Gute Nacht Geschichten für Erwachsene

Huckleberry Finn und das Floß (10 min)

Huckleberry Finn und das Floß

Lesezeit: 10 min

Vorgeschichte: Huckleberry Finn (Huck) und sein Freund Jim sind mit ihrem Boot samt Floß unterwegs. Als es Nacht wird, zieht Nebel auf…

Verfolgungsjagd durch den Nebel

In jener Nacht kam ein dicker Nebel herunter; wir suchten daher nach einem Ort, um bequem anlegen zu können, denn eine Fahrt im Nebel lockte uns nicht. Ich ruderte im Boot voraus, fand aber zum Anbinden nichts als junge Bäumchen. Ich schlang die Leine um eines derselben; unglücklicherweise gerade an einer Stelle, wo das Ufer einen Vorsprung bildete und eine scharfe Strömung entstand. Von ihr erfasst, schoss das Floß nur so dahin, und eh‘ ich mich’s versah, hatte es sich vom Boot losgerissen und war auch schon im Nebel verschwunden. Ich seh‘ noch, wie er sich hinter ihm schließt; mir wurde ganz schwarz vor den Augen, und ich konnte mich kaum rühren, viel weniger einen Laut von mir geben. Denk‘ ich, nun bist du verloren, verlassen gewiss, denn Jim ist weg auf Nimmerwiedersehen! Ich stürze ins Boot und falle über die Ruder her, aber es weicht nicht von der Stelle; ich hatte vergessen, es loszubinden. Ich probier jetzt den Knoten zu lösen, aber ich war so aufgeregt, und meine Hände zitterten so, dass ich nichts anfangen konnte.

Als ich dann endlich flott war, setzte ich hinter dem Floß her, hielt mich, solang ich konnte, in der Nähe des Ufers, um die Richtung nicht zu verlieren, kam aber doch schließlich ab und mitten in den dicken Nebel hinein und wusste nun geradeso wenig wie ein Toter, wohin ich getrieben wurde.

Denk‘ ich, rudern lohnt sich hier nicht, sitzt am Ende doch nur auf einer Sandbank fest, lässt dich lieber vom Wasser treiben, das ist jedenfalls sicherer. Aber still sitzen und die Hände in den Schoss legen, wenn man innerlich wie mit Dampf geladen ist, um vorwärts zukommen, ist eine missliche Sache. Ich konnt’s kaum fertigbringen und rutschte auf meiner Bank herum, rief dann einmal und lauschte auf Antwort. Plötzlich hör‘ ich den Strom herauf einen schwachen Ruf, und da kommen mir auch die Lebensgeister und der Mut wieder. Ich drauflos, hör’s noch einmal, merk‘ aber auch, dass ich in ganz andrer Richtung bin, viel zuviel nach rechts. Dann hör‘ ich’s wieder und diesmal zu weit links, komm‘ auch nicht näher, denn mit dem Hin und Her verlier ich Zeit und das Floß treibt offenbar immer gerade fort!

Ich hoffte nun, der Narr von Jim würde einen alten Blechdeckel nehmen und ordentlich Lärm schlagen, wer’s aber nicht tat, war er, und gerade die Pausen zwischen den verschiedenen Rufen machten mich so irre. Na, ich immer voran, aber man denke sich mein Erstaunen, als ich plötzlich den Ruf hinter mir höre. Da war guter Rat teuer. Entweder kam der Ruf von jemand anderem her, oder das Boot hatte sich gedreht. Nun wusste ich nicht ein noch aus!

Ich ließ die Ruder sinken. Wieder kam der Ruf, immer noch hinter mir, aber von ganz woanders her; er kam immer näher, aber es wechselte beständig, und ich antwortete stets, bis der Ruf nach und nach wieder von vorne kam und ich merkte, dass die Strömung mein Boot wieder in das richtige Geleise stromab gebracht haben müsse. Jetzt war alles wieder gut, wenn’s nur Jim war, der da rief, und nicht sonst jemand; denn bei Nebel erkenn‘ der Kuckuck die Stimmen, im Nebel sieht alles geisterhaft aus und lautet auch so.

Das Rufen dauerte an, und nach einer Minute etwa stieß ich hart an einer Sandbank auf, von der alte Baumstümpfe wie Geister aus dem Nebel aufragten. Die Strömung packte mich und warf mich zur Linken, hart an vorstehenden Baumzweigen vorbei, die ordentlich pfiffen, so sauste das Wasser an ihnen dahin.

Im nächsten Moment war alles wieder Nebel und still. Ich hielt mich ganz ruhig und hörte nur, wie mein Herz hämmerte und klopfte, während ich kaum zu atmen wagte.

Nichts war mehr zu hören, und nun wusste ich auch genau, woran ich war. Die Sandbank, auf die ich, wie ich glaubte, aufgerannt, war eine Insel, und die Strömung hatte mich zur Linken gerissen, während Jim drüben auf der Rechten dahintrieb. Und die Insel schien nicht klein. Ab und zu konnte ich durch den Nebel hohe Bäume sehen, und das konnte stundenlang so weitergehen; wer will’s sagen, ob ich Jim und das Floß je wieder erreichen würde?

Ich hielt mich ganz still und spitzte die Ohren, soviel ich konnte. Alles umsonst. Ich wurde schnell immer weiter und weiter gerissen, denn die Strömung war stark; aber das wird einem nicht klar, man fühlt es kaum. Im Gegenteil! Man meint ganz, ganz still zu liegen auf dem Wasser, und wenn man einen Baum oder sonst was vorbeihuschen sieht, kommt es einem gar nicht in den Sinn, dass man selber so schnell fährt, sondern man hält den Atem an und denkt, ei, hat’s der Baum aber einmal eilig! Wer’s nicht glaubt, wie unheimlich und einsam es einem zumut ist, so allein im Nebel auf dem Wasser, mitten in der stillen, dunklen Nacht, der soll nur einmal hingehen und es probieren, dann wird er schon sehen.

Nach vielleicht einer halben Stunde fing ich wieder an zu rufen, denn ich dachte, nun könnte die Insel endlich ein Ende haben, und wahrhaftig, ich hörte auch einen Antwortruf, aber weit, weit weg. Ich versuchte ihm zu folgen, bracht’s aber nicht fertig. Gleich drauf kam es mir vor, als sei ich in ein ganzes Nest von Inselchen geraten, denn ein schwacher Schein davon war alle Augenblicke zu beiden Seiten sichtbar, und zuweilen war es mir, als führe ich durch einen schmalen Kanal. Manche von den Eilanden konnte ich gar nicht unterscheiden, aber dass sie vorhanden waren, merkte ich an dem Rauschen der Strömung, die sich an dem herüberhängenden Gesträuch und Laubwerk brach. Die Rufe konnte ich immer von Zeit zu Zeit wieder hören, aber der Richtung folgen zu wollen, wäre schlimmer gewesen als die Jagd auf ein Irrlicht, so sprang der Ton hin und her, von einer Richtung zur andren.

Dann musste ich auch mit dem Ruder nachhelfen, dass ich nicht einmal irgendwo aufsaß und irgendeinen von den kleinen Landbrocken unversehens vom Platz rückte. Ich vermutete, dass auch das Floß aus demselben Grund so langsam vorwärts kam, denn nach dem Rufen zu urteilen – immer vorausgesetzt, dass es Jim war, der da rief –, trieb es jetzt kaum schneller als ich selbst dahin.

Nun schien ich wieder im freien Fahrwasser angelangt zu sein, konnte aber mit einem Male gar nichts mehr hören. Denk ich, Jim ist ganz sicher irgendwo angeprallt, und Floß und Jim sind weg und verloren! Ich war so müde und erschöpft, so traurig und mutlos, dass ich mich ruhig in mein Boot legte und mir sagte: Nun lässt du alles gehen, wie’s kommt! Schlafen wollte ich eigentlich nicht; aber allmählich fielen mir doch die Augen zu, ohne dass ich’s merkte, und ich nickte ein.

Der Nebel lichtet sich 

Aber es muss wohl mehr als ein bloßes Einnicken gewesen sein, denn wie ich wieder zu mir kam, war der Nebel weg, die Sterne standen klar am Himmel, und ich trieb auf einer ruhigen breiten Wasserfläche still dahin. Erst dachte ich, es sei ein Traum, wusste nicht, wo ich war, und als mir allmählich die Erinnerung an alles aufdämmerte, schien es mir, als sei’s in voriger Woche gewesen.

Der Strom war hier furchtbar breit, mit großen, alten, hohen Bäumen zu beiden Seiten, die wie dicke Mauern dastanden, soviel ich im Sternenlicht sehen konnte. Nun späh‘ ich nach vorn und entdecke einen schwarzen Punkt mitten im Wasser. – Ich drauflos; wie ich aber hinkomme, ist’s nichts als ein paar zusammengebundene Baumstämme. Wieder seh‘ ich was Schwarzes, jag‘ dem Ding nach und wieder ist’s nichts, dann aber noch ein dunkler Punkt, ich hinterdrein, und wahrhaftig, das ist’s – ist das Floß mit Jim und allem.

Wie ich hinkomme, sitzt Jim da mit dem Kopf zwischen den Knien, fest eingeschlafen, den Arm noch über das Steuerruder geworfen. Das andere Ruder war mitten durchgebrochen und das Floß selbst ganz bedeckt mit Laub, abgerissenen Baumzweigen und Schlamm. Da ist’s auch nicht sanft hergegangen, denk‘ ich.

Der Scherz beginnt 

Ich leg‘ mein Boot fest, streck mich lang und breit vor Jims Nase auf den Boden, tu so, als würd ich gerade aus dem Schlaf aufwachen, fang an zu gähnen, mich zu recken und zu strecken und Jim anzustoßen.

Sag ich: »Herrje, Jim, ich hab‘ wohl gar geschlafen, warum hast du mich denn nicht wachgerüttelt?«

»Großer, allbarmherziger Himmel! Bist du das, Huck? Du bist nicht tot? Nicht ertrunken? Du bist wieder da? Das ist zu schön, um wahr zu sein. Ich kann es gar nicht glauben, ich glaub‘, ich träume! Lass mich sehen und fühlen, ob du wirklich Huck bist! Nein, du bist nicht tot, du bist wieder da, guter, alter, treuer Huck – ganz der alte, treue Huck, Gott sei Lob und Dank und Preis und Ruhm!«

»Hallo – drei Schritte vom Leib, Jim! Was ist denn los, alter Kerl? Hast wohl ein Gläschen zuviel gehabt?«

»Wer – ich? Ein Gläschen zu viel? Ich hab keine Zeit gehabt, um ans Trinken zu denken!«

»Weshalb lässt du denn solchen Unsinn los?«

»Was – Unsinn?«

»Wie? Und du fragst noch, Jim? Hast du nicht von Weggehn, Ertrinken und Wiederkommen geschwatzt? – Und ich lieg‘ hier und schlaf wie ’ne Ratte!«

»Huck – Huck Finn, sieh mir in die Augen, sieh dem alten Jim in die Augen! Bist du nicht weg gewesen?«

»Weg gewesen? – Aber Jim, was, zum Henker, willst du denn eigentlich? Weg gewesen? Wo in der Welt soll ich denn gewesen sein?«

»O, ich bin ganz durcheinander von alldem! Hier ist etwas nicht richtig! Bin ich Jim, oder wer ist Jim? Bin ich auf dem Floß, oder wo? Ich will es wissen – ich werd noch verrückt!«

»Na, ich denk‘, dass du im Floß bist, Jim. Das ist ebenso klar, wie dass du ein ganz verrückter, alter Kerl bist.«

»Also ich bin ich? Dann sag mir, Huck, sag mir , Huck, bist du nicht auf das Boot gegangen, um das Floß festzumachen?«

»Wo denn? – Wann denn?«

»Du hast nicht das Floß festgemacht und dann kam Wasser – brr – und hat das Floß losgerissen und das Floß ist immer fort geschossenen, immer fort und hat dich und das Boot hinten im Nebel zurückgelassen?«

»In welchem Nebel?«

»Ei – in dem Nebel, im dicken, weißen, großen Nebel, der in der Nacht da war. Ich habe also nicht gerufen und geschrien, und du hast nicht gerufen und geschrien, als die viele Insel kamen und du verloren gingst, und ich beinahe verloren ging! Ich weiß gar nicht, wo ich war! Und das Floß ist nicht weggeschwommen, und gegen alle Insel geprallt, und ich bin nicht fast ertrunken und sehr traurig gewesen? Ist das so, Huck, oder ist das nicht so? Sag es mir!«

»Na, das ist mir zu hoch, Jim! Ich hab‘ keinen Nebel, keine Inseln, kein Aufprallen, gar nichts gesehen! Ich hab‘ die ganze Nacht hier gesessen und mit dir geschwatzt bis vielleicht vor zehn Minuten, und dann bist du eingenickt, und ich werd’s wohl auch so gemacht haben. Getrunken kannst du da wohl nichts haben, es muss also ein Traum gewesen sein!«

»Hol mich der Teufel, Huck – das kann nicht wahr sein! Das alles kann ich doch nicht in zehn Minuten träumen – das kann nicht wahr sein.«

»Na, dann glaub’s nicht, Dickkopf, aber geträumt muss es doch gewesen sein, denn passiert ist’s nicht!«

»Aber, Huck, ich weiß alles – alles ist so klar wie …«

»Darauf kommt’s nicht an, wie klar dir’s ist, alter Faselhans, es ist doch nichts dran! Ich werd’s doch wissen, war ja die ganze Zeit hier!«

Fünf Minuten lang sagte nun Jim nichts weiter, sondern brütete nur so vor sich hin, dann fing er an: »Also ich habe geträumt, Huck? Wenn du es sagst, dann muss es wahr sein! Aber Huck – es war ein so schrecklich natürlicher Traum. Von so etwas habe ich noch nie gehört. Ich habe noch nie etwas geträumt, das mich so müde gemacht hat!«

»Ach, das ist gar kein Wunder, so geht’s oft, wenn man recht lebhaft träumt, da kann man nachher kein Glied regen. Deiner scheint aber wahrhaftig der reine Durchhau-Traum gewesen zu sein, so verhagelt siehst du aus – leg mal los, Jim, und erzähl!«

Nun fing Jim an und erzählte die ganze Geschichte von vorn bis hinten, nur schmückte er alles gewaltig aus. Dann meinte er, nun müsse er versuchen, den Traum auszulegen, denn er sei uns sicherlich zur Warnung gesandt von oben. Er sagte, unser erster missglückter Versuch zum Anlegen bedeute, dass uns irgendeiner Gutes tun wolle, nun aber komme der Feind, die Strömung, und risse uns weg. Das Rufen, das er dann gehört und selbst ausgestoßen, seien Mahnungen des Schicksals, die wir versuchen müssten, recht zu verstehen, sonst brächten sie uns Unglück, statt uns davor zu behüten. Die Inseln schließlich und unsere Arbeit und Gefahr, dran vorüberzukommen, seien Streitigkeiten mit bösen Menschen, in die wir verwickelt werden würden; wir aber müssten, ohne uns viel drum zu kümmern, sehen, wie wir an den Inseln ungefährdet vorüberkämen und durch den dicken Nebel ins glatte Fahrwasser, das heißt in die freien Staaten, wo dann all unsre Not ein Ende habe. Der Himmel hat sich wieder tüchtig umwölkt gehabt, allmählich aber blitzten doch einige Sternchen hindurch.

Huck deckt die Wahrheit auf

»Das ist alles recht schön und gut, Jim, du hast deine Sache brav gemacht, aber – was bedeutet denn das da?«

Dabei deutete ich auf die Blätter, die abgerissenen Baumzweige und den Schlamm, womit das Floß ganz übersät war. Man sah es deutlich beim Licht der Sterne.

Jim starrte drauf hin, dann mir ins Gesicht, dann wieder auf all das Zeug, ohne eine Silbe zu erwidern. Der Traum schien sich in seinem Hirn so eingenistet zu haben, dass es ihm schwer wurde, die Idee davon fahren zu lassen und sich mit der Wirklichkeit vertraut zu machen. Dann, als ihm das Ding doch wirklich endlich klar wurde, sah er mich an, lange, starr, ohne eine Spur von Lächeln, beinah traurig und sagte zuletzt: »Was das bedeutet, sage ich dir. Als ich ganz müde war vor Rufen und Rudern und Kummer, als ich dachte, du seist ganz fort, du seist verloren, ist mein Herz beinah gebrochen, und ich wollte schlafen und nichts mehr hören, nichts mehr sehen von der Welt und dem Elend. Als ich dann wach wurde, sah ich dich, Huck , gesund und heil und ganz vor mir, und ich musste heiße Tränen weinen und wollten deine Füße küssen, so froh und dankbar war ich. Du aber, Huck, hast nur darüber nachgedacht, wie du einen Narr aus mir machen könntest und hast geschwindelt und gelogen. Das Zeug da ist Unrat – und Unrat ist es, was Leute ihrem armen alten Freund in den Kopf setzen, um ihren Spaß daran zu haben, wenn der arme alte Freund betrogen und an der Nase herumgeführt wird!«

Langsam erhob er sich und ging zur Hütte. Ich fühlte mich ganz furchtbar beschämt und hätte nun selbst am liebsten seine alten Hufe geküsst, um ihm meine Reue zu zeigen und die Sache wieder gut zumachen.

Fünfzehn Minuten brauchte ich aber doch, ehe ich mich selbst soweit gebracht hatte, dass ich ihn um Verzeihung bitten konnte. Getan hab‘ ich’s dann und hab’s auch nie bereut nachher. Streiche spielte ich ihm keine mehr und hätte auch den nicht losgelassen, wenn ich vorher gewusst hätte, dass es dem armen, alten Kerl so leid tun würde.

 

Quelle: nach Mark Twain, Huckleberry Finns Abenteuer und Fahrten (Kapitel 15)

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