hätte er es fast niemals gehalten und würde es in Zukunft eben sowenig. Und nun fand man kein Ende in der Aufzählung dessen, was die Hexen mit der Macht des Teufels ins Werk setzten, wie es ihnen gelänge und welche Gebräuche sie zu halten verpflichtet wären. Manche von euch, die den Hexentanzplatz bei Thale mit der Walpurgishalle gesehen haben, andere, die einmal einen Band Sagen vom Harz in der Hand hatten, werden vieles darüber wissen, und ich will jetzt nicht vom Blocksberg, wo die Hexen am 1. Mai sich versammeln sollten, nichts von ihrem Ritt auf dem Besenstiel, auf dem sie zum Schornstein hinausfahren, erzählen, sondern ein paar seltsamere Dinge, die ihr vielleicht auch in euren Sagenbüchern noch nicht gelesen habt. Seltsam, das will heißen für uns. Denn vor 300 Jahren schien den Leuten nichts selbstverständlicher, als dass eine Hexe, wenn sie aufs Feld hinausgeht und die Hand gen Himmel erhebt, ein Hagelwetter auf das Getreide herabziehen könne, und dass sie mit einem Blick die Kühe behexen könne, so dass statt Milch aus den Eutern Blut käme, oder dass sie eine Weide so anbohren könne, dass aus der Rinde Milch oder Wein herausflösse, oder dass sie in einen Kater, einen Wolf, einen Raben sich wandeln könne. Wie es damals an einem, der erst einmal der Hexerei verdächtig geworden war, er mochte tun und lassen, was er wollte, überhaupt nichts mehr gab, was den Verdacht nicht bestärkte, in dem er stand, so gab es im Hause und auf dem Felde, in Reden und Taten, beim Gottesdienst und beim Spiel damals nichts, was nicht von böswilligen oder blöden oder verrückten Leuten in Zusammenhang mit der Hexerei gebracht werden konnte. Und noch heute zeugen Worte wie: Hexenbutter (für Froschlaich), Hexenringe (für die Kreise, in denen Pilze beieinander stehen), Hexenschwamm, Hexenmehl usw. dafür, wie die unschuldigsten Naturdinge mit diesem Glauben in Zusammenhang gebracht werden. Wollt ihr aber einen ganz kurzen Abriss, gewissermaßen einen Führer durch das Leben der Hexen lesen, so müsst ihr euch das Theaterstück »Macbeth« von Shakespeare geben lassen. Da seht ihr auch, wie man sich den Teufel als strengen Herrn dachte, dem jede Hexe Rede und Antwort geben muss, was für böse Streiche oder auch Untaten sie zu seiner Ehre begangen hat. Soviel wie in Macbeth steht, wusste damals jeder einfache Mann von den Hexen. Die Philosophen wussten freilich noch vieles mehr. Sie konnten Beweise für das Dasein der Hexen geben, so unlogisch, dass man sie heute keinem Tertianer im Schulaufsatz durchgehen ließe. So hat 1660 einer von ihnen geschrieben: »Wer das Dasein von Hexen leugnet, der leugnet auch das Dasein von Geistern, denn Hexen sind Geister. Wer aber das Dasein von Geistern leugnet, der leugnet auch das Dasein von Gott, denn Gott ist ein Geist. Also leugnet, wer Hexen leugnet, auch Gott.«

Die Hexen-Prozesse

Irrtum und Unsinn sind schlimm genug. Aber ganz gefährlich werden sie erst, wenn man Ordnung und Folgerichtigkeit hineinbringen will. So ist es beim Hexenglauben gewesen, und deshalb ist viel größeres Unheil als durch den Aberglauben durch die Starrköpfigkeit der Gelehrten entstanden. Von den Naturwissenschaftlern und Philosophen haben wir schon gesprochen. Nun aber kommen die Schlimmsten: das waren die Rechtsgelehrten. Und damit sind wir bei den Hexen prozessen, der schrecklichsten Plage dieser Zeit, neben der Pest. Auch sie griffen um sich wie eine Seuche, sprangen von einem Land in das andere über, erreichten ihre Höhepunkte, um zeitweise wieder abzunehmen, machten vor Kindern ebenso wenig halt wie vor Greisen, vor Reichen sowenig wie vor Armen, vor Rechtsgelehrten sowenig wie vor Bürgermeistern, weder vor Ärzten noch vor Naturforschern. Domherrn, Minister und Geistliche mussten ebenso wie Schlangenbeschwörer oder Jahrmarktsschauspieler den Scheiterhaufen besteigen, von der unendlich viel größeren Zahl von Frauen aller Altersstufen und Stände zu schweigen. Heute kann man nicht mehr mit Zahlen feststellen, wie viele Menschen in Europa als Hexen oder Hexenmeister zugrunde gegangen sind, aber dass es zum wenigsten hunderttausend waren, vielleicht auch das Vielfache davon, ist gewiss. Ich habe dieses fürchterliche Buch, den »Hexenhammer«, der im Jahre 1487 erschien und riesig oft nachgedruckt wurde, schon erwähnt. Er war lateinisch geschrieben, ein Handbuch für Inquisitoren. Inquisitoren, d.h. eigentlich Fragemänner, nannte man Mönche, die vom Papst direkt mit besonderen Vollmachten zur Bekämpfung der Ketzerei ausgerüstet waren. Da nun die Hexen immer auch für Ketzer angesehen wurden, so hatten die Inquisitoren sich mit ihnen zu beschäftigen. Aber weit entfernt, dass man ihnen neidlos eine so gräuliche Aufgabe überlassen hätte. Vielmehr gab es da noch andere Gerichtsbarkeiten, die darauf brannten, mit der Bekämpfung der Hexen sich befassen zu dürfen. Das war die reguläre geistliche Gerichtsbarkeit der Bischöfe und die reguläre weltliche. Von diesen beiden war aber die zweite die schlimmere. Das alte Kirchenrecht wusste nämlich nichts von einer Verbrennung der Hexen, und so gab es lange Zeit für Hexen nur die Strafe des Kirchenbanns und der Einkerkerung. Da führte Karl V. im Jahre 1532 sein neues Gesetzbuch, die sogenannte Karolina oder »Peinliche Halsgerichtsordnung« ein. In ihr stand auf Zauberei der Feuertod. Immerhin gab es auch da noch die Einschränkung, dass ein wirklicher Schaden müsse entstanden sein. Das war aber vielen Rechtsgelehrten und Fürsten noch ein zu mildes Gesetz, und viele zogen es vor, sich nach dem Kursächsischen Recht zu richten, nach dem jeder Zauberer und jede Hexe verbrannt werden konnte, auch wenn sie keinen Schaden gestiftet hatten. Diese vielen Gerichtsbarkeiten ergaben ein so fürchterliches Durcheinander, dass von Recht und Ordnung ohnehin keine Rede mehr sein konnte. Dazu kam nun aber noch, dass man sich die Hexen als Besessene vorstellte, in denen der Teufel wohne, dass man also gegen die Übermacht des Teufels zu stehen glaubte und in diesem Kampf alles für erlaubt hielt. Nichts konnte so fürchterlich oder so unsinnig sein, dass die damaligen Rechtsgelehrten um ein lateinisches Wort dafür verlegen gewesen wären. Und so nannte man denn die Hexerei ein crimen exceptum, ein außergewöhnliches Verbrechen, das hieß aber ein Verbrechen, bei dem der Angeklagte überhaupt kaum sich verteidigen konnte. Er wurde z.B. gleich von Anfang an als schuldig behandelt. Wenn er einen Verteidiger hatte, so konnte auch der nicht viel tun, weil der Grundsatz galt: ein zu eifriger Verteidiger von solchen, die der Hexerei angeklagt waren, mache sich selbst verdächtig, ein Zauberer zu sein. Die Juristen sahen überhaupt die Hexensachen als eine rein fachmännische Angelegenheit an, die sie allein beurteilen konnten. Dabei war der gefährlichste unter ihren Grundsätzen der: beim Verbrechen der Hexerei genüge das Geständnis des Täters, auch wenn sonst keine Beweise zu finden wären. Was ein solches Geständnis damals aber bedeutete, kann sich jeder sagen, der weiß, dass im Hexenprozeß die Folter an der Tagesordnung gewesen ist. Es gehört zu den erstaunlichsten Dingen, denen man in der Geschichte begegnet, dass es über 200 Jahre gedauert hat, ehe den Rechtsgelehrten der Gedanke gekommen ist, dass Geständnisse auf der Folter nichts wert sind. Vielleicht, weil ihre Bücher so voll von unwahrscheinlichsten und schrecklichsten Haarspaltereien steckten, dass ihnen die einfachsten Gedanken nicht kommen konnten. Desto besser glaubten sie dem Teufel auf seine Schliche gekommen zu sein. Wenn z.B. eine Angeklagte beharrlich schwieg, weil sie wusste, dass jedes Wort, auch das unschuldigste, sie nur tiefer ins Unglück hineinreißen würde, so hieß das bei den Rechtsgelehrten eine »Teufelsmaulsperre«, womit sie sagen wollten, der böse Geist verhexe die Beschuldigte, dass sie nicht sprechen könne. Ebenso viel taugten die sogenannten Hexenproben, mit denen man sich manchmal das Verfahren abkürzen wollte. Da gab es z.B. die Tränenprobe. Wenn jemand auf der Folter vor Schmerzen nicht weinte, so sah man es für bewiesen an, dass der Teufel ihm beistehe, und wieder mussten 200 Jahre ins Land gehen, bis die Ärzte die einfache Beobachtung machten oder auszusprechen wagten, dass der Mensch bei sehr heftigen Schmerzen nicht weint.

Der Kampf gegen die Hexenverfolgung 

Der Kampf gegen die Hexenprozesse ist einer der größten Befreiungskämpfe der Menschheit gewesen. Er hat im 17. Jahrhundert begonnen und 100 Jahre, in manchen Ländern noch länger, gebraucht, um zu siegen. Er begann, wie solche Dinge sehr oft beginnen, nicht mit einer Erkenntnis, sondern aus Not. Einzelne Fürsten sahen im Laufe weniger Jahre ihre Länder veröden, auf der Folter beschuldigte immer einer den anderen. Ein einziger Prozess konnte Hunderte im Gefolge haben, die sich jahrelang ablösten. Da begannen einzelne Fürsten, diese Prozesse ganz einfach zu verbieten. Und nun wagten die Menschen allmählich nachzudenken. Die Geistlichen und Philosophen entdeckten, dass der Glaube an Hexen in der alten Kirche gar nicht bestanden habe, dass Gott dem Teufel niemals so große Macht über den Menschen einräumen könne. Die Rechtsgelehrten kamen dahinter, dass man nicht länger, wie bisher, auf Verleumdungen, auf Geständnisse, die auf der Folter erzwungen waren, sich verlassen könne. Die Ärzte meldeten sich, um zu sagen, dass es Krankheiten gäbe, infolge deren die Menschen sich für Zauberer oder Hexen selbst halten könnten, ohne es doch zu sein. Und schließlich machte sich der gesunde Menschenverstand bemerkbar und wies auf die zahllosen Widersprüche in den Akten der einzelnen Hexenprozesse und im Glauben an Hexen selbst hin. Von all den vielen Büchern, die in dieser Zeit gegen die Hexenprozesse geschrieben wurden, ist aber nur eines berühmt geworden. Es ist das des Jesuiten Friedrich von Spee. Dieser Mann war in jungen Jahren Beichtvater der zum Tode verurteilten Hexen gewesen. Als ihn eines Tages ein Freund fragte, warum er so zeitig schon graue Haare habe, da sagte er: »Weil ich so viele Unschuldige habe zum Scheiterhaufen begleiten müssen.« Sein Buch »Die Warnungsschrift über die Hexenprozesse« ist gar nicht besonders umstürzlerisch. Friedrich von Spee glaubt sogar, dass es Hexen gibt. Aber woran er ganz und gar nicht glaubt, das sind die schrecklichen gelehrten, ausgetüftelten Hirngespinste, mit denen jahrhundertelang jeder beliebige Mensch als Hexe oder Zauberer konnte dargestellt werden. Dem grässlichen lateinisch-deutschen Kauderwelsch von Tausenden und Zehntausenden von Akten tritt er mit einem Werk gegenüber, in dem überall Zorn und Ergriffenheit durchbricht, und mit diesem Werke und seiner Wirkung bewies er, wie nötig es ist, Menschlichkeit über Gelehrsamkeit und Scharfsinn zu stellen.

 

Quelle: Walter Benjamin, Rundfunkarbeiten (Hexenprozesse)

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Zwei alte Bauern pilgern nach Jerusalem, um für Ihre Sünden Abbitte zu leisten…

 I

Die beiden Alten waren schon fünf Wochen auf der Wanderschaft; die von Hause mitgenommenen Bastschuhe hatten sie abgetragen und sich neue kaufen müssen. Und sie kamen in eine Gegend, wo Kleinrussen wohnten und die von einer Missernte heimgesucht war. 

Es war bereits recht heiß geworden. Jelissej war erschöpft; er wollte wieder ausruhen und ein wenig Wasser trinken; Jefim wollte sich aber nicht aufhalten. Er war im Gehen rüstiger, und Jelissej fiel es oft schwer, mit ihm immer gleichen Schritt zu halten.

»Wenn ich nur einen Schluck Wasser trinken könnte!« sagte Jelissej.

»Nun, trinke doch! Ich mag nicht.«

Jelissej blieb stehen.

»Warte nicht auf mich!« sagte er. »Ich will nur rasch in jenes Haus laufen und um Wasser bitten. Dann hole ich dich schnell ein.«

»Es ist gut«, sagte darauf Jefim.

Jefim Tarassytsch ging allein weiter, und Jelissej ging auf das Bauernhaus zu.

Jelissej stand vor dem Hause. Es war eine kleine Lehmhütte, unten schwarz und oben weiß; der Lehm war abgebröckelt und offenbar seit langer Zeit nicht mehr gestrichen; auch das Dach war beschädigt. Der Eingang war von der Hofseite. Jelissej trat in den Hof und sah dort neben einer Bank einen bartlosen, mageren Mann liegen; das Hemd steckte nach Kleinrussenart in der Hose. Der Mann hatte sich wohl in den Schatten gelegt, doch die Sonne war inzwischen höher gekommen und brannte ihm jetzt auf den Kopf. Er lag unbeweglich mit offenen Augen da. Jelissej rief ihn an und bat ihn um Wasser, doch der Mann gab keine Antwort. Entweder ist er krank oder unfreundlich, dachte Jelissej und ging zur Türe. Er hörte in der Stube zwei Kinder weinen. Er klopfte und rief:

»Wirtsleute!«

Niemand antwortete ihm. Er klopfte mit dem Stock und rief wieder.

Keine Antwort. Jelissej wollte schon weitergehen, hörte aber jemand hinter der Türe stöhnen. Ob da nicht irgendein Unglück geschehen ist? Man muss nachschauen! Und Jelissej trat ins Haus.

II

Jelissej drückte auf die Klinke – die Türe war nicht versperrt. Er machte sie auf und kam in den Flur. Auch die Türe zur Stube stand offen. Links war der Ofen; gerade vor ihm die Wand mit den Heiligenbildern und ein Tisch; hinter dem Tisch eine Bank; auf der Bank saß eine alte Frau ohne Kopftuch, nur mit einem Hemde bekleidet; sie hatte den Kopf auf den Tisch gelegt; neben ihr stand ein magerer Junge – wie aus Wachs, der Leib aufgedunsen: er weinte, zupfte die Alte am Ärmel und schien sie um etwas zu bitten. Jelissej kam näher. Die Luft in der Stube war schlecht und dumpf. Er sah auf der Pritsche hinter dem Ofen ein Weib liegen. Sie lag auf dem Rücken, mit geschlossenen Augen, röchelte und zuckte mit einem Beine. Sie wand sich in Krämpfen, und der üble Geruch schien von ihr auszugehen; sie lag in ihrem eigenen Unrat, und es war niemand da, der sie umbetten könnte. Die Alte hob den Kopf und erblickte den fremden Mann.

»Was willst du? Wir können dir nichts geben, denn wir haben selbst nichts.«

Obwohl sie kleinrussisch sprach, konnte sie Jelissej doch verstehen. Er ging auf sie zu und sagte:

»Ich will nur um Wasser bitten, Magd Gottes.«

»Niemand kann dir hier Wasser geben. Bei uns ist nichts zu holen. Geh weiter!«

Jelissej fragte:

»Ist denn niemand da, der die kranke Frau umbetten könnte?«

»Niemand. Der Bauer stirbt auf dem Hofe und wir hier.«

Als der Knabe den Fremden sah, hörte er zu weinen auf. Als aber die Alte zu sprechen begann, zupfte er sie wieder am Ärmel, weinte und bat:

»Brot, Großmutter, gib Brot!«

Jelissej wollte die Alte weiter ausforschen, in diesem Augenblicke kam aber der Bauer, wankend wie ein Betrunkener, in die Stube. Er tastete sich an der Wand entlang und wollte sich auf die Bank setzen; er setzte sich daneben und fiel zu Boden. Er versuchte gar nicht aufzustehen und begann zu sprechen: er sprach abgerissen und holte nach jedem Worte Atem.

»Die Krankheit hat uns befallen, und hungrig sind wir auch. Das Kind da stirbt vor Hunger.«

Der Bauer zeigte mit einer schwachen Kopfbewegung auf den Knaben und weinte.

Jelissej schüttelte den Sack auf seinem Rücken, befreite die Arme aus den Riemen, warf den Sack zu Boden, hob ihn dann auf die Bank und begann ihn aufzubinden. Er holte ein Brot und ein Messer hervor, schnitt ein Stück ab und reichte es dem Bauern. Der Bauer nahm es nicht, sondern zeigte auf den Knaben und ein Mädchen, das hinter dem Ofen stand, damit er es ihnen gäbe. Jelissej gab das Stück dem Knaben. Als der Knabe das Brot sah, griff er mit beiden Händchen zu, steckte das ganze Gesicht ins Brot und begann gierig zu essen. Hinter dem Ofen kam das Mädchen hervor und starrte unverwandt auf das Brot. Jelissej gab auch ihr. Er schnitt noch eine Scheibe ab und gab sie der Alten. Auch die Alte begann zu kauen.

»Wenn wir auch noch einen Schluck Wasser haben könnten!« sagte sie. »Uns allen ist der Mund eingetrocknet. Ich wollte gestern oder heute – ich weiß es nicht mehr genau – Wasser holen. Es gelang mir wohl, den Eimer aus dem Brunnen herauszuziehen, ich konnte ihn aber nicht ins Haus tragen. Ich schüttete alles aus und fiel auch selbst hin. Mit großer Mühe schleppte ich mich ins Haus. Der Eimer liegt wohl auch jetzt noch an jener Stelle, wenn ihn nicht jemand fortgetragen hat.«

Jelissej fragte, wo der Brunnen sei, und die Alte erklärte es ihm. Er ging hin, fand den Eimer, brachte Wasser und gab den Leuten zu trinken. Die Kinder aßen noch etwas Brot und tranken dazu Wasser; auch die Alte aß, doch der Bauer wollte nicht essen. Er sagte: »Es ekelt mich vor dem Essen.« – Die Kranke lag noch immer bewusstlos auf ihrem Lager und warf sich hin und her. Jelissej ging ins Dorf zum Krämer und kaufte Hirse, Salz, Mehl und Butter; dann suchte er das Beil auf, hackte Holz und machte Feuer. Das Mädchen half ihm dabei. Er kochte Suppe und Brei und gab den Leuten zu essen.

III

Der Bauer aß jetzt auch mit; die Alte aß, die Kinder leckten die ganze Schüssel aus und legten sich umschlungen schlafen.

Der Bauer und die Alte erzählten nun Jelissej, wie sie in diese Lage geraten waren.

»Wir lebten auch bis dahin dürftig. Als aber die Missernte kam, verzehrten wir noch im Herbste alles, was wir hatten. Und als wir nichts mehr hatten, baten wir die Nachbarn und Wohltäter um Hilfe. Anfangs gab man uns noch, dann hörte es aber auf. Viele, die uns gerne etwas gegeben hätten, hatten selbst nichts. Auch schämten wir uns, bei den Leuten zu bitten: wir schuldeten überall Geld, Mehl und Brot.«

Der Bauer erzählte: »Ich suchte Arbeit, fand aber keine. Im Frühjahr gab uns kein Mensch mehr Almosen. Auch befiel uns noch die Krankheit. «

»Nun musste ich alles allein machen,« sagte die Alte. »Ich hielt es aber nicht lange aus, denn vor Hunger verlor ich die letzten Kräfte. «

Als Jelissej das hörte, entschloss er sich, bei den Leuten über Nacht zu bleiben und den Genossen erst am nächsten Tage einzuholen. Am nächsten Morgen machte er sich an die Arbeit, als ob er selbst Herr im Hause wäre. Er half der Alten Brotteig bereiten, heizte den Herd und ging mit dem Mädchen zu den Nachbarn, um sich das Notwendigste zu verschaffen. Die Leute hatten ihren ganzen Besitz, wie die Wirtschaftsgeräte so auch die Kleider, verkauft und verzehrt; sie hatten nichts im Hause. Jelissej schaffte nun die nötigsten Sachen an; manches machte er mit eigenen Händen, und manches kaufte er. So verging ein Tag und der andere; drei Tage war Jelissej bei den Leuten. Der Knabe hatte sich etwas erholt und begann auf der Bank umherzukriechen und sich an Jelissej zu schmeicheln. Das Mädchen war ganz lustig geworden und half ihm in allen Arbeiten. Sie folgte Jelissej auf Schritt und Tritt und redete ihn mit »Großväterchen« an. Als die Alte sich wieder bewegen konnte, ging sie zur Nachbarin. Der Bauer ging in der Stube umher, musste sich aber noch immer an den Wänden entlang tasten. Nur die kranke Frau blieb noch liegen; am dritten Tage kam sie aber zu sich und verlangte zu essen. Als die Leute so weit waren, sagte sich Jelissej: »Ich habe wirklich nicht geglaubt, dass ich mich hier so lange aufhalten würde; nun ist’s Zeit, dass ich weitergehe.«

IV

Doch als er am vierten Tage aufbrechen wollte, überlegte er sich: »Die Petrifasten gehen zu Ende; nun will ich mit den Leuten das Fastenende feiern, ihnen etwas zum Feste kaufen und am Abend weitergehen.« Jelissej ging wieder zum Krämer und kaufte Weizenmehl, Milch und Speck. Er half der Alten backen und kochen; am nächsten Morgen ging er zur Messe, kam aus der Kirche heim und aß mit den Leuten die für das Fest bereiteten Speisen. An diesem Tage stand auch die kranke Frau auf und begann umherzugehen. Der Bauer rasierte sich, zog sich ein sauberes Hemd an – die Alte hatte es ihm gewaschen – und ging ins Dorf zum reichen Bauern, um sein Herz zu erweichen: er hatte diesem Bauern seinen Heuschlag und Ackergrund verpfändet, nun ging er ihn bitten, ob er ihm nicht beides bis zur neuen Ernte zurückgeben würde. Am Abend kam er niedergeschlagen zurück und begann zu weinen. Der Reiche hatte ihm die Gefälligkeit nicht erweisen wollen und hatte gesagt: Bringe erst das Geld, dann kannst du alles haben.

Jelissej wurde wieder nachdenklich und sagte sich: »Wie sollen nun die Leute weiterleben? Wenn alle anderen zum Heuen gehen, müssen sie zu Hause bleiben, denn ihr Heuschlag ist verpfändet. Wenn das Korn reif wird und die Leute es schneiden werden – das Korn ist ja heuer so gut gediehen! – können sie nicht mit, denn auch ihr Acker ist dem reichen Bauern verpfändet. Wenn ich sie jetzt verlasse, werden sie wieder herunterkommen.« – Jelissej änderte wieder seinen Entschluß; er ging nicht am Abend, sondern blieb noch bis zum nächsten Morgen. Die letzte Nacht verbrachte er auf dem Hofe. Er sprach sein Nachtgebet, legte sich nieder, konnte aber nicht einschlafen. Er musste doch endlich fort, denn er hatte schon viel Zeit verloren und viel Geld vertan; doch taten ihm auch die Leute leid. »Alle Armen kann man doch wirklich nicht versorgen!« sagte er sich. »Ich wollte ihnen anfangs nur Wasser bringen und etwas Brot geben; nun kostet mich die Sache viel mehr. Jetzt bin ich so weit, dass ich ihnen ihren Heuschlag und Acker auslösen muss. Und ist das geschehen, muss ich auch den Kindern eine Milchkuh und dem Bauern einen Arbeitsgaul kaufen. Du hast dich zu sehr verwickelt, lieber Jelissej Kusmitsch! Nun hast du jeden Halt verloren und treibst wie ein Schiff ohne Anker.«

Er musste fort, doch auch die Leute taten ihm leid. Und er wusste nicht, was er anfangen sollte. Er versuchte einzuschlafen. Als die ersten Hähne krähten, kam ihm der Schlaf. Er sah sich selbst ganz reisefertig mit dem Sack auf dem Rücken und dem Stock in der Hand vor dem Tore stehen.  Als er gerade gehen wollte, hielt das kleine Mädchen ihn fest und rief: »Großväterchen, Großväterchen, gib Brot!« Am Fuße hielt ihn aber der Knabe fest, und aus dem Hause blickten die Alte und der Bauer heraus.

Als Jelissej erwachte, sagte er laut zu sich selbst: »Ich werde morgen den Heuschlag und den Acker auslösen und den Leuten ein Pferd und eine Kuh kaufen. Wenn ich übers Meer gehe, um den Heiland zu suchen, kann ich ihn leicht in mir selbst verlieren. Es ist wohl besser, wenn ich die Leute versorge.«

Jelissej schlief wieder ein. Als er frühmorgens erwachte, ging er sofort zu dem reichen Bauern, gab ihm Geld und löste Heuschlag und Acker aus. Dann kaufte er eine Sense – denn die Leute besaßen nicht einmal eine Sense – und brachte sie heim. Er schickte den Bauern mit der Sense zum Heuen und ging wieder ins Dorf. Beim Schenkwirt stand gerade ein Pferd mit Wagen zum Verkauf. Er machte mit dem Wirt den Preis aus und ging weiter, um auch noch eine Kuh zu kaufen. Unterwegs holte er zwei Dorfweiber ein. Und Jelissej hörte, dass sie über ihn sprachen. Eine der Bäuerinnen erzählte:

»Anfangs wussten sie gar nicht, was für ein Mensch er ist; sie glaubten, er sei ein gewöhnlicher Pilger. Wie sie sagen, war er zu ihnen gekommen, um einen Schluck Wasser zu trinken; ist aber dann bei ihnen wohnen geblieben. Sie sagen, er hätte ihnen alles gekauft. Gibt es doch noch solche Menschen auf der Welt! Ich will hingehen und ihn mir anschauen.«

Als Jelissej hörte, dass sie ihn lobten, gab er die Absicht, auch eine Kuh zu kaufen, auf. Er kehrte zu dem Schenkwirt zurück, bezahlte den ausbedungenen Preis, spannte das Pferd vor den Wagen und fuhr zu seinen Leuten. Als sie das Pferd sahen, wunderten sie sich. Sie ahnten, daß er das Pferd für sie gekauft hatte, wagten es aber nicht auszusprechen. Der Bauer kam aus dem Hause, um das Tor aufzumachen.

»Woher hast du das Pferd, Großvater?« fragte er.

»Ich hab’s gekauft,« erwiderte Jelissej. »Der Preis war billig. Mähe mir etwas Gras, damit das Pferd zur Nacht Futter hat.«

Als alle schliefen, stand er auf, band den Sack um, zog Schuhe und Kaftan an und machte sich auf den Weg, Jefim einzuholen.

V

Als Jelissej etwa fünf Werst gegangen war, begann es zu tagen. Er setzte sich unter einen Baum, band den Sack auf und zählte sein Geld nach. Er hatte nur noch siebzehn Rubel und zwanzig Kopeken. Er dachte sich: »Mit diesem Gelde kann man nicht übers Meer kommen. Und wenn ich mir unterwegs das Geld dazu in Christi Namen zusammenbettele, kann es leicht eine große Sünde werden. Gevatter Jefim wird auch ohne mich hinkommen und für mich eine Kerze anzünden. Ich werde meine Schuld wohl bis zum Tode nicht abtragen. Es ist ein Glück, dass der Gläubiger gütig ist und mich nicht drängt.«

Jelissej stand auf, nahm den Sack auf den Rücken und ging zurück. Er machte einen Bogen ums Dorf, in dem er die letzten Tage verbracht hatte, damit ihn die Leute nicht erblickten. Bald war er zu Hause. Auf dem Hinwege war ihm das Gehen sehr schwer gefallen, und er hatte oft Mühe gehabt, mit Jefim gleichen Schritt zu halten; auf dem Rückwege gab ihm aber Gott solche Kraft, dass er nichts von Müdigkeit spürte. Das Gehen war ihm jetzt wie ein Kinderspiel; er schwenkte vor Lustigkeit seinen Wanderstab und legte oft siebzig Werst an einem Tage zurück.

Als Jelissej zu Hause anlangte, war die Ernte bereits eingebracht. Die Seinigen freuten sich über die Rückkehr des Vaters. Man begann ihn auszufragen, warum er den Gefährten verlassen habe, warum er nach Hause zurückgekehrt sei, ohne das Ziel der Wallfahrt erreicht zu haben. Jelissej verschwieg seine Erlebnisse. Er sagte nur:

»Gott hat es eben anders gewollt. Ich habe unterwegs mein Geld verloren, und der Gefährte ist allein weitergegangen. So bin ich umgekehrt. Verzeiht mir um Christi willen!«

Er gab seiner Alten den Rest des Geldes zurück und fragte sie nach den häuslichen Angelegenheiten: alles war in Ordnung, die Wirtschaft war aufs beste besorgt, und sie lebten alle in Frieden und Eintracht.

Jefims Angehörige erfuhren noch am gleichen Tage von Jelissejs Heimkehr; sie kamen zu ihm, um sich nach ihrem Alten zu erkundigen.

»Euer Alter ist gesund und rüstig weitergegangen. Wir trennten uns drei Tage vor Peter und Paul; ich wollte ihn anfangs einholen, aber ich hatte das Unglück, mein ganzes Geld zu verlieren, so dass ich nichts hatte, um weiterzugehen. Daher bin ich umgekehrt.«

Die Leute wunderten sich: ein so kluger Mann hatte sich so dumm angestellt! Er war fortgegangen und nicht ans Ziel gekommen, hatte nur sein Geld verloren. Sie wunderten sich darüber und vergaßen es mit der Zeit. Auch Jelissej vergaß es. 

VI

Als Jelissej bei den Kranken zurückgeblieben war, hatte Jefim auf ihn den ganzen Tag gewartet. Er ging nur eine kurze Strecke weiter und setzte sich am Straßenrande nieder; er wartete und wartete, schlief ein, wachte auf, saß noch eine Weile – doch der Gefährte war noch immer nicht da. Er guckte sich die Augen nach ihm aus. Die Sonne ging unter – Jelissej war noch immer nicht da.

Jefim dachte sich: »Ist er vielleicht an mir vorbeigegangen oder vorbeigefahren (wenn ihn jemand aus Gefälligkeit auf den Wagen genommen hat), während ich schlief, und hat mich nicht bemerkt? Er hätte mich aber doch sehen müssen! In der Steppe sieht man weit. Wenn ich jetzt zurückgehe, kann er inzwischen noch weiter vorwärtskommen. Und wenn wir uns verfehlen, ist es noch schlimmer. Ich will lieber weitergehen und in dem nächsten Nachtquartier auf ihn warten.«

Unterwegs schloss sich ihm ein Pilger an. Der Pilger trug Käppchen und Kutte und hatte langes Haar, wie ein Geistlicher. Wie er behauptete, war er auf dem heiligen Berge Athos gewesen und pilgerte schon zum zweiten Male nach Jerusalem. Sie trafen sich in einer Herberge, kamen ins Gespräch und gingen zusammen weiter.

Frisch und wohlgemut kamen sie nach Odessa. Hier mussten sie drei Tage auf den Abgang des Schiffes warten. Mit ihnen warteten noch viele andere Pilger, die aus den verschiedensten Gegenden zusammengekommen waren. Jefim erkundigte sich bei jedem nach Jelissej, doch niemand hatte ihn gesehen.

Der Pilger belehrte Jefim, wie man die Seereise ohne Bezahlung machen könne. Jefim wollte aber auf ihn nicht hören und sagte:

»Ich will lieber für die Überfahrt ehrlich bezahlen; dazu habe ich ja auch das Geld gespart.«

Er bezahlte vierzig Rubel für die Fahrt hin und zurück und kaufte sich Brot und Heringe für die Reise. Als das Schiff beladen war, brachte man auch die Pilger an Bord. Auch Jefim und sein neuer Begleiter schifften sich ein. Man lichtete die Anker und das Schiff fuhr ins offene Meer. Am ersten Tage ging die Reise sehr gut; gegen Abend erhob sich aber ein Wind, es begann zu regnen, das Schiff schaukelte hin und her, und manche Welle schlug über Bord. Das Volk wurde unruhig, die Weiber heulten, und auch manche Männer, die nicht sehr tapfer waren, liefen erschrocken auf dem Schiffe hin und her und suchten sich in Sicherheit zu bringen. Auch Jefim war erschrocken, wollte es aber nicht zeigen: er saß die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag auf der gleichen Stelle, wo er sich gleich beim Betreten des Schiffes hingesetzt hatte. Neben ihm saßen mehrere alte Männer aus der Gegend von Tambow. Er hielt sein Gepäck fest in den Händen und sprach kein Wort.

Nach drei Tagen kamen aber alle wohlbehalten ans Land. Man ging zu Fuß weiter und erreichte am vierten Tage Jerusalem. Dann begab sich Jefim, vom Pilger geführt, zu den heiligen Stätten. Der Pilger zeigte Jefim alle heiligen Stätten und sagte ihm überall, wie viel Geld er opfern und wie viel Kerzen er aufstellen sollte. Als sie ins Hospiz zurückgekehrt waren und sich zur Ruhe begaben, begann der Pilger plötzlich zu ächzen und alle seine Kleider zu durchsuchen. Er jammerte:

»Man hat mir mein Portemonnaie gestohlen. Dreiundzwanzig Rubel waren darin: zwei Zehnrubelscheine und drei Rubel in Kleingeld.«

Der Pilger jammerte noch lange. Es war ihm aber nicht zu helfen, und alle legten sich schlafen.

VII

Auch Jefim legte sich schlafen. Ihn überkamen aber sündige Gedanken. Er sagte sich: »Man hat dem Pilger nichts gestohlen. Er hat wohl gar kein Geld gehabt. Denn nirgends hat er gezahlt. Mich hat er überall zahlen lassen, selbst hat er keinen Heller ausgelegt und hat von mir sogar einen Rubel geliehen.«

Und wie er so denkt, beginnt er sich Vorwürfe zu machen: »Was soll ich den Menschen verdächtigen? Es ist eine große Sünde. Ich will lieber gar nicht daran denken.«

Er muss aber immer wieder denken, wie der Pilger auf sein Geld schielte und wie unwahrscheinlich es klang, als er erzählte, man hätte ihm sein Portemonnaie gestohlen. Und er sagt sich wieder: »Er hat sicher kein Geld gehabt. Es ist Schwindel.«

Am nächsten Morgen gingen sie in die große Auferstehungskirche, zur Frühmesse am Heiligen Grabe. Der Pilger schloss sich gleich wieder Jefim an.

Sie kamen zum Tempel. Draußen stand eine große Menge von Pilgern. Jefim ging, von der Menge geschoben, durch die Heilige Pforte an der türkischen Wache vorbei zu jener Stelle, wo Christus vom Kreuze genommen und gesalbt wurde; neun große Leuchter mit brennenden Kerzen stehen an dieser Stelle. Jefim opferte eine Kerze. Der Pilger führte ihn dann rechts die Stufen hinauf nach Golgatha zu jener Stelle, wo das Kreuz gestanden, und Jefim verrichtete hier ein Gebet; dann zeigte man ihm die Spalte, wo die Erde sich bis zur Unterwelt aufgetan hatte, und die Stätte, wo man Christus ans Kreuz geschlagen. Man wollte ihm noch etwas zeigen, doch das Volk eilte zur Grabkapelle, wo eben eine andersgläubige Messe zu Ende war und die rechtgläubige begann. Auch Jefim kam mit dem Volke in die Grabkapelle. Er wollte gerne den Pilger loswerden, denn die sündhaften Gedanken verfolgten ihn noch immer; der Pilger folgte ihm aber auf Schritt und Tritt und stand nun auch in der Grabkapelle an seiner Seite. Sie wollten sich vordrängen, es gelang ihnen aber nicht mehr: das Gedränge war so groß, dass sie weder vorwärts noch rückwärts konnten. Und wie Jefim so steht, nach vorne schaut und betet, tastet er jeden Augenblick nach seinem Geldbeutel. Er denkt zweierlei: erstens denkt er, dass der Pilger ihn betrogen hat; wenn der Pilger aber nicht lügt und die Sache mit dem Portemonnaie stimmt, könnte es auch ihm so gehen.

VIII

Jefim steht mitten im Gedränge, betet und blickt nach vorne in die Kapelle, wo das Heilige Grab ist und über dem Grabe sechsunddreißig Lampen brennen. Jefim steht so da, blickt über die Köpfe hinweg, und welch ein Wunder! Vor allen Pilgern, gerade unter den Lampen, steht ein kleiner alter Mann in einem Kaftan aus grobem Tuch; seine große Glatze leuchtet über den ganzen Kopf, ganz wie bei Jelissej Bodrow. »Er sieht wirklich ganz wie Jelissej aus,« denkt er sich. »Jelissej aber kann es nicht sein. Er kann unmöglich vor mir nach Jerusalem gekommen sein. Das letzte Schiff war von Odessa acht Tage vor dem unsrigen abgegangen. Mit diesem Schiffe kann er unmöglich gekommen sein. Auf unserem Schiffe war er aber sicher nicht gewesen. Ich habe ja alle Pilger gesehen.«

Kaum hatte sich Jefim dies gesagt, als das Männchen zu beten begann. Es verneigte sich dreimal: einmal nach vorne vor dem Herrn und dann nach rechts und nach links vor der rechtgläubigen Christenheit. Und als es den Kopf nach rechts wendete, erblickte Jefim wirklich seinen Freund Jelissej Bodrow. Er erkannte seinen schwärzlichen, krausen Bart, der an den Wangen leicht ergraut war, seine Augenbrauen, Augen und Nase und das ganze Gesicht – es war leibhaftig Jelissej Bodrow.

Jefim freute sich, dass er seinen Gefährten wiedergefunden hatte, und wunderte sich zugleich, dass Jelissej vor ihm angelangt war.

»Ei, Bodrow, wie er nur so ganz nach vorne geraten ist!« denkt er sich. »Er hat sich wohl irgendeinem geschickten Menschen angeschlossen, der ihn nach vorne geführt hat. Am Ausgange will ich ihn treffen. Meinen Pilger mit dem Käppchen lasse ich laufen und schließe mich an Jelissej an. Er wird mich sicher besser führen.«

Jefim paßte also auf, um Jelissej nicht aus den Augen zu verlieren. Die Messe war zu Ende, das Volk drängte sich vor, um das Heiligtum zu küssen, und Jefim wurde dabei zur Seite geschoben. Wieder überkam ihn die Angst um seinen Geldbeutel. Jefim hielt die Hand immer auf dem Beutel und gab sich Mühe, aus dem Gedränge ins Freie zu kommen. Er kam ins Freie, ging überall umher und suchte Jelissej; er fand ihn aber nicht. Nach der Messe besuchte Jefim alle Hospize, konnte ihn aber nirgends finden. An diesem Abend kam auch der Pilger nicht mehr heim. Er war verschwunden und hatte auch den geliehenen Rubel nicht zurückgegeben. Jefim blieb allein.

Jefim verbrachte sechs Wochen in Jerusalem und besuchte alle heiligen Stätten: Bethlehem, Bethanien und den Jordan; am Grabe Christi ließ er sich ein Siegel auf ein neues Hemd, in dem man ihn dereinst begraben sollte, aufdrücken. Er nahm auch ein Fläschchen Jordanwasser mit, auch Erde und Kerzen von den heiligen Stätten, gab sein ganzes Geld aus und behielt sich nur so viel, wie die Heimreise kostete. Und Jefim trat seinen Rückweg an. Er ging nach Jaffa, fuhr zu Schiff nach Odessa und ging von dort zu Fuß nach Hause.

IX

Jefim ging den gleichen Weg wie auf der Hinreise. Und wie er sich der Heimat näherte, befiel ihn die Sorge, wie die Seinigen wohl ohne ihn leben mochten. »In einem Jahre«, denkt er sich, »fließt viel Wasser. Sein ganzes Leben lang richtet man sich sein Hauswesen ein, und nichts ist leichter, als es in einem Jahre zugrunde zu richten. Wie mag wohl der Sohn gewirtschaftet haben? Wie war das Frühjahr ausgefallen, wie hat das Vieh den Winter überstanden, wie ist das neue Haus geraten?« Jefim kam in die Gegend, wo er im vorigen Jahre Jelissej aus den Augen verloren hatte. Die Leute konnte man gar nicht wiedererkennen. Wer im vorigen Jahre hungerte, lebte jetzt ohne Sorgen. Die Ernte war gut geraten, die Leute waren wieder auf die Beine gekommen und schienen das frühere Unglück vergessen zu haben. Gegen Abend erreichte Jefim das nämliche Dorf, wo er sich von Jelissej getrennt hatte. Kaum war er im Dorfe, als aus einem Hause ein Mädchen im weißen Hemd herauslief und ihm zurief:

»Großvater, Großvater, kehre doch bei uns ein!«

Jefim wollte weitergehen, doch das Mädchen ergriff ihn an den Schößen des Kaftans und zog ihn lachend zum Hause.

An der Haustüre erschien eine Frau mit einem Knaben; sie winkten ihm und luden ihn ein:

»Kehre bei uns ein, Großvater! Du kannst mit uns zu Abend essen und bei uns übernachten.«

Jefim kehrte ein. Er wollte bei dieser Gelegenheit sich nach Jelissej erkundigen: es war dasselbe Haus, in das er ging, um zu trinken. Jefim trat in die Stube, die Frau half ihm den Sack vom Rücken nehmen, brachte ihm Wasser zum Waschen und wies ihm einen Platz am Tische an. Sie brachte Milch herbei, Kuchen und Grütze und setzte alles auf den Tisch. Jefim bedankte sich und lobte die Leute, dass sie so gastfreundlich die Pilger empfingen.

Die Frau schüttelte den Kopf und sagte:

»Wir müssen wohl freundlich zu jedem Pilger sein. Denn ein Pilger hat uns den Weg zum Leben gezeigt. Wir lebten in Sünden, und Gott hat uns dafür so gestraft, dass wir nur noch auf den Tod warteten. Im vorigen Sommer lagen wir alle krank vor Hunger. Es wäre um uns geschehen gewesen, aber Gott schickte uns einen alten Mann, wie du. Eines Tages kam er zu uns, nur um zu trinken; als er uns aber sah, erbarmte er sich unser und blieb bei uns. Er gab uns zu trinken und zu essen, brachte unser Hauswesen instand, löste das verpfändete Land aus, kaufte Pferd und Wagen und ließ sie uns zurück.«

In die Stube kam eine Alte und unterbrach die Frau:

»Wir wissen selber nicht, ob es ein Mensch oder ein Engel Gottes war. Alle liebte er, alle bemitleidete er. Und er ging fort, ohne uns etwas davon zu sagen. Wir wissen nicht, für wen wir zu Gott beten sollen. Ich sehe es noch so deutlich vor mir: ich liege da, warte auf den Tod, und plötzlich kommt ein einfacher alter Mann mit einer Glatze herein und bittet um einen Trunk. Ich Sünderin dachte mir noch: was treiben sich die Leute herum? – Was tat aber er? – Als er uns sah, nahm er gleich den Sack ab, setzte ihn hier an dieser Stelle hin, band ihn auf . . .«

Das Mädchen unterbrach die Alte:

»Nein, Großmutter, er hat den Sack erst mitten in der Stube hingesetzt und dann auf die Bank gehoben.«

Und sie begannen zu streiten und gedachten aller seiner Handlungen und Worte: wo er geschlafen, was er getan, wie und zu wem er gesprochen.

Zur Nacht kam auch der Bauer mit dem Pferde heim. Auch er erzählte von Jelissej und wie er bei ihnen gewohnt hatte.

»Wäre er nicht zu uns gekommen,« sagte er, »so würden wir wohl alle in unseren Sünden gestorben sein. Wir waren verzweifelt und sahen den Tod vor Augen, murrten auf Gott und die Menschen. Er hat uns aber wieder auf die Beine geholfen, und durch ihn haben wir Gott erkannt und den Glauben an gute Menschen gewonnen. Möge ihm Christus seine Gnade erweisen! Früher lebten wir dahin wie das liebe Vieh, und er hat uns zu Menschen gemacht.«

Die Leute gaben Jefim zu essen und zu trinken, wiesen ihm ein Nachtlager an und legten sich auch selbst schlafen.

Wie Jefim so liegt, muss er immer an Jelissej denken, den er zu Jerusalem dreimal am Heiligen Grabe gesehen hat.

»In diesem Hause,« denkt er sich, »hat er mich überholt. Ob mein Opfer im Himmel angenommen ist oder nicht, weiß ich nicht; doch sein Opfer hat der Herr sicher angenommen.«

Am Morgen verabschiedete sich Jefim von den Leuten. Sie gaben ihm Kuchen auf die Reise und gingen an ihre Arbeit. Und Jefim brach auf und setzte seinen Weg fort.

X

Jefim war genau ein Jahr ausgeblieben. Als er nach Hause kam, war wieder Frühjahr.

Er erreichte sein Haus gegen Abend. Der Sohn war nicht zu Hause: er saß in der Schenke. Als er später angeheitert nach Hause kam, begann ihn Jefim auszufragen. Jefim merkte sofort, daß der Sohn übel gewirtschaftet hatte: das Geld hatte er vertan und alle Geschäfte vernachlässigt. Der Vater machte ihm Vorwürfe, und der Sohn wurde grob.

»Du hättest doch selbst«, sagte der Sohn, »alles machen sollen. Du bist aber auf die Reise gegangen und hast das ganze Geld mitgenommen. Und jetzt willst du noch von mir Rechenschaft darüber!«

Der Alte geriet in Zorn und verprügelte den Sohn.

Am nächsten Morgen begab sich Jefim Tarassytsch zum Schulzen, um seinen Paß abzuliefern. Wie er an Jelissejs Haus vorbeigeht, sieht er Jelissejs Alte vor dem Hause stehen. Sie begrüßte ihn:

»Gott zum Gruß, Gevatter! Bist du glücklich zurückgekehrt?«

Jefim Tarassytsch blieb stehen und antwortete:

»Meine Reise ist, Gott sei Dank, glücklich gewesen, habe aber unterwegs deinen Alten verloren. Nun höre ich, daß er allein nach Hause zurückgekehrt ist.«

Die Alte war sehr gesprächig, und sie begann zu erzählen:

»Längst ist er zurückgekehrt, Wohltäter. Es wird wohl bald nach Mariä Himmelfahrt gewesen sein. Wir freuten uns sehr, als Gott ihn wieder heimbrachte. Wenn er nicht zu Hause ist, Freundchen, freut uns das Leben nicht, denn wir lieben ihn und hängen an ihm.«

»Nun, ist er jetzt zu Hause?«

»Zu Hause, Freund, er ist im Bienengarten, er schart die Schwärme zusammen. Der Schwarm ist heuer gut, sagt er. Gott hat heuer den Bienen solche Kraft gegeben, wie es der Alte noch nie gesehen hat. Gott hat wohl gar nicht an unsere Sünden gedacht, als er uns solche Gnade erwies, sagt er. Komm herein, Freund, wie wird sich der Alte freuen!«

Jefim geht durch den Flur und den Hof in den Bienengarten zu Jelissej. 

Jelissejs Alte rief ihrem Manne zu:

»Dein Gevatter ist zu dir gekommen!«

Jelissej blickte sich um, war sehr erfreut und ging auf den Gevatter zu. Im Gehen nahm er sich vorsichtig einige Bienen aus dem Bart.

»Grüß Gott, Gevatter! Grüß Gott, Freund . . . Wie war die Reise?«

»Meine Füße haben die Reise gemacht; ich habe dir auch Wasser aus dem Jordan mitgebracht. Besuche mich einmal und hole es dir! Ob aber der Herr mein Opfer in Gnade aufgenommen . . .«

»Nun, Gott sei Dank, der Heiland sei uns gnädig . . .«

Jefim schwieg eine Weile, dann fuhr er fort:

»Meine Füße waren in Jerusalem, ob aber auch meine Seele da war, oder ob jemand anderer . . .«

»Es ist Gottes Sache, Gevatter, Gottes Sache.«

»Auf dem Rückwege kehrte ich auch in jenem Hause ein, bei welchem ich dich auf dem Hinwege verloren habe . . .«

Jelissej erschrak und fiel Jefim ins Wort:

»Es ist Gottes Sache, Gevatter, Gottes Sache. Komm doch in die Stube herein, ich will dich mit Honig bewirten.«

Und Jelissej brach das Gespräch ab und begann von häuslichen Angelegenheiten zu sprechen.

Jefim seufzte und sprach nicht mehr von den Leuten im kleinrussischen Dorfe, noch davon, dass er Jelissej in Jerusalem gesehen. Und er begriff, dass Gott einem jeden Menschen eine Steuer auferlegt hat, die mit Liebe und guten Werken bezahlt wird.

 

Quelle: nach Leo Tolstoi, Ausgewählte Erzählungen für die Jugend (Die Wallfahrer)

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Die Villa am Meer

Die Villa lag hart am Meer.

In den stillen, dämmerreichen Piniengängen atmete die satte Kraft der salzhaltigen Seeluft und eine leichte beständige Brise spielte um die Orangenbäume und streifte hie und da, wie mit vorsichtigen Fingern, eine farbenbunte Blüte herab. Die sonnenumglänzten Fernen, Hügel, aus denen zierliche Häuser wie weiße Perlen hervorblitzten, ein meilenweiter Leuchtturm, der einer Kerze gleich steil emporschoss, alles schimmerte in scharfen, abgegrenzten Konturen und war, ein leuchtendes Mosaik, in den tiefblauen Azur des Äthers eingesenkt. Das Meer, in das nur selten weit, weit in der Ferne, weiße Funken fielen, die schimmernden Segel von einsamen Schiffen, schmiegte sich mit der beweglichen Weise seiner Wogen an die Stufenterrasse an, von der sich die Villa erhob, um immer tiefer in das Grün eines weiten, schattendunklen Gartens zu steigen und sich dort in dem müden, märchenstillen Park zu verlieren.

Von dem schlafenden Hause, auf dem die Vormittagshitze lastete, lief ein schmaler, kiesbedeckter Weg wie eine weiße Linie zu dem kühlen Aussichtspunkte, unter dem die Wogen in wilden, unaufhörlichen Anstürmen grollten und hie und da schimmernde Wasseratome heraufstäubten, die beim grellen Sonnenlichte im regenbogenfunkelnden Glanz von Diamanten prahlten. Dort brachen sich die leuchtenden Sonnenpfeile teils an den Pinienwichseln, die dicht beisammen wie im vertrauten Gespräche standen, teils hielt sie ein weitausgespannter japanischer Schirm ab, auf dem lustige Gestalten mit scharfen, unangenehmen Farben festgehalten waren.

Innerhalb des Schattenbereiches dieses Schirmes lehnte in einem weichen Strohfauteuil eine Frauengestalt, die ihre schönen Formen wohlig in das nachgiebige Geflecht schmiegte. Die eine schmale, unberingte Hand hing wie vergessen herab und spielte mit leisem, behaglichem Schmeicheln in dem glitzernden Seidenfelle eines Hundes, während die andere ein Buch hielt, auf das die dunkeln, schwarzbewimperten Augen, in denen es wie ein verhaltenes Lächeln lag, ihre ununterbrochene Aufmerksamkeit konzentrierten. Es waren große, unruhige Augen, deren Schönheit noch ein matter verschleierter Glanz erhöhte. Überhaupt war die starke, anziehende Wirkung, die das ovale, scharfgeschnittene Gesicht ausübte, keine natürliche, einheitliche, sondern ein raffiniertes Hervorstechen einzelner Detailschönheiten, die mit besorgter, feinfühliger Koketterie gepflegt waren. Das anscheinend regellose Wirrnis der duftenden, schimmernden Locken war die mühevolle Konstruktion einer Künstlerin, und auch das leise Lächeln, das während des Lesens die Lippen umzitterte und dabei den weißen, blanken Schmelz der Zähne entblößte, war das Resultat einer mehrjährigen Spiegelprobe, aber jetzt schon zur festen, unablegbaren Gewohnheitskunst geworden.

Ein leises Knistern im Sande.

Sie sieht hin, ohne ihre Stellung zu ändern, wie eine Katze, die im blendenden warmflutenden Sonnenlichte gebadet liegt und nur träge mit den phosphorisierenden Augen dem Kommenden entgegenblinzelt.

Unerwarteter Besuch

Die Schritte kommen rasch näher und ein livrierter Diener steht vor ihr, um ihr eine schmale Visitkarte zu überreichen und dann ein wenig wartend zurückzutreten.

Sie liest den Namen mit dem Ausdrucke der Überraschung in den Zügen, den man hat, wenn man auf der Straße von einem Unbekannten in familiärster Weise begrüßt wird. Einen Augenblick graben sich kleine Falten oberhalb der scharfen, schwarzen Augenbrauen ein, die das angestrengte Nachdenken markieren, und dann plötzlich spielt ein fröhlicher Schimmer um das ganze Gesicht, die Augen blitzen in übermütiger Helligkeit, wie sie an längst verflogene, ganz und gar vergessene Jugendtage denkt, deren lichte Bilder der Name in ihr neu erweckt hat. Gestalten und Träume gewinnen wieder feste Formen und werden klar wie die Wirklichkeit.

»Ach so«, erinnerte sie sich plötzlich zum Diener gewandt, »der Herr möchte natürlich vorsprechen.«

Der Diener ging mit leisen devoten Schritten. Eine Minute war diese Stille, nur der nimmermüde Wind sang leise in den Gipfeln, die voll schweren Mittagsgoldes hingen.

Und dann plötzlich elastische Schritte, die energisch auf dem Kieswege hallten, ein langer Schatten, der bis zu ihren Füßen lief, und eine hohe Männergestalt stand vor ihr, die sich lebhaft von ihrem schwellenden Sitze erhoben hatte.

Zuerst begegneten sich ihre Augen. Er überflog mit einem raschen Blicke die Eleganz der Gestalt, während ihr leises ironisches Lächeln auch in den Augen aufleuchtete.

»Es ist wirklich lieb von Ihnen, dass Sie noch an mich gedacht haben«, begann sie, indem sie ihm die schmalschimmernde, feingepflegte Hand hinstreckte, die er ehrfürchtig mit den Lippen berührte.

»Gnädige Frau, ich will ehrlich mit Ihnen sein, weil dies ein Wiedersehen ist seit Jahren und auch, wie ich fürchte, –für lange Jahre. Es ist mehr ein Zufall, dass ich hierher gekommen bin, der Name des Besitzers dieses Schlosses, nach dem ich mich wegen seiner herrlichen Lage erkundigte, rief mir Ihre Anstalt wieder in den Sinn. Und so bin ich denn eigentlich als ein Schuldbewusster da.«

»Darum aber nicht minder willkommen, denn auch ich konnte mich nicht im ersten Moment an Ihre Existenz erinnern, obwohl sie einmal für mich ziemlich bedeutsam war.«

Jetzt lächelten beide. Der süße leichte Duft der ersten halbverschwiegenen Jugendliebe war mit seiner ganzen berauschenden Süßigkeit in ihnen erwacht wie ein Traum, über den man beim Erwachen verächtlich die Lippen verzieht, obwohl man wünscht, ihn noch einmal nur zu träumen, zu leben. Der schöne Traum der Halbheit, die nur wünscht und nicht zu fordern wagt, die nur verspricht und nicht gibt. –

Sie sprachen weiter. Aber es lag schon eine Herzlichkeit in den Stimmen, eine zärtliche Vertraulichkeit, wie sie nur ein so rosiges, schon halbverblasstes Geheimnis gewähren kann. Mit leisen Worten, in die hie und da ein fröhliches Lachen seine rollenden Perlen warf, sprachen sie von vergangenen Dingen, von vergessenen Gedichten, verwelkten Blumen, verlorenen und vernichteten Schleifen, kleinen Liebeszeichen, die sie sich in der kleinen Stadt, in der sie damals ihre Jugend verbrachten, gegenseitig gegeben. Die alten Geschichten, die wie verschollene Sagen in ihren Herzen langverstummte, stauberstickte Glocken rührten, wurden langsam, ganz langsam von einer wehen, müden Feierlichkeit erfüllt, der Ausklang ihrer toten Jugendliebe legte in ihr Gespräch einen tiefen, fast traurigen Ernst. –

Und seine dunkelmelodisch klingende Stimme vibrierte leise, wie er erzählte: »In Amerika drüben bekam ich die Nachricht, dass Sie sich verlobt hätten, zu einer Zeit, wo die Heirat wohl schon vollzogen war.«

Gedanken an die Vergangenheit

Sie antwortete nichts darauf. Ihre Gedanken waren zehn Jahre weiter zurück.

Einige lange Minuten lastete ein schwüles Schweigen auf beiden.

Und dann fragte sie leise, fast lautlos:

»Was haben Sie damals von mir gedacht?«

Er blickte überrascht auf.

»Ich kann es Ihnen ja offen sagen, denn morgen fahre ich wieder meiner neuen Heimat zu. –Ich habe Ihnen nicht gezürnt, nicht Augenblicke voll wirrer, feindlicher Entschlüsse gehabt, denn das Leben hatte schon damals die farbige Lohe der Liebe zu einer glimmenden Flamme der Sympathie erkaltet. Ich habe Sie nicht verstanden, nur –bedauert.«

Eine leichte dunkelrote Stelle flog über ihre Wangen und der Glanz ihrer Augen wurde intensiv, wie sie erregt ausrief:

»Mich bedauert! Ich wüsste nicht warum.«

»Weil ich an Ihren zukünftigen Gemahl dachte, den indolenten, immer erwerben wollenden Geldmenschen –widersprechen Sie mir nicht, ich will Ihren Mann, den ich immer geachtet habe, durchaus nicht beleidigen –und weil ich an Sie dachte, das Mädchen, wie ich es verlassen habe. Weil ich mir nicht das Bild denken konnte, wie Sie, die Einsame, Ideale, die für das Alltagsleben nur eine verächtliche Ironie gehabt, die ehrsame Frau eines gewöhnlichen Menschen werden konnten.«

»Und warum hätte ich ihn denn doch geheiratet, wenn dies alles sich so verhielte?«

Des Rätsels Lösung

»Ich wusste es nicht so genau. Vielleicht besaß er verborgene Vorzüge, die dem oberflächlichen Blicke entgehen und erst im intimen Verkehr zu leuchten beginnen. Und dies war mir dann des Rätsels leichte Lösung, denn eines konnte und wollte ich nicht glauben.«

»Das ist?«

»Dass sie ihn um seiner Grafenkrone und seiner Millionen genommen hätten. Das war mir die einzige Unmöglichkeit.«

Es war, als hätte sie das letzte überhört, denn sie blickte mit vorgehaltenen Fingern, die im Sonnenlichte in blutdunkelm Rosa wie eine Purpurmuschel erstrahlten, weit hinaus, weithin zum schleierumzogenen Horizonte, wo der Himmel sein blassblaues Kleid in die dunkle Pracht der Wogen tauchte.

Auch er war in tiefen Gedanken verloren und hatte beinahe die letzten Worte vergessen, als sie plötzlich kaum vernehmlich, von ihm abgewendet, sagte:

»Und doch ist es so gewesen.«

Er sah überrascht, fast erschreckt zu ihr hin, die in langsamer, offenbar künstlicher Ruhe sich wieder in ihren Sessel niedergelassen hatte und mit einer stillen Wehmut monoton und die Lippen kaum bewegend weitersprach:

»Ihr habt mich damals keiner verstanden, als ich noch das kleine Mädchen mit den verschüchterten Kinderworten war, auch Sie nicht, der Sie mir so nah standen. Ich selbst vielleicht auch nicht. Ich denke jetzt noch oft daran und begreife mich nicht, denn was wissen noch Frauen von ihren wundergläubigen Mädchenseelen, deren Träume wie zarte, schmale, weiße Blüten sind, die der erste Hauch der Wirklichkeit verweht? Und ich war nicht wie alle die andern Mädchen, die von mannesmutigen, jugendkräftigen Helden träumten, die ihre suchende Sehnsucht zu leuchtendem Glücke, ihr stilles Ahnen zum beseligenden Wissen machen sollten und ihnen die Erlösung bringen von dem ungewissen, unklaren, nicht zu fassenden und doch fühlbaren Leid, das seinen Schatten über ihre Mädchentage wirft, und immer dunkler und drohender und lastender wird. Das habe ich nie gekannt, auf anderen Traumeskähnen steuerte meine Seele dem verborgenen Hain der Zukunft zu, der hinter den hüllenden Nebeln der kommenden Tage lag. Meine Träume waren eigen. Ich träumte mich immer als ein Königskind. wie sie in den alten Märchenbüchern stehen, die mit funkelnden, strahlenschillernden Edelsteinen spielen, deren Hände sich im goldigen Glanz von Märchenschätzen versenken und deren wallende Kleider von unnennbaren Werten sind. –Ich träumte von Luxus und Pracht, weil ich beides liebte. Die Lust, wenn meine Hände über zitternde, leise singende Seide streifen durften, wenn meine Finger in den weichen, dunkelträumenden Daunen eines schweren Sammetstoffes wie im Schlafe liegen konnten! Ich war glücklich, wenn ich Schmuck an den schmalen Gliedern meiner von Freude zitternden Finger wie eine Kette tragen konnte, wenn weiße Steine aus der dichten Flut meines Haares wie Schaumperlen schimmerten, mein höchstes Ziel war es, in den weichen Sitzen eines eleganten Wagens zu ruhen. Ich war damals in einem Rausche von Kunstschönheit befangen, der mich mein wirkliches Leben verachten ließ. Ich hasste mich, wenn ich in meinen Alltagskleidern war, bescheiden und einfach wie eine Nonne und blieb oft tagelang zu Hause, weil ich mich vor mir selbst in meiner Gewöhnlichkeit schämte, ich versteckte mich in meinem engen, hässlichen Zimmer, ich, deren schönster Traum es war, allein am weiten Meere zu leben, in einem Eigentum, das prächtig ist und kunstvoll zugleich, in schattigen, grünen Laubgängen, wo nicht die Niedrigkeit des Werkeltags seine schmutzigen Krallen hinreckt, wo reicher Friede ist –fast so wie hier. Denn was meine Träume gewollt, hat mir mein Mann erfüllt, und eben weil er dies vermochte, ist er mein Gemahl geworden.«

Sie ist verstummt und ihr Gesicht ist von bacchantischer Schönheit umloht. Der Glanz in ihren Augen ist tief und drohend geworden, und das Rot der Wangen flammt immer heißer auf.

Es ist tiefe Stille.

Nur drunten der eintönige Rhythmensang der glitzernden Wellen, die sich an die Stufen der Terrasse werfen, wie an eine geliebte Brust.

Die Liebe 

Da sagt er leise, wie zu sich selbst:

»Aber die Liebe?«

Sie hat es gehört. Ein leichtes Lächeln zieht über ihre Lippen.

»Haben Sie heute noch alle Ihre Ideale, alle, die Sie damals in die ferne Welt trugen? Sind Ihnen alle geblieben, unverletzt, oder sind Ihnen einige gestorben, dahingewelkt? Oder hat man sie Ihnen nicht am Ende gewaltsam aus der Brust gerissen und in den Kot geschleudert, wo die Tausende von Rädern, deren Wagen zum Lebensziele strebten, sie zermalmt haben? Oder haben Sie keine verloren?«

Er nickt trübe und schweigt.

Und plötzlich führt er ihre Hand zu den Lippen, küsst sie stumm. Dann sagt er mit herzlicher Stimme:

»Leben Sie wohl!«

Sie erwidert es ihm kräftig und ehrlich. Sie fühlt keine Scham, dass sie einem Menschen, dem sie durch Jahre fremd war, ihr tiefstes Geheimnis entschleiert und ihre Seele gezeigt. Lächelnd sieht sie ihm nach und denkt an die Worte, die er von der Liebe gesprochen, und die Vergangenheit stellt sich wieder mit leisen, unhörbaren Schritten zwischen sie und die Gegenwart. Und plötzlich denkt sie, dass jener ihr Leben hätte leiten können, und die Gedanken malen in Farben diesen bizarren Einfall aus.

Und langsam, langsam, ganz unmerklich, stirbt das Lächeln auf ihren träumenden Lippen …

 

Quelle: Neun Novellen und Erzählungen, Stefan Zweig

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Die Welle -Therapeutische Geschichte (3 min)

Die Welle - Therapeutische Geschichte (3 min)

Die Welle (Therapeutische Geschichte)

Lesezeit: 3 min

Inspiriert durch Jessica Thormann

Ich war schon immer „Wassermann“. Einerseits bin ich in diesem Sternzeichen geboren, andererseits habe ich schon immer eine besondere Verbindung zum Wasser. Schon als Baby wollte ich im und am Wasser spielen. Später entdeckte ich das Tauchen und Surfen für mich. „Wasser spendet Leben“, sagt man. Für mich spendet es auch Ruhe und Frieden. Es zeigt mir die sanfte Kraft von Ausdauer, Beharrlichkeit und fließender Bewegung – im Fluss sein. Wenn ich mich ihm anvertraue, trägt es mich und bringt mich weiter.

Eins zu werden mit dem Wasser, seine weiche und doch kraftvolle Energie zu spüren und eine neue Welt zu erleben – das hat mich immer fasziniert und begeistert. Beim Tauchen konnte ich in eine neue, fremde und beeindruckende Welt ‘eintauchen’ und mich schwerelos bewegen. Die Unter­wasserwelt bietet so viele Eindrücke an farbenfrohen und eigenartigen Pflanzen und Lebewesen, so dass man auch nach einigen Tauchgängen nicht genug bekommt. Wie viel Kraft Wasser hat, weiß jeder, der schon einmal von einer Welle erfasst wurde. Als junger Mann bin ich bei Wellengang -um einer Frau zu imponieren- ins Wasser gegangen. Beim Rausgehen spülte mir eine zurückfließende Welle am Ufer den Boden unter den Füssen weg und eine zweite, vom Meer kommende ,ließ mich -unfreiwillig- einen Salto ins Kiesbett machen.

Beim Surfen kann man die Kraft des Wassers ebenso spüren und für sich nutzen. Gleichgewicht, Körperspannung und -beherrschung sind erforderlich, um auf den Wellen zu reiten und durch das Wasser zu gleiten. Vor einigen Jahren hatte ich einen Unfall beim Surfen, der mir einen mehr­tägigen Krankenhausaufenthalt und eine Narbe am rechten Bein bescherte. Auch wenn ich schon einige Erfahrungen hatte, kann man das Wasser nie 100%ig beherrschen. Eine solche Naturgewalt kann einen Demut lehren und Grenzen zeigen. Ich hatte sie für einen Moment unterschätzt.

Seit jenem Tag hatte ich einen neuen Begleiter an meiner Seite, wenn ich im Wasser war – meine Angst, mich nochmals zu verletzen und eine Narbe, die mich daran erinnerte. Ich nannte die Angst „Vorsicht“ und suchte mir nur noch ungefährliche Surfspots, wo ich zwar nicht mehr dieses groß­artige Gefühl von Freiheit, Verbindung zur Natur und Flow fand, aber mich sicher fühlte. Meine Angst wollte mich beschützen, schränkte mich aber auch ein. Ich verlor ein Stück Freiheit.

Eines Tages saß ich auf einer Bank an einem See und sah, wie ein Mädchen mit einem Welpen und „seinem“ Ball spielte. Bei einem etwas zu kräftigen Wurf fiel der Ball ins Wasser und trieb fort. Der Welpe lief an das Seeufer und ich konnte ihm ansehen, dass das Wasser ihm Unbehagen bereitete. Ich kann nicht sagen, ob es neu für ihn war oder er eine schlechte Erfahrung gemacht hatte, aber es zog ihn zum Ball. Doch so bald seine Pfoten das Wasser berührten, schreckte er zurück. Das Hin und Her sah fast wie ein Tanz aus. Das Mädchen sah es, schritt jedoch nicht ein.

Der Welpe fiepte und jaulte eine Weile. Doch dann sprang er in den See und wie von allein paddelte er – paddelte auf den Ball zu, schnappte ihn und kam zurück. Erst wedelte nur der Schwanz – dann der ganze Hund. Er schüttelte sich trocken und mich nass. Das Mädchen lobte ihn und hatte wohl meinen fragenden Blick bemerkt – “…er sollte von sich aus die Erfahrung machen, dass Wasser für ihn kein Hindernis ist“, sagte sie. Der Welpe stand mit dem Ball im Maul vor dem Mädchen und schaute immer wieder auf den See. Diesmal warf das Mädchen den Ball bewusst ein paar Meter in den See und der Welpe sprang sofort hinterher. Er schien Gefallen daran gefunden zu haben.

Mir wurde in dem Moment bewusst, was der Welpe mich gelehrt und ich zu tun hatte. Am nächsten Wochenende besuchte ich eine Surfschule, sprach mit dem Trainer und schilderte ihm meinen Unfall. Wir erarbeiteten, wie es -voraussichtlich- dazu gekommen war und übten die schwierigeren Manöver, die ich lange vermieden hatte. Zu meinem Glück hatte der Trainer auch einige Erfahrungen in Mentaltraining aus seiner „aktiven“ Surferzeit. So lernte ich Achtsamkeit, Vorsicht und Angst zu unterscheiden und mich auf das zu konzentrieren, was ich will – anstelle dessen, was ich nicht will.

Bei meinem nächsten Urlaub war es dann so weit. Ich wollte wieder erleben, was mir Spaß machte und stieg auf das Board.

Und dann sah ich sie … meine Welle. Es war wie eine Einladung des Wassers und eine Versöhnung mit meiner Angst.


Quelle: © Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, aus “Herzgeschichten für kleine Glücksmomente“, Lehmanns Verlag (2017), ISBN 978-3-86541-940-8

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Die kleine Biene – Therapeutische Geschichte (3 min)

Die kleine Biene - Therapeutische Geschichte (3 min)

Die kleine Biene
(Therapeutische Geschichte)

Lesezeit: 3 min

-gewidmet Jakob und Johann-

Eine kleine Biene flog emsig jeden Tag aufs Neue über Wiesen und Felder und von Blüte zu Blüte. Sie hatte nie darüber nachgedacht, was oder warum sie das gerade tat. Sie flog, sammelte Pollen, brachte ihn in den Bienenstock und flog wieder los. Einer ihrer Flügel war etwas kleiner, deshalb flog sie manchmal etwas langsamer als die anderen Bienen. Dennoch brachte sie meistens nicht weniger Pollen als die anderen.

Eines Tages begegnete sie einem Fisch, der in einem kleinen Teich dicht unter der Wasser­oberfläche schwamm. „Oh, wie wunderbar muss es sein, schwimmen und unter Wasser atmen zu können, bis in die Tiefen hinab zu tauchen – so schwerelos“, dachte sich die kleine Biene und flog weiter.

Dann sah sie eine Ameisenstraße und dachte sich plötzlich: „Wie wundervoll muss es sein, so stark zu sein und so schwere Dinge transportieren zu können. Ameisen sind toll und können auch so schnell auf dem Boden krabbeln“ und flog weiter.

Wiederum etwas später entdeckte sie eine Katze, die zwischen den Blumen spielte. „Katzen sind soo groß und geschmeidig und können herumspielen. Es muss so wunderbar sein, wenn man eine Katze ist.“

Als sie in den Bienenstock zurückkehrte, war die kleine Biene traurig und aufgeregt und ein bisschen durcheinander. Die anderen Bienen bemerkten dies und sprachen mit ihr. Sie erzählte von dem Fisch und den Ameisen und der Katze, die ihr begegnet waren und wie wundervoll sie es fände, wie diese Tiere zu sein.

Unter den Bienen brach eine Unruhe aus. Es bildeten sich Gruppen und man diskutierte, welches der Tiere zu sein wohl nun am erstrebenswertesten wäre und warum. Es summte und brummte an diesem Abend im Bienenstock. Da kam die weise Königin aus ihrer Stube und fragte, was ihr Volk so sehr beschäftigen würde.

Aufgeregt versuchten alle Bienen zu berichten und zu erklären, welches Tier zu sein nun von Vorteil wäre. Die Bienenkönigin fragte, wie sie auf die Diskussion gekommen waren. Dann sollte die kleine Biene erzählen, was ihr an dem Tag passiert war. Die Königin hörte aufmerksam zu und fragte dann: „Wer von Euch sammelt gerne Pollen für den Honig ein?“. Alle Sammlerbienen hoben den Flügel. „Wer von Euch fliegt gerne durch die Luft von Blüte zu Blüte?“. Wieder hoben alle Sammlerbienen die Flügel. „Und wer von Euch lebt gerne in unserem Bienenvolk?“ Alle Bienen hoben ihre Flügel.

Die Königin lächelte. „Ein Fisch kann das nicht. Eine Katze ebenso wenig und auch die Ameisen können all dies nicht.“ Sie schaute gütig auf ihre Bienen, „Jedes Tier hat Fähigkeiten, die es zum Leben braucht und trägt damit seinen Teil in dieser Welt bei. Fische könnten außerhalb des Wassers nicht leben, Ameisen können nicht von Blüte zu Blüte fliegen und Katzen haben noch nie die Welt aus der Luft heraus betrachten können. Freut Euch an der Vielfalt des Lebens … und seid dankbar für das, was Euch das Leben geschenkt hat.“

Am nächsten Tag flog die kleine Biene wieder los, um Pollen zu sammeln. Doch diesmal flog sie mit einem Lächeln. Sie freute sich und war dankbar, eine Biene zu sein. Auch die anderen Bienen kamen mit Freude, Dankbarkeit und Stolz in den Bienenstock zurück. Und am Abend sprachen sie miteinander, wie schön es ist, eine Biene zu sein.

Und im Bienenstock war ein einzigartiges Summen zu hören …

Quelle: © Praxis Der Zuhörer – Steffen Zöhl, aus “Herzgeschichten für kleine Glücksmomente“, Lehmanns Verlag (2017), ISBN 978-3-86541-940-8

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